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Bram Stoker – Schöpfer der Schatten

Mit Schöpfer der Schatten liegen seit wenigen Monaten Bram Stokers frühe phantastische Erzählungen vor. Ob er mich damit mehr überzeugen konnte als mit Der Zorn des Meeres, erfahrt ihr in dieser Rezension.

Bram Stokers literarisches Frühwerk

Die Sammlung beginnt mit der 1872 erschienenen Kurzgeschichte Der Kristallkelch – Stokers erste literarische Veröffentlichung überhaupt. Ein Despot hält begnadete Handwerker, darunter auch unseren Protagonisten, in seinem Schloss gefangen und zwingt sie dazu, herausragende Kunstwerke zu erschaffen. Verbittert arbeitet unser Protagonist an einem Kristallkelch, der an Schönheit alles bisher Dagewesene übertrifft und für seine Peiniger eine Überraschung bereithält…

Ein Geist als Retter ist eine maritim angehauchte Geschichte über den Lebenswandel eines Seemannes, die zumindest leichte phantastische Elemente enthält. Die Schicksalsbande erzählt von einem jungen Mann, der der Liebe seines Lebens begegnet. Unglücklicherweise deuten seine Träume auf ein baldiges Ende dieser Liaison hin. Doch natürlich lässt er nichts unversucht, um dies zu verhindern.

Den größten Raum in diesem Band nimmt der Märchenzyklus Hinter dem Sonnenuntergang ein, zu dem ich nicht mehr Worte als unbedingt nötig verlieren möchte. Die Zerschmetterer handelt von zwei Jugendlichen, die ihre sadistische Ader entdecken und zu immer grausameren Taten bereit sind. Die abschließende Geschichte Das Haus des Richters erzählt von einem Studenten, der sich zur Vorbereitung auf sein Examen in ein berüchtigtes Haus einquartiert und schon bald feststellen muss, dass es dort wirklich nicht mit rechten Dingen zugeht.

Eine Lücke wird geschlossen

Anlässlich meiner Rezension zu Der Zorn des Meeres musste ich feststellen, dass sich Bram Stokers Werk im deutschsprachigen Raum, mit Ausnahme von Dracula, keiner großen Beliebtheit erfreut. Mit den zwei Sammelbänden des Festa Verlages sind nun immerhin seine phantastischen Kurzgeschichten erhältlich.

Nach der Lektüre des Bandes stellte sich mir allerdings die Frage, ob das wirklich notwendig war. Bram Stokers Geschichten waren schon immer umstritten, ein Streit, der sich in zwei Lager teilen lässt. Während etwa Stephen King von absolut meisterhaften Kurzgeschichten spricht, attestierte ihm H.P. Lovecraft zwar eine überbordende Fantasie, aber gleichzeitig auch die Unfähigkeit, diese in die richtige Form zu bringen. Ich bin geneigt, Letzterem zuzustimmen.

Ein Lektorat hätte Stoker gut getan

Stoker war ein Workaholic, der zunächst als Verwaltungsbeamter und Theaterkritiker und dann als Geschäftsführer eines Theaters mehr als nur ausgelastet war. Dennoch entstand in dieser Zeit ein Großteil seines Werkes – leider mit den entsprechenden Konsequenzen: Wie wir von Andreas Fliedner erfahren, weisen seine erhaltenen Manuskripte kaum Überarbeitungen auf und gerade dies merkt man seinen Geschichten auch an. Seine Geschichten basieren auf vielversprechenden Ideen, doch die Umsetzung lässt oft zu wünschen übrig. Beinahe jedem Satz hätte der eine oder andere Überarbeitungsvorgang (mehr) gutgetan. Stellenweise wirkt es wirklich so, als ob wir die erste Fassung einer Geschichte vor uns hätten, zu gestelzt sind die Sätze, zu klischeehaft wirkt die Handlung.

Moralpredigten bis zum Abwinken

Der zweite große Störfaktor in seinen Erzählungen ist sein Hang zu Belehrungen. Es wirkt beinahe schon komisch, wenn ein Schriftsteller, der durchaus einige brutale Geschichten vorzuweisen hat, so offenkundig und ungeschickt die Moralkeule schwingt. Stoker hat ganz bestimmte Vorstellungen von der Rolle von Mann, Frau und Kind und scheut sich nicht davor, diese dem Leser bei jeder passenden und leider auch unpassenden Gelegenheit nahezulegen. Bei so mancher Geschichte hatte ich das Gefühl, dass dies sogar sein Hauptanliegen war. Dies ging sogar so weit, dass Stoker am Ende seines Lebens in Aufsätzen und Vorträgen das Ende von „unsittlichen Tendenzen“ in der zeitgenössischen Literatur forderte.

Die Märchensammlung als Tiefpunkt

Besonders abnorme Ausmaße nehmen seine Moralpredigten in der Märchensammlung Hinter dem Sonnenuntergang an, die mit gut 200 Seiten immerhin den größten Block des Bandes darstellt. Das alles geschieht auf eine so direkte und stümperhafte Art und Weise, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass sich zu irgendeiner Zeit irgendjemand davon angesprochen fühlen könnte.

Darüber hinaus sind die Geschichten an sich von fragwürdiger Qualität. Ich bin kein regelmäßiger Leser von Märchen, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Anforderungen dort derart niedrig sind. Die einzige Ausnahme stellt dabei Wie die Sieben verrückt wurde dar, die sich tatsächlich als unterhaltsame Kindergeschichte entpuppt.

