Grete De Francesco - Die Macht des Charlatans

Grete De Francesco – Die Macht des Charlatans

Die Macht des Charlatans von Grete De Francesco ist eine überraschend aktuelle Studie über die Geschichte und Methodik des Scharlatanismus vom 15. bis zum 18. Jahrhundert und verdient deutlich mehr Aufmerksamkeit.

Von der Kunst der Massenmanipulation

Grete de Francesco beginnt in ihrem Standardwerk mit der Definition des Begriffes Charlatan (übrigens ein viel schöneres Wort als Scharlatan) und wendet sich dann der Alchemie zu, die mit den Goldmachern die ersten erfolgreichen Vertreter dieses Typus hervorgebracht hat. Um dies zu verdeutlichen zeichnet sie die Lebenswege des Goldmachers Marco Bragadino (1545-1595), der insbesondere die Republik Venedig jahrelang getäuscht hat und des Wunderheilers Leonhard Thurneysser (1530-1596) nach, der schützende und heilende Talismane verkaufte.

„Charlatan ist derjenige, der sich rühmt, zu wissen, was er nicht weiß, und Fähigkeiten zu haben, die er nicht hat.“

Im zweiten Teil ihres Buches Macht durch Propaganda beschäftigt sie sich mit den frühen Formen der Werbung, sei es durch Reklameblätter, rhetorische Mittel oder Showeinlagen, die häufig auf Jahrmärkten stattfanden. Diese Methoden nutzten vor allem umstrittene Ärzte wie Johann Andreas Eisenbarth (1663-1727).

Mit der Lebensgeschichte des Arztes Buonafede Vitali (1686-1745) beschreibt Sie das Leben eines renommierten und anerkannten Arztes, der in vielen Aspekten wie ein klassischer Charlatan handelte, um ärztliche Behandlung der breiten Masse zugänglich zu machen.

Im dritten Kapitel Die höheren Charlatane beschreibt sie den Wandel des Charlantismus, der sich durch eine Abwendung vom Marktplatz hin zu höheren Gesellschaftsschichten auszeichnet. Die Charlatane legten ihren Fokus auf gebildetere und wohlhabendere Gruppen und täuschten sie vor allem durch ihre vermeintlich überlegene Bildung und dem Reiz des Geheimnisvollen.

Das abschließende vierte Kapitel Die Wundermechanik als neue Alchemie beschreibt die Entwicklung Ende des 18.Jahrhunderts und zeigt einen neuen Typus von Charlatanen, die den technologischen Fortschritt dazu nutzten wieder breitere Schichten mit Wundermaschinen zu täuschen.

Die Wiederentdeckung einer starken Frau

Dem Band beiseite gestellt ist ein Essay des Journalisten Volker Breidecker, der die beinahe vergessene Lebensgeschichte von Grete de Francesco rekonstruiert und großen Anteil an der Wiederentdeckung der Autorin hat. Als Margarethe Weissenstein 1983 in Wien geboren heiratete sie Giulio De Francesco und schrieb als eine der ersten Frauen überhaupt für die Frankfurter Zeitung. Sie bewegte sich in den Kreisen Adornos, Blochs und Walter Benjamins, die trotz einiger Konflikte großen Respekt vor ihrem Werk hatten. Ihr Leben spielte sich zwischen Deutschland, Österreich, Schweiz und Italien ab, wo sie sich zuletzt versteckt hielt, bis sie 1944 in Mailand von der Gestapo verhaftet und vermutlich im Februar 1945 im KZ Ravensbrück ermordet wurde.

Das Buch als Akt des passiven Widerstandes

Die Macht der Charlatane war wohl ihr Versuch, die politische Entwicklung ihrer Zeit einzuordnen und ein Akt des passiven Widerstandes. Obwohl sie sich in ihrer Studie auf die Zeit bis zum 18.Jahrhundert beschränkt, streut sie in ihren Texten immer wieder kleine Kommentare ein, die verdeutlichen, wen sie in ihren Texten wirklich meint. Sie analysiert die Entwicklung und Methoden der Charlatane im Detail und zeigt, mit welchen Mitteln diese die Massen für sich und ihre Zwecke gewinnen konnten und erleichtert so die Transferleistung des Lesers auf die weiteren Jahrzehnte.

Das macht aus ihrer historischen Studie eine politische Schrift, die bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren hat. Gerade unsere heutige Zeit, die von Fake News, Querdenkern und Klimaleugnern geprägt ist, verdeutlicht, dass Charlatane nichts von ihrer Macht verloren haben und sogar noch stärker geworden sind. Die Methoden, die Grete de Francesco beschrieben hat, sind bis heute die gleichen geblieben. Umso wichtiger ist es, dass sich jeder Mensch vor Aufmerksamkeitslenkung und Selbstinszenierung schützen kann und dazu liefert dieses Buch das passende Rüstzeug.

Die Ausstattung lässt keine Wünsche offen

Die Ausgabe der Anderen Bibliothek ist ein kleines Kunstwerk, bei dem es fast nichts zu kritisieren gibt. An diesem Band wirkt alles wie aus einem Guss und es wurde nur Material von höchster Qualität verwendet. Der Pappband ist stabil, eine Leseband ist vorhanden und selbstverständlich ist eine Fadenheftung vorhanden. Das Zusammenspiel der Schriftart Sabon mit der Akzentfarbe Gold wirkt unglaublich harmonisch und machen das betrachten einer einzelnen Seite zum Vergnügen. Die 69 Abbildungen in dem Band sind detailreich und hochwertig gedruckt. Mein einziger Kritikpunkt ist der instabile Papierschuber, der leider Standard ist in der Anderen Bibliothek und nicht so recht in das Gesamtbild passen will. Neben dem bereits erwähnten Nachwort von Volker Breidecker finden wir zahlreiche Quellenangaben, Register und Verzeichnisse, die das Lesevergnügen abrunden.

Die Ausgaben der anderen Bibliothek sind auf 4.444 Exemplare limitiert, von denen nur noch wenige im freien Handel lieferbar sind. Wer sich diese schöne Ausgabe sichern möchte, sollte dies also schnell tun. Wer primär am Inhalt interessiert ist, der kann zum Extradruck der Anderen Bibliothek greifen. Diese Ausgabe ist zwar nicht ganz so schön gestaltet wie die nummerierte Ausgabe, dafür aber auch wesentlich günstiger.

Fazit

Es ist ein Glücksfall, dass die Andere Bibliothek Die Macht des Charlatans von Grete De Francesco der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht hat und die Autorin und das Buch so vor dem Vergessen bewahrt hat. Wer die Scharlatane der Vergangenheit studiert, dem fällt es leichter, die Scharlatane unserer Zeit zu erkennen und zu vermeiden. Eine klare Leseempfehlung!


Autor: Grete De Francesco

Titel: Die Macht des Charlatans

Seiten: 456

Erscheinungsdatum: 1937

ISBN: 9783847704348

Verlag: Die Andere Bibliothek

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