Buch Frontalansicht Schmeljow Mensch aus dem Restaurant

Iwan Schmeljow – Der Mensch aus dem Restaurant

Denkt man an die großen Klassiker der russischen Literatur, dann wird einem der Name Iwan Schmeljow sicher nicht sofort in den Sinn kommen. Ob er mit seinem Roman Der Mensch aus dem Restaurant mit den großen russischen Literaten mithalten kann, soll Gegenstand dieser Rezension sein.

Der Leidensweg eines Kellners

Russland, 1905: Jakow Sofronytsch Skorochodow ist Kellner – aber nicht in irgendeinem x-beliebigen Restaurant. Nein, er ist Kellner in einem der nobelsten Etablissements Moskaus. Vorgesetzte und Kunden wissen seine Verschwiegenheit zu schätzen, und zu Verschweigen gibt es allerhand, wenn sich der Geldadel ganz den abendlichen Vergnügungen hingibt. Erfüllend ist so ein Leben natürlich nicht, aber im Großen und Ganzen kann Jakow Skorochodow zufrieden sein. Immerhin kann er durch das Trinkgeld seine Kinder auf höhere Schulen schicken und sich zumindest für sie eine bessere Zukunft erträumen.

Doch eines Tages bricht das Unglück in sein Leben herein: Sein Sohn verkehrt mit Revolutionären, seine Untermieter denunzieren ihn bei der Polizei und seine vermeintlichen Freunde wenden sich von ihm ab. Und mit jedem Tag scheint es schlimmer zu werden, jeder Tag hält ein weiteres, noch schlimmeres Unglück für ihn bereit.

Ein Opfer der Februarrevolution

Iwan Schmeljow gehört zu den vielen Intellektuellen, die Russland im Wege der Februarrevolution verließen. Von 1918-1922 lebte er mit seiner Frau zunächst auf der Krim, wo sein Werk angesichts der Brutalität der Roten Armee immer kritischere Züge annahm. Daran hatte nicht zuletzt auch die Exekution seines Sohnes, Angehöriger der zarentreuen weißen Armee, im Jahre 1920 einen entscheidenden Anteil. Er floh mit seiner Frau nach Frankreich und verbrachte dort den Rest seines Lebens im Exil.

Die Flucht sollte auch eine Zeit des Vergessens werden, erst 1957 erschienen seine Werke offiziell wieder in Russland und bis heute fehlt es an einer kritischen Werkausgabe. In Deutschland erschienen dank seinem Förderer Thomas Mann immerhin einige wenige Übersetzungen. Doch auch hier mussten wir einige Jahrzehnte auf weitere Werke warten, bis die Andere Bibliothek Der Mensch aus dem Restaurant neu auflegte.

Sprachlich überragend

Doch was zeichnet den Schriftsteller Schmeljow aus? Da wäre zum einen sein unglaubliches Sprachgefühl. Schmeljow weiß um die Bedeutung jedes einzelnen Wortes und keines ist zufällig gesetzt, hinter jedem Namen und hinter jedem Satz steht ein tieferer Gedanke. Dieses Sprachgefühl erschließt sich dem Nicht-Muttersprachler natürlich nicht vollumfänglich, doch die Anmerkungen des Übersetzers Georg Schwarz trösten ein wenig über diese Lücke hinweg.

Prägend für diesen Roman ist der sogenannte Skas Stil. Schmeljow schreibt aus der Ich-Perspektive und vermittelt dem Leser dabei den Eindruck, dass Protagonist und Leser miteinander sprechen. Es bleibt aber nicht bei einer Erzählart, je nach Gegenüber des Protagonisten variiert der Wortschatz des Erzählers teilweise erheblich. Es ist wirklich bewundernswert, was für eine Bandbreite des Erzählens dem Leser auf nur wenigen Seiten präsentiert wird – wie grandios mag dies wohl in der Originalfassung wirken?

Dem Abgrund entgegen

Als Leser begleiten wir Skorochodow zwei Jahre lang in einer ungewöhnlichen Phase seines Lebens. Zu Beginn lebt er noch ein bescheidenes und unaufgeregtes Leben, doch Schmeljow schickt seine Figur auf einen Leidensweg, der alles in seinem Leben auf den Kopf stellt. Er begegnet dabei zahlreichen skurrilen Gestalten, anhand derer der Autor die volle Bandbreite des russischen Lebens und Gedankenguts präsentiert. Religion trifft auf Fortschritt, verschwenderischer Reichtum auf bittere Armut und Oberflächlichkeit auf Tiefe. Und mittendrin und all dem schutzlos ausgeliefert unser Protagonist Skorochodow.

