Jack Vance – Die Tschai Reihe

Jack Vance – Tschai

Die Tschai Reihe (Planet of Adventures) ist ein klassisches Planetenabenteuer des von mir hoch geschätzten Jack Vance und erschien in einer Hochphase seines Schaffens. Doch kann dieser Vierteiler mit anderen Werken dieser Zeit, allen voran den Dämonenprinzen oder Emphyrio, mithalten?

Eine atemberaubende Odyssee

Die Tschai Reihe umfasst die vier Romane Die Khusch, Die Wannek, Die Dirdir und Die Pnume. Sie bauen aufeinander auf und haben keinerlei inhaltlichen Bezug zu anderen Werken von Jack Vance. Zu Beginn folgt ein Erdenschiff einem Signal, das vom Planeten Tschai stammt. Doch schon kurz nach der Ankunft wird das Mutterschiff zerstört und nur der Kundschafter Adam Reith überlebt den Angriff. Sein Ziel ist es nun, diesen Planeten so schnell wie möglich zu verlassen, was sich als denkbar schwierig gestaltet. Auf dem Planeten Tschai dominieren vier sehr unterschiedliche intelligente Rassen: die Khusch, die Wannek, die Dirdir und die Pnume. Jedes dieser Völker hält sich Menschen als Sklaven und Arbeiter, und im Laufe der Jahrtausende passten sich diese ihren Herrschervölkern an. Daneben existieren noch viele weitere menschenähnliche Gruppierungen, die im Schatten der vier herrschenden Völker existieren. Auf seiner Suche nach einem Ausweg lernt Adam Reith die verschiedenen Kulturen kennen, gerät in viele gefährliche Situationen, gewinnt Verbündete und versucht den versklavten Menschenvölkern eine neue Perspektive zu geben.

Als Leser folgen wir dem Kundschafter Adam Reith, dessen Ziel es ist, Tschai möglichst schnell zu verlassen. Er befürchtet nämlich, dass die hoch entwickelten außerirdischen Rassen eine Bedrohung für die Erde darstellen könnten. Im Zuge seiner Bemühungen bereist er den ganzen Planeten und lernt eine Vielzahl an Kulturen kennen. Dabei muss er sich in einem atemberaubenden Tempo durch unterschiedliche und abwechslungsreiche Szenarien kämpfen, ob in der Wüste, auf See, auf Basaren oder sogar in unterirdischen Tunnelsystemen. Typisch für einen Vance Protagonisten erkennt Adam Reith die Unterdrückung der Menschen in dieser Welt und versucht, soweit es nicht sein eigentliches Ziel gefährdet, dagegen anzukämpfen. Dies gelingt ihm jedoch nur punktuell, meist schafft er es nicht einmal andere davon zu überzeugen, dass es die Erde wirklich gibt.

Die faszinierende Schöpfungskraft des Jack Vance

Jack Vance veröffentlichte die Tschai Romane zwischen den Jahren 1968 und 1970 und damit zu einer Hochphase seines Schaffens, in der etwa drei Dämonenprinzen Romane, Emphyrio oder auch Der azurne Planet erschienen. Und in vielerlei Hinsicht findet der Leser in diesen Romanen die Motive und Erfolgsfaktoren seiner bekannten Werke. Da wäre zum einen das oft verwendete Motiv des Außenseiters, der in eine fremde Gesellschaft eindringt und sie zumindest ein Stück weit verändert oder etwa die fantasievolle Schilderung exotischer Kulturen und Gesellschaftsformen.

Das Ersinnen von fremden Kulturen war schon immer eine Stärke von Vance, aber die vielseitige und komplexe Gesellschaft, die er hier entwirft, ist in diesem Umfang sogar für diesen Schriftsteller beachtlich. Jack Vance hat es geschafft, in den Tschai Romanen das farbenprächtige Panorama eines ganzen Planeten zu erschaffen. Vance Ideenreichtum und dessen Umsetzung tragen zu einem großen Teil zum Lesevergnügen bei und fesseln den Leser bis zur letzten Seite.

Adam Reith begegnet vier völlig unterschiedlichen außerirdischen Rassen mit eigenen Sitten und Gebräuchen. In ihrem Umfeld hat sich ein wahres Ökosystem unterschiedlichster Gruppierungen gebildet. So halten sich die dominierenden Rassen Menschen als Sklaven, die sich im Laufe der Jahrhunderte körperlich und geistig an ihre Herrscher angepasst haben. Dies geschah auf recht unterschiedliche Art und Weise, etwa durch Gewalt, geistige Manipulation oder auch durch hormonelle Veränderungen mithilfe von Drogen. Die Sklavenrassen haben sich ihren Gebietern unterworfen, akzeptieren ihr Schicksal und eifern ihnen sogar nach. Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Völker und Stämme, die entweder versuchen, von ihnen zu profitieren oder ihre Nähe meiden, um sich eine gewisse Unabhängigkeit wahren.

