Honore de Balzac – Eugenie Grandet / Die Muse der Provinz

Honore de Balzac – Eugenie Grandet / Die Muse der Provinz

Honore de Balzac gehört neben Gustave Flaubert und Stendhal zu den berühmtesten Vertretern des französischen Realismus und kann auf ein umfassendes Werk zurückblicken, das in Deutschland aber nur stiefmütterlich behandelt wird. Leider gibt es nur vereinzelt hochwertige Neuauflagen seiner Werke, eine aktuelle lieferbare Werksausgabe im deutschsprachigen Raum sucht man vergeblich.

Zwei Werke der menschlichen Komödie

Balzac ist vor allem bekannt für Die menschliche Komödie, ein Essays, Romane und Kurzgeschichten umfassendes Werk, dass die französische Gesellschaft in der Zeit der Restauration abbilden sollte. Honore de Balzac schaffte es, 91 von geplanten 137 Werken zu veröffentlichen und unterteilte diese in unterschiedliche Bereiche wie etwa Szenen aus dem Privatleben oder Szenen aus dem Provinzleben. Letzteren Bereich deckt meine Ausgabe aus dem Aufbau Verlag ab, die sowohl Eugenie Grandet, als auch die Muse der Provinz beinhaltet.

Ein reicher Geizhals

Der erste Roman, Eugenie Grandet erschien 1833 und ist eine bitterböse Geschichte um den reichen Böttcher Grandet. Grandet wurde als einfacher Böttcher in der Provinzstadt Saumur geboren und brachte es durch eine Mischung aus eisernem Sparen, gerissenen Geschäftszügen und glücklichen Erbschaften zu einem Millionenvermögen. Seine Frau und seine Tochter Eugenie ahnen nichts von dem Reichtum ihrer Familie, leben sie doch unter der strengen Kontrolle des Hausherren: Geheizt wird nur zu bestimmten Zeiten im Jahr, Essen, Kerzen und Geld sind streng rationiert und das Haus der Familie steht vor dem Verfall. Umgeben sind sie von den zwei Familien Cruchot und Grassin, die die Familie umgarnen um ihre Söhne mit Eugenie zu verheiraten. Erst als ihr Vetter Charles unter unglücklichen Umständen in Saumur auftaucht, verliebt sich Eugenie und beginnt sich gegen ihren Vater aufzulehnen.

Wieder mal eine Affäre

Der zweite Roman Die Muse der Provinz erschien zehn Jahre später und wurde von einem finanziell unter Druck stehenden Balzac veröffentlicht, der mehrere bereits erschienene Geschichten verschmolz, um den Umfang des Romans zu erhöhen. Die junge Dinah Piedefer wird mit dem wesentlich älteren Emporkömmling La Baudraye verheiratet, der vor Ehrgeiz zerfressen nur an Macht und Geld denken kann. Vor lauter Langeweile liest Dinah sich ein enormes Wissen an, brilliert in der Provinz und wird sogar eine passable Schriftstellerin. Doch ihr Leben und ihre kinderlose Ehe langweilen sie und so flieht sie nach Paris und beginnt mit dem Schriftsteller Etienne Lousteau eine Affäre. Doch schon bald verfliegt der Glanz der Hauptstadt und die Realität holt sie wieder ein.

Balzac als Menschenkenner mit viel Humor

Honore de Balzacs Romane sind bittersüße Studien über die Menschen und ihre Gebräuche in Frankreich. Sein oberstes Stilmittel ist ein auktorialer Erzähler, der mit viel schwarzem Humor und einem ordentlichen Schuss Sarkasmus das Geschehen kommentiert und jeden Charakter ver- und beurteilt. Alle Charaktere bekommen ihr Fett weg, sind aber dennoch nicht unsympathisch und können zuweilen sogar die Herzen der Leser gewinnen.

