Eine deutsche Ausgabe von Gustave Flauberts Buch „Lehrjahre der Männlichkeit“ liegt auf einer Holzfläche. Auf dem Cover ist eine Frau abgebildet, die über einen Zaun lugt.

Lehrjahre der Männlichkeit

von Gustave Flaubert


10.09.2021

  • Klassiker

In Frankreich stehen Gustave Flauberts Lehrjahre der Männlichkeit (Èducation sentimentale) ebenbürtig neben Madame Bovary. In Deutschland kann man sich nicht einmal auf einen Titel einigen. Woran liegt das?

Die Verlockungen des Geldes

Den jungen Frédéric Moreau zieht es 1840 nach Paris, um dort Jura zu studieren. Dies soll nur der Anfang sein: Er hat große Ziele und eine Erbschaft bringt diese in greifbare Nähe. Doch schon bald hat ihn Paris in seinen Bann gezogen. Gefangen zwischen Scharlatanen und bedeutungslosen Affären verliert er weit mehr als nur Geld.

Misserfolg mit Ankündigung

Gustave Flaubert hatte nicht viel Vertrauen in diesen Roman. Schon 1876 schrieb er seiner Vertrauten George Sand, dass er einen kommerziellen Misserfolg befürchtet. Er sollte Recht behalten. Verriss folgte auf Verriss und finanziell war der Roman kein großer Erfolg. Dies lag vor allem daran, dass seine Zeitgenossen den Roman gar nicht oder genau richtig verstanden haben. 

Sie erwartete kein klassischer Bildungs- oder Entwicklungsroman, sondern eine beißende Satire auf das Frankreich zwischen 1840 und 1869. Ihnen missfiel, mit welcher Präzision und Raffinesse der desillusionierte Flaubert gesellschaftliche und politische Missstände aufzeigte. Erst viele Jahrzehnte später und über den Umweg der sprachlichen Anerkennung sollte die Rehabilitation erfolgen.

Menschen wie Fahnen im Wind

Die Handlung fokussiert sich auf Frédéric Moreau, der ähnlich wie Julien Sorel die Schnittstelle für andere Figuren bildet. Er ist reich, aber nicht adelig, und ambitioniert, aber nicht klug. Dies ermöglicht es ihm, mit allen Schichten in Kontakt zu kommen, und bietet eine Bühne für Satire und Ironie. Frédéric Moreau ist ein unsympathischer Protagonist, dem alle Türen offenstehen und der dennoch keine Gelegenheit nutzen kann. Jedes Mal, wenn der Erfolg greifbar ist, trifft er falsche Entscheidungen. 

So stolpert er von Missgeschick zu Missgeschick. Er steht stellvertretend für viele junge Männer, die sich in den Wirren der Revolutionen und Restaurationen verloren fühlen und zum Spielball der moralisch Biegbaren werden. Eine eigene Meinung ist Luxus und die Interaktionen bleiben oberflächlich, weil die Oberfläche keine Angriffsfläche bietet. Letztlich sind es die Fähnchen im Wind, die von allen Entwicklungen profitieren. Sinnbildlich ist die Wandlung eines überzeugenden Revolutionärs zum Polizisten.

Ein Auge fürs Detail

Wie schon in Madame Bovary kann Flaubert durch einen detaillierten Stil begeistern. Es ist erstaunlich, was für einen Aufwand er für jede einzelne Zeile betrieb. Aus Briefwechseln geht hervor, dass er Kontakt zu zahlreichen Spezialisten unterhielt und wochenlang Briefe hin und her schickte, nur um wenige Sätze zeitgemäß zu formulieren. 

Oft ging es „nur“ um Beschreibungen eines Gemäldes, kurze Zeitungsausschnitte oder alte Speisekarten. Zudem unternahm er viele Reisen und folgte beispielsweise den Routen seiner Protagonisten. Obwohl er Zeitzeuge aller wichtigen Geschehnisse war, wollte er ein möglichst realistisches Bild liefern und verließ sich dazu nicht auf sein Gedächtnis.

Bewegte Titelgeschichte

Die Titelgeschichte der Éducation sentimentale im deutschsprachigen Raum ist ein Abenteuer für sich. Acht der bislang elf deutschen Übersetzungen haben unterschiedliche Titel. Diese reichen von Die Schule der Empfindsamkeit über Der Roman eines jungen Mannes bis hin zu Die Erziehung des Gefühls.

Dies liegt daran, dass der Titel im Französischen viel Spielraum zur Interpretation lässt und sich keine eindeutige Entsprechung im Deutschen findet. Im Nachwort begründet Elisabeth Edl ihre Titelfindung. Und zumindest passt Lehrjahre der Männlichkeit mit seiner mitschwingenden Ironie deutlich besser zur Handlung als viele andere Titel.

Typisches Hanser-Gewand

Die Ausgabe des Hanser Verlags entspricht den hohen Erwartungen. Der Roman ist in hellblauem Leinen gebunden. Zusätzlich finden wir ein Titelschild, zwei Lesebänder, Dünndruckpapier und selbstverständlich eine Fadenheftung vor. Im Anhang befindet sich ein umfangreicher und hilfreicher Anmerkungsapparat. Ohne diesen wären viele zeitgenössische Anspielungen nur schwer nachvollziehbar. Das umfassende Nachwort der Übersetzerin Elisabeth Edl lässt keine Fragen offen.

Pro/Contra

Pro
  • Perfekt formulierte Sätze, sprachlich ein wahrer Genuss
  • Detailliertes Panorama einer ganzen Epoche
  • Beißende Satire
  • Umfangreicher Anhang
Contra
  • Zum Verständnis wird der Anhang benötigt, was den Lesefluss geringfügig stören kann

Fazit


Die Lehrjahre der Männlichkeit von Gustave Flaubert überzeugt als unterhaltsamer Anti-Bildungsroman. Die Anmerkungen von Elisabeth Edl ermöglichen erst das Verständnis der vielen zeitgenössischen Anspielungen.

autor: Gustave Flaubert

Titel: Lehrjahre der Männlichkeit

Seiten: 800

Erscheinungsdatum: 1869

Verlag: Hanser Verlag

ISBN: 9783446267695

Übersetzerin: Elisabeth Edl

illustratoren: –

Reihe: Hanser Klassiker

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