Ein Buch auf einem Holztisch mit blauem Einband.

Das offene Boot

von Stephen Crane


05.04.2024

  • Klassiker

Stephen Crane verfasste in seinem viel zu kurzen Leben zahlreiche Kurzgeschichten mit maritimem Bezug. Seit einiger Zeit liegen diese in Das offene Boot und andere Erzählungen in gesammelter Form vor. Doch lohnt sich die Lektüre des – vor allem von Kollegen bewunderten – Schriftstellers auch heute noch?

Das Meer im Mittelpunkt

Gleich zu Beginn dieses Erzählbandes erwartet uns mit der titelgebenden Geschichte Das offene Boot gleichzeitig auch die wohl berühmteste Kurzgeschichte von Stephen Crane. Nach einem Schiffbruch müssen vier Männer um ihr Überleben kämpfen und einen 30-stündigen Leidenskampf ausfechten. In Der Schiffsbruch der Commodore berichtet Crane aus eigener Erfahrung, was an Bord eines sinkenden Schiffes kurz vor der endgültigen Aufgabe passiert.

In Die Flügel der Jugend entsteht – wie sollte es auch anders sein – auf einem Rummelplatz eine zarte erste Liebesbeziehung zwischen zwei jungen Menschen. Der Vater der jungen Dame versucht dies mit allen Mitteln zu verhindern, doch die Jugend weiß sich zu helfen. Ein Fischerdorf hält auch genau das für uns bereit: Wir lernen die Eigenheiten des Lebens in einem Fischerdorf kennen – aus der Perspektive eines alten Mannes, der am falschen Ende der Nahrungskette steht.

Alter Mann auf Freiersfüßen schlägt in eine ähnliche Richtung ein, verlegt die Handlung jedoch in eine Dorfkneipe. In Die geisterhafte Sphinx von Metedeconk erfahren wir, warum man sich vor einer Seefahrt niemals streiten sollte – verpackt im Gewand einer Geistergeschichte. Wie Flanagan sich einmal zum Filibuster aufschwang schildert hingegen, wie sich ein ehemals ehrbarer Kapitän als Freibeuter versucht und mit den Höhen und Tiefen des Geschäfts zurechtzukommen lernt.

In Die Auktion muss ein junges Paar seinen Hausstand verkaufen, doch ihr Papagei hat andere Pläne. Ein wahrlich kleiner Unhold erwartet uns in der nächsten Geschichte: Ein Waisenjunge zieht durch die Straßen und sieht es so gar nicht ein, warum nicht auch ihm Eigentum zustehen sollte. In Die Männer im Sturm sucht eine verarmte Reisegruppe Zuflucht vor einer Schlechtwetterlage, doch noch bevor sich die Tore der Unterkunft öffnen, eskaliert die Lage.

Die Abfahrt eines Ozeandampfers beschreibt hingegen die Abfahrt aus Perspektive der Zurückbleibenden, während in Die tristen Tage von Coney Island zwei Männer den berühmten Vergnügungspark in der Nebensaison besuchen. Auslandspolitik beschreibt hingegen in kleinen, aber eindrucksvollen Bildern die Verlogenheit und Absurdität politischer Ränkespiele.

In Reisende wider Willen erwartet uns wiederum eine wahre Slapstick Geschichte: Zwei Männer wollen eigentlich nur baden gehen, treiben dabei aber aufs Meer hinaus und geraten von Schlamassel zu Schlamassel. In der abschließenden Geschichte Der Tod und das Kind wird ein junger Student vom Krieg angezogen und bewegt sich in geradezu absurder Weise an der Frontlinie entlang.

Leben in Extremen

Der hierzulande immer noch unter dem Radar fliegende Stephen Crane (er/durch)lebte ein kurzes, dafür aber intensives Leben. Nach dem frühen Tod seiner Eltern musste er schnell lernen, auf eigenen Beinen zu stehen und erlangte bereits in jungen Jahren Ruhm und Anerkennung als Journalist und Schriftsteller – nicht umsonst galt er bereits mit 25 Jahren als einer der erfolgreichsten und bedeutendsten amerikanischen Schriftsteller aller Zeiten.

Gelang ihm dies zu Lebzeiten vornehmlich wegen seiner Kriegserzählungen, wird er heutzutage vor allem für seine realistischen Schilderungen des Alltags der amerikanischen Unterschicht bewundert. Als Journalist wagte er sich an vorderster Front an die gefährlichsten Orte, berichtete etwa 1879 – trotz zuvor erlittenen Schiffbruch – aus nächster Nähe vom kubanischen Unabhängigkeitskrieg und war Berichterstatter im Türkisch-Griechischen Krieg.

Auch privat war er ein Mann der Extreme und lebte Zeit seines Lebens über seine Verhältnisse. Er sprach Alkohol und Prostituierten zu, wurde gesellschaftlich zunehmend wegen einem ehe-ähnlichen Verhältnis zu einer Prostituierten geächtet und umgab sich mit so illustren Namen wie H. G. Wells, Henry James oder Joseph Conrad. Dieses Leben hatte aber auch seinen Preis – zunehmend litt er an Krankheiten und verstarb mit nur 28 Jahren in Badenweiler an Tuberkulose.

