
Rot und Schwarz
von Stendhal
23.07.2021
- Klassiker
Mit Rot und Schwarz erschien 1831 Stendhals zweites und vielleicht bekanntestes Werk. Was erwartet uns?
Talent und Ambitionen
Julien Sorel ist zwar von einfacher Herkunft, doch besitzt er dafür ein herausragendes Gedächtnis. Da der Aufstieg für ihn nur über die Kirche möglich ist, täuscht er Frömmigkeit vor. Dennoch gelingt es ihm, die gesellschaftliche Leiter emporzuklettern. Indes bedrohen ernüchternde Einblicke hinter die Kulissen der Macht und mehrere Affären seinen Weg nach oben.
Chronik des 19. Jahrhunderts
Rot und Schwarz trägt zurecht den Untertitel Chronik aus dem 19. Jahrhundert. Ohne die umfangreichen Anmerkungen wäre es unmöglich, die zahlreichen zeitgenössischen Anspielungen vollständig zu erfassen. Es geht um die Unsicherheiten der Restauration: Politische Gruppen kämpfen um die Ausrichtung, Napoleons Errungenschaften werden abgeschafft und eine revolutionäre Stimmung prägt die Atmosphäre. Die Revolution fand im Juli 1830 tatsächlich statt, diese ist jedoch nicht mehr Gegenstand der Handlung.
Gesellschaftlicher Stillstand
Während dieser Zeit zeichneten sich die Menschen durch Beliebigkeit und Heuchelei aus. Das politische Tauziehen zwischen Ultraroyalisten und Liberalen verhinderte eine richtige Streit- und Diskussionskultur. Da sich die Machverhältnisse jederzeit ändern können, ist es sicherer, politisch neutral zu agieren. Lieber beschäftigt man sich mit Nichtigkeiten.
Gekonnt schildert Stendhal die Auswirkungen dieser Haltung. Einen Höhepunkt stellt das Priesterseminar dar: Herrlich zynisch zeigt er, wie wenig den meisten Teilnehmern am Amt liegt. In erster Linie geht es um die Bezahlung und das leibliche Wohl. Sogar der moralisch fragwürdige Julien Sorel wirkt neben den meisten von ihnen wie ein frommes Lamm.
Viel Bewegung an der Oberfläche
Die Charaktere sind das Produkt dieser Umstände: oberflächlich und unsympathisch. Immerhin bieten sie dem Erzähler die Gelegenheit für unterhaltsame bis gehässige Kommentare. Nichts anderes gilt für die Hauptfigur Julien Sorel, der an sich selbst und seiner Zeit scheitert. Stendhal, Offizier unter Napoleon, macht Julien zum glühenden Verehrer Napoleons. Unter diesem stand der Aufstieg schließlich allen offen.
Doch Julien erweist sich als flexibel und verrät, falls nötig, seine Überzeugungen. Auch die Liebesgeschichten können nicht völlig überzeugen. Vieles wirkt konstruiert und nicht wirklich nachvollziehbar. Die zwei wichtigsten Frauenfiguren, Madame de Renal und de Mole, bleiben blass und unnahbar. Aber ohnehin bilden sie nur das Grundgerüst für ein Portrait Frankreichs und Juliens verzweifelten Kampf um Anerkennung.
Nüchterner Blick
Stendhals Stil ist karg und nüchtern. Er will die Welt so schildern, wie seine Figuren sie sehen. Wichtig ist, was die Figur wahrnimmt und nicht das Äußere. Paris ist ein karger Ort, die Beschreibungen beschränken sich auf wenige Schauplätze. Die Perspektive wechselt innerhalb weniger Sätze von einem auktorialen Erzähler hin zu den Figuren. Dialoge, Monologe und erzählende Passagen gehen genauso nahtlos ineinander über.
Stellenweise wirkt der Roman sehr roh, einfach weil Stendhal nur wenige Monate Arbeit investierte. Die letzten Kapitel korrigiert er nicht mal, da er schlicht das Interesse verlor. Bis heute ist nicht bekannt, warum der Titel Rot und Schwarz (Le Rouge et le Noir) lauten sollte. Die Spekulationen reichen von den Farben von Napoleons Militär (rot) und denen des Klerus (schwarz) bis zu Leidenschaft und Strebsamkeit.
Hochwertige Aufmachung
Die Ausgabe aus dem Hanser Verlag entspricht den hohen Erwartungen an die Hanser-Klassiker-Reihe. Neben einem Leineneinband mitsamt Titelschild und Goldprägung erwarten uns eine Fadenheftung und ein Leseband. Das Papier ist relativ dünn. Der Anhang besticht allein schon durch seinen Umfang. Uns erwarten ein Nachwort der Übersetzerin Elisabeth Edl, allerlei interessantes Zusatzmaterial und über hundert (!) Seiten Anmerkungen.
Pro/Contra
Pro
- Faszinierendes Portrait einer Epoche
- Stendhals Mix aus verschiedensten Erzählarten und Perspektiven übt einen unwiderstehlichen Reiz aus
- Umfangreicher Anhang
Contra
- Stendhal ist kein Flaubert, sein Stil ist durch geradezu karge Beschreibungen geprägt
- Gerade die weiblichen Charaktere sind schwach herausgearbeitet
Fazit
In Rot und Schwarz thematisiert Stendhal schonungslos die Probleme in der französischen Gesellschaft kurz vor der Juli-Revolution. Eine spannende und anregende Lektüre.
autor: Stendhal
Titel: Rot und Schwarz
Seiten: 872
Erscheinungsdatum: 1830
Verlag: Hanser Verlag
ISBN: 9783446204857
Übersetzerin: Elisabeth Edl
illustrator: –
Reihe: Hanser Klassiker







