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Showboot-Welt

von Jack Vance


03.03.2023

  • Science-Fiction

1975 kehrt Jack Vance mit Showboot-Welt nach mehr als zwanzig Jahren auf den Großplaneten zurück. Gelingt ihm dieser gewagte Schritt?

Rückkehr nach Großplanet

Dem aufmerksamen Leser dürfte Großplanet noch als Schauplatz des gleichnamigen Frühwerks des amerikanischen Schriftstellers bekannt sein. Die wichtigsten Informationen noch einmal vorweg: Großplanet besitzt das dreißigfache Volumen der Erde und ist aufgrund der nur sehr geringen Erz-Vorkommen für technologisch fortgeschrittene Kulturen weitestgehend uninteressant. Diesen Umstand haben sich Minderheiten auf der Erde zunutze gemacht und auf diesem riesigen Planeten ihre eigenen Rückzugsorte gebildet.

Unsere Handlung konzentriert sich dieses Mal auf den riesigen Fluss Vissel, der bekannt ist für seine Showboote. Rein äußerlich dürfen wir uns diese als eine Art Mississippi Dampfer vorstellen, die den Fluss auf und ab fahren und die anliegenden Dörfer und Städte mit unterschiedlichsten Theater- und Show-Einlagen beglücken.

Wir folgen dabei dem erfolgreichen Showboot-Besitzer Apollon Zamp, der für die freizügigen und spektakulären Showeinlagen an Bord seiner Miraldras Verzauberung bekannt ist. Als das ferne Königreich Mornune einen Wettbewerb ausruft, dessen Gewinner unvorstellbarer Reichtum erwartet, schafft er es tatsächlich, sich für die Endrunde zu qualifizieren. Unglücklicherweise wird sein Schiff jedoch kurz darauf von einem Konkurrenten zerstört.

Ihm bleibt keine andere Wahl, als ausgerechnet mit dem konservativen Museumsboot-Besitzer Throdorus Gassoon zusammen zu arbeiten. Das Problem: Gassoon besteht auf die realistische Darstellung des alten Erdentheaterstücks Macbeth. Können sich die beiden gegensätzlichen Charaktere zusammenraufen und den Sieg erringen? Und was für eine Rolle spielt die geheimnisvolle Damsel Blanche-Aster?

Neuausrichtung

Als ich herausfand, dass dieser Roman wieder auf dem Großplaneten spielt, war ich zunächst skeptisch. Der Planet an sich bietet zwar die ideale Ausgangslage für ein farbenprächtiges Vance-Abenteuer, jedoch war die Umsetzung im ersten Teil mehr als nur holprig. Glücklicherweise hat Showboot-Welt mit dem ersten Roman nicht viel mehr als den Planeten gemeinsam und kann völlig unabhängig davon gelesen werden.

Zwischen Oberfläche und Detail

Im Mittelpunkt stehen dabei die sogenannten Showboote, im Grunde genommen Mississippi-Dampfer, die den gigantischen Fluss Vissel befahren und den Bewohnern Ablenkung vom zumeist harten und tristen Alltag bieten. Während einige Boote recht ernste Theaterstücke vorführen, bieten die meisten spektakuläre Show-Einlagen, die von Vance gebührend in Szene gesetzt werden.

Wie so oft muss ich dabei betonen, dass er sich dabei immer in einem Bereich zwischen Oberflächlichkeit und Detailverliebtheit bewegt. Während an einigen Stellen recht detaillierte Beschreibungen erfolgen, belässt er es an anderen Stellen bei der Verwendung von exotischen Begriffen, die allenfalls eine dürftige, oftmals aber auch gar keine Beschreibung erhalten. Ein passives Konsumieren des Romans ist somit unmöglich – es bleibt letztlich dem Leser überlassen, diesen Begriff mit Leben auszufüllen. Dieses von Jack Vance häufig gebrauchte Stilmittel regt zuverlässig die Vorstellungskraft des Lesers an und verleiht jedem Leseerlebnis eine subjektive Note.

