Stendhal - Rot und Schwarz

Stendhal – Rot und Schwarz

Rot und Schwarz erschien 1831 als zweites und vielleicht bekanntestes Werk des vielseitig tätigen Schriftstellers Henry Beyle, der der Weltöffentlichkeit vor allem unter seinem Pseudonym Stendhal bekannt ist.

Ein talentierter junger Mann mit Ambitionen

Die Hauptfigur des Romans ist der junge Julien Sorel, der zwar mit einer einfacher Herkunft und einer schwächlicher Statur geboren wurde, dafür aber mit einem herausragendes Gedächtnis gesegnet ist. Aufgrund seiner niederen Herkunft kann ein gesellschaftlicher Aufstieg für ihn nur durch die Kirche erfolgen und dies zwingt ihn Frömmigkeit und theologisches Interesse vorzutäuschen. Dank seiner Begabung wird er schließlich der Hauslehrer des Bürgermeisters einer Provinzstadt und erregt das Interesse seiner Frau. Er beginnt eine Affäre mit ihr, doch diese bleibt nicht lange unentdeckt und er wird im Zuge des Skandals auf ein Priesterseminar geschickt.

Dies wird allerdings eine ernüchternde Erfahrung für den jungen Mann, die zukünftigen Priester sind mehr an ihrem leiblichen Wohl und ihrem zukünftiges Vermögen, als an ihrer eigentlichen theologischen Tätigkeit interessiert. Es gelingt ihm dennoch, das Vertrauen des Direktors zu gewinnen, der ihm schließlich zu einer Stellung als Sekretärs des reichen und gut vernetzten Marquis de Mol in Paris verhilft. Nach anfänglichen Schwierigkeiten gewinnt er das Wohlwollen seines Herren und wird von diesem gefördert, bis er eine Affäre mit der arroganten und gelangweilten Tochter des Marquis beginnt, eine verhängnisvolle Entscheidung, die seinen gesellschaftlichen Aufstieg bedroht.

Eine Chronik aus dem 19.Jahrhundert

Rot und Schwarz ist ohne den historischen Hintergrund heute nur noch als mehr oder weniger spannende Liebesgeschichte lesbar, eine Perspektive, die weder dem Roman noch dem Autor gerecht wird. Nicht umsonst trägt dieser den Untertitel Chronik aus dem 19. Jahrhundert, zahlreiche Namen und Hinweise weisen auf aktuelle Geschehnisse zu dieser Zeit, die ohne die umfangreichen Anmerkungen im Anhang überhaupt nicht verständlich wären für den heutigen Leser. Frankreich befand sich in der Endzeit der Restauration, politische Lager rangen um die zukünftige Ausrichtung des Landes, viele von Napoleons Errungenschaften wurden abgeschafft, eine revolutionäre Stimmung lag in der Luft. Diese sollte tatsächlich im Juli 1830 stattfinden, ist aber nicht mehr Thema des Romans. Rot und Schwarz behandelt viel mehr die Unsicherheiten der Restauration selbst.

Gesellschaftlicher Stillstand und politische Unsicherheit

Bestimmend für diese Zeit ist die Beliebigkeit und Heuchelei der Menschen. Diese sind von dem politischen Tauziehen ihrer Zeit verunsichert, der Konflikt um die Macht zwischen den Ultraroyalisten und Liberalen schüchtert alle ein und verhindert eine richtige Streit- und Diskussionskultur. Da sich die Machtverhältnisse jederzeit ändern könnten und damit die berufliche und soziale Stellung bedroht wäre, ist eine neutrale Einstellung das sicherste für die meisten Menschen. Sie verstecken sich lieber hinter Masken und beschäftigen sich mit Nichtigkeiten. Gekonnt und mehr als nur einmal schildert Stendahl die Oberflächlichkeit und Heuchelei, ein Highlight stellt dabei sicherlich das Priesterseminar am Ende des ersten Teils dar. Herrlich zynisch zeigt er, wie wenig den meisten Seminarteilnehmern am Amt selbst liegt, als vielmehr an der Bezahlung und dem leiblichen Wohl. Sogar der moralisch fragwürdig handelnde Julien Sorel wirkt neben den meisten von ihnen wie ein frommes Lamm.