Wenn da nicht Adam Reith wäre…

Der aufmerksame Leser wird feststellen, dass die einzelnen Romane recht kurz sind und somit zwangsläufig der eine oder andere Aspekt unter der umfangreichen Schilderung der unzähligen Völker leiden muss. Dies trifft vor allem auf die Charaktere zu, eigentlich eine Stärke in Vance Werken.

Es ist bedauerlich, dass ausgerechnet die Hauptfigur Adam Reith in den ersten drei Romanen recht blass bleibt und gar keine Entwicklung durchlebt. Obwohl er viele unterschiedliche Lebensweisen kennenlernt und so manche Prüfung bestehen muss, ist bei ihm keine Entwicklung feststellbar. In vielerlei Hinsicht ist er ein klassischer Action Held, der einen Ausweg aus jeder Situation findet und für jedes Problem gewappnet ist. Viele Konflikte werden deswegen auch auf den für den Leser höchst unbefriedigende Art und Weise mit der Brechstange gelöst. So versucht er etwa im dritten Band an Geld für den Bau eines Raumschiffes zu gelangen und findet sich in Carabas wieder. Dort schürfen Schatzjäger nach wertvollen Diamanten und es ist möglich, ein kleines Vermögen anzuhäufen. Natürlich ist das ganze Unterfangen nicht ungefährlich, da das Volk der Dirdir im selben Gebiet regelmäßig Jagd auf Menschen macht und nur wenige Glücksjäger lebend zurückkehren. Hunderte Seiten lang entwirft Vance ein spannendes und stimmiges Szenario mit vorbildlichen Spannungsaufbau, nur damit Adam Reith das Problem auf recht plumpe Art und Weise lösen kann. Erst im vierten Band, im Höhlensystem der Pnume, kann der Leser eine Entwicklung und das Herauslösen aus Stereotypen bei Reith beobachten.

Weitere Perspektiven hätten dem Roman gut getan

Seine Ziele kann Reith auf dem Planeten natürlich nicht alleine erreichen und so schließen sich ihm im Laufe der Handlung zahlreiche Charaktere an, etwa der hitzköpfige Nomadenhäuptling Traz oder der ausgestoßene Intellektuelle Anacho. Leider bleiben sie die gesamte Handlung über nur Statisten und Lückenfüller, da wir die Handlung nur aus Adam Reiths Perspektive erleben. Dabei würden gerade diese beiden gegensätzlichen Charaktere Potential für mehr Abwechslung bieten und andere Blickwinkel eröffnen.

Vance Beschreibungen leben von Wechselspiel von Oberfläche und Detail. Bei seinen Beschreibungen lässt er auch bewusst Lücken und deutet viele Dinge nur an, die der Leser mit seiner eigenen Vorstellungskraft füllen muss. Ein essentieller Bestandteil der Leseerfahrung ist somit auch immer die eigene Fantasie. So kann dieses Buch auch trotz schwacher Charaktere begeistern, die Seiten fliegen gerade zu und bieten bis auf einige unbefriedigende Lösungen gute Unterhaltung.

Jack Vance in einer (beinahe) angemessenen Ausgabe

Die Ausgaben der Edition Andreas Irle sind wieder einmal gut gelungen. Die Bücher sind in gelben Leinen gebunden, besitzen eine Goldprägung, Fadenheftung und eine gute Papierqualität. Als Vorsatz- bzw. Nachsatzpapier ist eine Karte des Planeten abgedruckt, die bei der Orientierung hilft, aber darüber hinaus wenig künstlerischen Wert bietet. Leider fehlt auch hier ein Leseband, was aber aufgrund der Kürze der Romane noch verkraftbar ist. Die Leinenausgaben sind auf jeweils 150 Exemplare limitiert und Stand heute (September 2021) noch lieferbar, deutlich günstiger sind die E-Book Ausgaben des Spatterlight Verlages.

Fazit

Die Tschai Romane von Jack Vance sind wahre Pageturner, die für viele Stunden gute Unterhaltung bieten. Ein Genuss für jeden, der sich für Kreativität und Sprache begeistern lassen kann!


Autor: Jack Vance

Titel: Die Khasch – Die Wannek – Die Dirdir – Die Pnume

Seiten: 195 – 185 – 178 – 171

Erscheinungsdatum: 1968-1970

ISBN:

Verlag: Edition Andreas Irle

Übersetzer: Andreas Irle

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