Buch Frontalansicht Tiptree Jr. Zu einem Preis

James Tiptree Jr. – Zu einem Preis

Fast zehn Jahre gelang es Alice B. Sheldon ihre Identität geheim zu halten und die Science-Fiction Gemeinde unter dem Pseudonym James Tiptree Jr. an der Nase herum zu führen. Erst 1976 wurde bekannt, wer hinter diesen außergewöhnlichen Geschichten steckt. In Zu einem Preis sind ihre Geschichten aus den Jahren 1976 bis 1985 versammelt.

Eine inspirierende Frau

Wie ich in diversen Rezensionen (etwa hier) deutlich gemacht habe, bin ich ein großer Bewunderer der Erzählungen von Alice B. Sheldon. Mindestens genau so interessant wie ihre Kurzgeschichten ist ihr Leben selbst, dass ihr als Inspiration für ihr gesamtes Werk dienen sollte. Sie wuchs als Kind reicher Eltern auf, ihr Vater war Anwalt und Naturforscher, ihre Mutter eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin. Schon als Kind begleitete sie ihre Eltern auf ausgedehnte Afrika Expeditionen und besuchte internationale Schulen. Eine vielversprechende Karriere als Malerin und Illustratorin gab sie frühzeitig auf, obwohl ihre Werke viel Beachtung fanden. Nach einer überstürzten ersten Ehe trat sie als einer der ersten Frauen der US Air Force bei, war am Aufbau der CIA beteiligt und studierte und promovierte anschließend in Psychologie.

Im Alter von 52 Jahren begann sie schließlich damit, Science-Fiction Geschichten zu veröffentlichen und wählte für sich das Pseudonym Tiptree – nach der gleichnamigen Marmeladenmarke. Fast zehn Jahre gelang es niemanden herauszufinden, wer hinter James Tiptree Jr. wirklich steckt. Mit der Außenwelt kommunizierte sie nur über ein Postfach und hielt dabei regen Kontakt zu zahlreichen Autoren und Verlegern, äußerte sich aber nie über ihr Geschlecht. Fast schon legendär ist dabei die Aussage des Herausgeber-Urgesteins Robert Silverberg, dass sich hinter diesen zutiefst maskulinen Geschichten unmöglich eine Frau verbergen könne. Erst nach dem Tod ihrer Mutter im Jahre 1976 entschloss sich Sheldon, ihre wahre Identität zu enthüllen.

Geschichten nach ihrer Enthüllung

In der ersten Geschichte Der Teilzeitengel sieht sich die Menschheit mit einer ganz eigenwilligen Lösung des Überbevölkerungsproblems konfrontiert, während Tiptree in Die Screwfly Solution ein düsteres Zukunftsszenario entwirft. Eine Art Virus bemächtigt sich aller Männer und zwingt sie dazu, Frauen umzubringen. Was als lokal begrenztes Phänomen beginnt, breitet sich bald rasend schnell auf der ganzen Welt aus und für die wenigen Überlebenden Frauen beginnt ein Kampf ums Überleben. Coda wiederum spielt viele Jahrhunderte in der Zukunft. Ein mysteriöser Strom hat die Erde erreicht und verspricht den Menschen den Sprung auf eine neue Bewusstseinsebene. Nur wenige Menschen können der Verlockung widerstehen und bald schon gibt es auf der Erde kaum noch Menschen. Auch der junge Jakko befindet sich auf dem Weg zum Strom, als er Peachthief kennen und lieben lernt, die gar nicht daran denkt, die Erde zu verlassen.

Wer den Traum stiehlt trägt die Züge einer klassischen Science-Fiction Geschichte und stellt eine außerirdische, von der Menschheit versklavte Rasse im Mittelpunkt, die versucht, sich von ihrem Joch zu befreien. In der titelgebenden Geschichte Zu einem Preis stürzen zwei junge Ballonfahrer mitten auf dem Ozean ab und werden im letzten Moment von einem Hospizschiff gerettet. Dort verbringen Todkranke in einer luxuriösen Umgebung ihre letzten Tage auf See, doch der zunächst paradiesisch wirkende Ort verbirgt ein dunkles Geheimnis.

In Aus dem Überall stürzt ein außerirdisches Wesen auf die Erde und verändert das Leben dreier Menschen völlig. Mit zarten irren Händen beschreibt die Lebensgeschichte der jungen Carol Paige, die sich ihr ganzes Leben lang Missbrauch und Gewalt ausgesetzt sieht und doch auf einem fernen Planeten die wahre Liebe findet. Von Fleisch und Moral spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft undist eine bitterböse Geschichte über ein Land, in dem Abtreibungen verboten sind, Kinder jedoch ohne großen Aufwand zur Adaption freigegeben werden können. Die letzte Geschichte Hölle, wo ist dein Sieg? ist leider auch die schwächste Erzählung des Bandes und erinnert phasenweise mehr an ein Märchen als an eine klassische Kurzgeschichte, auch wenn auch hier das typische Tiptree Ende nicht fehlen darf.

