Ein Buch liegt auf einem Holztisch.

Meine Antonia

von Willa Cather


29.09.2023

  • Klassiker

In ihrem 1918 veröffentlichten Roman Meine Antonia entführt uns Willa Cather in die Weiten der amerikanischen Prärien und schildert das entbehrungsreiche Leben der ersten amerikanischen Siedler.

Erbarmungslos und Entbehrungsreich

Nebraska, Ende des 19. Jahrhunderts: Die unendlichen Weiten der amerikanischen Prärien sind noch weitgehend unbesiedelt und locken unzählige Glücksritter und Ausgestoßene mit dem Versprechen von Wohlstand und sozialem Aufstieg.

Unter ihnen befindet sich auch der junge Jim Burden, den es nach dem Tod seiner Eltern auf die Farm seiner Großeltern zieht. Mit ihm reist auch die Familie der Shimerdas, böhmische Einwanderer mit viel Hoffnung und wenig Wissen über das Leben als Siedler.

Während Jims Großeltern den älteren Shimerdas unter die Arme greifen – immerhin handelt es sich um Nachbarn – freundet sich Jim mit der ältesten Tochter Antonia an. Aus dieser Freundschaft entwickelt sich seine lebenslange Faszination für die für ihn unerreichbare Frau, die allen Widrigkeiten und Entbehrungen zu trotzen vermag und selbstbestimmt ihren eigenen Weg geht.

Der Roman ihres Lebens

Es gibt wohl keine Autorin, die geeigneter wäre, über das Leben im westlichen „Grenzgebiet“ zu schreiben als Willa Cather. Sie wuchs selbst im ländlichen Nebraska auf, studierte dort und blieb ihrer Heimat als Journalistin und Lehrerin noch einige Jahre verbunden.

Später zog sie nach New York und veröffentlichte dort auch ihre ersten Romane. Es dauerte nicht lange, bis sie von Kritik und Publikum für ihre ebenso schonungslosen wie auch malerischen Romane über das Siedler-Leben verehrt wurde.

Ob ihr die gleiche Verehrung zuteilgeworden wäre, wenn ihre (vornehmlich konservative) Leserschaft gewusst hätte, dass sie nur nach New York zog, um eine Beziehung mit der Schriftstellerin Edith Lewis zu führen?

Ein ungewöhnlicher Roman

Bei Meine Antonia handelt es sich jedenfalls um den dritten Band der Prärie-Trilogie (O Pioneers und Das Lied der Lerche), der allerdings völlig unabhängig von den anderen Bänden gelesen werden kann. Und bereits zu Beginn wird uns klar: Dieser Roman vermag gleich in mehrfacher Hinsicht zu überraschen.

Das fängt bereits mit der Erzählperspektive an: Uns geleitet der junge Jim Burden als Ich-Erzähler durch das Geschehen – und es handelt sich dabei um einen „echten“ Ich-Erzähler. Wir erfahren also nur das, was Jim selbst (mit-)erlebt hat bzw. was ihm zugetragen wird und müssen dabei stets die subjektive Färbung dieser Perspektive beachten.

Für sich genommen wäre diese Tatsache wahrscheinlich nicht sonderlich außergewöhnlich, wenn es sich bei Jim um die Hauptperson des Romans handeln würde. Dabei stellt Jims Lebensgeschichte nur den Ausgangspunkt für eine Vielzahl von Abzweigungen und Verästelungen dar, die diesen Roman durchziehen und entscheidend prägen.

Wunderschöne Naturbeschreibungen

Heimlicher Star dieses Romans ist – noch vor allen Charakteren und der Handlung – die amerikanische Prärie. Willa Cather nimmt sich ausreichend Zeit, um die schönen, aber auch erbarmungslosen Seiten der Natur aufzuzeigen. Sie schafft es dabei, uns die bedrückende Hitze des Sommers genauso wie die erbarmungslose Kälte des Winters spüren und die weitgehend menschenleeren Weiten vor unseren Augen auferstehen zu lassen.

Diese Beschreibungen erfüllen über die Schönheit ihrer Worte hinaus die Funktion, die Abhängigkeit der Menschen vom Verlauf der Jahreszeiten zu verdeutlichen, haben die Jahreszeiten und das Wetter doch einen unmittelbaren Einfluss auf den Alltag und die Planung der Siedler. Gleichzeitig hat die Natur einen großen Einfluss auf das Erzähltempo. Befinden wir uns auf dem Land, dann ist das Tempo gemächlich, während Abschnitte in der Stadt von härteren Schnitten und längeren Zeitsprüngen geprägt sind.

Erbarmungsloses Leben

So schön ihre Beschreibungen auch sein mögen, so vergisst Cather nicht, auch die schrecklichen Seiten des Lebens darzustellen. Gewalt, Morde, Selbstmorde und Vergewaltigungen gehören genauso zum Alltag der Siedler und werden von ihr auch ausreichend thematisiert. Das Leben an der Grenze ist nun mal nicht ganz frei von Spannungen und auch religiöse Konflikte der verschiedenen Einwanderergruppierungen werden zumindest angesprochen.

Ein Stück weit pathetisch

So klein der Anteil auch sein mag, einen gewissen amerikanischen Pathos kann man dem Roman dennoch nicht absprechen. Egal wie hart das Leben auch ist, letztlich gewinnt, wer sich dem amerikanischen Streben nach Glück unterwirft und einfach nur hart arbeitet. Die Abenteuer und Siedler sind die „Guten“ und nicht ohne Grund verkörpert mit dem Geldverleiher Cutter die einzige nicht körperlich arbeitende Person das „Böse“ innerhalb dieser Erzählung. Und die Vertreibung der Eingeborenen wird vorsichtshalber ganz ausgeklammert.

