Buch Frontalansicht Vila-Matas Dublinesk

Dublinesk

von Enrique Vila-Matas


07.01.2022

  • Gegenwartsliteratur

Enrique Vila-Matas ist ein seit Jahrzehnten erfolgreicher Autor, dessen Werke in Deutschland kaum Beachtung finden. In seinem Roman Dublinesk verbindet er seine Liebe zur Literatur mit dem erwachenden Bewusstsein für die eigene Vergänglichkeit – eine interessante Ausgangslage.

Vor den Trümmern der eigenen Existenz

Der ehemalige Verleger Samuel Riba steht mit sechzig Jahren vor den Trümmern seiner eigenen Existenz: Seinen Verlag hat er nach über dreißig Jahren aus wirtschaftlichen Gründen schließen müssen, seine Ehe steht vor dem Aus und der Alkohol hat seine Gesundheit ruiniert. Seine Freizeit verbringt er seit zwei Jahren am liebsten vor dem Computer und wenn er es schafft, sich von diesem zu lösen, dann streift er in Selbstmitleid versunken durch die Straßen Barcelonas.

Von seinen Eltern, die bald ihren 61. Hochzeitstag begehen, hat er sich zeit seines Lebens nicht abnabeln können und besucht sie pflichtgetreu jeden Mittwoch. Sie wissen nichts von seiner Verlagsschließung und um den Schein zu wahren, erzählt er ihnen von einer geplanten Dublin Reise, um am 16. Juni den Bloomsday zu feiern. Notgedrungen schart er einige ehemalige Autoren um sich und möchte mit ihnen das Ende des gedruckten Buches und den Anbruch des digitalen Zeitalters feiern.

Nicht der ideale Leser

Ich muss gleich zu Beginn klarstellen, dass ich wahrscheinlich der ungeeignetste Leser für dieses Buch bin. Das Buch wird explizit als Liebeserklärung an James Joyces berühmten Ulysses beworben und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich diesen Roman noch nicht gelesen habe. Der Roman ist gespickt von Zitaten und Anspielungen, die sich größtenteils um das Werk Ulysses drehen und auch wenn ich vieles in bester Riba Manier im Internet nachlesen konnte, so habe ich wahrscheinlich vieles übersehen. Man möge es mir also nachsehen, wenn mein Urteil etwas härter ausfällt, als es womöglich bei einem Joyce Kenner der Fall wäre.

Wirklichkeit und Fiktion verschmelzen

Als Leser folgen wir der Handlung ausschließlich aus der Perspektive des Verlegers Samuel Riba. Die Handlung beginnt in Barcelona, verlagert sich in der zweiten Hälfte dann aber nach Dublin. Immer wieder baut Vila-Matas dabei surreale Traumsequenzen ein, deren Häufigkeit mit dem Fortschritt der Handlung zunehmen, bis es dem Leser wie dem Protagonisten ergeht und Traum und Wirklichkeit nicht mehr auseinander zu halten sind. Diese Abschnitte sind zu Beginn noch recht unterhaltsam, scheinen dann aber zunehmend um ihrer selbst willen im Text zu stehen und wirken mit Ausnahme der letzten Seite ermüdend.

Ein überheblicher und langweiliger Protagonist

Das Riba zudem noch ein höchst unsympathischer Protagonist ist, erschwert die Lektüre zusätzlich. Sein Nierenleiden hat ihm auf schmerzhafte Art und Weise seine eigene Sterblichkeit bewusst gemacht, doch er zieht es vor, diesen Gedanken zu verdrängen und überzukompensieren. Er verrennt er sich in Lügen Konstrukte, hasst er die Gesellschaft von anderen Menschen und kann neue Entwicklungen nur schwer akzeptieren.

Er sieht sich in seiner Hybris lieber als einen der letzten wahren Verleger, alle nach ihm würden nämlich keine richtige Literatur, sondern nur Schund verlegen. Für Riba hat die Literatur mit Joyce ihren Höhepunkt erreicht und alles nach ihm wirkt nur noch schal. Sein ganzes Leben hat er vergeblich nach einem würdigen Nachfolger für Joyce gesucht und steht nun vor dem Nichts. In einem letzten Akt der Überheblichkeit beschließt er sogar, die Gutenberg-Galaxie am Bloomsday zu beerdigen. Sein ganzes Handeln und Denken dreht sich letzten Endes um den verzweifelten Versuch, seinem Leben und Schaffen im Nachhinein einen Sinn zu verleihen.

Romanfiguren muss man nicht mögen, man muss mit ihren Gedanken auch nicht immer übereinstimmen, aber in diesem Fall ist nichts an dieser Figur und ihrer Geschichte unterhaltsam. Es ist zumindest im Ansatz interessant, wenn ein Mensch am Ende seines Lebens Bilanz zieht, aber wie viel Gehalt haben die Erfahrungen eines Menschen, der beständig unzufrieden ist und dessen Gedanken sich jahrzehntelang um die gleichen Dinge drehen?
Das ist schade, da ich mir von grundlegenden Konzept des Romans mehr erhofft hätte. Womöglich würde meine Bewertung des Romanes anders auffallen, wenn ich mich eingehend mit Ulysses beschäftigt hätte, aber ohne diese Kenntnisse bleibt es bei einem Roman, der viel Potential ungenutzt liegen lässt.

Die Gestaltung ist ein Traum

Die Ausgabe der Anderen Bibliothek wurde von Jörg Hulsmann gestaltet und begeistert durch die wunderschöne Aufmachung. Der Papierschuber ist wie immer suboptimal, dafür aber wunderschön gestaltet, der Einband stabil, eine Fadenheftung und ein Leseband sind vorhanden und die Gestaltung im Inneren aus einem Guss. Die Illustrationen im Buch sind thematisch passend und sehr schön anzuschauen. Mir gefällt Jörg Hülsmanns Zeichenstil, weitere Arbeiten kann man sich auf seiner Homepage ansehen.
Einen Anhang gibt es in diesem Buch leider nicht, zumindest ein kurzer Vor- oder Nachwort kann man in dieser Preisklasse voraussetzen.

Mangelhafte Arbeit des Lektorats

Was viel schwerer wiegt, sind die Fehler des Lektorats, die ich von einem Verlag wie der Anderen Bibliothek nicht gewohnt bin und die aufgrund des hohen Buchpreises noch schwerer ins Gewicht fallen. Ich als normaler Leser habe mich schon gewundert, dass die Knieschmerzen von Samuel Riba gerne mal das Bein wechseln, Andreas Mertin hat in seiner Besprechung noch deutlich mehr Fehler gefunden, die die mangelhafte Arbeit des Lektorats verdeutlichen.

Pro/Contra

Pro
  • Wunderschöne Buchgestaltung
Contra
  • Nur James Joyce Fans können die zahlreichen Anspielungen würdigen
  • unsympathischer Protagonist

Fazit


Dublinesk ist ein Roman, der mehr verspricht als er wirklich zu bieten hat. Fans von James Joyce Ulysses könnten durchaus auf ihre Kosten kommen, für mich ist es nur ein Roman über eine höchst unsympathische Figur, die sich in ihrer eigenen Gedankenwelt verrennt und in Selbstmitleid versinkt.

autor: Enrique Vila-Matas

Titel: Dublinesk

Seiten: 284

Erscheinungsdatum: 2013

Verlag: Die Andere Bibliothek

ISBN: 9783847703419

übersetzerin: Petra Strien

illustrator: Jörg Hülsmann

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