Wilhelm Lehner - Der Freiheit entgegen

Wilhelm Lehner – Der Freiheit entgegen

Es gibt wohl kaum eine Rezension, die mir mehr Kopfzerbrechen bereitet hat, als die vorliegende zu Wilhelm Lehners Der Freiheit entgegen. Warum das der Fall ist, erfahrt ihr in den folgenden Zeilen.

Eine Alternativweltgeschichte von Rechts

Unsere Geschichte beginnt einige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Der ehemalige deutsche Pilot Hartmann schlägt sich in Amerika recht erfolgreich als Börsenspekulant durchs Leben. Obwohl es ihm äußerlich an nichts mangelt, leidet er immer noch darunter, dass seine Dienste im Krieg in seiner Heimat keine Würdigung erfahren haben. Als er eines Tages einer globalen Getreidepreisspekulation auf die Schliche kommt, die die Existenzgrundlage von Millionen von Deutschen bedroht, zögert er dennoch keine Sekunde und leitet die notwendigen Schritte ein, um seine Heimat zu retten.

Im weiteren Verlauf kehrt er endgültig nach Deutschland zurück und baut mit ehemaligen Weltkriegsoffizieren eine neue separatistische Luftwaffe auf, die sich dank modernster Technik als hoffnungslos überlegen erweist. Fortan nehmen sie den Kampf gegen die Unterdrücker Deutschlands auf, allen voran natürlich Frankreich…

Ein reines Propaganda Instrument

Wer diese Inhaltsbeschreibung richtig erfasst hat und sich in einem weiteren Schritt vergegenwärtigt, dass Der Freiheit entgegen 1930 als Fortsetzungsroman im Völkischen Beobachter erschienen ist, weiß im Grunde schon alles, was er über diesen Roman wissen muss. Leider haben wir es hier nicht mit einer frühen phantastischen Alternativweltgeschichte zu tun, die nur von einem wie auch immer gearteten Zeitgeist geprägt wurde. Vielmehr handelt es sich um ein literarisch wenig ausgefeiltes Propaganda Werk, dass auch nur als solches verstanden werden kann.

Thematisiert werden die einschlägig bekannten Ressentiments der Weimarer Republik, die für eigene politische Zwecke ausgeschlachtet und pervertiert werden. In einer nicht enden wollenden Dauerschleife werden die immer gleichen Parolen hervorgeholt, ob es nun um vermeintlich ungerechtfertigte Reparationsleistungen, den Verrat der Regierung oder um die Tapferkeit und Überlegenheit des deutschen Volkes geht. Dass dann noch Gasangriffe auf Städte befürwortet und sogar gefeiert werden, ist zwar pervers, aber vom Autor konsequent zu Ende gedacht.

Nicht nur inhaltlich schwach

Neben den inhaltlichen Problemen kommen noch die literarischen Defizite erschwerend hinzu. Lehner besitzt keinerlei literarische Begabungen und das merkt man auf jeder Ebene des Romans. Seine Handlung folgt keinen Spannungsbögen, sondern ist darauf ausgerichtet, nationalsozialistischen Wahnvorstellungen (die erstaunlich nah dran an dem tatsächlichen historischen Verlauf sind) entsprechenden Raum zu geben. Das seine Figuren über die Einteilung in Patrioten und Verräter hinaus keine besondere Charakterisierung erfahren haben, versteht sich ebenso von selbst wie das reduzieren von Frauen in ihre Rollen als Gebärmaschinen und Bewunderinnen.

Hat die Geschichte überhaupt einen Wert?

Wie eingangs erwähnt habe ich lange Zeit mit der Veröffentlichung dieser Rezension gezögert. Ich habe mich gefragt, ob und warum ich so einem Werk überhaupt Raum geben sollte. Im Grunde ist ja schon jedes Wort über diese Geschichte eines zu viel.

Letztlich soll es auf diesem Blog nicht nur Besprechungen zu guten Büchern geben, auch wenn es natürlich schön wäre, wenn ich nur solche Bücher lesen würde. Der Freiheit entgegen wird nur in den wenigsten Fällen so etwas wie Freude bereiten und dann allenfalls aus einer wissenschaftliche Sichtweise heraus. Wer sich speziell mit Alternativweltgeschichten aus der Weimarer Republik auseinandersetzten möchte, der könnte hier richtig sein. Dabei muss einem aber bewusst sein, dass hier nicht mehr als ein Propaganda-Werk vorliegt, dass auch in literarischer Hinsicht keinen Wert hat.

Letztlich bin ich allerdings davon überzeugt, dass von dieser Geschichte keinerlei Art von Gefahr für die junge oder auch ältere Leserschaft ausgehen kann, dazu ist die Geschichte sprachlich zu schwach und inhaltlich zu sehr mit dem Zeitgeist der Weimarer Republik verwurzelt.  

Die Ausstattung ist viel zu hochwertig für so ein Buch

Der Freiheit entgegen erschien 2004 im Shayol Verlag im Rahmen der Utopisch-Phantastischen Bibliothek. Diese Entscheidung kann ich teilweise nachvollziehen, wollte man mit diesem Werk auch eine Alternativweltgeschichte der 1920/30er der Öffentlichkeit wieder zugänglich machen. Allerdings ist die Ausstattung für so ein Buch ein Stück weit zu schön, schließlich erhielt es einen schönen Leinenumschlag, eine Goldprägung, eine Fadenheftung und darüber hinaus noch ein Leseband.

Der recht umfangreiche Anhang wurde von Wolfgang Both gestaltet und bietet dem Leser einige Informationen und Erklärungen zu prägenden Motiven des Romans wie der Weimarer Republik, dem Flugwesen, dem Gaskrieg oder auch Hypothesen zur wahren Identität des Autors selbst. Das Nachwort ist tatsächlich ganz in Ordnung, bietet allerdings nicht so viel Neues, dass es etwa die in vielerlei Hinsicht schwache Geschichte überstrahlen könnte.

Pro/Contra

Pro
  • Allenfalls aus wissenschaftlicher Sicht interessant
Contra
  • Alles andere

Fazit


Der Freiheit entgegen von Wilhelm Lehner dürfte allenfalls interessierten Science-Fiction Historikern einen Mehrwert bieten, alle anderen sollten zumindest wissen, dass sie ein in vielerlei Hinsicht minderwertiges nationalsozialistisches Propaganda-Werk vor sich haben.


Autor: Wilhelm Lehner

Titel: Der Freiheit entgegen

Seiten: 234

Erscheinungsdatum: 1930

ISBN: 978392612640X

Verlag: Shayol Verlag

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