
Billy Budd: Die großen Erzählungen
von Herman Melville
04.11.2022
- Klassiker
Mit Billy Budd: Die großen Erzählungen liegt eine Sammlung mit den bekanntesten Kurzwerken von Herman Melville vor. Wie schlägt sich der Meister der Ausschmückungen in Kurzform?
Nicht nur Seefahrergeschichten
Wir beginnen mit Die Galerie: Unser Protagonist versinkt beim Betrachten einer Landschaft in einem Traum und begegnet märchenhaften Gestalten. Bartleby, der Lohnschreiber gehört zu den bekanntesten Kurzgeschichten überhaupt. Ein Anwalt stellt eben jenen Bartleby ein. Zunächst erweist sich dieser als zuverlässiger und fleißiger Mitarbeiter. Doch eines Tages weigert er sich mit aller Höflichkeit, eine bestimmte Tätigkeit durchzuführen. Diese Weigerung markiert nur den Anfang eines Prozesses, der immer drastischere Züge annehmen soll.
Mit Benito Cereno begegnen wir der ersten Seefahrergeschichte. Ein mysteriöses Schiff läuft in den Hafen von Santa Maria ein und hat sichtlich Probleme. Kapitän Amasa Delano, dessen Schiff ebenfalls dort vor Anker liegt, beschließt, den Neuankömmlingen zu helfen. Schon nach kurzer Zeit muss er feststellen, dass etwas an Bord nicht stimmt. Der Blitzableitermann stellt die kürzeste Erzählung dieses Bandes dar. Sie handelt von der kurzen, aber humorvollen Begegnung eines Hausbesitzers mit einem Vertreter.
Die Encantadas stellt in sich eine Sammlung von Skizzen dar, die allesamt auf den Galapagos-Inseln spielen. Der Glockenturm ähnelt am ehesten noch einem Schauermärchen und erzählt die Geschichte eines größenwahnsinnigen Baumeisters. Den Abschluss dieser Sammlung bildet Billy Budd, Matrose. Billy wird zum Dienst in der britischen Kriegsmarine gezwungen und erarbeitet sich einen Ruf als fähiger und zuverlässiger Seemann. Damit macht er sich nicht nur Freunde.
Immer wieder…
Die Lektüre von Herman Melville ist für mich so eine Sache. Ich weiß, dass ich kein Freund seines ausgeschmückten Schreibstils bin und ich mich die meiste Zeit quälen werde. Und dann finde ich vereinzelt Abschnitte oder Sätze, die so gut sind, dass ich weitersuchen möchte. Etwa wenn Melville aus seinem Erfahrungsschatz als Seefahrer schöpft und uns spannende Einblicke in diese Zeit liefert. Kaum zu glauben, dass auch der Rest aus seiner Feder stammt. Womöglich liegen mir also seine Kurzgeschichten näher?
Klassiker der Seefahrerliteratur
Doch zunächst einige Worte zur Person: Melville steht wie nur wenige klassische Autoren (mit Ausnahme von Joseph Conrad) für die Seefahrt. Er fuhr viele Jahre auf Handelsschiffen und Walfängern zur See und nutzte diese Erfahrungen als Grundlage für sein schriftstellerisches Schaffen. Nicht zuletzt schrieb er mit Moby-Dick den wohl bekanntesten Seefahrerroman aller Zeiten. Ausgerechnet sein erster nicht von der Seefahrt geprägter Roman (Pierre oder Die Doppeldeutigkeiten) wurde von Kritikern und Lesern so zerrissen, dass seine Karriere faktisch vorbei war. Immerhin gelang es ihm, einige Kurzgeschichten an das Putnam’s Monthly Magazine zu verkaufen.
Diese Geschichten bildeten die Grundlage für seinen einzigen Sammelband The Piazza, der vielversprechende Besprechungen erhielt. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Melville schon längst von der großen Bühne verabschiedet. Fernab der Öffentlichkeit arbeitete er unter anderem an der Novelle Billy Budd. Diese konnte er bis zu seinem Tod (1891) nicht fertigstellen und geriet auf dem Dachboden seiner Tochter in Vergessenheit. Erst als in den 1920ern das Interesse an Melville wieder aufflammte, kam es zu ersten fehlerhaften Veröffentlichungen. Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis eine einigermaßen vollständige Fassung vorlag.
