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Gustave Flaubert – Madame Bovary

Das Erscheinen von Madame Bovary löste 1856 einen großen Skandal aus und führte seinen Autor von der Anklagebank hin zu Weltruhm. Die Gründe für diese Entwicklung soll diese Rezension klären.

Die Geschichte einer verhängnisvollen Affäre

Die Handlung beginnt damit, dass der verwitwete und nicht sonderlich erfolgreiche Landarzt Charles Bovary die junge Bauerntochter Emma Bovary heiratet. Diese ist recht schnell ernüchtert über ihren wenig erfolgreichen Ehemann, der auch noch bis spät in die Nacht beschäftigt ist. Sie beginnt sich schnell zu langweilen, und einzig Spaziergänge und die Lektüre von drittklassigen Schnulzen bieten ihr Abwechslung. Bald schon steigert sich ihre Unzufriedenheit so sehr, dass sie ihren Affären mit dem Kanzlisten Leon Dupuis und dem Provinzaufschneider Rodolphe Boulanger anfängt, doch diese langweilen Sie bereits nach kurzer Zeit. Immer stärker verfängt sie sich in einem Netz aus Lügen und Schulden, aus dem es bald schon keinen Ausweg mehr zu geben scheint.

Flaubert vor Gericht

Nach fünfjähriger Schaffenszeit veröffentlichte Gustave Flaubert Madame Bovary zunächst im Magazin Paris de Revue. Zu seinem Missfallen musste er unter dem Druck seines Herausgebers, Maxime Du Camp, einige Stellen streichen. 1857 wollte er sein Werk in Buchform veröffentlichen, doch schon am 29. Januar fand er sich vor Gericht wieder und wurde wegen des Verstoßes gegen die Moral, Religion und Sittlichkeit angeklagt. Aus heutiger Sicht mutet so ein Vorgang natürlich befremdlich an, doch damals befürchtete man, dass sich Frauen durch die Ehebrecherin Emma ermutigt fühlen, es ihr gleich zu tun. Flaubert musste das schlimmste befürchten und beauftragte einen Stenografen, Anklage, Verteidigung und Urteil für die Nachwelt zu erhalten. Er gewann diesen Prozess am 7. Februar 1857, auch weil Flaubert durch das weglassen von intimen Details keine große Angriffsfläche bot. Obwohl ihn der Prozess zusetzte, konnten Freunde ihn überreden, doch noch eine Buchfassung zu drucken, und so erschien im Mai 1857 die erste Buchfassung des Verlegers Michel Levy.

Der Prozess sicherte Flaubert zudem die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit und katapultierte seinen Erstling mit einem Schlag zu einem der meistgelesen Romane Frankreichs. Unzählige Kritiken wurden veröffentlicht und wichtige Persönlichkeiten wie Alphonse de Lamartine oder Charles Baudelaire mischten sich in die Diskussion ein. Der öffentliche Diskurs hatte dabei vor allem zwei Schwerpunkte, zum einen die Darstellung der Emma Bovary und zum anderen der neue Schreibstil, mit dem Flaubert ganze Generationen prägen sollte.

Ein klassischer Vertreter des literarischen Realismus

Madame Bovary gilt als einer der wichtigsten Wegbereiter für den modernen Roman und als einer der ersten Vertreter des Realismus. Gustav Flaubert bricht also mit vielen Stilmitteln und Konventionen, wie beispielsweise die Kommentierung des Geschehens durch den Autor oder einen allwissenden Erzähler. Er wechselt zu einem personellen Erzähler und verzichtet auf jegliche persönliche Bewertung, vielmehr lässt er das Geschehen für sich und die Figuren durch sich selber sprechen.

Die Themenwahl kann künftig auch für einen angesehenen Schriftsteller durchaus banal sein, wie hier der Ehebruch, und die Protagonisten dürfen oder müssen unspektakulär oder sogar ein Stück weit langweilig, weil nahbar, sein. Bekannte Autoren wie Guy de Maupassant, Emile Zola oder Marcel Proust lernten von Gustave Flaubert und wurden in ihrem Schaffen nachhaltig von ihm geprägt. Unzählige Essays seit Erscheinen des Romans belegen die Bedeutung die Flaubert auch heute noch für die Literatur hat.