Kaum Schwächen in ihrem Gesamtwerk

Wie schon an anderen Stellen erwähnt, weist Tiptrees erzählerisches Werk kaum Tiefpunkte auf, was sich wohl auch damit erklären lässt, dass sie sich erst mit 52 Jahren dazu entschlossen hat, ihre Geschichten zu veröffentlichen. Mir ist es bis heute ein Rätsel, wieso so eine begabte Schriftstellerin bislang so wenig Aufmerksamkeit bekommt. Ganz gleich, ob es um Erzähltempo, Perspektivwechsel oder Dialoge geht, handwerklich beherrscht sie alles.

Zu einem Preis ist als vierter Band der neunbändigen Werkausgabe Tiptrees im Septime Verlag erschienen und enthält Geschichten, die größtenteils zwischen 1976 und 1981 veröffentlicht wurden, zeitlich also (un)mittelbar nach der Enthüllung ihrer Identität. Lediglich Von Fleisch und Moral und Hölle, wo ist dein Sieg? wurden 1985 veröffentlicht und können ihrem Spätwerk zugeordnet werden.

Vielfältige Kurzgeschichten

Die Szenarien, die sie entwirft, sind sehr vielfältig. Mal spielen die Geschichten auf der Erde und haben einen recht geringen phantastischen Anteil, wie etwa bei Die Screwfly Solution, ein anderes Mal begegnen wir eine außerirdischen Rasse mit völlig neuen Gebräuchen und Gewohnheiten. Wie gewohnt erwartet uns ein bewährter Mix aus Spannung, Humor und einer Prise Erotik. Bei Tiptree geht es nicht um Technologien oder Kriege, es geht um das Individuum, dass den Umständen oft hilflos ausgeliefert ist und verzweifelt versucht zu (über)leben. Denn eines ist bei Tiptree sicher: Ein gutes Ende gibt es für die Protagonisten nicht, jedes Ende hinterlässt zumindest einen bitteren Beigeschmack und lässt den Leser oftmals verzweifelt zurück. Bis auf wenige Ausnahmen können alle Geschichten überzeugen, mir fehlt in diesem Band lediglich die eine Geschichte, die alle anderen in den Schatten stellt und die einen wirklich umhaut, aber das ist Meckern auf hohem Niveau.

Vermutlich liegt es an der mangelnden Wertschätzung von Kurzgeschichten, dass Tiptree nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient hätte. Wer sich für Kurzgeschichten begeistern kann und der Science Fiction zumindest ein Stück weit etwas abgewinnen kann, sollte unbedingt einen Blick in diesen Band wagen. Aber Achtung: Wer sich einmal in ihren Geschichten verliert, wird nicht mehr so schnell davon loskommen!

Der vierte Band der Gesamtausgabe

Der Band ist, wie schon die anderen Bände der Gesamtausgabe, handwerklich solide verarbeitet. Der Pappband ist relativ dick und verleiht dem ganzen Band Stabilität und der Schutzumschlag verdient diesen Namen – leider keine Selbstverständlichkeit. Dafür muss man aber mit einer Klebebindung vorliebnehmen, was in meinen Augen eine Schande für eine Autorin ihres Ranges ist. Dem Verlag kann man das nicht vorwerfen, alles andere würde den Preis wohl zu sehr in die Höhe treiben. Trost findet der bibliophile Leser immerhin bei dem wunderschönen, minimalistisch angehauchten Cover.

Im Anhang finden sich mit Nur die Unterschrift ist nicht echt eine Sammlung von Briefen, die Tiptree anlässlich ihrer Enttarnung schrieb und die interessante Einblicke in ihre Gedanken und Gefühle nach der diesem Ereignis gibt.

Fazit

Zu einem Preis von James Tiptree Jr. ist ein unterhaltsamer Sammelband, der alles enthält, was Tiptree ausmacht. Wer Kurzgeschichten und Science Fiction etwas abgewinnen kann, wird mit diesem Band seine Freude haben!


Autorin: James Tiptree Jr.

Titel: Zu einem Preis

Seiten: 541

Erscheinungsdatum: 1977 – 1985

ISBN: 9783902711069

Verlag: Septime Verlag

Übersetzer: Christiane Schott-Hagedorn, Frank Böhmert, Michael Preissl, Sebastian Wohlfeil

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