Gustave Flaubert – Lehrjahre der Männlichkeit

Gustave Flaubert – Lehrjahre der Männlichkeit

In Frankreich stehen Gustave Flauberts Lehrjahre der Männlichkeit (Èducation sentimentale) beinahe ebenbürtig neben Madame Bovary, in Deutschland hingegen kann man sich nicht einmal auf einen Titel einigen. Doch worum geht es eigentlich in diesem umfangreichen Roman?

Die Verlockungen des Geldes

Den junge Frederic Moreau zieht es 1840 nach Paris, um dort Jura zu studieren. Dies soll jedoch nur der Anfang sein, er hat große Ziele und als ihm sein Onkel ein kleines Vermögen vererbt, sind diese zum Greifen nahe. Die Welt scheint ihm offen zu stehen, doch schon bald hat ihn Paris in seinen Bann gezogen und gefangen zwischen Scharlatanen und bedeutungslosen Affären verliert er weit mehr als nur Geld.

Zu Beginn las ich den Roman mit der Erwartung, einen klassischen Bildungs- oder Entwicklungsroman vor mir zu haben, doch diese Erwartungen erwiesen sich als nicht zutreffend. Der Roman ist eine beißende Satire auf das Frankreich zwischen den Jahren 1840 und 1869 und zeichnet, ähnlich wie Stendhals Rot und Schwarz, das Panorama einer ganzen Epoche. Gustave Flaubert möchte die moralische Oberflächlichkeit seiner Generation zutage bringen und entlädt – mit einer ordentlichen Portion Ironie – seinen ganzen Frust über die politische und gesellschaftliche Entwicklung Frankreichs.

Menschen wie Fahnen im Wind

Die Handlung fokussiert sich hauptsächlich auf Frederic Moreau, doch ähnlich wie Julien Sorel ist er nur die Schnittstelle für eine Vielzahl an Charaktere. Da er reich, aber nicht adelig und ambitioniert, aber nicht besonders klug ist, kann er mit einer Vielzahl an Menschen aus allen erdenklichen gesellschaftlichen Schichten in Kontakt kommen und so Flaubert eine Bühne für seine Angriffe auf Papier bieten.

Frederic Moreau steht stellvertretend für viele junge Männer Frankreichs, die sich in den Wirren ihrer Zeit verloren fühlen und zum Spielball der moralisch Biegbaren werden. Er ist ein höchst unsympathischer Protagonist, dem alle Türen offen stehen und der dennoch keine Gelegenheit nutzen kann. Obwohl sich ihm zahlreiche Gelegenheiten bieten und Erfolge in der Kunst, im Journalismus, in er Politik und sogar in der Liebe durchaus greifbar sind, zögert er jedes Mal und trifft, auch aus einem Gefühl der allgemeinen Verunsicherung, falsche Entscheidungen. Ihm selber fehlt ein klares Ziel und so entwickelt er sich als Mensch in all den Jahren nicht weiter, sondern stolpert von Missgeschick zu Missgeschick.

Gerade sein desillusionierender Lebensweg dürfte bei den Lesern 1869 keine Begeisterung hervorgerufen haben, spiegelt er doch ein Stück weit ihr Leben wieder. Innerhalb von nicht einmal Hundert Jahren erlebte das Land mehrere revolutionäre und restaurative Phasen, die zu immer mehr Frust in der Bevölkerung geführt haben. Eine eigene politische Meinung ist ein rares Luxusgut und die Figuren und ihre Interaktionen bleiben an der Oberfläche, da die Oberfläche keine Angriffsfläche bietet. Der Roman zeigt auch sehr gut auf, dass nur diejenigen, die ihre Überzeugung flexibel handhaben, erfolgreich sein können. Letzten Endes sind es die Fähnchen im Wind, die von allen politischen Revolutionen profitieren und so ist es nicht verwunderlich, dass am Ende des Romans ein überzeugter Revolutionär zum Polizisten wird.

Kommerzieller Misserfolg mit Ankündigung

Gustave Flaubert sah den vermeintlichen Misserfolg seines Romans voraus und teilte dies, bereits im Jahre 1867, seiner Vertrauten George Sand in einem Brief mit. Er sollte Recht behalten, Verriss folgte auf Verriss, sein Roman wurde in der Presse gnadenlos niedergemacht und auch finanziell war der Roman kein großer Erfolg. Dies lag wohl vor allem daran, dass seine Zeitgenossen den Roman entweder gar nicht verstanden oder genau richtig verstanden haben. Ihnen gefiel nicht, mit welcher Präzision und auf welche desillusionierende Weise Flaubert ihnen die gesellschaftlichen Missstände aufzeigte. Der Hass der Kritiker auf Frederic war auch ihr Hass auf sich selber, die moralisch fragwürdigen, aber erfolgreichen Menschen waren sie selbst und zu diesem Eingeständnis wollten sie nicht kommen. Erst viele Jahrzehnte später und über den Umweg der sprachlichen Anerkennung sollte die Rehabilitation dieses großen Romans folgen.