Viel Bewegung an der Oberfläche

Die Charaktere, die Stendhal entwirft sind von genau diesen Umständen geprägt. Sie sind extrem oberflächlich und unsympathisch, wecken aber vor allem dank seiner ironischen bis gehässigen Kommentare das Interesse des Lesers. Dazu gehört sicherlich auch Julien Sorel, der an sich selbst und an seiner Zeit scheitert. Stendahl, der selbst als Offizier unter Napoleon gedient hat und unter anderem am gescheiterten Russlandfeldzug teilnahm, macht Julien zum glühenden Verehrer Napoleons. Unter diesem stand der gesellschaftliche Aufstieg allen Bürgern offen, doch die Zeit der Restauration machte dies für Menschen von einfacher Herkunft wieder unmöglich. Schnell passt er sich den Gepflogenheiten an und verrät seine Überzeugungen, nur um beruflich weiterzukommen. Je höher er aufsteigt, desto größer wird seine Arroganz, das geht sogar soweit das er einen Kutscher zum Duell auffordert, bloß weil dieser ihn falsch angeschaut hat. Wäre da nicht seine kaltblütige und berechnende Art könnte er fast schon sympathisch wirken in seinem verzweifelten Kampf um den Aufstieg.

Die zwei Affären von Julien, Madame de Renal und de Mole bleiben den ganzen Roman über eher blass, allenfalls letztere hinterlässt aufgrund ihrer arroganten und einfältigen Art zumindest noch eine Weile Erinnerungen. Und neben den blassen Frauenfiguren überzeugen auch die Liebesgeschichten an sich nicht völlig, vieles wirkt konstruiert und nicht wirklich nachvollziehbar. Überhaupt scheinen diese Liebesabenteuer nur das Grundgerüst für ein Portrait Frankreichs zu sein, im Vordergrund steht Juliens verzweifelter Kampf um gesellschaftliche Anerkennung.

Bis heute ist nicht bekannt, warum der Roman Rot und Schwarz (Le Rogue et le Noir) heißen sollte, die Spekulationen reichen weit, gehen aber meist von Gegensätzen aus, etwa den Farben von Napoleons Militär (Rot) und denen des Klerus (Schwarz) oder auch Leidenschaft und Strebsamkeit.

Stendhal ist nun mal kein Flaubert

Der Stil Stendhals ist absichtlich sehr karg und nüchtern, schließlich will er die Welt so schildern wie seine Protagonisten sie sehen. Nicht umsonst schreibt die Übersetzerin Elisabeth Edl, dass Stendahl kein Flaubert war, der jeden Satz tausendmal prüfte und jahrelang an einem Roman schrieb: Im Gegenteil, Rot und Schwarz ist das Ergebnis weniger Monate Arbeit. Die letzten Kapitel des Romans sind sogar unkorrigiert, da Stendhal durch berufliche Veränderungen schlicht das Interesse am Roman verloren hatte. Wichtig ist das, was die jeweilige Figur gerade wahrnimmt und nicht das Äußere. So ist seine Paris Darstellung äußert karg und beschränkt sich meist nur auf Salons, Cafes und Bibliotheken. Die Erzählperspektive ist dabei nicht eindeutig und wechselt sogar innerhalb weniger Sätze. Mal berichtet ein externer Erzähler von den Geschehnissen und kommentiert das Geschehen, mal folgt der Leser Julien Sorel oder einer seiner Liebschaften. Dialoge, Monologe und erzählende Passagen gehen im Text nahtlos ineinander über.

Eine hochwertige Aufmachung

Die Ausstattung entspricht dem gewohnten Standard der Hanser Klassiker Reihe und bietet neben einer hochwertigen Fadenheftung auch noch einen Umschlag in roten Leinen inklusive Titelschild mit Goldprägung und einem Leseband. Dank der relativ dünnen Seiten ist das Buch trotz der hohen Seitenanzahl kein Backstein. Angesichts des enormen Umfangs des Anhangs wäre allerdings ein zweites Leseband hilfreich gewesen. Der Anhang selbst besticht mit einem selbst für einen Hanser Klassiker enormen Umfang und enthält neben dem Nachwort der Übersetzerin Elisabeth Edel, dass jegliche Fragen zum Roman zumindest anreißt, auch noch Hinweise zur Publikationsgeschichte, Erläuterungen zum Vorgehen bei ihrer Übersetzung und zu alten Übersetzungen und zudem über hundert (!) Seiten mit Anmerkungen zum Text. Abgerundet wird die Lektüre durch eine von Stendhal selbst verfasste Rezension. Insgesamt lässt dieses Buch in keinster Art und Weise zu wünschen übrig und liefert dem Leser nach und während der Lektüre umfangreichen Lesestoff.

Fazit

In Rot und Schwarz zeigt Stendhal schonungslos die Oberflächlichkeit und Heuchelei in der französischen Gesellschaft kurz vor der Juli-Revolution. Mit dem richtigen historischen Hintergrundwissen bietet sich dem Leser nicht nur eine spannende und unterhaltsame, sondern auch eine anregende Lektüre.


Autor: Stendhal

Titel: Rot und Schwarz

Seiten: 872

Erscheinungsdatum: 1830

ISBN: 9783446204857

Verlag: Hanser Verlag

Übersetzerin: Elisabeth Edl

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