Zwei Bücher mit dem Titel „Der Niemand von der Narcissus“ von Joseph Conrad, die ein Schiff und einen Mann abbilden, liegen nebeneinander auf einer Holzfläche.

Der Niemand von der Narcissus

von Joseph Conrad


12.11.2021

  • Klassiker
  • ·
  • Maritime Literatur

Joseph Conrads dritter Roman Der Niemand von der Narcissus verdankt sein Schattendasein in der Literaturgeschichte vor allem seinem rassistischen Originaltitel. Die Neuübersetzung von Mirko Bonné ermöglicht einen neuen Zugang.

Im Bann eines Mannes

Die Narcissus befindet sich auf dem Heimweg nach England und nimmt vor Bombay neue Besatzungsmitglieder auf. Unter diesen ist der schwarze Hüne James Wait, der kurz nach der Abfahrt an Tuberkulose erkrankt. Die Besatzung ist sich nicht sicher, ob James Wait simuliert, kümmert sich dennoch liebevoll um ihn. Ein schwerer Sturm kostet sie einen großen Teil ihrer Vorräte. Die Stimmung an Bord droht zu kippen – Meuterei liegt in der Luft – und die sichere Heimkehr wird immer ungewisser.

Unbarmherzige Natur

Joseph Conrad stellt zwei Dinge in den Mittelpunkt seines Romans: das Meer und die Menschen. Das Meer erfasst er mit geradezu poetischen Worten und beschreibt seine unbarmherzige Natur. Unnachgiebig fordert und kontrolliert es die wenigen Wagemutigen, die es bereisen. 

Zu den Höhepunkten gehört eine über fünfzig Seiten lange Schilderung eines Sturms, die dem Leser das Gefühl gibt, auf der Narcissus ums Überleben zu kämpfen. Unweigerlich werden wir mit existentiellen Fragen konfrontiert. Wie klein erscheint das Leben des Einzelnen angesichts übermächtiger Naturgewalten?

Ein Denkmal für alle Seefahrer

Anders als es der Titel vermuten lässt, steht nicht James Wait im Vordergrund. Es geht um die gesamte Besatzung der Narcissus. Im Grunde baut Joseph Conrad sich und seinen Kameraden, vor allem den einfachen Seemännern, ein literarisches Denkmal. Er zeigt, wie sie unabhängig von Rang, Nation oder Hautfarbe zusammenhalten und in extremen Situationen Menschlichkeit zeigen.

Man könnte es Conrad nicht verübeln, wenn seine Erinnerungen verklärt wären. Doch glücklicherweise tappt er nicht in diese Falle. Er schildert schonungslos den harten Alltag an Bord eines Schiffes. Seine Protagonisten sind keine romantisch verklärten Helden. Die Zeit auf See fördert auch dunkle Seiten zutage. Und so gibt es neben dem stoischen Seebären Singelton auch den Unruhestifter Donkin oder James Wait, der in seinem Todeskampf zu einem unangenehmen Zeitgenossen wird. 

Poetische Kraft eines Victor Hugo

Conrad wechselt zwischen Nah- und Fernperspektive, ohne die Bindung an die Narcissus zu verlieren. Dazu nutzt er einen Ich-Erzähler, der sich bis zum Schluss im Verborgenen hält. Seine Worte haben eine nahezu poetische Kraft. Die Widersprüchlichkeit des Meeres fängt er in der Sturmpassage so gut ein wie ein Victor Hugo

Józef Konrad Korzeniowski wurde 1857 im damaligen Polen geboren und lernte früh von seinem Vater die Liebe zur Literatur. Mit sechzehn Jahren wurde er Seemann und stieg vom Schiffsjungen zum Kapitän auf. Nach dem durch Gelbfieber erzwungenen Ende seiner Seefahrtkarriere veröffentlichte er zahlreiche Romane. Viele Elemente des Romans beruhen auf seinen eigenen Erfahrungen.

Kontroverser Titel

Joseph Conrads Wunschtitel für diesen Roman war The Nigger of the Narcissus, schon damals ein rassistischer Titel. Der Übersetzer Mirko Bonné ersetzte im Titel Nigger durch Niemand und an fast allen anderen Stellen durch Schwarze. Die veränderten Stellen hob er in den Anmerkungen mitsamt der Originalfassung hervor. Ich halte dieses Vorgehen für nachvollziehbar und richtig. Nicht nur ist „Niemand“ ein inhaltlich eleganterer Begriff. 

Viel wichtiger ist, dass der Titel eine sachliche Diskussion ermöglicht. Joseph Conrad war Seemann und sein Fokus lag auf der Schilderung des Lebens auf See. Ein rauer Ton gehört(e) zum Alltag eines Seemannes. Eine Erfahrung, die er selbst machen musste, wurde er doch Polish Joe genannt. Ich glaube nicht, dass die Verwendung rassistisch motiviert war, sondern nur der realistischen Darstellung des Bordalltags diente.

Für Liebhaber der Buchkunst

Die Aufmachung des Mare Verlags entspricht den hohen Anforderungen der Klassiker-Reihe. Das Buch befindet sich in einem ansprechend gestalteten und stabilen Schuber, auf dem ein Gemälde des Künstlers Theodore Lux Feininger abgebildet ist.

Das Buch ist in dunkeltürkisem Leinen gebunden und wurde mit einem geprägten Titelschild und einem Abbild von Feiningers Gemälde ausgestattet. Neben einer hohen Papierqualität bietet es eine Fadenheftung. Im Anhang befinden sich ein Glossar, das die maritimen Begriffe erklärt und ein erhellendes Nachwort des Übersetzers Mirko Bonné.

Pro/Contra

Pro
  • Realistische Schilderungen des Alltags an Bord eines Schiffes
  • Die Meeresbeschreibungen bewegen sich auf dem Niveau eines Victor Hugo
  • Wunderschöne Ausgabe des Mare-Verlages
Contra
  • Kein klassischer Abenteuerroman
  • Kontroverser neuer und alter Titel

Fazit


Der Niemand von der Narcissus von Joseph Conrad ist ein literarisches Denkmal für die einfachen Seeleute.

autor: Joseph Conrad

Titel: Der Niemand von der Narcissus

Seiten: 256

Erscheinungsdatum: 1897

Verlag: Mare Verlag

ISBN: 9783866486126

Übersetzer: Mirko Bonné

illustratoren: –

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