Buch Frontalansicht Huxley Schöne neue Welt

Aldous Huxley – Schöne neue Welt

Aldous Huxleys 1932 erschienener Roman Schöne neue Welt bedarf keiner besonderen Vorstellung, gilt er doch neben George Orwells 1984 als Klassiker der dystopischen Literatur und ist schon seit Jahren Bestandteil des Lehrstoffs an deutschen Schulen.

Eine erschreckende Zukunftsvision

In Huxleys Schöner neuer Welt haben sich die Menschheit schon lange von großen Zielen und Träumen verabschiedet und sich voll und ganz dem Hedonismus hingegeben. Der größte Teil der Weltbevölkerung steht unter Kontrolle einer totalitären Regierung, die jeden Aspekt ihres Lebens kontrolliert. Das beginnt bereits damit, dass natürliche Geburten gesellschaftlich geächtet werden und die menschliche Reproduktion hauptsächlich in Fabriken stattfindet. Dabei werden die Menschen von Anfang an in fünf Klassen (Kasten) eingeteilt, die ihr weiteres Leben bestimmen.

Abhängig von der Kaste werden an den Embryonen künstliche Veränderungen vorgenommen, so werden etwa die hochrangigen Alphas genetisch verbessert, während die niederen Deltas und Epsilons mit Sauerstoffentzug und Alkohol absichtlich klein gehalten werden. Im weiteren Verlauf werden die Menschen durch Suggestion so konditioniert, dass sie mit ihrem Leben und den gesellschaftlichen Verhältnissen glücklich sind.

Verloren in der schönen neuen Welt

Der Psychologe Bernard Marx lebt ungewollt als Außenseiter in dieser schönen neuen Welt. Eigentlich gehört er als Alpha der Oberschicht an, doch aufgrund eines Produktionsfehlers leidet er unter Kleinwüchsigkeit und wird weder von den oberen noch von den unteren Klassen anerkannt. Doch gerade sein dadurch entstandener Minderwertigkeitskomplex sorgt dafür, dass er das System zu hinterfragen beginnt.

Bei einem Urlaub in einem Indianerreservat – einen Ort, in dem Menschen noch auf natürliche Weise geboren werden – entdeckt er John. Johns Mutter gehört eigentlich der Beta-Klasse an und war selber einst Touristin, doch ein Unfall zwang sie, im Reservat zu bleiben und ihren Sohn ohne die üblichen Konditionierungsmaßnahmen aufzuziehen.

Bernard nimmt John zurück nach London und führt ihn dort der oberen Gesellschaftsschicht als Kuriosität vor. Während Bernard sich als Entdecker im Ruhm sonnt und sich in einen Sumpf aus Sex und Drogen stürzt, ist John von Tag zu Tag angewiderter von der Oberflächlichkeit und Bedeutungslosigkeit der Gesellschaft, die so gar nicht seinen eigenen Werten und Vorstellungen entspricht. Immer weiter frisst er seine Frustration in sich hinein, bis er zu explodieren droht …

Die freiwillige Knechtschaft der Menschheit

Als Aldous Huxley seinen Roman 1932 veröffentlichte, war er sich sicher, dass diese Zukunftsvision – wenn überhaupt – noch viele hundert Jahre vor uns liegt. Er konnte nicht ahnen, wie schnell wir uns seinem Roman annähern würden.

Während viele Dystopien wie etwa Orwells 1984 oder Moores V wie Vendetta den Staat als gewalttätigen Unterdrücker schildern, ist die Art der Unterdrückung in Schöne neue Welt viel subtiler. Den Menschen wird vordergründig nichts weggenommen – im Gegenteil. Sex, Drogen und Arbeit (und damit auch einen Existenzgrund) erhalten die Bewohner der neuen Welt problemlos. Lästige Probleme wie Kinder oder Partnerschaften existieren gar nicht, vielmehr gelten Naturgeburten und feste Partnerschaften als sittenwidrig. Die obersten Prämissen des Staates sind Stabilität und Gemeinschaft, für ein Individuum bleibt dabei kein Platz.

In seiner Dystopie sind aus Dichtern und Denkern reine Konsumenten geworden, die gerade dadurch unterdrückt werden, dass all ihre vordergründigen Bedürfnisse sofort gestillt werden.

Wenn Sie die die Angelegenheit einmal ganz nüchtern betrachten, Mr Froster, werden sie einsehen, dass kein Vergehen so ruchlos ist wie unorthodoxes Verhalten. Mord tötet nur einen – und was ist schon der Einzelne? (…) Unorthodoxie aber bedroht mehr als den Einzelnen, sie trifft die Gesellschaft als solche.

