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Tschingis Aitmatow – Djamila

Die 1958 erschienene Erzählung Djamila von Tschingis Aitmatow gehörte in der DDR zur Pflichtlektüre. Louis Aragon bezeichnete diese Geschichte sogar als „die schönste Liebesgeschichte der Welt“. Ob er damit Recht hatte, erfahrt ihr in dieser Rezension.

Der zweite Weltkrieg und seine Folgen

Es ist Sommer und der zweite Weltkrieg tobt unerbittlich. Die Folgen spürt man auch in Kirgistan: Während die meisten Männer an der Front sind, kämpfen ihre Familien um ihr Überleben. Unser Protagonist Said ist noch zu jung, um eingezogen zu werden, und muss stattdessen die Aufgaben der Erwachsenen übernehmen. Gemeinsam mit Djamila, der Frau seines Bruders, transportiert er täglich das im Krieg dringend benötigte Getreide zum Bahnhof. Unterstützung erhalten sie dabei von dem Kriegsinvaliden Danijar.

Davon sind Said und Djamila zunächst wenig begeistert, gilt der Einsiedler Danijar doch als Eigenbrötler und wird in der Dorfgemeinschaft allenfalls gebilligt. Doch nach und nach erkennen die beiden, dass sich hinter seiner Fassade mehr verbirgt. Es kommt, wie es kommen muss und Djamila und Danijar verlieben sich. Und auch Said entdeckt seine beinahe schon vergessene Leidenschaft zum Malen wieder …

In aller Kürze

Was bereits bei Pique Dame galt, gilt natürlich auch hier: Angesichts der Kürze der Erzählung werde ich versuchen, mich inhaltlich auf das Nötigste zu beschränken, um niemanden die Freude an dieser Erzählung zu nehmen. Wie die Liebesgeschichte ausgeht und ob Said als Maler Erfolg hat, möchte ich folglich nicht verraten – das herauszufinden überlasse ich euch.

Keine klassische Liebesgeschichte

Die Vorschusslorbeeren von Louis Aragon, die auch prominent auf dem Buchcover positioniert wurden, schüren natürlich hohe Erwartungen. Doch kann diese Erzählung dem gerecht werden?

Leser, die Liebesgeschichten im „klassischen“ Sinne meiden, kann ich an dieser Stelle schon einmal beruhigen: Um eine solche Geschichte handelt es sich hierbei nicht. Natürlich bekommt die Liebe in ihren verschiedensten Formen gebührend Raum in dieser Erzählung, doch das, was man heutzutage unter einer Liebesgeschichte versteht, findet erst auf den letzten Seiten und dann äußerst subtil statt. Vielmehr schafft es Tschingis Aitmatow, auf knappen hundert Seiten ein breites Spektrum an Themen abzudecken.

Zwischen Alltag und Krieg

Das fängt schon beim Szenario an: Die Geschichte spielt in einem kleinen kirgisischen Aul (Dorf), das der Autor vor unseren Augen lebendig werden lässt. Wir befinden uns mitten auf den Kornfeldern, erleben den Dorfalltag, ächzen unter der drückenden Hitze der Sonne und spüren die Erleichterung, die einem ein See nach getaner Arbeit verschaffen kann. Die jungen Leute schäkern und die Alten schimpfen und freuen sich doch innerlich. Fast scheint es so, als ob es ein ganz normaler Sommer wäre.

Doch das dem nicht so ist, wird uns auf jeder Seite gleichermaßen bewusst. Der zweite Weltkrieg tobt immer noch und hat die meisten Männer fortgerissen. Jede Familie befindet sich in ständiger Ungewissheit um ihre Angehörigen und wartet monatelang auf erlösende Nachrichten. Dass die Frauen und Kinder die harte Feldarbeit alleine verrichten, um das an der Front benötigte Korn zu beschaffen, scheint dabei fast schon nebensächlich zu sein.

Die Welt im Wandel

Doch es ist nicht nur der Krieg, der den Alltag trübt: Der technologische Fortschritt erhält langsam Einzug in das beschauliche Dorfleben. Auch wenn die Alten noch vom Nomadenleben erzählen können und im täglichen Leben die Pferdekutschen dominieren, so erblickt man überall die Vorläufer der Technisierung. Alle scheinen zu spüren, dass eine Epoche vorübergeht und tragen diesen Gedanken mit Wehmut in sich.

Neben diesen lebendigen Schilderungen eines Dorfes, dass sich gesellschaftlichen Umbrüchen und den Gefahren eines Krieges gegenübersieht, begeistern vor allem Aitmatows Charaktere. Nicht zuletzt die vielen liebevoll ausgestalteten Nebenfiguren werden dank geschickt eingebauter Hintergrundgeschichten lebendig und füllen das Dorf mit Leben.

Protagonisten, die ans Herz wachsen

Das ist natürlich bei den Hauptcharakteren dieser Erzählung nicht anders. Unseren Erzähler Said schließen wir schon von Anfang an ins Herz. Schnell wird klar, dass es ihn die Umstände aus seiner Kindheit herausgerissen haben. An Schule ist in solchen Zeiten natürlich nicht zu denken und so verrichtet er visionslos, wenn auch nicht ohne Stolz, seine Arbeit.