Während dies grundsätzlich jedem Vance Roman gemein ist, hebt er diese Kunst in Showboot-Welt auf ein völlig neues Level. Nicht nur, dass wir Zeuge verschiedenster Showboot-Darbietungen werden. Der Entstehungsgeschichte von Großplanet geschuldet, unterscheiden sich die verschiedenen Dörfer und Städte entlang des Vissels grundlegend voneinander und erfordern von der Crew entsprechende Anpassungen. Diese erfolgen dabei nicht nur aufgrund wirtschaftlicher Erwägungen, sondern haben einen ernsten Hintergrund: Die Wahl eines unpassenden Kleidungsstücks oder einer falschen Farbe kann vom falschen Publikum als Beleidigung aufgefasst werden und handfeste Reaktionen hervorrufen, von denen ein schlagkräftiges Gemenge noch als milde Reaktion interpretiert werden kann.

Gemächlicher Humor

Vance behält dabei jedoch immer seinen humorvollen Erzählton bei und löst die entsprechenden Situationen mit ganz pragmatischen Mitteln wie einem Wasserschlauch, um das aufgebrachte Publikum von Bord zu spülen. Auch haben eigentlich ernste Themen wie die Sklaverei keine handfesten Konsequenzen, sodass wir uns als Leser ganz auf die Wunder der Showboot-Einlagen einlassen können.

Das Tempo der Erzählung ist dabei in den meisten Fällen recht gemächlich. Im Gegensatz zum Großplanet verweilen wir hier deutlich länger in den unterschiedlichsten Dörfern und Städten und können uns so länger an ihren Eigenheiten und Macken erfreuen. Garniert werden diese Begegnungen mit herrlichen, von Missverständnissen geprägten Dialogen, die den typischen Vance Witz und Esprit versprühen.

atypische Vance-Charaktere

Was die Charaktere betrifft, konzentriert sich die Handlung zu weiten Teilen auf Apollon Zamp, der so gar nicht dem typischen Vance-Helden entspricht. Während die meisten seiner Figuren Außenseiter darstellen, die sich in fremden Gefilden zurechtfinden müssen, stellt er einen Einheimischen dar, der sich bestens auf dem Vissel auskennt. Obwohl er durchaus auch mit Waffen umzugehen weiß, ist er kein waschechter Haudegen, sondern eher ein Genussmensch, der gutes Essen und Wein einem Abenteuer vorzieht.

Hohe künstlerische Ideale verfolgt er dabei nicht – er ist jederzeit dazu bereit, ein Stück völlig umzuschreiben, wenn es das jeweilige Publikum erfordert. Seine Mitarbeiter bezahlt er schlecht und am liebsten gar nicht und sein Verhalten gegenüber Frauen kann man mit viel Wohlwollen als rückständig bezeichnen. Dennoch können wir als Leser so etwas wie Sympathien für ihn aufbringen, handelt er doch niemals böswillig und entpuppt sich im Kern als umgängliche und zumindest unterhaltsame Figur.

Die anderen Figuren erhalten wesentlich weniger Auftritte, allenfalls der Museumsboot-Besitzer Throdorus Gassoon kann dabei hervorstechen. Er stellt das totale Gegenteil zu Apollon Zamp dar und verfolgt mit seinem Boot das Ziel, der Menschheit die Kultur der alten Erde näherzubringen. Es sorgt folgerichtig für einige Lacher, wenn diese beiden gegensätzlichen Ansichten aufeinandertreffen und etwa um die richtige Darbietung von Macbeth ringen…

Was bleibt?

