E-Books und der deutsche Buchmarkt

E-Books und der deutsche Buchmarkt

In diesem Artikel möchte ich darüber schreiben, wie sich der deutsche Buchmarkt aus meiner Sicht in den letzten 10 Jahren durch die Einführung des Kindle verändert hat und wie sich dies auch auf mein Lese- und Kaufverhalten ausgewirkt hat.

Eine kurze Geschichte des E-Books

Die Geschichte des E-Books beginnt nicht mit den Produkten des Internetgiganten Amazon, sondern im Jahre 1990, als Sony damit begann, erste E-Reader zu veröffentlichen. Doch die Zeit war damals noch nicht reif für diese Technik und sorgte in erster Linie für Skepsis und Belustigung. Im Internet Archive kann man sich noch einen Einblick in die Wahrnehmung dieser Geräte verschaffen.

Erst im Jahre 2007 mit der Einführung des E-Ink Displays, der deutlicher weniger Strom verbraucht und eine Papier ähnliche Oberfläche bietet, wurden E-Reader marktreif und schon bald führten alle großen Hersteller ein solches Produkt in ihrem Sortiment. Vor rund 10 Jahren begann dann Amazon auch in Deutschland mit dem Verkauf des Kindle und sorgte damit gleichermaßen für Panik und Begeisterung im deutschen Buchmarkt.

Untergangsstimmung am Buchmarkt

Im klassischen Buchhandel herrschte Untergangsstimmung, das Ende des gedruckten Buches und des Verlagswesens schienen nur eine Frage der Zeit zu sein und die zahlreichen kleinen Scharmützel um die Buchpreisbindung und digitale Verfügbarkeit zögerten das unvermeidliche Ende nur hinaus.

Auch ich begeisterte mich für diese neue Technologie und las begierig jeden verfügbaren Artikel und jede Nachricht zum Thema E-Book. Die Vorteile lagen auf der Hand: Ein E-Reader ist deutlich leichter und handlicher als die meisten Bücher und kann Tausende Bücher auf kleinstem Raum speichern. Auch das Problem der Lesbarkeit wurde durch die E-Ink Technologie gelöst und die Einführung der Bildschirmbeleuchtung machte Leselampen obsolet.

Eine große Rolle spielte dabei sicherlich auch der Minimalismus, der zeitgleich mit dem Kindle Deutschland eroberte. Mein weiterer beruflicher Werdegang nach der Schule erforderte eine enorme Flexibilität und so richtete ich mein Leben nach dem Minimalismus aus, alles Überflüssige wurde verkauft oder verschenkt und auch vor meiner immerhin über 300 Bücher umfassende Sammlung machte ich nicht halt.

Dabei las ich nicht weniger, im Gegenteil: Im Laufe weniger Jahre kaufte ich Hunderte E-Books auf allen erdenklichen Plattformen, von denen die meisten der Konkurrenz von Amazon und Tolino nicht standhalten konnten. Bücher aus Papier las ich nur noch in Ausnahmefällen und verkaufte sie nach dem Lesen zeitnah. Geduldig wartete ich auf den großen Umbruch im Buchmarkt, doch die Schreckensszenarien der Untergangspropheten blieben aus. Dennoch nahm ich Notiz von tiefgreifenden Veränderungen in der Buchbranche.

Bis heute ist es schwierig, verlässliche Zahlen zum Buchmarkt zu bekommen und den wirklichen Anteil digitaler (Hör)Bücher am Gesamtmarkt zu bestimmen. Sicherlich bieten Berichte wie das Digital Consumer Book Barometer von Rüdiger Wischenbart und die Zahlen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Anhaltspunkte an denen man sich orientieren kann, verlässliche Quellen sind sie jedoch nicht. Das liegt jedoch nicht daran, dass dort schlechte Arbeit geleistet wird, sondern an der zunehmenden Dezentralisierung des deutschen Buchmarktes, an der das E-Book einen nicht unbedeutenden Anteil hat.

Wie hat das E-Book den Buchmarkt beeinflusst?

Mit dem Siegeszug der E-Reader begann auch der Siegeszug der Selfpublisher und Entrepreneure und damit einhergehend der zunehmende Bedeutungsverlust klassischer Verlage. Flankiert von der voranschreitenden technischen Entwicklung war es Schriftstellern nun möglich, ihre Werke unabhängig von der Meinung eines Verlegers zu veröffentlichen und ein breites Publikum zu erreichen. Eine wahre Flut von E-Book Veröffentlichungen setzte ein und das Internet ist voll von Erfolgsgeschichten. Man mag nun von Selfpublishern halten was man will, und viele Kritikpunkte an ihnen haben durchaus – aber längst nicht immer – ihre Berechtigung. Dennoch haben sie frischen Wind in die Literaturlandschaft gebracht und den Weg geebnet für weitere Vertriebswege von Literatur.

