Buch Frontalansicht Stoker Zorn des Meeres

Bram Stoker – Der Zorn des Meeres

Hierzulande ist Bram Stoker vor allem für seinen Roman Dracula bekannt. Die wenigsten dürften allerdings seine weiteren Werke kennen, zumal die meisten nie ihren Weg in den deutschsprachigen Raum fanden. Der Mare Verlag erkannte diese Lücke und veröffentlichte 2020 mit Der Zorn des Meeres endlich eine seiner frühen Novellen.

Eine klassische Tragödie…

Die Ausgangslage dieser kurzen Novelle versprach eine unterhaltsame Tragödie, zumal ich maritimer Literatur durchaus zugetan bin und auch Bram Stokers Dracula noch in guter Erinnerung habe. Doch leider konnte Der Zorn des Meeres nur bedingt meine Erwartungen erfüllen.

William Barrow, auch Sailor Willy genannt, könnte nicht zufriedener mit seinem Leben sein. Trotz seines jungen Alters hat er bei der Küstenwache bereits eine Bilderbuchkarriere hinter sich gelegt und ist darüber hinaus mit der schönen Maggie verlobt. Als er eines Nachts Wache steht und Nachricht von einer geplanten Schmuggelaktion erhält, scheint sich ihm schließlich eine weitere Gelegenheit zu bieten, die Karriereleiter aufzusteigen.

Als Maggie erfährt, dass ihr hoch verschuldeter Vater an der Schmuggelaktion beteiligt ist, versucht sie vergeblich, William von seiner Pflicht abzubringen. Also wagt sie sich alleine in einer stürmischen Nacht hinaus aufs Meer, um ihren Vater zu warnen…

Beeindruckende Naturbeschreibungen

Das Eindrucksvollste an dieser Novelle – und sicherlich auch der Grund für die Veröffentlichung im mare Verlag – sind die spektakulären Naturbeschreibungen. Selten habe ich so realistische und packende Beschreibungen des Meeres gelesen. Man liest nicht einfach nur einige Zeilen über das Meer, nein, man fühlt sich direkt an die schottische Küste versetzt und erlebt hautnah jede Welle, Woge und Brandung. Das ist großes Kino und jeder, der zumindest einige Zeit an der Küste gelebt hat, wird mir zustimmen, wie realistisch Stokers Beschreibungen sind. Dabei kommt er nie in die Verlegenheit, das Meer zu romantisieren, sondern macht es zu der ebenso unbarmherzigen wie verlockenden Naturgewalt, die es eben ist.

Stoker vermeidet geschickt jeden Konflikt

Leider gibt es darüber hinaus nicht sonderlich viel Gutes über diese Erzählung zu berichten. Die Handlung, eigentlich prädestiniert für eine abenteuerliche Erzählung, erweist sich als erstaunlich konflikt- und ereignisarm. Bram Stoker lässt leider jeden potentiellen Konflikt ins Leere verlaufen und vermeidet so schon im Ansatz das Aufkommen von Spannung.

Williams innerer Konflikt, die Wahl zwischen Pflicht und Familie, sollte eigentlich im Mittelpunkt der Handlung stehen und ist in Wirklichkeit gar keiner. Nicht einmal ansatzweise kommt es hier zu einer inneren oder äußeren Auseinandersetzung, die den Leser packen könnte. Auch die Schmuggelaktion, der letzte Rettungsanker der Geschichte, wird zu keinem Zeitpunkt spannend. Jede Wendung wird von den gesichtslosen Protagonisten ohne das kleinste Murren hingenommen, man ergibt sich einfach seinem Schicksal und – hier stoppe ich, sonst würde ich potentiellen Lesern wohl zu viel verraten.

Eine alberne Liebesgeschichte und schwache Charaktere

Trauriger „Höhepunkt“ ist die an Kitsch kaum noch zu überbietende Liebesgeschichte zwischen den zwei Hauptfiguren Maggie und William, die vor Stereotypen nur so strotzt und dem Leser wohl nur Stokers eigene Ideale vermitteln soll. Die albernen Dialoge zwischen dem Liebespaar würden wohl selbst hart gesottene Groschenroman Leser als Zumutung empfinden.

Auch die anderen Charaktere sind entweder klischeebehaftet oder eindimensional, wobei Letztere noch zu den stärkeren dieser Novelle gehören. Das verwundert auch nicht, mangels nicht vorhandener Konflikte bietet sich ja auch für keine Figur die Gelegenheit, in irgendeiner Art und Weise hervorzutun.

Nur für Freunde von Naturbeschreibungen und maritimer Literatur

Das ich trotz all dieser Schwächen in der Handlung und bei den Figuren die Lektüre nicht als Zeitverschwendung ansehe, liegt sicherlich an den bereits erwähnten starken Naturbeschreibungen, die beinahe alle anderen Schwächen ausgleichen. Wer Freude an (wirklich guten!) Naturbeschreibungen hat und eine Vorliebe für maritime Literatur hat, kann hier auf auf seine Kosten kommen, alle anderen sollten zumindest wissen, worauf sie sich einlassen.

Auch die „kleinen“ Klassiker können überzeugen

Der Zorn des Meeres stammt aus der „kleinen“ Klassikerreihe des Mare Verlages, in der vor allem kürzere Novellen und Kurzgeschichten veröffentlicht werden. Die Bände sind deutlich kleiner als die Ableger der großen Reihe, darum aber nicht weniger schön. Der Einband besteht aus bedruckten Leinen mit einem wunderschönen Motiv und sowohl Papier, als auch Verarbeitung können begeistern. Das Fehlen einer Fadenheftung kann ich angesichts des niedrigen Preises und der Kürze der Novelle verkraften, zumal immerhin an ein Leseband gedacht wurde. Die Schriftgröße ist angesichts des kleinen Formats nicht optimal gewählt, da sie zu häufig Zeilensprünge erzwingt, aber das ist sicherlich auch Geschmackssache.

Auch in der kleinen Klassikerreihe gibt es einen Schuber, der durch das minimalistische und klare Design zu begeistern weiß, diesmal allerdings nur aus Papier – ähnlich wie bei der Anderen Bibliothek – besteht und keinen wirklichen Schutz bietet. Insgesamt handelt es sich um einen schönen Band, der den Preis auch rechtfertigt, allerdings auch ein oder zwei Klassen unter den normalen Mare Büchern anzusiedeln ist.

Im Anhang findet sich noch ein kurzes Glossar mit maritimen Fachbegriffen und ein sehr unterhaltsames Nachwort des Übersetzers Alexander Pechmann, in dem er das Werk in das Leben von Bram Stoker einordnet.

Fazit

Der Zorn des Meeres ist sicherlich keine Weltliteratur und kann nur bedingt überzeugen. Die wunderbaren Beschreibungen des Meeres könnten allerdings zumindest maritim zugetane Leser zum Kauf bewegen.


Autor: Bram Stoker

Titel: Der Zorn des Meeres

Seiten: 128

Erscheinungsdatum: 1895

ISBN: 9783866486133

Verlag: Mare Verlag

Übersetzer: Alexander Pechmann

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