Beinahe scheint es so, als ob er sämtliche Gedanken und Träume über seine Zukunft über Bord geworfen hat, schließlich kreisen seine Gedanken ausschließlich um seinen Arbeitsalltag und die Vergangenheit. Erst eine denkwürdige Szene mit Danijar reißt ihn aus seiner Lethargie, befreit ihn von den Schrecken des Krieges und lässt ihn erkennen, dass so viel mehr in ihm steckt. Allein diese Wandlung als Leser mitzuerleben macht diese Erzählung zu einer lohnenswerten Erfahrung.

Das Liebespaar steht nicht im Mittelpunkt

Danijar selbst erhält viel weniger Raum. Natürlich ist er ein integraler Bestandteil der Erzählung und bekommt die entsprechende Aufmerksamkeit. Allerdings dient er mehr als Katalysator für die verschiedenen vom Autor angesprochenen Themen, denn als eigenständige Figur. Wir erfahren zwar einiges zu seinem Hintergrund, aber er selbst als eigenständige Figur findet in der Erzählung einfach nicht statt.

Das gleiche lässt sich im Grunde auch über die titelgebende Protagonistin Djamila sagen. Sie ist eine wirklich liebenswerte und starke Frauenfigur, die jederzeit die Sympathien der Leserschaft auf ihrer Seite weiß. Aber obwohl sie deutlich präsenter ist als Danijar, bleibt auch sie letzten Endes hinter Said zurück. Das ist natürlich auch ein wenig dem Umstand geschuldet, dass die Geschichte ausschließlich aus dessen Perspektive erzählt wird.

Das ausgerechnet das Liebespaar nicht im Mittelpunkt einer Liebesgeschichte steht, schadet der Erzählung allerdings nicht. Beide Figuren sind liebevoll ausgestaltet und ihr Handlungsstrang stellt einen schönen Kontrast zum sorgenreichen Alltag dar. Allerdings hat Aitmatow seinen Fokus ganz klar auf Said und die gesellschaftlichen Veränderungen gelegt und die Geschichte von Danijar und Djamila ist nur ein kleiner – wenn auch wichtiger – Teil davon.

Tschingis Aitmatow als Meister seines Faches

Handwerklich gehört Tschingis Aitmatow zu den ganz Großen. Es gehört schon viel Können dazu, auf so wenigen Seiten so viele verschiedene Themen anzusprechen, ohne jemals durch die Handlung zu hetzen. Er nimmt sich viel Zeit, um seine Erzählung in aller Ruhe aufzubauen und braucht weder künstlich aufgeladene Spannungsbögen noch dramatischen Wendungen, um den Leser bei Laune zu halten. Immer wieder musste ich mich vergewissern, dass es sich hierbei wirklich um eine Novelle und um keinen Roman handelt. Dass die Geschichte wirklich nur so kurz ist, merkt man beim Lesen nämlich gar nicht. Das ist ganz großes erzählerisches Kino.

Die schönste Liebesgeschichte der Welt?

Ist Djamila nun die schönste Liebesgeschichte der Welt? Vermutlich nicht – dafür liegt der Fokus eindeutig woanders – aber in jedem Fall ist sie eine der schönsten Liebeserklärungen der Welt. Eine Liebeserklärung an das Leben, die Liebe an sich, an das einfache Leben und die wichtige Botschaft, dass auch in schwierigen Zeiten Glück zu finden ist.

Ein weiteres illustriertes Lieblingsbuch

Aufmerksame Leser werden bereits festgestellt haben, dass ich mich in die von Kat Menschik illustrierte Lieblingsbücher Reihe verliebt habe. Das Format, die liebevolle individuelle Gestaltung und nicht zuletzt die Illustrationen machen jedes Buch zu einem kleinen Kunstwerk, dass jeden bibliophilen Leser einfach nur begeistern wird.

Mit Djamila ist bereits der zwölfte Band dieser Reihe erschienen und auch dieser reiht sich nahtlos an die bisherigen Bände ein. Das fängt beim schlichten, aber absolut passenden Cover an, setzt sich in der Farbpalette fort und endet nicht zuletzt mit den herausragenden Illustrationen von Kat Menschik. Ihre Bilder fangen die Bewohner, die Umgebung und Alltagsgegenstände ein und bereichern somit sowohl aufgrund der Motivwahl, als auch aufgrund der Farbpalette die Erzählung ungemein.

Darüber hinaus müssen wir auch auf keine Fadenheftung verzichten, wohl aber auf ein Leseband – angesichts der Kürze der Erzählung ist dies zwar vertretbar, aber immer bedauerlich. Die Übersetzung stammt von Gisela Drohla und hat schon einige Jahre auf dem Buckel (1962), ist aber so gelungen, dass es keiner Neuübersetzung bedarf.

Fazit

Vielleicht ist Djamila nicht die schönste Liebesgeschichte der Welt, aber sie ist eine der schönsten Liebeserklärungen an das Leben und die Liebe. Ganz großes Kino!


Autor: Tschingis Aitmatow

Titel: Djamila

Seiten: 112

Erscheinungsdatum: 1958

ISBN: 9783869712536

Verlag: Galiani Verlag

Übersetzerin: Gisela Drohla

Illustratorin: Kat Menschik

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