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Iwan Gontscharow – Oblomow

Iwan Gontscharows Roman Oblomow erschien erstmals im Jahre 1859 und katapultierte ihn mit einem Schlag in die Riege der ganz großen russischen Autoren. Bis heute prägt er in Russland und weit darüber hinaus das Bild des ewigen Prokrastinierens.

Ein hoffnungsloser Faulpelz

Die Hauptfigur ist der zweiunddreißigjährige Ilja Iljitsch Oblomow, der zwar Gutsbesitzer ist, seit über einem Jahrzehnt allerdings seine Zeit im fernen Sankt Petersburg vergeudet. Sein Leben findet allenfalls zwischen Bett und Sofa statt und seine Gedanken kreisen vor allem um die nächste Mahlzeit oder einem seiner zahlreichen Tagträume. Seine wenigen sozialen Kontakte, wie etwa sein aufmüpfiger Diener Sachar oder der zwielichtige Schreiber Michej Tarantjew erweisen sich fast ausnahmslos als Schmarotzer und nutzen jede Gelegenheit um dem gutgläubigen Oblomow einige Rubel abzuschwatzen. Die einzige Ausnahme stellt sein Jugendfreund Andrej Stolz dar, ein strebsamer Russlanddeutscher mit Ambitionen. Dieser macht ihn mit der jungen Olga Sergejewna bekannt und entgegen aller Erwartungen schafft Sie es, ihn aus seiner Lethargie zu reißen. Zwischen den beiden entwickelt sich ein Liebesverhältnis, doch schon bald holt ihn sein altes Ich ein und droht sein Glück zu zerstören.

Die russische Gesellschaft im Wandel

Der Roman ist untrennbar mit der Geschichte Russlands verbunden. Russland befand sich während Gontscharows Zeit vor einer Reihe von wirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Veränderungen, 1861 begann etwa die Emanzipation der Bauern, die Leibeigenschaft wurde offiziell abgeschafft und erste Schritte hin zur Industrialisierung wurden eingeleitet. Der alte Adel verlor immer mehr an Macht und Geld, das aufstrebende Bürgertum begann seine Fühler auszustrecken und füllte nach und nach das entstandene Machtvakuum aus.

Dieser Konflikt, der Niedergang des Adels und der Aufstieg des Bürgertums ist das zentrale Thema Gontscharows. Ilja Oblomow selbst ist das Sinnbild des alten Adels, ein weiterer überflüssiger Mensch, wie die russische Literatur Sie schon oft hervorgebracht hat. Er ist lethargisch, er ist faul, hat seinen Lebtag nicht einen Handschlag getan und kann sich nicht einmal selbst die Strümpfe anziehen. Sein Studium schloss er nur halbherzig ab, nicht einmal die Literatur oder das Theater wecken sein Interesse.

Die Keimzelle dieses Problems findet man in der berühmten Traumszene im neunten Kapitel des ersten Teiles. Darin wird Oblomows vermeintlich glückliche Kindheit auf dem Lande beschrieben. In einem konservativen und bodenständigen Haushalt wird er behütet und verhätschelt. Auch hier dreht sich das ganze Leben um die nächste Mahlzeit und Fortschritt bleibt unerwünscht. Gontscharow beschreibt die ganze Absurdität dieser Situation ganz hervorragend in der Briefszene.

Ganz im Gegensatz dazu steht die Kindheit des Deutschrussen Andrej Stolz, der sich von Beginn an beständig weiterentwickeln musste und in seinem Streben und Aufstieg das neue Bürgertum repräsentiert. Der ganze Konflikt gipfelt in der Liebe zu Olga und der Ausgang des Romans entspricht letzten Endes ganz der gesellschaftlichen Entwicklung Russlands.

Ein amüsanter Roman, der auch heute noch zu begeistern weiß

Aber völlig unabhängig von der Interpretation bleibt Oblomow ein hervorragend geschriebener Roman, der auf allen Ebenen zu überzeugen weiß. Durch die Erzählung führt ein Erzähler, der die Geschichte mit feiner Ironie begleitet, sich aber auch oft zurückzieht und die Handlung in den Vordergrund rückt. Die Dialoge sind voll von Ironie und Witz, der Autor beweist ein hervorragendes Gespür für Rhythmus und Tempo und der gesamte Text wirkt so spritzig, dass man ihm sein hohes Alter überhaupt nicht anmerkt.

Die Charaktere sind fast ausnahmslos hoch sympathisch und liebenswert, ob nun der tollpatschige Diener Sachar, der sich so manches hervorragendes Wortgefecht mit seinem Herren liefert, seine Frau Anissja oder der geschäftige und pflichtbewusste Andrej Stolz. Sogar für Oblomow entwickelt man unerwarteterweise Sympathien, so verbirgt sich doch hinter all der Fassade wenigstens eine treue und gutmütige Seele, die niemanden etwas Böses will und die man trotz all der Fehler liebgewinnt.

Eine Übersetzerin mit Argumenten

Vera Bischitzkys Neuübersetzung stellt die achte ihrer Art da und Sie scheut sich nicht, den Vergleich zu ihren Kollegen zu suchen. Insbesondere mit der letzten Übersetzung von Josef Hahn (1960) geht Sie dabei hart ins Gericht. Dabei liefert Sie immer überzeugende Argumente und untermauert diese mit passenden Beispielen. Da Ich die alten Übersetzungen nicht kenne bleibt mir nur zu sagen, dass sich diese Version von Oblomow für mich als Erstleser überraschend angenehm und flüssig liest. Wenn nur die Hälfte der Anmerkungen wahr sind, dann gibt es auch keinen Grund, auf eine ältere Übersetzung zurückzugreifen.

Hochwertige Ausstattung trifft ausgezeichneten Roman

Die anlässlich Gontascharows 200. Geburtstags veröffentlichte Neuübersetzung von Vera Bischitzky erschien 2012 im Hanser Verlag und entspricht rein optisch dem gewohnten Hanser Standard: ein hochwertiger Leineneinband, Fadenheftung, ein Titelbild mit Silberprägung und ein Lesezeichen. Ein weiteres Lesezeichen wäre aufgrund der Anmerkungen hilfreich gewesen.

Der Anhang allgemein ist gut gelungen. Die Anmerkungen auf etwas sechzig Seiten beantworten viele Fragen und liefern zahlreiche Hintergrundinformationen für den geneigten Leser. Auch das Nachwort von Vera Bischitzky hält einige Interessante Stellen bereit und erläutert die Entstehungsgeschichte dieses Romans, fällt aber leider mit 10 Seiten etwas kurz aus und wird deswegen weder dem Roman noch dem Autor wirklich gerecht.

Fazit

Oblomow ist ein faszinierender Roman, der zu den ganz großen Werken der russischen Literatur gehört. Ob nun als eine Allegorie auf die gesellschaftlichen Umbrüche in Russland, oder als großen humoristischen Roman, Oblomow funktioniert auf verschiedenen Ebenen und spricht auch heute noch ein breites Publikum an.


Autor: Iwan Gontscharow

Titel: Oblomow

Seiten: 838

Erscheinungsdatum: 1859

ISBN: 9783446238749

Verlag: Hanser Verlag

Übersetzerin: Vera Bischitzky

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