Präzision auf jeder Seite

Man sagt Flaubert nach, eine Art Malocher unter den Schriftstellern zu sein. Jeder Satz, jedes Wort, jeder Buchstabe stand ununterbrochen auf dem Prüfstand und er soll regelmäßig seine Sätze über die Seine heraus gebrüllt haben, um sie zu perfektionieren und diese beständige Arbeit und das Streben nach Perfektion merkt man dem Buch auch an. Jeder Satz ist ein Genuss, jedes Wort hat einen Sinn und Flaubert hat ein unglaubliches Gefühl für Rhythmus und Beschreibungen, sodass hier ein wahrhaft zeitloser Text vorliegt, dem man sein hohes Alter gar nicht anmerkt.

Auch Nebencharaktere wie der Apotheker Homais oder der Tuchwarenhändler Lheureux entsprechen zwar den Anforderungen an durchschnittlichen Menschen, doch Flaubert schafft es mit unglaublich präzisen und bissigen Beobachtungen die spießige und nur vermeintlich aufgeklärte Landbevölkerung satirisch darzustellen.

Eine unsympathische Hauptfigur

Die Figur der Emma Bovary und die Darstellung ihrer Handlungen sorgte wie bereits beschrieben für viele Diskussionen. Emma wird bereits als junges Mädchen in ein katholisches Internat gesteckt und verliert recht schnell ihre anfängliche Begeisterung für Gott. Ihr Interesse gilt immer mehr trivialer Unterhaltungsliteratur und diese beginnt ihre Vorstellungen und Wünsche zu prägen. Die Unzufriedenheit wird zum bestimmenden Faktor in ihrem Leben so findet Sie weder in ihrer Ehe mit Charles, noch in ihren Affären mit Leon oder Rodolphe und auch nicht in einem immer stärker werdenden Kaufwahn langfristige Befriedigung, sondern wandert rastlos von einem Reiz zum nächsten, bis ihre Schulden und ihre Affären nicht mehr zu verstecken sind.

Im Gegensatz zu vielen anderen hege ich keinerlei Sympathien für die Figur der Emma Bovary. Sie ist keine unterdrückte Intellektuelle, keine tragisch verheiratete oder unterdrückte Frau und besitzt auch sonst keinerlei herausragenden Eigenschaften oder Fähigkeiten. Im Grunde ist sie genauso wie ihr verhasster Ehemann Charles Bovary, nur mit dem Unterschied, dass sie sich nach dem Unerreichbaren sehnt und niemals mit ihrem Leben zufrieden sein kann. Diese Eigenschaften machen sie zu einer nahbaren Figur, schließlich gibt es auch in unserer Gesellschaft zahlreiche Menschen, die nicht zufrieden mit sich selbst sind und durch unkontrollierten Konsum ihre Probleme kompensieren wollen. Emma würde heutzutage wahrscheinlich mehr als ein Streaming Abonnement besitzen anstatt Groschenromane zu lesen, doch ihre Probleme würden die Gleichen bleiben.

Madame Bovary in einem wunderschönen Gewand

Die Ausgabe des Hanser Verlages entspricht wie so oft den hohen Erwartungen und ist den hohen Preis definitiv wert. Neben einen Leineneinband mitsamt Titelprägung gibt es auch ein Lesebändchen, eine stabile Fadenheftung und Dünndruckpapier. Der Anhang fällt sehr umfangreich und enthält wie von Flaubert selbst gewünscht eine Abschrift des Gerichtsprozesses, weist auf alle Stellen hin, die die Revue de Paris gestrichen hat, enthält umfangreiche Anmerkungen zur Rezeption des Romans und schließlich noch die berühmte Rezension von Charles Baudelaire. Des weiteren erläutert die Übersetzerin Elisabeth Edl die Übersetzungsgeschichte im deutschsprachigen Raum und erläutert nachvollziehbar ihre eigene Vorgehensweise.

Fazit

Auch wenn die Handlung von Madame Bovary heutzutage niemanden mehr schockiert, überzeugt dieser Roman durch seinen herausragenden Autor. Man spürt deutlich die Arbeit, die in jedem Satz steckt und kann diese Perfektion nur bewundern. Zurecht ein Klassiker der Weltliteratur.


Autor: Gustave Flaubert

Titel: Madame Bovary

Seiten: 760

Erscheinungsdatum: 1880

ISBN: 9783446239944

Verlag: Hanser Verlag

Übersetzerin: Elisabeth Edl

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