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Ihr permanent glücklicher Zustand bewirkt, dass sie gar nicht erst ihren Lebensstil hinterfragen und in den seltenen Fällen, in denen so etwas wie Unzufriedenheit auftreten könnte, hilft die Droge Soma, diesen unerwünschten Zustand schnell wieder abzulegen.

Huxley verzichtet auf den erhobenen Zeigefinger

Den größten Teil des Romans widmet Huxley dabei der detaillierten Schilderung seiner dystopische Gesellschaft und verzichtet dabei weitestgehend auf Werturteile. Der Leser soll den gesamten Schrecken dieser Gesellschaftsordnung und ihre Auswirkungen auf den einzelnen Menschen erfassen und braucht dafür keinen literarischen erhobenen Zeigefinger. Seine Welt fühlt sich erschreckend real an und reißt den Leser so sehr mit, dass man dem Autor auch gerne einige Schwächen in der Handlung und der Ausgestaltung der Charaktere verzeiht.

Unerhebliche Schwächen im Plot

Die Handlung erweist sich nämlich als erstaunlich unspektakulär und an vielen Stellen nicht ganz durchdacht, oft endet eine potentielle Spannungskurve ganz abrupt und wird nicht weiter geführt und nicht jede Entwicklung ist logisch nachvollziehbar. Dass man die Handlung zumindest ein Stück weit vorhersagen kann, ist dabei noch geschenkt, schließlich diente dieser Roman als Vorbild für viele dystopische Romane und Filme, die vor einigen Jahren einen regelrechten Hype erlebten.

Kein Raum für starke Charaktere

Auch fehlt dem Roman ein Protagonist, der die Geschichte tragen kann. Anstatt sich auf eine Figur zu fokussieren, führt er eine Reihe von Protagonisten ein, die allesamt viel Potential besitzen, aber vom Autor nicht ausreichend Platz eingeräumt bekommen. Am ehesten kann noch John überzeugen, der als Außenseiter zumindest ein wenig Identifikationspotential für den Leser bietet.

Aber Huxleys Roman braucht auch keine starken Figuren oder einen hundert Prozent nachvollziehbaren Plot, er lebt von der Idee einer hedonistischen Konsumgesellschaft, die erschreckende Parallelen zu unserer heutigen Zeit aufweist. Huxley schafft mit seinem Roman das, was die wenigsten Schriftsteller schaffen: Er zwingt den Leser dazu, sich seine eigenen Gedanken zu machen und das alleine reicht aus, um den ganzen Roman zu tragen.

Wunderschöne Illustrationen von Reinhard Kleist

Ich kann vor der Ausgabe aus dem Fischer Verlag nur meinen Hut ziehen. Neben dem stabilen Einband, einem Leseband, und dem farblich abgestimmten Kapitalband und ist das Buch natürlich fadengeheftet. Handwerklich kann das Buch also überzeugen, für Begeisterung sorgen allerdings die Illustrationen des Künstlers Reinhard Kleist, die sich im ganzen Buch wiederfinden lassen. Ich bin ein großer Fan seiner reduzierten und kräftigen Zeichnungen. Kleist illustriert dabei nicht einfach die Handlung, sondern transportiert die Zeichnungen in unsere Gegenwart und gibt den Bewohner der schönen neuen Welt beispielsweise Smartphones in die Hand. Im Hintergrund finden sich Reklametafeln vieler bekannter deutscher Firmen. Allein schon die künstlerischen Interpretationen von Kleist rechtfertigen den Kauf dieser Ausgabe.

Das Buch wurde von Uda Strätling übersetzt, die viele Missetaten ihrer Vorgänger ausräumte. Diese verlegten teilweise sogar die Handlung von London nach Berlin und gaben den Protagonisten deutsche Namen. Auch wurden einige Slogans und Begriffe so angepasst, dass sie dem heutigen Sprachgebrauch entsprechen.

Außerdem finden wir im Anhang noch ein Nachwort Huxleys aus dem Jahre 1942, in dem er ausgehend von der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung über mögliche Änderungen an seinem Roman nachdenkt und dabei spannende Ideen entwickelt.

Fazit

Schöne neue Welt ist eine erschreckend aktuelle Dystopie, die bis heute nichts von ihrer Kraft verloren hat. Reinhard Kleists Illustrationen ergänzen diesen Band hervorragend und fügen dem Roman eine neue Dimension hinzu.


Autor: Aldous Huxley

Titel: Schöne neue Welt

Seiten: 352

Erscheinungsdatum: 1932

ISBN: 9783103900088

Verlag: S.Fischer

Übersetzerin: Uda Strätling

Illustrator: Reinhard Kleist

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