
Die Baugrube
von Andrej Platonow
02.07.2021
- Klassiker
Die Baugrube von Andrej Platonow durfte aufgrund der System- und Stalinkritik in der Sowjetunion nicht erscheinen. Erst Jahrzehnte später wurde dieses Meisterwerk der Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht.
Eine Baugrube im Mittelpunkt
Dreh- und Angelpunkt unserer Handlung ist eine Baugrube in einem Dorf, aus der ein proletarisches Haus hervorgehen soll. Die Grube wird der Treffpunkt derer, die sich nach der Oktoberrevolution nicht mehr in der russischen Gesellschaft zurechtfinden. Verwirrt versuchen sie, den neuen Anforderungen zu genügen und unterstützen Enteignungen, Unterdrückung, Gewalt und Mord. Als die junge Waise Nastja auftritt, erblicken sie in ihr die Zukunft der Sowjetunion. Doch die Realität hat ein Mitspracherecht.
Die Wandlung des Andrej Platonow
Dass ausgerechnet er eines der wichtigsten Werke gegen das Stalinregime schreiben würde, konnte nicht einmal Andrej Platonow ahnen. Geboren als das erste von zehn Kindern eines Eisenbahnschlossers, durchlief er zunächst typische Arbeiterstationen, und wurde dann Bewässerungsingenieur. Doch nach einigen Jahren setzte die Ernüchterung ein, Stalins harte Linie entsprach nicht seinen Vorstellungen. Seine Eindrücke verarbeitete er in Werken, die größtenteils zu Lebzeiten nicht veröffentlicht werden durften.
Schleichender Zerfall
Seine Charaktere sind keine Gegner Stalins, sondern pflichtgetreue Anhänger. Sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten und finden sich in der brüchigen neuen Realität nicht mehr zurecht. Mehr aus Verzweiflung denn aus Überzeugung gehorchen sie den Anweisungen der Obrigkeit blind. Denunziation, Entkulakisierung und Kolchosen folgen. Mit der geistigen Verwirrung geht der körperliche Verfall einher.
Die Grube entzieht genau wie die Sowjetunion den Arbeitern die Kraft und ist mehr Grab als Heimat. Dieser apokalyptischen Stimmung begegnen wir auch im Roman: Die Handlung spielt meist abends oder nachts, im Herbst und im Winter. Die Protagonisten treten in leeren und weiten Landschaften auf, die lebendige Stadt erscheint nur als unerreichbares Leuchten in der Ferne.
Sprache als Mittel zur Macht
Das Prunkstück dieser Novelle ist Platonows Stil. Sein Ziel war es, die Fragilität seiner Wirklichkeit in jedem einzelnen Satz zu verdeutlichen. Mit der Sowjetunion fanden neue Begriffe ihren Weg in die russische Sprache, und als Kommunist der ersten Stunde war Platonow der bürokratische Nominalstil vertraut. Seine Protagonisten stammen aus anderen Verhältnissen und verstehen die meisten Begriffe nicht.
Sie mischen wahl- und hilflos neue und alte Sprache. Heraus kommt ein schwer verständliches Potpourri. Sogar Stalin war damit überfordert, er schrieb 1931 an den Rand einer Platonow Erzählung: „Das ist kein Russisch, sondern Kauderwelsch“. Platonow kann nur mit voller Konzentration gelesen werden. Beinahe jeder Satz hat eine verborgene Bedeutung und verlangt nach einer sorgfältigen Prüfung.
Angemessene Aufmachung
Die Ausgabe aus dem Suhrkamp Verlag ist überraschend hochwertig. Freuen dürfen wir uns über einen stabilen Leineneinband, dickes Papier und ein Leseband. Verzichten müssen wir lediglich auf eine Fadenheftung. Der umfangreiche Anhang enthält einen hilfreichen Anmerkungsapparat, ein schönes Nachwort von Gabriele Leupold und ein Essay von Sybille Lewitscharoff. Die Übersetzung – eine gewaltige Leistung – stammt von Gabriele Leupold.
Werke von Andrej Platonow
Pro/Contra
Pro
- Platonows Stil sucht in der Literatur seinesgleichen
- Eindringliche Schilderungen eines dunklen Kapitels der russischen Geschichte
Contra
- Die Lektüre von Platonow erfordert Zeit und Konzentration
Fazit
Die Baugrube von Andrej Platonow ist ein wichtiges Stück Zeitgeschichte. Fordernd und brisant sorgte der Roman völlig zu Recht bei seinem verspäteten Erscheinen für Furore.
autor: Andrej Platonow
Titel: Die Baugrube
Seiten: 240
Erscheinungsdatum: 1930 / 1987
Verlag: Suhrkamp Verlag
ISBN: 9783518425619
Übersetzerin: Gabriele Leupold
illustratoren: –









