Ein Buch mit dem Bild einer Frau mit blauen Haaren, das auf einem Holztisch liegt.

Im Paradies

von Asta Nielsen


08.12.2023

  • Klassiker

Mit Im Paradies liegt eine kleine und wundervoll illustrierte Kurzgeschichtensammlung des dänischen Stummfilm-Stars Asta Nielsen vor. Doch können ihre Geschichten genauso überzeugen wie das hervorragende Äußere?

Im Paradies oder Leben und Sterben im Elfenbeinturm

Wir beginnen den Band mit der titelgebenden Geschichte Ein Tag im Paradies. Asta Nielsen befindet sich in Berlin und benötigt nichts dringender als einen blühenden Kastanienzweig. Glücklicherweise macht sie auf ihrer Suche Bekanntschaft mit einem Geigenbauer, der sie auf seinen Landsitz einlädt. Sein Lockmittel? Blühende Kastanienzweige in seinem Garten. Nielsen freut sich bereits auf einen erholsamen Tag in einem Berliner Vorort, doch der Tag soll ganz anders verlaufen als gedacht …

Eine Rose ist eine Rose ist – nicht immer – eine Rose nimmt hingegen eine ganz andere Wendung. Erleben wir zunächst eine glückliche Episode aus Astas Kindheit, so münden die Ereignisse binnen kürzester Zeit in einem tragischen Ereignis … Die nächste Geschichte – La Bohéme – führt uns nach München. Dort begleiten wir Nielsen auf eine feucht-fröhliche Geburtstagsfeier von Joachim Ringelnatz und leiden insbesondere mit einem Professor, der so einiges über sich ergehen lassen muss …

Kurz vor Ende finden wir uns noch in Massa, Italien, wieder (Weihnachten in Massa) und feiern mit Nielsen, ihrer Tochter und Freunden aus ganz Europa ein letztes Weihnachtsfest, bevor der Erste Weltkrieg das Weltgeschehen für immer verändert … Den Abschluss dieses Bandes bildet das Hiddensee-Tagebuch. Nielsen erhält Besuch von Joachim Ringelnatz und ihrer Frau in ihrem Sommerhaus – und das bedeutet einmal mehr Chaos pur …

Star der Stummfilm-Zeit

Der vorliegende Band versammelt Geschichten des dänischen Stummfilm-Sternchens Asta Nielsen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich vor diesem Band noch nie etwas von einer Asta Nielsen gehört oder gesehen habe. Allerdings bietet eine große Videoplattform reichlich Gelegenheit, um diese (Bildungs-)Lücken zu schließen.

Daher folgen an dieser Stelle nur die wichtigsten Stationen ihres Lebens: Asta Nielsen wurde 1881 in Kopenhagen in ärmliche Verhältnisse geboren und begann recht früh mit dem Theater. Erfolgreich wurde sie jedoch erst durch ihre Stummfilme – ihr großer Erfolg begann beispielsweise mit dem Werk Afgrunden (Abgründe).

Innerhalb kürzester Zeit war sie als Star und Diva bekannt. Ihre Karriere endete erst mit dem Anbruch des Tonfilm-Zeitalters. Danach widmete sie sich wieder dem Theater und dem Schreiben. Eine kleine Auswahl dieser Werke liegt nun in dieser Sammlung vor.

Handwerklich allenfalls solide

Obwohl ich vorher weder die Schauspielerin noch die Schriftstellerin Asta Nielsen kannte, griff ich bei Erscheinen dieses Bandes blind zu. Kat Menschik hat bei der Auswahl ihrer Texte schließlich bislang immer ein gutes Händchen bewiesen. Leider handelt es sich bei Im Paradies um einen der seltenen Fehlgriffe dieser Reihe.

Problematisch sind nicht nur ihre handwerklichen Fähigkeiten – soweit man es nach den Übersetzungen beurteilen kann, handelt es sich um solide und weder positiv noch negativ hervorstechende Geschichten – böse Zungen würden womöglich von belanglosen Geschichten sprechen.

Humor für den Elfenbeinturm

Mein Problem ist ihre Erzählhaltung bzw. der Erzählton. Augenscheinlich versucht die Autorin, uns Leser durch absurde und skurrile Situationen zum Lachen zu bringen. Leider fühlt es sich nicht so an, als ob der gemeine Leser zu ihrer Zielgruppe gehören würde. Vielmehr scheint sie eine wie auch immer geartete künstlerische Elite anzusprechen – typischer Elfenbeinturmhumor.

