Joseph Conrad – Der Niemand von der Narcissus

Joseph Conrad – Der Niemand von der Narcissus

Joseph Conrads dritter Roman Der Niemand von der Narcissus verdankt sein Schattendasein in der Literaturgeschichte vor allem seinem rassistischen Originaltitel. Verständlicherweise sorgte dieser Titel für falsche Assoziationen und erst die Neuübersetzung von Mirko Bonné ermöglicht einen neuen Zugang zu diesem Roman.

Eine Besatzung im Bann eines Mannes

Die Narcissus befindet sich auf dem Heimweg nach England und nimmt zu diesem Zweck vor Bombay neue Besatzungsmitglieder auf. Unter diesen ist auch der schwarze Hüne James Wait, der schon kurz nach der Abfahrt an Tuberkulose erkrankt. Die Besatzung ist in der Frage gespalten, ob James Wait simuliert oder nicht, kümmert sich aber dennoch liebevoll um ihn. Auf ihrer Überfahrt gerät die Narcissus schließlich in einen schweren Sturm, der sie einen großen Teil der Vorräte kostet. Die Stimmung an Bord droht zu kippen – Meuterei liegt in der Luft – und die sichere Heimkehr wird immer ungewisser.

Im Mittelpunkt dieser Novelle stellt Joseph Conrad zwei Elemente: das Meer und die Menschen. Ersteres erfasst er mit geradezu poetischen Worten und beschreibt seine allgegenwärtige und unbarmherzige Natur. Unnachgiebig fordert und kontrolliert es die wenigen Wagemutigen, die es bereisen. Zu den Höhepunkten seiner Erzählung gehört dabei ohne Zweifel seine über fünfzig Seiten umfassende Schilderung eines Sturms, die dem Leser das Gefühl gibt, auf der Narcissus um sein Überleben zu kämpfen. Unweigerlich konfrontiert so ein brüchiges Umfeld jeden Menschen mit existentiellen Fragen, denn wie klein und bedeutungslos erscheint das Leben des Einzelnen angesichts übermächtiger Naturgewalten und wie gestaltet man sein Leben in so einer bedrohlichen Umgebung?

Ein Denkmal für alle Seefahrer

Anders als es der Titel vermuten lässt, steht nicht allein James Wait im Vordergrund, sondern die gesamte Besatzung der Narcissus und ihre Antworten auf diese grundlegenden Fragen. Alles was in diesem Roman passiert, dient der Prüfung und erzwungenen Selbstreflexion der Charaktere. Im Grunde genommen zieht Joseph Conrad, selbst früher einmal Seemann, Bilanz über seine Zeit auf See und setzt sich und seinen Kameraden, vor allem den einfachen Seemännern, ein Denkmal. Dabei könnte man es Conrad nicht verdenken, wenn er seine Erinnerungen verklären würde, doch glücklicherweise tappt er nicht in diese Falle. Er schildert viel mehr auf realistische Art und Weise den harten und entbehrungsreichen Alltag an Bord eines Schiffes und schöpft mit jeder Zeile aus seinen eigenen Erfahrungen.

Seine Protagonisten sind keine romantisch verklärten Helden. Die Zeit auf See fördert auch die dunklen Seiten zutage und so gibt es neben dem stoischen Seebären Singelton auch unsympathischen Figuren wie den Unruhestifter Donkin, der die Mannschaft zur Meuterei anstachelt, oder eben James Wait, der in seinem Todeskampf zu einem unangenehmen Zeitgenossen wird. Man könnte nun die Charaktere analysieren und James Wait zu einer tragenden Figur dieses Romanes erklären, aber ich glaube, dass dies gar nicht Conrads Absicht war. Ihm geht es nicht um den Einzelnen und darum ist Der Niemand von der Narcissus auch kein klassischer Abenteuerroman. Viel wichtiger ist es ihm darzulegen, wie die Besatzung auf all diese Einflüsse von innen und von außen reagiert, nämlich mit bedingungsloser Menschlichkeit und kameradschaftlichem Zusammenhalt unabhängig von Rang, Nation oder Hautfarbe, womit er letzten Endes auch die Essenz seiner Erfahrungen auf See einfängt.