Showboot-Welt von Jack Vance entpuppt sich daher für mich völlig überraschend als kleines Meisterwerk, dass sich wohltuend von den vielen anderen großartigen Werken des Autors abhebt. Wir haben es hier mit keinem planetenübergreifenden und actiongeladenen Sci-Fi-Kracher zu tun, sondern folgen einfach einer Akrobaten- und Theatercrew auf ihrer Reise durch einen Fluss und erfreuen uns an ihren kleineren und größeren Abenteuern. Der Roman sprüht dabei vor kreativen Ideen, herrlichen Dialogen und einer positiven und humorvollen Grundstimmung. Wer auf der Suche nach einem kurzweiligen und humorvollen Roman ist und dabei auf die ganz großen Abenteuer verzichten kann, ist hier genau richtig!

Leinenausgabe für Vance-Enthusiasten

Rein äußerlich handelt es sich um ein typisches Exemplar aus der Edition Andreas Irle. Andreas Irle, gleichzeitig der Übersetzer dieses Bandes, hat es sich zur Aufgabe gemacht, Jack Vance Romane in hochwertigen Kleinstauflagen zu veröffentlichen. Die Bände glänzen durch Leineneinbände, eine Fadenheftung und dickes und stabiles Papier – haben dafür aber auch ihren Preis. Umso betrüblicher ist daher auch das Fehlen eines Lesebandes. Wer also einen E-Reader sein Eigen nennt, könnte auch zur deutlich günstigeren E-Book-Version greifen, auch wenn dadurch natürlich das haptische Lesegefühl verloren geht.

Pro/Contra

Pro
  • ein Feuerwerk an kreativen Elementen!
  • faszinierende Verwendung von Sprache und Klang
  • humorvolles und ruhiges Abenteuer
Contra
  • /

Fazit


Es muss nicht immer die Rettung der Welt sein! Showboot-Welt von Jack Vance begeistert mit kreativen Ideen und Humor. Nicht nur für Vance-Fans ein Muss!

autor: Jack Vance

Titel: Showboot-Welt

Seiten: 210

Erscheinungsdatum: 1975

Verlag: Edition Andreas Irle

ISBN: 9783936922055

übersetzer: Andreas Irle

illustratorIn: –

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2 Kommentare
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Miss Booleana
20.03.2023 20:08

Interessant … Jack Vance flog bisher genauso komplett unter meinem Radar wie auch die Edition. Bis du Science-Fiction hast fallen lassen, konnte ich mir auch nicht so richtig vorstellen, welches Genre das nun ist. Ich meine … letzten Endes kann auch Slice of Life auf einem fremden Planeten spielen ohne Sci-Fi zu sein. Auch wenn das nicht immer so gehandhabt wird.

Eugen
25.03.2023 06:36
Antwort an  Miss Booleana

Showboot-Welt selbst könnte ohne Weiteres auch als reiner Fantasy-Roman durchgehen. Die Verbindung zum Sci-Fi-Genre ergibt sich hier nur lose aus den ersten Zeilen und dem Roman Großplanet (der sich eindeutig der Science-Fiction zuordnen lässt) – ohne Letzteren hätte ich wahrscheinlich auch meine Schwierigkeiten, diesen Roman einzuordnen.

Jack Vance bekommt in der deutschen Öffentlichkeit leider nicht die Aufmerksamkeit, die er in meinen Augen verdient hätte. Ich vermute, dass das zum einen daran liegt, dass er keine typischen Genre-Romane schreibt, sondern viel mit Klang und Sprache arbeitet und der Leser sich darauf einlassen und mitarbeiten muss – ein Risiko, dass wohl kaum ein Verlag eingehen möchte.

Zum anderen sind aus bibliophiler Hinsicht nur die deutschsprachigen Ausgaben der Edition Irle zu empfehlen – diese sind aber sehr teuer und stellen für einen Erstversuch ein zu hohes finanzielles Risiko dar. Die E-Book-Ausgaben wiederum haben – so ehrlich müssen wir sein – einfach nur hässliche Cover, die dem Inhalt der Bücher nicht einmal ansatzweise gerecht werden und animieren nicht gerade zum Kauf. 🤔