Auf einer Holzfläche liegt ein Buch mit dem Titel „Schöne Neue Welt“ von Aldous Huxley. Auf dem Cover ist eine Stadtansicht abgebildet, aus deren Hintergrund Strahlen hervorgehen.

Schöne neue Welt

von Aldous Huxley


17.12.2021

  • Phantastik

Aldous Huxleys Roman Schöne neue Welt (1932) gilt als Klassiker der dystopischen Literatur und ist schon seit Jahren Bestandteil des Unterrichts an deutschen Schulen.

Erschreckende Zukunftsvision

Die Menschen haben sich schon lange von Zielen und Träumen verabschiedet und geben sich ganz dem Hedonismus hin. Eine totalitäre Weltregierung kontrolliert jeden Aspekt ihres Lebens. Natürliche Geburten gelten gesellschaftlich als verpönt, Fabriken sind das Mittel der Wahl.

Dabei werden die Menschen von Anfang an in fünf Klassen (Kasten) eingeteilt, die ihr weiteres Leben bestimmen. So werden etwa hochrangige Alphas genetisch verbessert, während niedere Deltas und Epsilons mit Sauerstoffentzug und Alkohol absichtlich klein gehalten werden.

Verloren in der schönen Neuen Welt

Der Psychologe Bernard Marx ist ein Außenseiter. Eigentlich gehört er der Oberschicht an, doch aufgrund eines Produktionsfehlers leidet er an Kleinwüchsigkeit. Gerade dies sorgt dafür, dass er das System hinterfragt. Bei einem Urlaub im Indianerreservat – einem Ort, an dem Menschen auf natürliche Weise geboren werden – entdeckt er John. Johns Mutter gehört der Beta-Klasse an und war selbst einst Touristin.

Doch ein Unfall zwang sie, im Reservat zu bleiben und ihren Sohn ohne die üblichen Konditionierungsmaßnahmen aufzuziehen. Bernard nimmt John zurück nach London und führt ihn als Kuriosität vor. Während er sich als Entdecker im Ruhm sonnt, ist John von Tag zu Tag angewiderter von der Oberflächlichkeit und Bedeutungslosigkeit der Gesellschaft. Immer weiter frisst er seine Frustration in sich hinein, bis er zu explodieren droht.

Freiwillige Knechtschaft

Als Aldous Huxley seinen Roman 1932 veröffentlichte, war er sich sicher, dass seine Zukunftsvision – wenn überhaupt – noch viele hundert Jahre entfernt lag. Er konnte nicht ahnen, wie schnell wir uns annähern würden. Im Gegensatz zu anderen bekannten Dystopien ist die Unterdrückung hier viel subtiler. Den Menschen wird vordergründig nichts weggenommen – im Gegenteil. Sex, Drogen und Arbeit erhalten sie problemlos.

Alle Bedürfnisse werden sofort gestillt – notfalls hilft die Droge Soma. So kommen sie gar nicht erst auf die Idee, ihren Lebensstil zu hinterfragen. Den größten Teil widmet Huxley der detaillierten Schilderung seiner dystopischen Gesellschaft und verzichtet weitestgehend auf Werturteile. Die geneigte Leserin soll den Schrecken dieser Ordnung und ihre Auswirkungen auf den einzelnen Menschen eigenständig erfassen.

Unerhebliche Schwächen

Die Handlung erweist sich hingegen als erstaunlich unspektakulär und an vielen Stellen nicht ganz durchdacht. Oft endet eine potentielle Spannungskurve abrupt und wird nicht weitergeführt und nicht jede Entwicklung ist logisch nachvollziehbar. Auch fehlt dem Roman ein Protagonist, der die Geschichte tragen kann. Huxley bedient sich verschiedener Figuren, die allesamt zu wenig Raum bekommen. 

Am ehesten kann John überzeugen, der als Außenseiter Identifikationspotential aufweist. Aber Huxley benötigt ohnehin keine starken Figuren oder einen nachvollziehbaren Plot, er lebt von der Idee einer hedonistischen Konsumgesellschaft. Er schafft das, was die wenigsten Schriftsteller schaffen: Wir Leser sind gezwungen, uns eigene Gedanken zu machen. Und das allein reicht aus, um den Roman zu tragen.

Wunderschöne Illustrationen von Reinhard Kleist

Die Ausgabe aus dem Fischer Verlag ist äußerst gelungen. Neben dem stabilen Einband und dem Leseband erwartet uns eine Fadenheftung. Für Begeisterung sorgen die Illustrationen des Künstlers Reinhard Kleist. Kleist illustriert nicht einfach die Handlung, sondern transportiert die Zeichnungen in unsere Gegenwart. Im Hintergrund finden sich etwa Reklametafeln bekannter Firmen und die Menschen nutzen Smartphones.

Das Buch wurde von Uda Strätling übersetzt, die viele Missetaten ihrer Vorgänger ausräumte. Diese verlegten teilweise die Handlung von London nach Berlin und gaben den Protagonisten deutsche Namen. Auch wurden einige Slogans und Begriffe so angepasst, dass sie dem heutigen Sprachgebrauch entsprechen. Den Roman schließt ein Nachwort Huxleys aus dem Jahre 1942 ab.

Pro/Contra

Pro
  • Erschreckend realistische Zukunftsvision
  • Zwingt den Leser zum Nachdenken
  • Hervorragende Illustrationen von Kleist
Contra
  • Die Handlung ist erstaunlich unspektakulär
  • Fehlender Fokus auf die Charaktere

Fazit


Schöne neue Welt ist eine erschreckend aktuelle Dystopie, die bis heute nichts von ihrer Kraft verloren hat. Reinhard Kleists Illustrationen ergänzen diesen Band hervorragend und fügen dem Roman eine neue Dimension hinzu.

autor: Aldous Huxley

Titel: Schöne neue Welt

Seiten: 352

Erscheinungsdatum: 1932

Verlag: S. Fischer Verlag

ISBN: 9783103900088

Übersetzerin: Uda Strätling

illustrator: Reinhard Kleist

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Liegeradler
03.11.2023 07:52

Ich möchte anmerken, dass Huxley und Orwell sich von Jewgeni Samjatins Dystopie „Wir“ (bereits 1920) großzügig „inspirieren“ ließen…

Eugen
04.11.2023 05:50
Antwort an  Liegeradler

Vielen Dank für den Hinweis – einer ersten Inhaltsangabe folgend erkenne ich auf jeden Fall die Überschneidungen. Ich nehme „Wir“ gleich mal auf meiner verlängerte Leseliste auf!