Flaubert mit einem Auge fürs Detail

Wie schon in Madame Bovary kann Flaubert durch einen vielfältigen und detaillierten Stil begeistern, auch wenn die Sätze nicht die große sprachliche Kraft seines bekanntesten Romans erreichen. Es ist dennoch erstaunlich, was für einen enormen Aufwand der Autor für jede einzelne Zeile betrieb. Aus dem gut erhaltenen Briefwechsel geht hervor, dass er Kontakt zu zahlreichen Spezialisten und Freunden unterhielt und wochenlang Briefe hin und her schickte, nur um dann wenige Sätze zeitgemäß ausformulieren zu können. Oft ging es „nur“ um Beschreibungen eines Gemäldes, kurze Zeitungsausschnitte oder alte Speisekarten. Dafür unternahm er selber auch viele Reisen und bereiste die Routen seiner Protagonisten, egal wie verschwindend gering sich diese letzten Endes im Roman auswirkten. Obwohl er selber Zeitzeuge aller wichtigen Geschehnisse dieser Zeit war, war es ihm wichtig ein möglichst realistisches Bild zu liefern und sich nicht nur auf sein Gedächtnis zu verlassen – eine Aufgabe, die er mit Bravour gelöst hat. Man muss es Elisabeth Edl hoch anrechnen, all diese Details detailliert recherchiert und übersetzt zu haben, der umfangreiche Anmerkungsapperat verdeutlicht den Umfang ihrer Arbeit. Bei all diesen zeitgenössischen Anspielungen ist es ohne diesen beinahe unmöglich, diesen Roman zu verstehen und zu genießen.

Eine bewegte Titelgeschichte

Die Education sentimentale steht zumindest im deutschsprachigen Raum im Schatten von Madame Bovary, was sicherlich auch anhand der Titelgeschichte des Romans abzuleiten ist. Viele Leser werden diesen Roman unter einem anderen Titel kennen, kein Wunder, haben doch 8 der bislang 11 deutschen Übersetzungen unterschiedliche Titel. Diese reichen von Die Schule der Empfindsamkeit über Der Roman eines jungen Mannes bis hin zur Die Erziehung des Gefühls. Dies liegt vor allem daran, dass der Titel auch im französischen viel Spielraum zur Interpretation lässt und sich keine eindeutige Entsprechung im Deutschen finden. Im Nachwort begründet Elisabeth Edl auf nachvollziehbare Art und Weise ihre Titelfindung, ob dies der letzte Titel bleiben wird, darf allerdings bezweifelt werden. Zumindest passt Lehrjahre der Männlichkeit mit seiner mitschwingenden Ironie deutlich besser zur Romanhandlung als viele andere Titel.

Ein Klassiker im typischen Hanser Gewand

Handwerklich entspricht dieser Band dem Klassiker-Standard des Hanser Verlages. Der Roman ist, wie die anderen Flaubert Bücher des Hanser Verlages, in hellblauen Leinen gebunden. Zusätzlich hat der Verlag dem Band noch ein Titelschild, zwei Lesebänder, Dünndruckpapier und selbstverständlich eine Fadenheftung angedeihen lassen. Im Anhang finden sich neben umfangreichen Anmerkungen zum Text, bei denen das zweite Leseband sich als sehr nützlich erweist, auch noch ein sehr umfassendes Nachwort der Übersetzerin Elisabeth Edl, das keine Fragen offenlässt. Über die Übersetzung von Elisabeth Edl kann ich aufgrund mangelnder Französischkenntnisse nicht selber urteilen, Ihre mehrfach ausgezeichnete Arbeit spricht aber für sich.

Fazit

Die Lehrjahre der Männlichkeit von Gustave Flaubert können nur als Satire genossen werden, wofür historische Kenntnisse unerlässlich sind. Nicht zuletzt durch Elisabeth Edls Anmerkungen kann auch ein deutscher Leser ohne Vorkenntnisse diesen Roman in vollen Zügen genießen. Ein unterhaltsamer Anti-Bildungsroman, der sich überraschend aktuell anfühlt!


Autor: Gustave Flaubert

Titel: Lehrjahre der Männlichkeit

Seiten: 800

Erscheinungsdatum: 1869

ISBN: 9783446267695

Verlag: Hanser Verlag

Übersetzerin: Elisabeth Edl

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