Und wie schlagen sich nun seine Geschichten?
Melville war sicherlich vieles, aber kein Fähnchen im Wind. Egal wie schlecht die Verkaufszahlen auch waren: Unser Autor passte seinen Stil nie an den Geschmack der breiten Masse an. Immer wieder spielt er mit Erzählperspektiven und variiert das Tempo nach eigenem Gutdünken. Zwischendurch lassen sich großartige Passagen finden.
Gerade seinen nautischen Erzählungen merkt man an, dass er selbst zur See gefahren ist. Aber auch außerhalb dessen ist Melville nicht unfähig, man denke nur an Bartleby, der Lohnschreiber. Scheint es sich zu Beginn noch um eine Komödie zu handeln, so gewinnt sie im Laufe der Geschichte an Tiefe. Belächeln wir am Anfang noch Bartlebys Weigerungen, so identifizieren wir uns am Ende völlig mit ihm. Einfach nur großartig!
Das Problem mit Melville
Leider lässt sich dasselbe nicht über den Rest sagen. Die Art und Weise, wie er Geschichten erzählt, verhindert den ganz großen Wurf. Problematisch ist vor allem seine Neigung, seine Geschichten mit literarischen Anspielungen und Symbolik zu überfrachten. Dass er sich darüber hinaus noch zum Hobby-Psychologen aufschwingt und seine Leser beständig belehrt, kommt erschwerend hinzu. Seine Geschichten sind voll von Bildern, die ihm wichtiger sind als die Geschichte an sich.
Ich verstehe schon, warum Melville ein Liebling von Professoren und Kritikern ist. Aus seinen Geschichten lässt sich einfach alles herauslesen. Versteht mich nicht falsch, ich kann durchaus etwas mit sprachlichen Bildern anfangen. Problematisch wird es für mich, wenn sie zum Selbstzweck verkommen. Was wollte Melville mit seinen Texten erreichen? Unterhaltung war sicherlich nur ein Nebeneffekt. Man kann mit guten Argumenten und unwiderlegbar wirklich jede Ansicht zu seinem Werk vertreten.
Was bleibt?
Herman Melville bleibt wohl ewig ein Autor für Erbsenzähler, die sich eine Lektüre in mühevoller Kleinstarbeit erschließen wollen. Wer hingegen die Kraft von Worten erleben möchte, wird hier nicht fündig. Bedauerlicherweise blitzen zwischen viel Beiwerk immer wieder meisterhafte Passagen auf, die zum Weiterlesen animieren. Es bleibt kompliziert.
Gewohnt hochwertige Ausstattung
Auch dieser Band entspricht dem hohen Klassiker-Standard des Hanser-Verlages. Neben einer Fadenheftung erwartet uns ein hochwertiger Leineneinband mitsamt Titelschild und Goldprägung. Im Inneren haben wir es mit Dünndruckpapier zu tun, das aber deutlich stabiler ist als etwa bei Bibelausgaben.
Uns erwartet ein umfangreicher Anhang mit zahlreichen Anmerkungen, einer Zeittafel und Einblicken in die Arbeit der Übersetzer Michael Walter und Daniel Göske. Letzterer steuert darüber hinaus noch ein umfangreiches Nachwort bei, das die Hintergründe der Kurzgeschichten erklärt. Auch wenn ich viele seiner Interpretationen für weit hergeholt halte, so machen sie das Nachwort nicht weniger lesenswert. Für mich neben Bartleby der Höhepunkt des Bandes!
Bibliographie
Pro/Contra
Pro
- Die Seefahrerpassagen sind tatsächlich lesenswert
- Bartleby, der Lohnschreiber ist eine Geschichte, die man gelesen haben sollte
Contra
- Melville sind Bilder wichtiger als Geschichten
- Diese erreichen ein unerträgliches Maß an Beliebigkeit
- Unerträglich Ausschmückungen
Fazit
Wer mit Melvilles Schreibstil zurechtkommt, wird auch an seinen Kurzgeschichten Freude haben. Für mich (wieder einmal) eine Enttäuschung.
autor: Herman Melville
Titel: Billy Budd: Die großen Erzählungen
Seiten: 576
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Hanser Verlag
ISBN: 9783446232907
Übersetzer: Michael Walter
illustratoren: –
Reihe: Hanser Klassiker







