
Die glückliche Moskwa
von Andrej Platonow
24.09.2021
- Klassiker
Das Fragment Die glückliche Moskwa von Andrej Platonow ist eine tragikomische Kritik an der Politik Stalins. Lohnt sich die Lektüre trotz der Unvollständigkeit?
Der neue Mensch
Die junge Moskwa Iwanowna Tschestnowa steht stellvertretend für den neuen Menschentypus des Sozialismus. Sie ist an prägenden Projekten beteiligt, ob als Fallschirmspringerin, als Arbeiterin am Metrobau oder als einfache Bäuerin. Viele Männer begehren sie – doch ihre wahre Liebe gilt dem Kommunismus. Und auch die neuen Männer – Intellektuelle, Wissenschaftler und Ärzte – verzweifeln am Widerspruch zwischen Idealen und Wirklichkeit.
Ewiges Fragment
Andrej Platonow war ursprünglich begeisterter Kommunist und Bewässerungsingenieur. Doch früh erkannte er, dass Enteignungen und Bürokratie das sozialistische Prinzip ad absurdum führen. In seinen Werken (Die Baugrube, Tschewengur) kritisierte er die Entwicklung in der Sowjetunion. Danach wurden seine Werke – allen Bemühungen zum Trotz – bis zur Perestroika nicht mehr gedruckt. Der zweite Teil des vorliegenden Werks ging hingegen 1941 auf einer Zugfahrt für immer verloren.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Die Figuren des Romans gehören den neuen Menschen an, die die Sowjetunion zum Erfolg führen sollen. Moskwa durchläuft auf tragisch absurde Weise verschiedenste Situationen: Dank ihres Äußeren wird sie zunächst Fallschirmspringerin und Teil der neuen Elite, beteiligt sich am ikonischen Bau der Moskauer Metro und verliert schließlich ein Bein. Dauerhaftes Glück scheint sie nur im Kommunismus zu finden.
Nicht umsonst sagt sie, dass die Liebe zum Einzelnen im Kommunismus nicht möglich sei. Auch den anderen Protagonisten bleibt ihr Glück verwehrt. Der Arzt Sambikin sucht in den Eingeweiden toter Menschen nach der Essenz des Lebens, führt aber eine trostlose Existenz. Der Intellektuelle Sartorius ist zu Höherem berufen, verliert indes den Anschluss an seine Schicht, weil er einfache Dinge wie eine Waage verbessert.
Sein Glück findet er erst unter dem Joch einer Witwe, die ihn regelmäßig schlägt. Immer wieder verdeutlicht der Autor den Abgrund zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Kommunismus. Seine getriebenen Protagonisten begegnen auf ihren nächtlichen Streifzügen durch die Straßen Moskaus immer wieder hungernden Frauen und Kindern. Das Elend der Bevölkerung ist greifbar, der Tod ist allgegenwärtig.
Kann Gewalt die Grundlage für eine Gesellschaft bilden?
Unvergessen bleibt der Ball der neuen jungen Generation, die in feinsten Stoffen gehüllt, erlesene Speisen schmausen darf, während die Bauern hungern müssen. Bezeichnenderweise beginnen wir mit einem Schuss in der Oktoberrevolution: Die Geburtsstunde der Revolution beruht auf Gewalt und Tod. Von dem Moment an soll Moskwa nie wieder ihr Glück finden. Platonow stellt die Frage, ob eine Bewegung, die auf Gewalt und Unterdrückung setzt, wirklich eine sozialistische sein kann.
Die Antwort liefert er mehr oder weniger unverblümt: Seine Figuren sind mit der neuen Gesellschaftsform völlig überfordert. Das Unglück ist überall greifbar, doch niemand kann oder will der Wahrheit ins Gesicht blicken. Platonow macht es uns nicht einfach. In der Handlung und seinen Figuren musste er seine Kritik verschlüsseln und die Dekodierung fällt nicht immer leicht. Doch das macht die Lektüre nicht weniger lohnend.
Gelungene Aufmachung
Die Ausgabe aus dem Suhrkamp Verlag kann überzeugen. Freuen dürfen wir uns über einen bedruckten Leineneinband und ein Leseband. Zudem ist das Papier dicker als gewöhnlich. Insgesamt hat man das Gefühl – trotz Klebebindung – ein hochwertiges Buch in den Händen zu halten. Der Anhang reicht von alternativen Romananfängen, über umfangreiche Textanmerkungen hin zu einem informativen Nachwort von Lola Debüser. Die Übersetzung stammt von Renate Reschke und Lola Debüser.
Werke von Andrej Platonow
Pro/Contra
Pro
- Platonow beschreibt mit eindringlichen Bildern die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit während Stalins Regime
Contra
- Erfordert Zeit und Konzentration
- Leider „nur“ ein Fragment
Fazit
Die glückliche Moskwa von Andrej Platonow stellt ein ebenso forderndes wie wichtiges Romanfragment dar. Platonow-Einsteiger sollten dennoch zu einem zugänglicheren Werk greifen.
autor: Andrej Platonow
Titel: Die glückliche Moskwa
Seiten: 221
Erscheinungsdatum: 1940er/90er
Verlag: Suhrkamp Verlag
ISBN: 9783518428962
Übersetzer: Lola Debüser, Renate Reschke
illustratoren: –










