
Zu einem Preis
von James Tiptree Jr.
25.03.2022
- Phantastik
- ·
- Science-Fiction
Fast zehn Jahre gelang es Alice B. Sheldon, ihre Identität geheim zu halten. Unter dem Pseudonym James Tiptree Jr. führte sie die Science-Fiction-Gemeinde an der Nase herum. In Zu einem Preis sind die Geschichten nach ihrer Enthüllung (1976) aus den Jahren 1976 bis 1985 versammelt.
Geschichten nach der Enthüllung
In Der Teilzeitengel sieht sich die Menschheit mit einer eigenwilligen Lösung der Überbevölkerung konfrontiert. Die Screwfly Solution entwirft ein düsteres Zukunftsszenario. Ein Virus zwingt alle Männer dazu, Frauen umzubringen. Ein Kampf ums Überleben beginnt. In Coda verspricht ein mysteriöser Strom den Sprung auf eine neue Bewusstseinsebene. Nur wenige können widerstehen. Jakko befindet sich auf dem Weg, als er Peachthief kennenlernt. Die denkt gar nicht daran, die Erde zu verlassen.
Wer den Traum stiehlt trägt die Züge einer klassischen Science-Fiction-Geschichte und stellt eine versklavte Rasse ins Zentrum, die versucht, sich von ihrem Joch zu befreien. In der titelgebenden Geschichte Zu einem Preis stürzen zwei junge Ballonfahrer mitten auf dem Ozean ab. Im letzten Moment werden sie von einem Hospizschiff gerettet. Dort verbringen Todkranke in einer luxuriösen Umgebung ihre letzten Tage. Doch der paradiesisch wirkende Ort verbirgt ein dunkles Geheimnis.
In Aus dem Überall stürzt ein außerirdisches Wesen auf die Erde und verändert das Leben dreier Menschen. Mit zarten irren Händen beschreibt die Lebensgeschichte der Carol Paige, die sich Missbrauch und Gewalt ausgesetzt sieht und auf einem fernen Planeten die wahre Liebe findet. Von Fleisch und Moral spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft. Abtreibungen sind verboten, doch Kinder können ohne großen Aufwand zur Adoption freigegeben werden.
Inspirierende Frau
Mindestens genauso interessant wie ihre Kurzgeschichten ist das Leben von Alice Sheldon. Sie wuchs als Kind reicher Eltern auf, ihr Vater war Anwalt und Naturforscher, ihre Mutter eine erfolgreiche Schriftstellerin. Eine vielversprechende Karriere als Illustratorin gab sie früh auf. Nach einer überstürzten ersten Ehe trat sie als eine der ersten Frauen der US Air Force bei. Anschließend war sie am Aufbau der CIA beteiligt und studierte und promovierte anschließend in Psychologie.
Erst im Alter von 52 Jahren begann sie mit der Veröffentlichung von Science-Fiction-Geschichten. Sie nutzte das Pseudonym Tiptree – nach der gleichnamigen Marmeladenmarke. Mit der Außenwelt kommunizierte sie nur über ein Postfach. Legendär ist die Aussage des Herausgeber-Urgesteins Robert Silverberg, dass sich hinter diesen zutiefst maskulinen Geschichten unmöglich eine Frau verbergen könne. Nach dem Tod ihrer Mutter (1976) enthüllte sie ihre wahre Identität.
Zu einem Preis erschien als vierter Band der elfbändigen Werkausgabe Tiptrees im Septime Verlag. Er enthält Geschichten, die zwischen 1976 und 1985 veröffentlicht wurden, also unmittelbar nach der Enthüllung ihrer Identität.
Vielfältige Kurzgeschichten
Die Szenarien, die Tiptree entwirft, sind vielfältig. Mal spielen die Geschichten auf der Erde und haben einen geringen phantastischen Anteil. Ein anderes Mal begegnen wir einer außerirdischen Rasse mit völlig neuen Gebräuchen und Gewohnheiten. Wie gewohnt erwartet uns ein bewährter Mix aus Spannung, Humor und einer Prise Erotik. Bei Tiptree geht es nicht um Technologien oder Kriege. Es geht um das Individuum, das den Umständen hilflos ausgeliefert ist.
Denn eines ist bei Tiptree sicher: Ein gutes Ende gibt es für die Protagonisten nicht. Jedes Ende hinterlässt zumindest einen bitteren Beigeschmack und lässt uns ratlos zurück. Bis auf wenige Ausnahmen können alle Geschichten überzeugen. Ganz gleich, ob es um Erzähltempo, Perspektivwechsel oder Dialoge geht: Handwerklich beherrscht Tiptree alles. Vermutlich, weil sie erst mit 52 Jahren ihre Geschichten veröffentlichte und ihren handwerklichen Reifeprozess bereits hinter sich hatte.
Was bleibt?
Vermutlich liegt es an der mangelnden Wertschätzung von Kurzgeschichten, dass Tiptree nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die sie verdient hätte. Wer sich für Kurzgeschichten begeistert und der Science-Fiction etwas abgewinnen kann, sollte unbedingt einen Blick wagen. Aber Achtung: Wer sich einmal in ihren Geschichten verliert, wird nicht mehr so schnell davon loskommen!
Der vierte Band der Gesamtausgabe
Auch dieser Band der Gesamtausgabe aus dem Septime Verlag ist handwerklich solide verarbeitet. Der Pappband ist relativ dick und verleiht dem ganzen Band Stabilität. Und der Schutzumschlag verdient diesen Namen. Dafür muss man aber mit einer Klebebindung vorliebnehmen.
Trost findet die bibliophile Leserin immerhin bei dem wunderschönen, minimalistisch angehauchten Titelbild. Im Anhang finden sich mit „Nur die Unterschrift ist nicht echt“ Briefe, die Tiptree anlässlich ihrer Enttarnung schrieb. Diese liefern interessante Einblicke in ihre Gedanken und Gefühle.
Werke von James Tiptree Jr.
Bibliographie
Pro/Contra
Pro
- Handwerklich gibt es nichts, was Tiptree nicht kann
- Vielfältige Kurzgeschichten
- Der Mensch und nicht die Technik steht im Vordergrund
Contra
- Nichts für harmoniebedürftige Leser!
Fazit
Zu einem Preis von James Tiptree Jr. ist ein unterhaltsamer Sammelband, der alles enthält, was Tiptree ausmacht. Wer Kurzgeschichten und Science Fiction etwas abgewinnen kann, wird mit diesem Band seine Freude haben!
autor: James Tiptree Jr.
Titel: Zu einem Preis
Seiten: 541
Erscheinungsdatum: 1977 – 1985
Verlag: Septime Verlag
ISBN: 9783902711069
Übersetzer: s.o.
illustratoren: –
Reihe: James Tiptree Jr. Werkausgabe (4)