Letztlich bedeutungslos

Als Leser verfolgt man gebannt den Leidensweg des Helden und fragt sich, was all dies aus ihm machen wird. Schließlich scheint es unmöglich, dass all diese Ereignisse spurlos an einem Menschen vorbeigehen können – doch leider wartet man vergeblich auf eine entsprechende Reaktion.

Vielleicht hatte ich, angeregt durch den durchaus anders deutbaren Klappentext, falsche Erwartungen bezüglich dieses Romans. Leider erweist sich Jakow Skorochodow als durchweg blasse und langweilige Hauptfigur, die diesen Roman nicht alleine tragen kann. Er scheint nur dazu zu dienen, skurrile Begegnungen einzuleiten und leere Worthülsen abzufeuern.

Nah dran an den großen Klassikern

Er ist kein kleiner Mann, der sich gegen sein Schicksal oder die Ungerechtigkeiten seiner Welt auflehnt. Er erduldet unfassbar viel Leid, aber nicht aus stoischer Gelassenheit heraus, sondern aus lammhaften Glauben. Er erkennt zwar durchaus, dass ihm Ungerechtigkeiten widerfahren und beschreibt auch mit deutlichen Worten die Scheinheiligkeit seines Umfelds. Aber was sind seine Lehren daraus? Soll das wirklich die Botschaft sein: Ertrage alles, was dir widerfährt, dann hast du ein warmes Dach über dem Kopf und meist auch etwas zu essen? Ist das wirklich ein Protagonist, den man als Leser begleiten möchte?

Es ist schade, dass sich Iwan Schmeljow für diese Richtung entschieden hat, den dieser schwache Protagonist gehört zu den wenigen Schwachstellen eines sonst so großartigen Romans. Es ist fast alles da, was einen Roman von Weltrang ausmacht, sei es das schriftstellerische Talent, ein vielversprechende Idee oder interessante Figuren – doch diese blasse Hauptfigur und insbesondere die schwache Wendung im letzten Drittel der Handlung zerstören den ansonsten wirklich positiven Eindruck.

Die Ausstattung der Anderen Bibliothek ist ein Traum

Wie nicht anders zu erwarten war, ist auch dieser Band der Anderen Bibliothek einfach nur ein Traum. Jeder Band wird individuell gestaltet, gemeinsam haben sie alle jedoch eine erlesene Auswahl von Materialien, die perfekt aufeinander abgestimmt werden. Der Einband ist aus sehr feinen grünen Leinen und harmoniert wunderbar mit der roten Akzentfarbe und dem ebenfalls roten Leseband. Ich bin ja insbesondere von den verwendeten Schriftarten der Anderen Bibliothek begeistert, und auch hier konnte mich die tatsächlich sehr augenschonende Schriftart Centaur MT überzeugen. Aber auch hier kann ich mich nicht an den Papierschuber gewöhnen. Ja, er ist schön gestaltet, bietet allerdings keinerlei Schutz und macht es jedes Mal zu einem Kampf, das Buch herauszuziehen.

Der Anhang hat es diesmal in sich, nicht unbedingt wegen seiner Länge, sondern vielmehr wegen seines qualitativ hochwertigen Inhalts. So finden wir ein wirklich unterhaltsames und angenehm lesbares Nachwort von Wolfgang Schriek, ein Personenverzeichnis, dass Lesern (die Schwierigkeiten mit russischen Namen haben) die Orientierung erleichtert und umfangreiche Anmerkungen zum Text. Diese erleichtern nicht nur die Einordnung in den historischen Kontext, sondern erläutern auch die Feinheiten der russischen Sprache. So kann der Leser nachvollziehen, an welchen Stellen eine wortgenaue Übersetzung nicht möglich war und wie der Autor diese Stelle eigentlich gemeint hat. Diese Präzision würde man sich für jedes Buch wünschen. Die Übersetzung selbst stammt von Georg Schwarz und erschien erstmals 1968, ist aber immer noch so modern, dass es keiner neuen Übersetzung bedarf.

Fazit

Der Mensch aus dem Restaurant ist ein wirklich guter Roman mit allen Anlagen für einen wahren Klassiker. Leider verlässt Iwan Schmeljow im letzten Drittel den Mut und lässt die Geschichte schwach enden. Nicht ganz Weltliteratur, aber erstaunlich nah dran.


Autor: Iwan Schmeljow

Titel: Der Mensch aus dem Restaurant

Seiten: 280

Erscheinungsdatum: 1834

ISBN: 9783847704454

Verlag: Die Andere Bibliothek

Übersetzer: Georg Schwarz

Das könnte dich auch interessieren

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Kommentare
Inline Feedbacks
Sehe dir alle Kommentare an