Andrej Platonow - Die Baugrube

Andrej Platonow – Die Baugrube

Die Baugrube von Andrej Platonow entstand unter dem Eindruck der Zwangskollektivierung in der Sowjetunion und durfte aufgrund seiner System- und Stalinkritik nicht erscheinen. Erst im Rahmen der Perestroika wurde die Bedeutung von Platonows Werk und damit auch der Baugrube der Weltöffentlichkeit bekannt.

Eine Baugrube als Dreh- und Angelpunkt der Handlung

Der zentraler Dreh- und Angelpunkt dieses Romans ist die titelgebende Baugrube in einem nicht näher benannten Dorf, aus der ein gemeinproletarisches Haus hervorgehen soll. Zahlreiche Charaktere finden sich an diesem Ort ein und richten ihr Leben danach aus, angetrieben oder auf der Flucht vor ihren eigenen Wünschen und Sehnsüchten. Ob nun der ausgemusterte Jedermann Woschtschew, der einsame Ingenieur Pruschewskij, der einfache Arbeiter Tschiklin oder zahlreiche andere Vertreter der russischen Gesellschaft, Sie alle leiden unter den Folgen der Oktoberrevolution und finden sich in der neuen Gesellschaft nicht mehr zurecht. Als Folge dessen wird von ihnen die Zwangskollektivierung mit all ihren Folgen wie Enteignung, Unterdrückung, Gewalt und Mord ohne Überzeugung unterstützt und durchgeführt. Als die junge Waise Nastja auftritt, sehen sie in ihr schließlich die Zukunft der Sowjetunion. Doch angesichts der Realität zerbrechen all ihre Vorstellungen und Träume.

Die Wandlung des Andrej Platonow

Das ausgerechnet er selbst eines der wichtigsten Werke gegen das Stalin-Regime schreiben würde, hätte sich Andrej Platonow zu Beginn seines Lebens sicher nicht vorstellen können. Geboren als das erste von zehn Kindern eines Eisenbahnschlossers zählt er selbst zum Proletariat und durchläuft zunächst einige typische Arbeiterstationen, bevor er studieren und als Bewässerungsingenieur einige Erfolge feiern kann. Zeitgleich liest er ohne Unterlass Marx, Kant, Puschkin, Dostojewski, Lenin und viele mehr. Doch nach einigen Jahren setzt die Ernüchterung bei ihm ein, die sich abzeichnende harte Linie Stalins entspricht nicht seinen Erwartungen und seine Erfahrungen verarbeitet er schließlich in Werken wie der Baugrube oder Tschewengur, die er zu Lebzeiten nie veröffentlichen durfte.

Der schleichende Zerfall einer Gesellschaft

Dabei sind seine Charaktere keine Gegner Stalins, sondern vielmehr Anhänger seiner Ideen und setzen jeden seiner Befehle pflichtgemäß um. Seine Figuren kommen aus allen Gesellschaftsschichten und sie alle finden sich in der brüchigen neuen Realität nicht mehr zurecht. Mehr aus Verzweiflung als aus Überzeugung gehorchen sie blind den Anweisungen der Obrigkeit, ob es nun die Denunziation der Nachbarschaft, die gewaltsame Entkulakisierung der Landbevölkerung oder den Zusammenschluss in Kolchosen betrifft. Doch keine dieser Entwicklungen beendet ihre geistige Verwirrung, vielmehr macht sich ein schleichender körperlicher Verfall bemerkbar. So leiden die Arbeiter der Baugrube mit zunehmenden Verlauf immer mehr, die Baugrube, die als Bild wohl für die junge Sowjetunion steht, entzieht ihren Arbeitern die Kraft und ist für viele letztendlich nicht Heimat, sondern Grab. Diese beinahe apokalyptische Stimmung verdeutlicht auch die Welt: Zumeist spielt die Handlung abends oder nachts, im Herbst und Winter und die Protagonisten treten in leeren und weiten Landschaften auf, die lebendige Stadt erscheint oft nur als funkelndes Leuchten in der Ferne.

Die Sprache als Mittel zur Macht

Das Prunkstück dieser Novelle ist jedoch der Stil Platonows, der in der Literatur seines Gleichen sucht. Der Autor hat versucht, die Fragilität und Verwirrung seiner Lebenswirklichkeit nicht nur in der Handlung, sondern auch in jedem einzelnen Satz Ausdruck zu verleihen. Mit der Sowjetunion fanden auch neue Begriffe ihren Weg in die russische Sprache, und als Kommunist der ersten Stunde war Platonow der bürokratische Nominalstil sehr vertraut. Seine Protagonisten stammen aus ganz anderen Verhältnissen und verstehen die meisten Begriffe nicht. Sie mischen wahl- und hilflos die neue Sprache mit der alten Sprache und heraus kommt ein schwer verständliches Potpourri verschiedenster Sprachen und zahlreicher Genitivanreihungen. Sogar Stalin war mit diesem Stil überfordert, er schrieb 1931 an den Rand einer Platonow Erzählung: „Das ist kein Russisch, sondern Kauderwelsch“. Platonow kann nur mit voller Konzentration gelesen werden, beinahe jeder Satz hat eine verborgene Bedeutung und verlangt nach einer sorgfältigen Prüfung. Man kann nur erahnen, welche gewaltige Aufgabe Gabriele Leupold mit ihrer Übersetzung vollbracht hat. Eine Übersetzung kann immer nur eine Annäherung an das eigentliche Werk sein, doch die zahlreichen Preise, die Sie erhielt, verdeutlichen die Bedeutung ihrer Arbeit.

Eine angemessene Aufmachung des Buches

Der Roman selbst ist vom Suhrkamp Verlag in einer würdigen Form verlegt worden. Trotz fehlender Fadenheftung können ein stabiler Leineneinband, dickes Papier, ein Leseband sowie ein umfangreicher Anhang überzeugen. Dieser enthält neben den zum Verständnis des Textes unumgänglichen Anmerkungen sowohl ein vertiefendes Nachwort der Übersetzerin Gabriele Leupold, als auch ein Essay von Sybille Lewitscharoff. Während Leupolds Nachwort eine Bereicherung für den Leser darstellt und in Kombination mit den Anmerkungen die zahlreichen Anspielungen innerhalb des Romans erst verständlich macht, ist Lewitscharoffs Essay das Papier nicht wert und beinhaltet im Grunde nur ihre eigenen Leseempfindungen. Das ist an sich in Ordnung, wirkt aber in Hinblick auf die Größe der Baugrube unwürdig. Das Titelbild Köpfe (Menschliche Wesen in der Welt) des Künstlers Pawel Nikolajewitsch Filonow aus dem Jahre 1926 ist direkt auf dem Leinenstoff bedruckt und rundet den guten gestalterischen Eindruck ab.

Fazit

Die Baugrube ist ein wichtiges Stück Zeitgeschichte, ein Werk, das die tatsächliche historische Entwicklung ein Stück weit vorwegnahm und völlig zurecht seit dem verspäteten Erscheinen für Furore sorgt. Die Baugrube ist kein leichter Text und fordert die volle Aufmerksamkeit des Lesers, belohnt dafür aber mit interessanten und denkwürdigen Einsichten zur Zeit der russischen Zwangskollektivierung unter Stalin.


Autor: Andrej Platonow

Titel: Die Baugrube

Seiten: 240

Erscheinungsdatum: 1930 / 1987

ISBN: 9783518425619

Verlag: Suhrkamp Verlag

Übersetzerin: Gabriele Leupold

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