
Die Menschenfabrik
von Oskar Panizza
03.09.2021
- Klassiker
- ·
- Phantastik
Die Menschenfabrik (1890) von Oskar Panizza gilt als einer der ersten dystopischen Vertreter der modernen Literatur. Doch lohnt sich die Lektüre auch heute noch?
Ein namenloser Wanderer
Ein namenloser Wanderer sucht Zuflucht vor der Dunkelheit und findet mitten im Nirgendwo ein unscheinbares Gebäude. Der Besitzer gewährt ihm Einlass und erklärt ihm, dass es sich bei dem Gebäude um eine Menschenfabrik handelt. Der Wanderer reagiert ungläubig und fassungslos, bis ihm ein Rundgang durch die merkwürdige Fabrik angeboten wird.
Gegen die Obrigkeit
Oskar Panizza wurde nach einer rebellischen Jugend Assistenzarzt in einer Nervenanstalt, beschäftigte sich aber lieber mit der Literatur. In Das Liebeskonzil (1894) attackierte er die Kirche scharf: Unter anderem brachte er Syphilis mit Gott in Verbindung. Es folgte eine Verurteilung zu einem Jahr Einzelhaft. Danach begann sein geistiger Verfall. Ausgerechnet er wurde in eine Nervenanstalt eingewiesen – ironischerweise dort, wo er früher tätig war. Nach 16 Jahren erlag er schließlich mehreren Schlaganfällen.
Überraschend modern
Die Menschenfabrik enthält als Frühwerk Panizzas (1890) bereits die Kerngedanken seines Schaffens. Aus der Ich-Perspektive heraus folgen wir unserem namenlosen Protagonisten. Doch was als Schauergeschichte beginnt, entpuppt sich als Warnung vor der Entmündigung der Menschheit. Der Direktor der Fabrik vergleicht die Erschaffung der neuen Menschen mit dem Brotbacken, und genauso stellt Panizza den Prozess auch dar.
Es geht nicht um Notwendigkeiten oder Hybris, es geht um Profit. Jeder Vorgang in der Fabrik ist rational durchkalkuliert. Der Mensch wird zur Ware und so geformt, wie es die neue Arbeitswelt erfordert: Der freie Wille wird abgeschafft, Kleidung angeklebt und viele Fähigkeiten haben die Menschen nicht. Selbst Kinder sind im Angebot – das erspart interessierten Kunden schließlich die Last des Ehelebens.
Dies alles beschreibt unser Schriftsteller mit einer modernen Sprache, der man ihr Alter kaum anmerkt. Auch, weil die Dialoge den Hauptbestandteil der Handlung bilden. Es ist beeindruckend, was für Szenarien der Autor entwirft, gerade wenn man den Stand der damaligen Zeit bedenkt. Panizza nahm bereits 1890 weite Teile der heutigen Debatten um künstliche Intelligenz und genetische Veränderungen vorweg.
Hochwertige Ausstattung
Die bei Hoffmann und Campe erschienene Kurzgeschichte überrascht durch eine hochwertige Ausstattung. Der Einband ist trotz Klebebindung recht stabil und mit bedrucktem Leinen überzogen. Das stimmige Titelbild passt zur Handlung. Ein Leseband ist angesichts der überschaubaren Seitenzahl nicht nötig. Der Erzählung vorangestellt ist ein kurzes Vorwort von Joachim Bessing.
Pro/Contra
Pro
- Thematisch erstaunlich aktuell
- Unterhaltsame Kurzgeschichte
Contra
- –
Fazit
Die Menschenfabrik von Oskar Panizza ist eine kurze und hochaktuelle Geschichte, der man ihr Alter kaum anmerkt. Die für sich allein Denkprozesse anstoßen kann, gleichzeitig aber auch neugierig auf mehr macht!
autor: Oskar Panizza
Titel: Die Menschenfabrik
Seiten: 64
Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN: 9783455005813
Übersetzer: Joachim Bessing
illustratoren: –





