Auf einer Holzfläche liegt ein Buch mit dem Titel „Dublinesk“ von Enrique Vila-Matas. Auf dem Cover sind Bücherregale und ein lesender Mann abgebildet.

Dublinesk

von Enrique Vila-Matas


07.01.2022

  • Gegenwartsliteratur

Enrique Vila-Matas verbindet in Dublinesk die Liebe zur Literatur mit dem erwachenden Bewusstsein für die eigene Vergänglichkeit – eine interessante Ausgangslage.

Vor den Trümmern der eigenen Existenz

Der ehemalige Verleger Samuel Riba steht mit sechzig Jahren vor den Trümmern seiner Existenz: Seinen Verlag hat er nach über dreißig Jahren schließen müssen, seine Ehe steht vor dem Aus und der Alkohol hat seine Gesundheit ruiniert. Seine Freizeit verbringt er seit zwei Jahren am liebsten vor dem Computer. Und wenn nicht, dann streift er in Selbstmitleid versunken durch die Straßen Barcelonas.

Von seinen Eltern, die bald ihren 61. Hochzeitstag begehen, hat er sich zeit seines Lebens nicht abnabeln können. Pflichtgetreu besucht er sie jeden Mittwoch. Um den Schein zu wahren, erzählt er ihnen von einer geplanten Dublin-Reise, um den Bloomsday zu feiern. Notgedrungen schart er ehemalige Autoren um sich und möchte das Ende des gedruckten Buches und den Anbruch des digitalen Zeitalters feiern.

Wirklichkeit und Fiktion verschmelzen

Wir folgen der Handlung aus der Perspektive des Verlegers Samuel Riba. Die Handlung beginnt in Barcelona und verlagert sich in der zweiten Hälfte nach Dublin. Immer wieder baut Vila-Matas surreale Traumsequenzen ein, deren Häufigkeit zunimmt. Irgendwann ergeht es uns wie dem Protagonisten: Wir können Traum und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten. Diese Abschnitte sind zu Beginn noch recht unterhaltsam, verkommen aber im Laufe der Zeit zu einer literarischen Fingerübung.

Überheblicher und langweiliger Protagonist

Dass Riba zudem ein unsympathischer Protagonist ist, erschwert die Lektüre. Sein Nierenleiden hat ihm auf schmerzhafte Art und Weise seine eigene Sterblichkeit bewusst gemacht. Doch er zieht es vor, diesen Gedanken zu verdrängen. Er verrennt sich in Lügenkonstrukten, hasst Gesellschaft und kann neue Entwicklungen nur schwer akzeptieren. Er sieht sich als einen der letzten wahren Verleger, alle nach ihm würden Schund verlegen. 

Für Riba hat die Literatur mit Joyce ihren Höhepunkt erreicht und alles nach ihm wirkt nur noch schal. Sein ganzes Handeln dreht sich letzten Endes um den verzweifelten Versuch, seinem Leben im Nachhinein einen Sinn zu verleihen. Romanfiguren muss man nicht mögen. Aber in diesem Fall ist nichts an dieser Figur und ihrer Geschichte unterhaltsam. Wie viel Gehalt haben die Erfahrungen eines Menschen, dessen Gedanken sich jahrzehntelang um die gleichen Dinge drehen?

Die Gestaltung ist ein Traum

Die Ausgabe der Anderen Bibliothek wurde von Jörg Hulsmann gestaltet und begeistert durch die wunderschöne Aufmachung. Der Einband ist stabil, eine Fadenheftung und ein Leseband vorhanden und die Gestaltung im Inneren ist aus einem Guss. Die Illustrationen von Jörg Hülsmann sind thematisch passend und ansehnlich. Einen Anhang gibt es leider nicht. Die Übersetzung stammt von Petra Strien. Ungewohnt für die Andere Bibliothek ist die mangelhafte Arbeit des Lektorats. Hier findet man eine Übersicht aller Fehler

Pro/Contra

Pro
  • Wunderschöne Buchgestaltung
Contra
  • Nur James Joyce Fans können die zahlreichen Anspielungen würdigen
  • Unsympathischer Protagonist

Fazit


Dublinesk von Enrique Vila-Matas verspricht mehr, als er zu bieten hat. Fans von James Joyce Ulysses könnten auf ihre Kosten kommen. Alle anderen müssen unter einer unsympathischen Hauptfigur leiden.

autor: Enrique Vila-Matas

Titel: Dublinesk

Seiten: 284

Erscheinungsdatum: 2013

Verlag: Die Andere Bibliothek

ISBN: 9783847703419

Übersetzer: Petra Strien

illustrator: Jörg Hülsmann

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Kommentare
Neuste
Älteste
Inline Feedbacks
Sehe dir alle Kommentare an