Das Ende macht immerhin Hoffnung

Dabei sind nicht alle Geschichten in diesem Band schlecht, einige sind wirklich solide bis beinahe gut. So steigt Stoker in Die Zerschmetterer von seiner Kanzel herab und erzählt eine grausame Geschichte, die sprachlich allerdings nicht so explizit ist, dass sie heutzutage wirklich jemanden schockieren könnte. Auch das Haus des Richters kann letzten Endes als solide Geisterhausgeschichte überzeugen. Stokers Variation fügt dieser Art von Geschichten sicherlich nichts Neues hinzu, überzeugt aber mit einem durchgängigen Spannungsbogen.

Was bleibt also? Letztlich viele Tiefpunkte und einige solide Geschichten zum Ende hin, die auf Besserung im zweiten Band hoffen lassen. Schöpfer der Schatten ist ein Buch, dass wirklich nur hart gesottenen Stoker Fans gefallen dürfte. Um ehrlich zu sein würde ich mir nach diesem Band den Kauf des zweiten normalerweise ganz genau überlegen, wäre dieser Band nicht der Einstieg in eine neue Reihe des Festa Verlages.

Eine vielversprechende Reihe – trotz schwachem Start

Mit Schöpfer der Schatten startete im Festa Verlag nämlich die Reihe Weird Fiction. Weird Fiction ist kein gängiger und ein nur schwer zu definierender Begriff. Vermutlich kann man sich ihm annähern, wenn man sich eine Mischung aus Fantasy, Horror und bisweilen auch Science-Fiction vorstellt, die grundsätzlich von einer düsteren Atmosphäre des Unheimlichen durchzogen ist. Bekannte Vertreter sind etwa H.P. Lovecraft, Sherdian Le Fanu und heute etwas Thomas Ligotti oder China Mieville.

Im Grunde ist es auch irrelevant, wie genau man Weird Fiction definiert und wen man da zuordnet, entscheidend sind die zukünftigen Autoren (falls die Reihe bis dahin nicht eingestellt wird): angekündigt sind u. a. Robert Aickman, Sheridan Le Fanu, Fritz Leiber, Marjorie Bowen, Walter de la Mare, E.F. Benson und Charles Beaumont. Damit würde die deutschsprachige Leserschaft endlich in den Genuss zahlreicher unterrepräsentierter Schriftsteller kommen, weshalb zu hoffen bleibt, dass die Reihe trotz des schwachen Starts in Zukunft den dafür notwendigen Erfolg haben wird.

Anhang und Buchgestaltung können überzeugen

Die Buchgestaltung an sich kann in weiten Teilen überzeugen. Der Buchumschlag selber besitzt eine lederartige Kaschierung, die tatsächlich ein Stück weit an Leder erinnert und dem Buch eine hochwertige Haptik verleiht. Das Buch fühlt sich dadurch stabiler an und ist in meinen Augen gewöhnlichen Schutzumschlägen und Pappeinbänden überlegen. Vorsatz und Nachsatz enthalten schöne Illustrationen, die Bram Stoker darstellen. Im Inneren erwarten uns zudem noch passende und aus dem 19. Jahrhundert stammende Illustrationen von W. V. Cockburn und William Fitzgerald. Auf eine Fadenheftung müssen wir leider verzichten, aber immerhin spendiert der Verlag ein Leseband.

Leider trübt das Cover den guten bis soliden Gesamteindruck. Das Titelbild ziert eine Illustration von W. V. Cockburn aus dem Jahre 1882 und diese ist einfach nur … hässlich. Der Verlag hat sich bei der Gestaltung des Buchumschlags sichtlich Mühe gegeben und die einzelnen Komponenten sorgfältig aufeinander abgestimmt, aber das Bild ist schon im Original kein Blickfang und erst recht nicht eingefärbt.

Das ist im Grunde schon mein einziger (sehr subjektiver) Kritikpunkt an der Buchgestaltung. Darüber hinaus ist im Buch vieles vorhanden, was ich mir schon lange für phantastische Ausgaben wünsche. Wir finden hier ein unterhaltsames und informatives, aber nie überfrachtetes Vorwort des Übersetzers und Herausgebers Andreas Fliedner und am Ende noch eine Übersicht der Originaltitel und deren Erstveröffentlichung. Anmerkungen zu den Geschichten selbst hätten diesen Bereich noch abgerundet, waren aber zum Verständnis auch nicht unbedingt nötig. Für den nächsten Band ist bereits weiteres Zusatzmaterial angekündigt. Das Buch selber hat keine ISBN, weshalb ihr das Buch direkt über den Verlag bestellen müsst. Dies soll allerdings kein Hindernis sein, bei mir hat dies immer problemlos und schnell funktioniert.

Fazit

Schöpfer der Schatten ist ein Buch mit vielen Tiefpunkten und wenigen soliden Geschichten. Wer sich für die Anfänge von Bram Stoker interessiert, wird hier dennoch seine Freude haben. Die Reihe Weird Fiction an sich sollte man allerdings im Auge behalten, hier könnte etwas Großes entstehen.


Autor: Bram Stoker

Titel: Schöpfer der Schatten

Seiten: 380

Erscheinungsdatum: 1872-1891

ISBN:

Verlag: Festa Verlag

Übersetzer: Andreas Fliedner, Andreas Diesel

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