Jack Vance - Clarges

Jack Vance – Clarges

Clarges zählt zu den Frühwerken des hierzulande leider immer noch viel zu unbekannten Jack Vance und deutet bereits an, was die großen Werke dieses Schriftstellers ausmachen.

Wenn der Fortschritt den Tod obsolet macht

Clarges ist die letzte zivilisierte Metropole eines Planeten, auf dem der technische Fortschritt den Tod obsolet gemacht hat. Dies führte zu Hass und Neid – Kriege und Hunger folgten. Die Überlebenden von Clarges stellten neue Regeln für eine Art Spiel auf, die sowohl die Bevölkerungsanzahl unter Kontrolle halten, als auch den Zugang zum unendlichen Leben ermöglichen sollten. Jeder Mensch, der freiwillig an diesem Wettbewerb teilnimmt, bekommt eine vorgeschriebene Lebenszeit und kann sich darüber hinaus durch öffentliche Arbeit in jeglichen Bereichen stufenweise Lebensjahre hinzuverdienen.

Die letzte Stufe – nur von den wenigsten je erreicht – bedeutet das unendliche Leben. Sollte man hingegen in einer Stufe feststecken und keine Fortschritte mehr machen, wird man nach Ablauf der vorgeschriebenen Lebenszeit umgebracht. Die Hauptfigur Gavin Waylock hat die höchste Stufe bereits erreicht, doch ein Zwischenfall zwingt ihn vor der Öffentlichkeit zu fliehen. Nach einigen Jahren im Untergrund entschließt er sich erneut das Spiel um das ewige Leben zu beginnen, doch seine Vergangenheit soll ihn bald wieder einholen…

In Deutschland in der Bedeutungslosigkeit versunken

Jack Vance ist völlig zu Unrecht in Deutschland kaum bekannt, gilt er doch in weiten Teilen der Welt als großer Wortkünstler und als einer der besten Science-Fiction Autoren überhaupt. Auch wenn Clarges sicher nicht zu seinen besten zehn Werken gehört, so ist er dennoch ein unterhaltsamer Science Fiction Roman, der vieles enthält, was Jack Vance ausmacht. Dieser hat eine kreative Geschichte rund um die Unsterblichkeitsproblematik gefunden und spinnt den Faden von Anfang bis Ende logisch weiter.

Der alltägliche Kampf um das ewige Leben

Da die Unsterblichkeit für die meisten Menschen das erstrebenswerteste Ziel ist, legen sie ihren ganzen Fokus auf eben dieses Ziel und vernachlässigen alles andere. Ihr Alltag besteht aus Arbeit, Schlaf und dem Erwerb von zweckdienlichen Fähigkeiten. Zeit für Hobbys oder Müßiggang bleibt den meisten Menschen nicht, schließlich will keine Zeit verschwendet werden, wenn Millionen Menschen um einige wenige hundert Stellen als Unsterbliche kämpfen. Auf diesem Weg betreten sie ausgetretene Pfade, bevorzugt engagieren sie sich in Bereiche, die den schnellsten Aufstieg versprechen. Diese Lebensweise birgt auch seine Schattenseiten. Nachvollziehbarer Weise bleiben viele Millionen Menschen dabei auf der Strecke. Druck lassen sie etwa in Carnevalle ab, einer Art Las Vegas , dass Zerstreuungen aller Art bietet, doch auch dies ist keine langfristige Lösung. Viele Menschen verzweifeln, die Irrenhäuser von Clarges sind überfüllt und es werden täglich voller. Auf den Straßen stellen immer mehr Menschen das System in Frage und organisieren sich in Widerstandsgruppierungen. Die Situation in Clarges wird immer angespannter.

Zu genau dieser Zeit setzt die Romanhandlung ein, die bestimmt wird vom klassischen Vance-Motiv vom Kampf des einzelnen gegen eine Übermacht, welches aber leider nicht ganz so stark funktioniert wie etwa in seinen Romanen Emphyrio oder Der azurne Planet.

Ein schwacher Protagonist

Das liegt vor allem an den schwachen Charakteren, die sich der Handlung unterwerfen müssen und recht blass bleiben. Insbesondere die Hauptfigur Waylock besitzt zwar eine interessante Hintergrundgeschichte, kann aber keine Sympathien wecken. Sein einziges Ziel ist der erneute Aufstieg. Rachegedanken, die mehr als nur verständlich wären, sind bei ihm nur ansatzweise vorhanden. Und dafür, dass er in Clarges als Monster gilt, gibt es ebenfalls keine Anzeichen. Andere Charaktere begehen ähnliche Straftaten wie er und werden nicht annähernd so hart bestraft. Die restlichen Charaktere sind auch nicht viel mehr als Statisten mit zweifelhaften Motiven und nicht nachvollziehbaren Handlungen.

Die Sprache als Stützpfeiler

Das alles ändert nichts daran, dass Jack Vance der geborene Geschichtenerzähler ist und vor allem von seiner einfachen und dennoch fantasievollen Sprache lebt. Als Ausgangspunkt dienen ihm mehrere Sprachen, die er vermischt und neue geformte Worte, die einen bekannten Klang haben, wie Palliatorium statt Psychatrie oder nutzt nur halbwegs erklärte Begriffe wie Phyle, Heptant oder Aquefakte. Dieses vage Andeuten sorgt dafür, dass der Leser dahinter viel mehr vermutet, dass er gerade nur den Bruchteil von etwas gesehen hat und sofort werden Phantasiegebilde vor den Augen des Lesers erschaffen. Es ist faszinierend und entschädigt sogar für die schwachen Charaktere, wie er durch wenige Worte ganze Geschichten verändern kann.

Eine Liebhaberausgabe für Jack Vance Fans

Erschienen ist der Roman in der Edition Andreas Irle, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, dass ganze Schaffen von Jack Vance in limitierten, hochwertigen Ausgaben herauszugeben. Dazu gehört eine Fadenheftung genauso wie ein hellgrüner Leineneinband und dickes, stabiles Papier. Leider fehlt ein Leseband und auch ein Anhang oder zumindest ein Nachwort mit weiterführenden Informationen zur Entstehungsgeschichte oder Wirkung. Ursprünglich lautete der Originaltitel To Live Forever, erst die Vance Integral Edition setzte die Umbenennung zu Clarges durch, die auch Andreas Irle beibehält.

Fazit

In Clarges hat Jack Vance sicher noch nicht den Höhepunkt seines Schreibens erreicht, dennoch kann man schon erahnen, was einen Vance Roman ausmacht. Wer noch nie etwas von Jack Vance gelesen hat, sollte mit einem anderen Werk beginnen, Fans werden sich dennoch an der grundlegenden Idee und seiner lebendigen Sprache erfreuen.


Autor: Jack Vance

Titel: Clarges

Seiten: 255

Erscheinungsdatum: 1956

ISBN: 9783936922226

Verlag: Edition Andreas Irle

Übersetzer: Andreas Irle

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