
Der Zorn des Meeres
von Bram Stoker
11.03.2022
- Klassiker
Bram Stoker ist weit mehr als nur Dracula. Mit Der Zorn des Meeres liegt endlich eine seiner frühen Novellen vor. Doch kann diese Geschichte heute noch überzeugen?
Eine klassische Tragödie
Sailor Willy (William Barrow) könnte nicht zufriedener sein: Trotz seines jungen Alters ist er bei der Küstenwache extrem erfolgreich und mit der schönen Maggie verlobt. Als er eines Nachts von einer geplanten Schmuggelaktion erfährt, scheint der nächste Karriereschritt bevorzustehen.
Doch Maggies hoch verschuldeter Vater ist an der Aktion beteiligt. Vergeblich versucht sie, William von seiner Pflicht abzubringen. Also wagt sie sich alleine in einer stürmischen Nacht hinaus aufs Meer, um ihren Vater zu warnen.
Beeindruckende Naturbeschreibungen
Das Eindrucksvollste an dieser Novelle sind die spektakulären Naturbeschreibungen. Selten habe ich so realistische Beschreibungen des Meeres lesen dürfen. Man liest nicht einfach nur einige Zeilen über das Meer. Nein, man fühlt sich direkt an die schottische Küste versetzt und erlebt hautnah jede Welle, Woge und Brandung. Das ist großes Kino. Dabei kommt Bram Stoker nie in die Verlegenheit, zu romantisieren. Er macht das Meer zu der ebenso unbarmherzigen wie verlockenden Naturgewalt, die es eben ist.
Stoker vermeidet geschickt jeden Konflikt
Bedauerlicherweise gibt es darüber hinaus nicht sonderlich viel Gutes zu berichten. Die Handlung, eigentlich vorherbestimmt für eine abenteuerliche Erzählung, erweist sich als erstaunlich konflikt- und ereignisarm. Bram Stoker lässt jeden potentiellen Konflikt ins Leere verlaufen und vermeidet schon im Ansatz das Aufkommen von Spannung.
Williams innerer Konflikt, die Wahl zwischen Pflicht und Familie, sollte eigentlich im Mittelpunkt stehen. Tut er aber nicht. Auch die Schmuggelaktion, der letzte Rettungsanker der Geschichte, wird zu keinem Zeitpunkt spannend. Jede Wendung wird von den gesichtslosen Protagonisten ohne das kleinste Murren hingenommen.
Alberne Liebesgeschichte und schwache Charaktere
Trauriger „Höhepunkt“ ist die an Kitsch kaum noch zu überbietende Liebesgeschichte zwischen Maggie und William. Die Figuren strotzen nur vor Stereotypen und sollen Stokers eigenwilliges Idealbild vermitteln. Die albernen Dialoge des Paares sind eine Zumutung. Das restliche Figurenensemble ist entweder klischeebehaftet oder eindimensional.
Was bleibt?
Der Zorn des Meeres von Bram Stoker ist eine Enttäuschung. Die Handlung ist schwach, die Figuren leblos. Umso erstaunlicher, dass die Naturbeschreibungen sehr stark sind – fast schon gleichen sie die Schwächen der Novelle aus. Nur etwas für Freunde maritimer Literatur.
Auch die „kleinen“ Klassiker können überzeugen
Meine Ausgabe stammt aus der „kleinen“ Klassikerreihe des Mare Verlags. Der Einband besteht aus bedrucktem Leinen mit einem wunderschönen Motiv und sowohl Papier, als auch Verarbeitung können begeistern. Das Fehlen einer Fadenheftung ist verkraftbar, zumal an ein Leseband gedacht wurde. Die Schriftgröße ist angesichts des kleinen Formats nicht optimal, da sie zu häufigen Zeilensprüngen führt.
Auch in der kleinen Klassikerreihe gibt es einen Schuber, der durch ein minimalistisches Design zu begeistern weiß. Dieses Mal allerdings aus Papier. Im Anhang findet sich noch ein kurzes Glossar mit maritimen Fachbegriffen. Zudem ordnet der Übersetzer Alexander Pechmann das Leben von Bram Stoker in einem unterhaltsamen Nachwort ein.
Pro/Contra
Pro
- Spektakuläre Naturbeschreibungen
- Schöne Buchgestaltung
Contra
- Erstaunlich Konflikt- und Ereignisarm
- Alberne Liebesgeschichte
- Schwache Protagonisten
Fazit
Der Zorn des Meeres von Bram Stoker kann nur bedingt überzeugen. Die wunderbaren Beschreibungen des Meeres könnten zumindest maritim zugetanen Lesern gefallen.
autor: Bram Stoker
Titel: Der Zorn des Meeres
Seiten: 128
Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Mare Verlag
ISBN: 9783866486133
Übersetzer: Alexander Pechmann
illustratoren: –