Vielfältiges Figurenensemble

Eine große Stärke dieser Erzählung bilden die zahlreichen liebenswerten Figuren, die die ganze Welt erst lebendig machen.

Da wäre natürlich zum einen Jim, der es vom Farmerjungen schlussendlich nach Harvard schaffen soll und dessen Schicksal ein Stück weit dem Leben der Autorin selbst nachempfunden ist. Sein Leben ist natürlich interessant genug, um ihm zu folgen, aber letztlich auch nicht so interessant, dass wir den Fokus nur noch auf ihn legen wollen.

Naturgemäß kommt einem als Nächstes natürlich die titelgebende Figur Antonia in den Sinn. Und hier war ich ein Stück weit „enttäuscht“. Enttäuscht, weil ich aufgrund des Titels und der Faszination von Jim mehr von dieser Figur erwartet hätte. Dabei ist sie gar keine Sympathieträgerin im eigentlichen Sinne, sondern fällt eher durch ihr egoistisches und stellenweise habgieriges Gehabe auf.

Natürlich kann man aus Leserperspektive ihr Verhalten nachvollziehen. Im Gegensatz zu Jim befindet sie sich in keiner privilegierten Situation. Sie muss als Einwanderin überleben und kann es sich einfach nicht leisten, zur Schule zu gehen. Aber wenn ich eine Figur so sehr in den Mittelpunkt stelle und sie Lernprozesse durchlaufen lasse, muss ich ihr dann das klischeehafteste Ende überhaupt angedeihen lassen?

Versteckte Anthologie

Dafür lässt Willa Cather die anderen Figuren umso mehr glänzen und gibt ihnen ausreichend Raum dazu. Im Grunde handelt es sich bei diesem Roman nämlich um eine versteckte Kurzgeschichtensammlung. In Nebraska versammelt sie Einwanderer und Glücksritter aus aller Herren Länder und oft haben diese eine bewegende und/oder unterhaltsame Hintergrundgeschichte zu bieten.

Als Beispiel sei etwa die Wolfsgeschichte um die beiden Russen Peter und Pavel genannt, die mich sofort in ihren Bann gezogen hat und genau so auch in einer Kurzgeschichtensammlung abgedruckt werden könnte. Mindestens genauso interessant sind aber auch Jake und Otto, die Abenteurer und Tausendsassa auf der Farm von Jims Großeltern.

Überrascht haben mich auch die vielen starken Frauenfiguren. Gerade unter den Migrantenmädchen gibt es so einige (etwa Lena Lingard oder Tiny Soderbell), die ihr Glück als starke und unabhängige Frauen finden und fernab jeglicher gesellschaftlicher Erwartungen Erfolge feiern können.

Was bleibt?

Meine Antonia von Willa Cather ist ein Roman, der gleich in mehrfacher Hinsicht zu überraschen vermag. Handwerklich begeistert die Geschichte mit einer ungewöhnlichen Erzählperspektive, die es trotz subjektiver Ausgangslage schafft, ein möglichst objektives Bild vom Leben in den amerikanischen Prärien zu zeichnen.

Wir erleben hautnah, was es heißt, als Migrant nach Amerika zu kommen und welche Probleme es zu überwinden gilt. Gleichzeitig treffen wir viele starke Frauenfiguren, die trotz gesellschaftlichen Drucks ihren eigenen und selbst bestimmten Weg gehen. Die Schilderungen der amerikanischen Landschaft sind dabei so schön, dass wir das bisschen Pathos gerne verzeihen können.

Damit handelt es sich um eine überraschend unterhaltsame Lektüre, die gleichermaßen Coming-of-Age, Migrations- und Emanzipationsgeschichte in einem ist. Lesenswert!

Günstiges und stabiles Hardcover

Die hier besprochene Ausgabe stammt aus dem Anaconda Verlag und entspricht einmal mehr den Erwartungen, die man an ein Hardcover dieser Preisklasse stellen kann. Natürlich gibt es keine Fadenheftung und auch auf ein Leseband müssen wir leider verzichten. Allerdings dürfte wohl klar sein, dass man für diesen günstigen Preis auch nicht mehr als einen Pappeinband mitsamt Klebebindung erwarten darf.

Die Übersetzung fertigte Stefanie Kremer an und stammt aus dem Jahre 2008. Ergänzt wird die Lektüre von einigen wenigen Erläuterungen. Diese finden wir allerdings nicht wie sonst üblich im Anhang, sondern unter der jeweiligen Textstelle. Angesichts der überschaubaren Anzahl von Anmerkungen eine sinnvolle Entscheidung, die den Lesefluss aufrechterhält.

Pro/Contra

Pro
  • Wunderschöne Naturbeschreibungen
  • Vielfältiges und unterhaltsames Figurenensemble
  • Mischung aus Coming-of-Age, Migrations- und Emanzipationsgeschichte
Contra
  • ein wenig pathetisch
  • ausgerechnet Antonia erhält ein unbefriedigendes Ende

Fazit


Meine Antonia von Willa Cather begeistert sowohl als Coming-of-Age, als auch als Migrations- und Emanzipationsgeschichte, die handwerklich und inhaltlich zu weiten Teilen überzeugen vermag. Nicht nur für Siedler-Fans eine unterhaltsame Lektüre!

autorin: Willa Cather

Titel: Meine Antonia

Seiten: 320

Erscheinungsdatum: 2023 (1918)

Verlag: Anaconda Verlag

ISBN: 9783730612781

übersetzerin: Stefanie Kremer

illustratorIn: –

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt

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