
Stummes Echo
von Susan Hill
25.02.2022
- Gegenwartsliteratur
Susan Hill behandelt in ihrer Novelle Stummes Echo (The Beacon) Themen wie Familie und die Glaubwürdigkeit von Erinnerungen.
Eine gespaltene Familie
Die Geschwister May, Colin, Bernice und Frank wachsen abgeschnitten auf einem kleinen Hof in England auf, dem Beacon. Ihre Kindheit verläuft ruhig und harmonisch. Während Colin, Bernice und May in der Heimat verwurzelt bleiben, zieht es Frank nach London. Er wird erfolgreicher Journalist und verfasst ein Buch über seine Kindheit. Die Geschwister sind schockiert, decken sich ihre eigenen Erinnerungen nicht mit seinen Beschreibungen. Als Jahrzehnte später ihre Mutter stirbt, treffen die Geschwister wieder aufeinander.
Familiengeschichte aus der Perspektive der Kinder
Susan Hill ist in Deutschland kein bekannter Name. Viele dürften immerhin die erfolgreiche Verfilmung ihrer Kurzgeschichte Die Frau in Schwarz mit Daniel Radcliffe in der Hauptrolle kennen. Neben zahlreichen Horrorgeschichten verfasste sie eine erfolgreiche Krimireihe, Kindergeschichten und viele andere Werke.
Die Autorin erzählt diese Familiengeschichte aus der Perspektive der vier Geschwister. May ist eine introvertierte Frau, die ihr Potential nie ausschöpfen konnte. Ein Stipendium ermöglicht es ihr, ein Jahr in London zu studieren. Doch sie vermisst die Geborgenheit ihrer Heimat. Als sie nach Hause zurückkehrt, sorgen ihre Eltern dafür, dass sie ihre Ambitionen aufgibt.
Frank ist das schwarze Schaf der Familie. Er erkannte bereits früh, dass in der Umklammerung der Eltern eine Form der Gewalt steckt. In jungen Jahren flüchtet er nach London und legt eine erfolgreiche Karriere als Journalist hin. Seine Jugenderfahrungen werden zum Bestseller.
Können wir uns auf unsere Erinnerungen verlassen?
Die Novelle Stummes Echo ist sicherlich keine innovative Geschichte, aber welche Geschichte kann das schon von sich behaupten? Die Themen und Motive sind universell und handeln von Familie, Geschwistern und dem Herauslösen und Klammern in diesen Verbindungen. Ein weiteres wichtiges Thema sind Erinnerungen. Entsprechen unsere Erinnerungen der Realität? Und wenn ja, warum bewerten wir manche Dinge im Laufe der Jahre gänzlich unterschiedlich?
Die berühmte Sogwirkung
Stilistisch erweist sich Susan Hill als eine hervorragende Autorin. Immer wieder wechselt die Handlung von Vergangenheit zu Gegenwart, jede Seite birgt neue Erkenntnisse und neue Fragen. Im Hintergrund baut sie den Konflikt langsam auf und steigert die Spannung mit jeder Seite. Die Handlung spielt sich größtenteils in Erinnerungen ab.
Dabei verwendet sie einen langen und mit vielen Nebensätzen gespickten Satzbau. Die wenigen Gegenwartspassagen bestehen hauptsächlich aus kurzen Dialogen. Als Leser sind wir gefangen in der Gedankenwelt und wissen nicht, welche Erinnerungen wahr sind und welche nicht. Gerade durch diese Erzählweise entwickelt die Geschichte die berühmte Sogwirkung.
Mehr Seiten hätten der Geschichte gut getan
Trotzdem kann die Geschichte nicht völlig überzeugen. Leider wird gerade die Beziehung der Geschwister mehrere Male widersprüchlich beschrieben. Mal haben sie sich voneinander entfernt, einige Seiten später stehen sie sich plötzlich wieder nahe. Auch ist Franks Entwicklung nicht nachvollziehbar.
Zudem ist die Rolle der Eltern recht schwammig. Obwohl sich alles um das Verhältnis der Familie dreht, spielen sie keine große Rolle. Einige Seiten mehr wären hilfreich gewesen, um alle Charaktere ausreichend zu beleuchten. So bleibt es bei einer guten und unterhaltsamen Novelle, die das Potential für viel mehr gehabt hätte.
Viel Buch für wenig Geld
Stummes Echo erschien 2019 erstmals im Gatsby Verlag, einem Imprint des Kampa Verlags. Stummes Echo erschien 2019 erstmals im Gatsby Verlag, einem Imprint des Kampa Verlags. Der Einband besteht aus bedrucktem Leinen, das Format ist handlich, aber nicht zu klein.
Und bei der Farb- und Motivwahl scheint der Verlag das richtige Gespür zu haben. Verzichten müssen wir auf ein Leseband und eine Fadenheftung. Alles in allem bekommt man dennoch ein schönes Buch zu einem fairen Preis. Die Übersetzung fertigte Andrea Stumpf an.
Pro/Contra
Pro
- Handwerklich solide Geschichte
- Entwickelt die berühmte Sogwirkung
Contra
- Die Kürze der Geschichte lässt die Charaktere nicht zur Geltung kommen
Fazit
Stummes Echo von Susan Hill ist eine unterhaltsame Novelle, die für zwei Stunden gute Unterhaltung bietet. Einige Unstimmigkeiten bei den Charakteren verhindern leider den ganz großen Wurf.
autorin: Susan Hill
Titel: Stummes Echo
Seiten: 165
Erscheinungsdatum: 2008
Verlag: Gatsby Verlag
ISBN: 9783311210078
Übersetzerin: Andrea Stumpf
illustratoren: –