Die Dezentralisierung der Literaturlandschaft betrifft nicht nur die Autoren selber, sondern auch Bereiche, die vormals Verlagshäusern vorbehalten waren. Freelancer Plattformen und kleine Unternehmen haben in den letzten Jahren starken Zulauf bekommen und ermöglichen es mit einem relativ geringen Kosten- und Zeitaufwand professionelle Dienstleistungen für Cover, Lektorat und Werbung in Anspruch zu nehmen. Bücher (auch im Rahmen eines eigenen Verlages) zu veröffentlichen ist sicherlich immer noch eine schwierige Arbeit, war aber noch nie so einfach wie heute möglich.

Auch vor der Hörbuchbranche macht die zunehmende Digitalisierung nicht halt und unzählige Plattformen, von denen Audible nur die Speerspitze bildet, übernehmen mit attraktiven (Abo) Preisen die Position, die früher großen Verlagen vorbehalten war.

Bekanntermaßen führten diese Entwicklungen nicht zu einem Untergang klassischer Verlagshäuser. Vielmehr waren diese dazu gezwungen umzudenken und sich den neuen Gegebenheiten anzupassen. Preislich kann ein Buch nicht mit einem E-Book konkurrieren und daran wird auch die Preispolitik einiger großer deutscher Verlagshäuser nichts ändern können. Vielmehr entschied man sich dazu, den Wert des gedruckten Buches hervorzuheben und ohne Zweifel hat der Wert des Buches als Kunstgegenstand massiv zugenommen. Die Zahl aufwendig produzierter Titel wird mit jedem Jahr größer und beschränkt sich nicht mehr auf bekannte Klassiker. Zeitgleich erhöhte sich die Wertschätzung für Designer, Illustratoren und Übersetzer, die einen großen Anteil daran haben, das gedruckte Buch auch für nachfolgende Generationen zu erhalten.

Die Bibliothek der Weltliteratur von Manesse erfuhr einen aufwendigen und kontroversen Neustart, Fischer veröffentlicht schon bereits das zweite Jahr in Folge Klassiker der dystopischen Literatur mit Illustrationen von Reinhard Kleist, Kampa hat einen ganzen Verlag gegründet, der schöne Bücher veröffentlicht und zahlreiche Ausgaben verschiedenster Verlage enthalten einen umfangreichen Anhang. Diese Aufzählung ließe sich noch beliebig fortsetzen, verdeutlicht aber bereits jetzt, mit was für einen Aufwand schöne Bücher verlegt werden.

Natürlich gab es bereits vor dem E-Book schöne Bücher (und einen größeren Anteil an Lederausgaben) , aber nicht in dieser Vielfalt, Masse und Sorgsamkeit in der Produktion. Einen Verlag wie die Folio Society gibt es in Deutschland zwar nicht, aber ich glaube, wir befinden uns auf einem guten Weg. Als Leser kann ich so nur zu dem Schluss kommen, dass die Einführung des E-Books eine glückliche Fügung war. Das E-Book hat nicht für den Untergang des gedruckten Buches gesorgt, sondern ihm zu neuen ungeahnten Höhen verholfen. Und das ist eine Entwicklung, für die jeder bibliophile Leser dankbar sein darf.

Es sind diese schönen Bücher, die mich wieder zum gedruckten Buch gebracht haben. Mein E-Reader liegt mittlerweile verstaubt in irgendeiner Ecke und wird nur noch in Ausnahmefällen gebraucht, etwa im Falle einer längeren Reise oder wenn es nur eine Taschenbuchausgabe des Buches gibt.

Wie sieht euer Leseverhalten aus, bevorzugt ihr gedruckte Bücher oder E-Books? Seht ihr die Entwicklung genauso wie ich, oder seid ihr anderer Meinung?

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2 Kommentare
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Flo
Flo
19/09/2021 13:35

Ein schönes Write-Up zu diesem Thema.
Persönlich mag ich einfach gern mein Papier, auch wenn sich dann immer die Frage nach dem freien Platz im Regal stellt. Aber ein gut sortiertes Bücherregal (oder mehrere davon) gehört einfach in jede Wohnung.

Es ist großartig, dass durch e-Books ein jeder die Möglichkeit hat, zu publizieren. Für solche Liberalisierung bin ich immer zu haben.

Was ich allerdings sehr schade finde, ist die Preispolitik der deutschen Verlage. Ich sehe nicht ein, weshalb e-Books dasselbe kosten sollten wie physische Bücher. Auch dieser Protektionismus hat mMn dazu geführt, dass der Marktanteil so niedrig ist und wohl auch bleiben wird.