Ihre Geschichten begeistern weder durch Selbstironie noch durch Tiefe. Stattdessen wird nach unten getreten, und zwar gewaltig. So ist es völlig okay, wenn sich ein Künstler wie Joachim Ringelnatz ungehobelt und hochmütig benimmt, seine Umgebung ausnutzt und sich seinem Umfeld gegenüber insgesamt rücksichtslos benimmt – immerhin reicht dies für einige Slapstick-Einlagen in der letzten Geschichte.

Wenn sich hingegen ein Geigenbauer erdreistet, auch nur halb so egoistisch zu sein wie Ringelnatz, dann wird gleich eine ganze Geschichte ersonnen, in der seine Lebensweise und Familie öffentlich verunglimpft werden.

Den Höhepunkt dieser literarischen Frechheiten stellt Eine Rose ist eine Rose ist – nicht immer – eine Rose dar. Die Geschichte beginnt im Duktus des restlichen Bandes und versucht durch den Tod einer wichtigen Person dann auch noch Sympathiepunkte für die junge und egoistische Asta zu gewinnen – geschmackloser kann man einen Tod nicht ausnutzen.

Was bleibt?

Im Paradies von Asta Nielsen verbleibt ein Werk, das vor allem durch seine äußeren Werte überzeugen kann. Stilistisch und inhaltlich allenfalls Mittelmaß, schafft die Autorin es bis auf eine Ausnahme nicht über ihren Elfenbeinturm hinauszublicken – eine Kunst für einen Menschen, der aus ärmlichen Verhältnissen stammt und es eigentlich besser wissen müsste. Dafür sind die äußeren Werte jedoch so stark, dass sie alleine den Kauf rechtfertigen würden.

Äußerlich ein Kunstwerk

Mit Im Paradies liegt mittlerweile der 15. Band der Illustrierten Lieblingsbücher aus dem Galiani Verlag vor. Und auch dieser Band lässt das Herz jedes bibliophilen Lesers schneller schlagen.

Neben handwerklich obligatorischen Elementen wie einer Fadenheftung oder einem Leseband dürfen wir uns wieder über eine individuelle Gestaltung durch die Illustratorin und Herausgeberin Kat Menschik freuen. Daneben überzeugt natürlich auch das ideale Buchformat, der dreiseitige silberne Farbschnitt und die farblich perfekt aufeinander abgestimmte und von Blautönen dominierte Gesamtgestaltung dieses Werkes.

Das sowohl Vorsatz als auch Nachsatz mit Illustrationen verschönert wurden, dürfte wohl auf der Hand liegen. Ausgangspunkt von Kat Menschiks Zeichnungen war das Haus „Karusel“ auf der Insel Hiddensee – vom Architekten Max Taut ersonnen, stellte es die Sommerresidenz der Nielsens dar. Und wer sich das Haus auf Bildern im Internet anschaut, der weiß, warum die Farben so gewählt wurden.

Ihre Illustrationen stellen wieder einmal ein wildes Potpourri verschiedenster Elemente dar. Neu sind die zahlreichen Portraits, die den Filmen Nielsens nachempfunden wurden. Daneben finden wir aber auch wieder zahlreiche collagenartige Motive, die perfekt zum Inhalt der Kurzgeschichten passen.

Übersetzt wurden die Geschichten von drei verschiedenen Übersetzern. Weihnachten in Massa stellt dabei eine deutsche Erstübersetzung durch Steffen Jacobs dar, die anderen Übersetzungen stammen von Allan O. Hagedorff und Renate Seydel.

Im Anhang finden wir darüber hinaus ein (wirkliches kurzes) Nachwort der Illustratorin Kat Menschik persönlich, in der sie ihre Herangehensweise erklärt. Ebenfalls finden wir ein kurzes Nachwort von Karl Huck, einem Puppenspieler, der die Inspiration für diesen Roman lieferte und der einige Informationen zu Asta Nielsen in gebündelter Form darstellt.

Bibliographie

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Pro/Contra

Pro
  • Wunderschöne Buchgestaltung – Kunst!
Contra
  • Elfenbeinturm-Humor

Fazit


Im Paradies von Asta Nielsen kann in erster Linie und vor allem durch äußere Werte überzeugen. Diese sind allerdings so stark, dass sich alleine deswegen schon ein Kauf lohnen könnte.

autorin: Asta Nielsen

Titel: Im Paradies

Seiten: 112

Erscheinungsdatum: 2023 (s.o.)

Verlag: Galiani Verlag

ISBN: 9783869712802

übersetzerIn: Diverse (s.o.)

illustratorin: Kat Menschik

Reihe: Illustrierte Lieblingsbücher (15)

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