Doch wie gelang es einem so jungen Menschen, innerhalb einer so kurzen Zeitspanne zum erfolgreichsten Schriftsteller seines Landes aufzusteigen und immer wieder neue Generationen von Lesern zu begeistern?

Hemingways Vorbild

Zum einen hat er dies seinem schonungslos realistischen Schreibstil zu verdanken: Crane ist kein Freund üppiger Um- und Beschreibungen. Möglicherweise als Ausfluss seiner journalistischen Grundausbildung versuchte er mit möglichst wenig Worten und einem kurzen Satzbau möglichst viel auszudrücken.

Seine Beschreibungen sind dabei beinahe schon sachlich und jedenfalls nicht blumig. Nicht umsonst erkor der junge Hemingway Stephen Crane in beruflicher und stilistischer Hinsicht zu seinem Vorbild – die Parallelen lassen sich nicht verleugnen.

Schonungslos realistisch

Zum anderen bewegte er sich mit seinen Geschichten thematisch am Puls der Zeit. Waren es zu Beginn seiner Karriere noch die Kriegserzählungen, die seinen Weltruhm begründeten, galt seine wahre Leidenschaft doch der realistischen und schonungslosen Darstellung des Lebens der amerikanischen Unterschicht.

Seine Helden sind die grauen und unbedeutenden Nebenfiguren anderer Geschichten, Figuren, für die sich sonst niemand interessiert und nicht selten handelt es sich bei ihnen um den Bodensatz der Gesellschaft – nicht umsonst erinnert er dabei ein Stück weit an Theodore Dreiser. So handelte sein erster Roman Maggie beispielsweise von einem jungen New Yorker Mädchen, dass in die Prostitution getrieben wird – ein brisantes Thema, an das sich die Verleger erst nach dem Erfolg seiner Kriegserzählungen wagten.

Maritime Erzählungen im weitesten Sinne

Nicht zuletzt sei noch der maritime Bezug seiner Erzählungen erwähnt – wie sollte es denn bei einem Buch aus dem Mare Verlag auch anders sein. Der Meeresbezug ist dabei in einem sehr weiten Sinne zu verstehen – mal handelt es sich um den bestimmenden Faktor einer Geschichte, mal bildet er lediglich den Hintergrund und manchmal dient das Meer einfach nur als Stilmittel.

Alle Geschichten erschienen dabei zwischen 1894 und 1900, nur Abfahrt eines Ozeandampfers und Auslandspolitik erschienen erst posthum. Die Geschichten weisen dabei ein sehr weites Spektrum auf, mal wird der erbitterte Überlebenskampf in all seinen Spielarten geschildert, ein anderes Mal begegnen uns reinrassige Slapstick-Episoden. Dass eine solche Sammlung dann natürlich nicht jeden Leser mit jeder einzelnen Geschichte vollumfänglich überzeugen kann, erklärt sich wohl von alleine.

Was bleibt?

Stephen Crane wurde mit Das offene Boot und andere Erzählungen ein würdiges Denkmal gesetzt. Inhaltlich schildert Crane schonungslos und realistisch den Alltag der einfachen Bevölkerung, die sich oftmals um wenig mehr als um ihr Überleben kümmern konnte.

Die Geschichten weisen dabei immer einen mehr oder weniger starken maritimen Bezug auf. Stilistisch war er nicht umsonst das Vorbild für Hemingway und kann durch eine präzise und klare Prosa überzeugen. Freunde der Kurzgeschichte und klarer Worte werden ihre Freude an diesen Erzählungen haben.

Wunderschöner Klassiker

Auch dieser Band reiht sich nahtlos in die wunderschöne Klassiker-Reihe des Mare Verlages ein. Zum einen dürfen wir uns daher über die Verwendung erlesenster Materialien, zum anderen über eine gefällige Komposition der verschiedenen Elemente freuen.

So ist der Leineneinband selbst bedruckt und wird vor allem von Blautönen dominiert. Die Papierqualität ist hervorragend, der Schuber stabil und minimalistisch gestaltet, die verwendete Schriftart (Albertina MT) bietet den Erzählungen einen angemessenen Rahmen und neben einem Leseband dürfen wir selbstverständlich eine Fadenheftung erwarten.

Im Anhang findet sich ein kurzes Nachwort des Übersetzers und Herausgebers Lucien Deprijck, in dem er uns in gebotener Kürze das viel zu kurze Leben des Autors näherbringt. Daneben finden wir noch ein kurzes Glossar und eine vorbildliche Auflistung der verwendeten Quellen.

Bibliographie

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Pro/Contra

Pro
  • maritim angehauchte Geschichten
  • präziser und realistischer Schreibstil
Contra
  • Nicht jede Geschichte dürfte jedem Leser zusagen

Fazit


Das offene Boot von Stephen Crane stellt eine abwechslungsreiche Sammlung maritim angehauchter Kurzgeschichten aus der Feder eines talentierten und heutzutage immer noch unterschätzten Schriftstellers dar.

autor: Stephen Crane

Titel: Das offene Boot

Seiten: 240

Erscheinungsdatum: s.o.

Verlag: Mare Verlag

ISBN: 9783866482630

übersetzer: Lucien Deprijck

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