Vom Geld getriebene Protagonisten

So ist Monsieur Grandet zwar ein rücksichtsloser Geizhals, dennoch muss man ihn für seinen Geschäftssinn und seine Gerissenheit bewundern. Es ist einfach herrlich zu lesen, wie er sich verstellt und klein macht und die zahlreichen Geier, die etwas von seinem Vermögen abhaben wollen, allesamt an der Nase herumführt und ihnen immer einen Schritt voraus ist. Seine frugalistische Einstellung würde heutzutage sicherlich viele Sympathien wecken, doch sein Geiz dient auch als warnendes Beispiel. Obwohl er es zum mehrfachen Millionär gebracht hat, strebt er nach immer mehr und vernachlässigt dabei seine Familie. Auch wenn er ein Schloss mit weitläufigen Ländereien besitzt, wohnt er immer noch in einem zerfallenden Haus und lässt seine Familie leiden. Seine Frau und seine Tochter sind nur dieses Leben gewohnt und leben demütig und unwissend in Armut. Erst nachdem sich Eugenie in Charles verliebt, ändert sie allmählich ihren Charakter, doch es wird ihr niemals gelingen, ihre Erziehung ganz zu überwinden, zu stark ist der väterliche Schatten.

Die Charaketere in Die Muse der Provinz sind ähnlich gestrickt. Auch hier spielt ein gieriger Geizkragen, Monsiuer de La Baudraye, eine wichtige Rolle, doch die Aufmerksamkeit gilt seiner Frau. Dinah ist eine anfangs wissbegierige, später arrogante Frau, die sich selbst nicht genug gewürdigt sieht und unglücklich in ihrer Ehe ist. Sie sucht die große Bühne und flieht schließlich nach Paris, wird aber das Opfer ihrer eigenen vermeintlichen Liebe. Im Gegensatz zu Eugenie ist sie deutlich aktiver und selbstsicherer, allerdings auch bedeutend unsympathischer. Obwohl ihr Mann sehr geizig ist, wird sie von ihm finanziell einigermaßen gut versorgt und pflegt einen recht teuren Lebensstil mit vielen Bewunderern. In ihrem eigenen kleinen Lebenswelt wird sie mit George Sand verglichen und sehnt sich nach der großen gesellschaftlichen Bühne in Paris, das Urteil der Provinz scheint ihr nicht gut genug zu sein. Ihre Beziehung zu Etienne wirkt dabei ein wenig unglaubwürdig, es ist schwer vorstellbar dass eine Frau mit ihrem Wissen und Wahlmöglichkeiten gerade so einem egoistischen Nichtsnutz verfällt. Dafür kann der Roman mit verschiedenen Stilbrüchen begeistern, so wird die Romanhandlung durch kleine Geschichten oder Auszügen aus dem Roman Olympia oder die römische Rache aufgelockert.

Der Einband hält noch nach Jahrzehnten

Die Ausgabe des Aufbau Verlages ist natürlich nicht unbeschadet gealtert, nichtsdestotrotz hält der Leineneinband und das Dünndruckpapier ist zwar vergilbt aber immer noch stabil, nur ein Lesebändchen fehlt leider. Neben den zwei Romanen gibt es noch ein kurzes Nachwort von Fritz Georg Voigt und einige hilfreiche Anmerkungen zum Text. Die Übersetzungen von Alice und Hans Seiffert und Gerhard Lazarus scheinen gelungen zu sein, um ein genaues Urteil zu fällen, fehlen mir die notwendigen Französischkenntnisse.

Fazit

Eugenie Grandet ist eine schwarze Komödie über Geiz, Gier, Oberflächlichkeit und die französische Provinz und weiß auf jeder Seite zu begeistern. Die Muse der Provinz ist immer noch ein starkes Werk, kann dem Vergleich aber nicht standhalten. Die Themen die Balzac beschreibt, sind auch heute noch aktuell, unbedingt lesen!


Autor: Honore de Balzac

Titel: Eugenie Grandet/Die Muse der Provinz

Seiten: 288

Erscheinungsdatum: 1833

ISBN: 9783257066128 (Diogenes)

Verlag: Aufbau Verlag

Übersetzer: Alice und Hans Seifert, Gerhard Lazarus

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