Buch mit dem Titel „Schöpfer der Schatten“ von Bram Stoker auf einer Holzoberfläche platziert.

Schöpfer der Schatten

von Bram Stoker


27.05.2022

  • Horror
  • ·
  • Phantastik

Mit Schöpfer der Schatten liegen seit wenigen Monaten Bram Stokers frühe phantastische Erzählungen vor. Ob er mich damit mehr überzeugen konnte als mit Der Zorn des Meeres, erfahrt ihr in dieser Rezension.

Bram Stokers literarisches Frühwerk

Die Sammlung beginnt mit Der Kristallkelch (1827) – Stokers erste literarische Veröffentlichung. Ein Despot hält Handwerker, darunter unseren Protagonisten, in seinem Schloss gefangen. Er zwingt sie dazu, herausragende Kunstwerke zu erschaffen. Unser Protagonist arbeitet an einem Kristallkelch, der an Schönheit alles übertrifft und für seine Peiniger eine Überraschung bereithält. Ein Geist als Retter ist eine maritim angehauchte Geschichte über den Lebenswandel eines Seemannes.

Die Schicksalsbande erzählt von einem jungen Mann, der der Liebe seines Lebens begegnet. Trotz unglücklicher Vorzeichen versucht er alles, um sie zu erhalten. Den größten Raum nimmt der Märchenzyklus Hinter dem Sonnenuntergang ein. Die Zerschmetterer handelt von zwei Jugendlichen, die ihre sadistische Ader entdecken. Das Haus des Richters erzählt von einem Studenten, der sich zur Examensvorbereitung in ein berüchtigtes Haus einquartiert.

Ein Lektorat hätte Stoker gut getan

Bram Stoker war ein Workaholic. Zunächst als Verwaltungsbeamter und Theaterkritiker und dann als Geschäftsführer eines Theaters war er ein viel beschäftigter Mann. Bedauerlicherweise merkt man seinen Erzählungen diese Zeitnot an: Wie wir von Andreas Fliedner erfahren, weisen seine Manuskripte kaum Überarbeitungen auf. Seine Geschichten basieren auf vielversprechenden Ideen, doch die Umsetzung lässt oft zu wünschen übrig. Beinahe jedem Satz hätte die eine oder andere Verfeinerung gutgetan. Zu gestelzt sind die Sätze, zu klischeehaft wirkt die Handlung.

Moralpredigten bis zum Abwinken

Etwas aus der Zeit gefallen wirkt sein Hang zu Belehrungen. Stoker hat bestimmte Vorstellungen von der Rolle von Mann, Frau und Kind und legt diese bei jeder Gelegenheit dar. Bei so mancher Geschichte hatte ich das Gefühl, dass dies sein Hauptanliegen war. Stoker forderte sogar am Ende seines Lebens in Aufsätzen und Vorträgen das Ende von „unsittlichen Tendenzen“ in der zeitgenössischen Literatur.

Märchensammlung als Tiefpunkt

Den Tiefpunkt stellt seine Märchensammlung Hinter dem Sonnenuntergang dar, die mit gut 200 Seiten immerhin den größten Block des Bandes bildet. Stoker schwingt so stümperhaft die Moralkeule, dass es selbst seinen Anhängern peinlich gewesen sein dürfte.

Darüber hinaus sind die Geschichten von fragwürdiger Qualität. Ich bin kein regelmäßiger Leser von Märchen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Anforderungen dort derart niedrig sind. Die einzige Ausnahme stellt Wie die Sieben verrückt wurde dar, die eine unterhaltsame Kindergeschichte darstellt.

Das Ende macht immerhin Hoffnung

Dabei sind nicht alle Geschichten in diesem Band schlecht, einige sind wirklich solide bis beinahe gut. So steigt Stoker in Die Zerschmetterer von seiner Kanzel herab und erzählt eine explizite und unterhaltsame Geschichte. Auch Das Haus des Richters kann als solide Geisterhausgeschichte überzeugen. Stokers Variation fügt dieser Art von Geschichten nichts Neues hinzu, überzeugt aber mit einem durchgängigen Spannungsbogen.

Vielversprechende Reihe – trotz schwachem Start

Mit Schöpfer der Schatten startete im Festa Verlag die Reihe Weird Fiction. Weird Fiction ist ein schwer zu fassender Begriff. Man kann sich ihm annähern, wenn man sich eine Mischung aus Fantasy, Horror und Science-Fiction vorstellt, die von einer unheimlichen Atmosphäre durchzogen ist. Bekannte Vertreter sind H.P. Lovecraft, Sheridan Le Fanu und heute Thomas Ligotti oder China Miéville.

Für die Zukunft angekündigt sind unter anderem Autoren wie Robert Aickman, Sheridan Le Fanu, Fritz Leiber, Marjorie Bowen, Walter de la Mare, E. F. Benson und Charles Beaumont. Damit würde die deutschsprachige Leserschaft endlich in den Genuss zahlreicher unterrepräsentierter Schriftsteller kommen. Hoffen wir also das Beste.

Was bleibt?

Schöpfer der Schatten von Bram Stoker ist letztlich eine Enttäuschung. Es erwarten uns viele Tiefpunkte und nur wenige solide Geschichten, die Hoffnung auf Besserung im zweiten Band machen. Die Sammlung dürfte nur hart gesottenen Stoker-Fans gefallen.

Anhang und Buchgestaltung können überzeugen

Die Buchgestaltung des Festa Verlags überzeugt. Der Buchumschlag besitzt eine lederartige Kaschierung, die dem Buch eine hochwertige Haptik verleiht. Vorsatz und Nachsatz enthalten schöne Illustrationen, die Bram Stoker darstellen. Im Inneren erwarten uns noch passende und aus dem 19. Jahrhundert stammende Illustrationen von W. V. Cockburn und William Fitzgerald. Auf eine Fadenheftung müssen wir verzichten, aber immerhin gibt es ein Leseband.

Leider trübt das Cover den guten Gesamteindruck. Das Titelbild ziert eine Illustration von W. V. Cockburn aus dem Jahre 1882 und ist einfach kein Blickfang. Im Anhang finden wir ein informatives Vorwort des Übersetzers und Herausgebers Andreas Fliedner. Anmerkungen zu den Geschichten selbst hätten diesen Bereich noch abgerundet, waren aber zum Verständnis nicht unbedingt nötig.

Bibliographie

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Pro/Contra

Pro
  • Erstmals liegt Stokers phantastisches Frühwerk vor
  • Der umfangreiche Anhang ist für ein phantastisches Werk bemerkenswert
  • Bram Stoker hat einige interessante Ansätze
Contra
  • Selten hat ein Autor so auffällig die Moralkeule geschwungen
  • Literarisch gerade mal auf Groschenheft-Niveau

Fazit


Schöpfer der Schatten ist ein Buch mit vielen Tiefpunkten und wenigen soliden Geschichten. Wer sich für die Anfänge von Bram Stoker interessiert, wird hier dennoch seine Freude haben. Die Reihe Weird Fiction sollte man allerdings im Auge behalten.

autor: Bram Stoker

Titel: Schöpfer der Schatten

Seiten: 380

Erscheinungsdatum: 1872-1891

Verlag: Festa Verlag

ISBN:

Übersetzer: s.o.

illustrator: William Fitzgerald

Reihe: Weird Fiction

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