Die poetische Kraft eines Victor Hugo

Zu diesem Zweck muss Conrad beständig zwischen Nah- und Fernperspektive springen, ohne durch einen auktorialen Erzähler die Bindung an die Narcissus zu verlieren. Dazu nutzt Conrad einen Ich Erzähler, der sich bis zum Schluss im Verborgenen hält, nicht aktiv in die Handlung eingreift, aber dennoch zur Besatzung gehört. Wie bereits beschrieben haben seine Worte eine nahezu poetische Kraft, die Widersprüchlichkeit des Meeres fängt er insbesondere in der Sturmpassage so gut ein wie Victor Hugo in Die Arbeiter des Meeres, einem der größten maritimen Romane unserer Zeit. Obwohl dieser Roman kein Abenteuerroman ist und sich oft in den Gedankengängen der Protagonisten und in Naturbeschreibungen verliert, so ist Joseph Conrad ein so guter Erzähler, dass sich der Leser auf jeder Seite an Bord der Narcissus wähnt und gebannt Seite um Seite weiterliest.

Józef Konrad Korzeniowski wurde 1857 im damaligen Polen geboren und lernte schon früh von seinem Vater die Liebe zur Literatur. Mit sechzehn Jahren wurde er Seemann und stieg im Laufe von 20 Jahren vom Schiffsjungen zum Kapitän auf. Quasi nebenbei erlangte er die britische Staatsbürgerschaft und veröffentlichte, nach dem durch Gelbfieber erzwungenen Ende seiner Seefahrtkarriere, zahlreiche Romane in englischer Sprache. Er selber bestätigt auch, das zahlreiche Charaktere der Narcissus ihre realen Vorbilder haben und auch eine Überfahrt von Bombay nach Europa gehört zu seinen eigenen Erfahrungen.

Ein kontroverser Titel

Joseph Conrads Wunschtitel für diesen Roman war The Nigger of the Narcissus und dieser war schon damals ein rassistischer Titel. Das mag auch der Grund sein, warum sein dritter Roman im Schatten seiner anderen Werke steht. Der renommierte Übersetzer Mirko Bonné entschied sich bei seiner Arbeit dazu, im Titel Nigger durch Niemand zu ersetzen und den Begriff an fast allen Stellen durch Schwarze zu ersetzen. Diese Stellen sind jedoch in den Anmerkungen hervorgehoben und durch die Originalfassung ergänzt. Ich halte dieses Vorgehen für nachvollziehbar und richtig. Nicht nur ist Niemand ein auch schon inhaltlich überlegener und eleganterer Begriff. Viel wichtiger ist, dass der neue Titel die Hemmungen vor der Lektüre dieses Romans nimmt und eine sachliche Diskussion ermöglicht.

Joseph Conrad war durch und durch Seemann und sein Fokus lag auf der Schilderung des Lebens der Seefahrer. Ein rauer und nicht unbedingt politisch korrekter Umgangston gehört(e) zum Alltag eines Seemannes – eine Erfahrung, die auch er selbst machen musste, wurde er doch auf See auch als Polish Joe bezeichnet. Ich glaube also nicht, dass die Verwendung dieses rassistischen Begriffes rassistisch motiviert war, sondern nur der realistischen Darstellung des Bordalltags diente. Ein weiteres Zeichen dafür ist die Häufigkeit des Wortes Nigger. Während James Wait vor allen zu Beginn so bezeichnet wird, so nimmt diese Häufigkeit parallel zu seiner fortschreitenden Integration an Bord ab, bis schließlich aus dem Nigger der Seemann James Wait oder Jimmy wird. Das solche tiefgreifenden Änderungen dennoch für Unmut sorgen, kann ich nachempfinden, in diesem speziellen Fall halte ich diese aber für nachvollziehbar und begrüße sie sogar.

Für Liebhaber der Buchkunst

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Fazit

Der Niemand von der Narcissus ist kein Abenteuerroman, sondern ein Denkmal für die einfachen Seeleute, die auf See ununterbrochen mit existentiellen Fragen konfrontiert sind und sich unabhängig von Rang, Hautfarbe und Religion ihre Würde und Menschlichkeit bewahren. Mirko Bonnés Übersetzung ermöglicht es diesem Roman, aus dem Schattendasein heraus zu treten und seinen Platz in der Literaturgeschichte einzunehmen.


Autor: Joseph Conrad

Titel: Der Niemand von der Narcissus

Seiten: 256

Erscheinungsdatum: 1897

ISBN: 9783866486126

Verlag: Mare Verlag

Übersetzer: Mirko Bonné

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