Oskar Panizza - Die Menschenfabrik

Oskar Panizza – Die Menschenfabrik

Die 1890 von Oskar Panizza veröffentlichte Kurzgeschichte Die Menschenfabrik gilt als einer der ersten dystopischen Vertreter der modernen Literatur, erschien sie doch bereits 1890 und damit lange vor den wesentlich bekannteren Vertretern des 20. Jahrhunderts.

Ein namenloser Wanderer sucht Zuflucht vor der Dunkelheit und findet mitten im Nirgendwo ein unscheinbares Gebäude. Der Besitzer gewährt ihm Einlass und erklärt ihm, dass es sich bei dem Gebäude um eine Menschenfabrik handelt. Der Wanderer reagiert ungläubig und fassungslos, bis ihm ein Rundgang durch die merkwürdige Fabrik angeboten wird.

Oskar Panizzas Kampf gegen die Obrigkeit

Oskar Panizza führte ein bewegtes Leben, das sich in seinen Werken widerspiegelt. Nach einer rebellischen Jugend wurde er Assistenzarzt in einer Nervenanstalt, wandte sich nach einem Paris Aufenthalt allerdings der Literatur zu. Dort sorgte er schon früh für Aufsehen, spätestens nachdem Erscheinen des Liebeskonzils im Jahre 1894 erreichte er große Bekanntheit. In seinem bekanntesten Drama attackierte er die katholische Kirche aufs Schärfste und brachte das Auftauchen von Syphilis mit Gott und dem Teufel in Verbindung. Er wurde wegen Blasphemie angeklagt und – auch aufgrund seiner störrischen Art – zu einem Jahr Einzelhaft verurteilt. Es begann ein langsamer Abstieg, der sich in wachsender öffentliche Verachtung aufgrund seiner provokanten Schriften und seinem allmählichen geistigen Verfall widerspiegelten. Dieser ging so weit, dass der frühere Arzt einer Nervenanstalt schließlich selbst in eine Nervenanstalt eingewiesen wurde – ironischerweise war er zeitweise in der Klinik untergebracht, in der er seine erste Tätigkeit als Assistenzarzt aufnahm. Er verbrachte schließlich die letzten 16 Jahre seines Lebens in solchen Einrichtungen, bis er an den Folgen mehrerer Schlaganfälle verstarb.

Halt! – Noch eine Frage“ – rief ich – „bevor wir weitergehen: Tun ihre Menschen denken?“

– „Nein!“ – rief er sofort – „das haben wir glücklich abgeschafft!“

Überraschend aktuelle Gedanken

Die Menschenfabrik erschien 1890 und gehört somit zum Frühwerk Panizzas, enthält aber bereits die Kerngedanken seines Widerstandes gegen die Obrigkeit. Wir folgen dem namenlosen Protagonisten in der Ich-Perspektive in die Fabrik, doch entgegen meiner Erwartungen handelt es sich nicht um eine Schauergeschichte, sondern um die nüchterne Darstellung der Entmündigung der Menschheit. Der Direktor der Fabrik vergleicht an einer Stelle der Erzählung die Erschaffung der neuen Menschen mit dem Brot backen und genauso stellt Panizza den Prozess auch dar. Die Menschen werden nicht aus übersteigerter Hybris oder gar einer äußeren Notwendigkeit heraus hergestellt, sondern aus reiner Profitgier. Jeder Vorgang in der Fabrik ist rational durch kalkuliert und folgt kapitalistischen Vorgaben. Der Mensch wird zur Ware und so geformt, wie es die neue Arbeitswelt erfordert: Der freie Wille wird abgeschafft, die neu erschaffenen Menschen sind nur zu einer Tätigkeit fähig und sogar das lästige Kleiderwechseln bleibt ihnen aufgrund angeklebter Kleidung erspart. Selbst Kinder werden in dieser Fabrik hergestellt, das erspart den interessierten Kunden schließlich die Lasten des Ehelebens. Jegliche Einwände des Wanderers, ob es nun um den freien Willen, Moral oder auch nur Sicherheit geht, weist der Direktor der Fabrik ab, es geht es nur um den wirtschaftlichen Erfolg.

Dies alles beschreibt Panizza in einer relativ modernen und rasanten Sprache, der man ihr Alter kaum anmerkt, wohl auch weil Dialoge Hauptbestandteil der Handlung sind. Es ist beeindruckend, was für Szenarien der Autor in der Menschenfabrik aufwirft, gerade wenn man den technologische Stand der damaligen Zeit bedenkt. Panizza nahm somit bereits 1890 weite Teil der heutigen Debatten um künstliche Intelligenz und genetischer Veränderungen vorweg.

Eine hochwertige Ausstattung für eine Kurzgeschichte

Hoffmann und Campe haben der schmalen Kurzgeschichte eine überraschend hochwertige Ausstattung angedeihen lassen. Der Einband ist trotz Klebebindung recht stabil und mit bedruckten Leinen überzogen, das Motiv ist stimmig und passt zur Handlung. Ein Leseband ist nicht dabei, ist aber auch angesichts der überschaubaren Seitenanzahl nicht nötig, selbst ein gemütlicher Leser sollte kaum mehr als einen verregneten Nachmittag für diesen Band brauchen. Der Erzählung vorangestellt ist ein kurzes und nach allen Regeln der Kunst angefertigtes Vorwort von Joachim Bessing.

Fazit

Die Menschenfabrik ist eine kurze und hochaktuelle Geschichte, der man ihr Alter kaum anmerkt. Eine Geschichte, die für sich alleine schon Denkprozesse anstoßen kann, gleichzeitig aber auch neugierig auf mehr Werke dieses Autors macht!


Autor: Oskar Panizza

Titel: Die Menschenfabrik

Seiten: 64

Erscheinungsdatum: 1890 / 2019

ISBN: 9783455005813

Verlag: Hoffmann und Campe

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