Auf einer Holzfläche liegt ein Buch mit dem Titel „Der Mensch aus dem Restaurant“ von Iwan Schmeljow. Das Cover zeigt eine abstrakte Illustration in Rot- und Schwarztönen.

Der Mensch aus dem Restaurant

von Iwan Schmeljow


22.04.2022

  • Klassiker

Der Mensch aus dem Restaurant von Iwan Schmeljow gehört nicht zur ersten Riege der großen russischen Klassiker. Kann der Roman dennoch mit den anderen großen russischen Literaten mithalten?

Der Leidensweg eines Kellners

Russland, 1905: Jakow Sofronytsch Skorochodow ist Kellner – aber nicht in einem x-beliebigen Restaurant. Nein, er ist Kellner in einem der nobelsten Etablissements Moskaus. Vorgesetzte und Kunden wissen seine Verschwiegenheit zu schätzen. Und zu verschweigen gibt es allerhand, wenn sich der Geldadel den Vergnügungen hingibt. Erfüllend ist so ein Leben natürlich nicht, aber Jakow Skorochodow kann zufrieden sein.

Immerhin kann er seine Kinder auf höhere Schulen schicken und sich für sie eine bessere Zukunft erträumen. Doch eines Tages bricht das Unglück in sein Leben: Sein Sohn verkehrt mit Revolutionären, seine Untermieter denunzieren ihn bei der Polizei und seine vermeintlichen Freunde wenden sich von ihm ab. Und mit jedem Tag scheint es schlimmer zu werden. Jeder Tag hält ein weiteres, noch schlimmeres Unglück für ihn bereit.

Opfer der Februarrevolution

Iwan Schmeljow gehört zu den vielen Intellektuellen, die Russland im Wege der Februarrevolution verließen. Von 1918 bis 1922 lebte er mit seiner Frau auf der Krim, wo sein Werk angesichts der Brutalität der Roten Armee immer kritischere Züge annahm. Daran hatte nicht zuletzt auch die Hinrichtung seines Sohnes, Angehöriger der Weißen Armee, im Jahre 1920 einen entscheidenden Anteil. 

Er floh mit seiner Frau nach Frankreich und verbrachte dort den Rest seines Lebens im Exil. Erst 1957 erschienen seine Werke offiziell wieder in Russland und bis heute fehlt es an einer kritischen Werkausgabe. In Deutschland brachte sein Förderer Thomas Mann immerhin einige wenige Übersetzungen heraus. Doch auch hier fehlte es seit einigen Jahrzehnten an neuen Ausgaben.

Sprachlich überragend

Doch was zeichnet den Autoren Schmeljow aus? Da wäre zum einen sein unglaubliches Sprachgefühl. Schmeljow weiß um die Bedeutung jedes einzelnen Wortes und keines ist zufällig gesetzt. Hinter jedem Namen, hinter jedem Satz steht ein tieferer Gedanke. Dieses Sprachgefühl erschließt sich dem Nicht-Muttersprachler natürlich nicht vollumfänglich, doch durch die Anmerkungen des Übersetzers Georg Schwarz können wir es erahnen.

Prägend ist der sogenannte Skas-Stil. Schmeljow schreibt aus der Ich-Perspektive und vermittelt dem Leser dabei den Eindruck, dass Protagonist und Leser miteinander sprechen. Es bleibt aber nicht bei einer Erzählart, je nach Gegenüber des Protagonisten variiert der Wortschatz des Erzählers teilweise erheblich. Es ist bewundernswert, was für eine Bandbreite des Erzählens dem Leser auf nur wenigen Seiten präsentiert wird.

Dem Abgrund entgegen

Wir begleiten Skorochodow zwei Jahre lang. Zu Beginn lebt er noch ein unaufgeregtes Leben, doch Schmeljow schickt seine Figur auf einen Leidensweg, der alles auf den Kopf stellt. Er begegnet zahlreichen skurrilen Gestalten, anhand derer der Autor die volle Bandbreite des russischen Lebens und Gedankenguts präsentiert. Religion trifft auf Fortschritt, verschwenderischer Reichtum auf bittere Armut und Oberflächlichkeit auf Tiefe. Und mittendrin unser Protagonist.

Als Leser verfolgt man gebannt den Leidensweg des Helden und fragt sich, was all dies aus ihm machen wird. Schließlich scheint es unmöglich, dass all diese Ereignisse spurlos an einem Menschen vorbeigehen können. Leider erweist sich Jakow Skorochodow als blasse Hauptfigur, die diesen Roman nicht allein tragen kann. Seine Rolle erschöpft sich darin, skurrile Begegnungen einzuleiten.

Nah dran an den großen Klassikern

Er erduldet viel Leid, aber nicht aus stoischer Gelassenheit heraus, sondern aus lammhaftem Glauben. Zwar erkennt er die Ungerechtigkeiten, die ihm widerfahren und die Scheinheiligkeit seines Umfelds. Doch er ist niemand, der sich gegen sein Schicksal oder das Unrecht auflehnt. Ist das wirklich ein Protagonist, den man begleiten möchte?

Es ist schade, dass sich Iwan Schmeljow für diese Richtung entschieden hat. Die Hauptfigur gehört zu den wenigen Schwachstellen eines sonst großartigen Romans. Es ist fast alles da, was einen Roman von Weltrang ausmacht: sei es das schriftstellerische Talent, eine vielversprechende Idee oder interessante (Neben-)Figuren.

Die Ausstattung der Anderen Bibliothek ist ein Traum

Wie nicht anders zu erwarten war, ist auch dieser Band der Anderen Bibliothek einfach nur ein Traum. Der Einband besteht aus feinen grünen Leinen und harmoniert wunderbar mit der roten Akzentfarbe und dem roten Leseband. Für Begeisterung sorgt zudem die augenschonende Schriftart Centaur MT. Der Papierschuber ist schön gestaltet, bietet allerdings keinen wirklichen Schutz.

Im Anhang finden wir ein unterhaltsames Nachwort von Wolfgang Schriek, ein Personenverzeichnis und einen umfangreichen Anmerkungsapparat. Dieses erleichtert nicht nur die Einordnung in den historischen Kontext, sondern erläutert auch die Feinheiten der russischen Sprache. Die Übersetzung stammt von Georg Schwarz (1968) und ist immer noch so modern, dass keine Aktualisierung notwendig ist.

Pro/Contra

Pro
  • Sprachlich überragend
  • Skurrile und gleichzeitig liebenswerte Figuren
  • Schmeljow präsentiert uns die ganze Bandbreite des russischen Lebens
  • Edle Buchgestaltung
Contra
  • Die schwache Hauptfigur verhindert den ganz großen Wurf

Fazit


Der Mensch aus dem Restaurant ist ein wirklich guter Roman mit allen Anlagen für einen wahren Klassiker. Leider verlässt Iwan Schmeljow im letzten Drittel der Mut. Nicht ganz Weltliteratur, aber erstaunlich nah dran.

autor: Iwan Schmeljow

Titel: Der Mensch aus dem Restaurant

Seiten: 280

Erscheinungsdatum: 1911

Verlag: Die Andere Bibliothek

ISBN: 9783847704454

Übersetzer: Georg Schwarz

illustratoren: –

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