Andrej Platonow - Die glückliche Moskwa

Andrej Platonow – Die glückliche Moskwa

Die glückliche Moskwa von Andrej Platonow ist ein Romanfragment und tragik-komische Kritik an der Politik Stalins in den frühen 1930er Jahren.

Die titelgebende Heldin dieses Romans ist die junge Moskwa Iwanowna Tschestnowa, die stellvertretend für den neuen Menschentypus des Sozialismus steht. Als Waise wird sie nach der russischen Hauptstadt benannt und ist an diversen prägenden Projekten der frühen Sowjetunion beteiligt, ob nun als Fallschirmspringerin, als Arbeiterin am Metrobau oder als einfache Bäuerin. Viele Männer begehren sie und sie ist ihnen durchaus nicht abgeneigt, doch eine feste Bindung ergibt sich dabei nie. Zu schnell kühlt ihre Leidenschaft dabei ab, ihre wahre Liebe gilt dem Kommunismus. Und auch die neuen Männer der Sowjetunion der frühen 1930er – Intellektuelle, Wissenschaftler und Ärzte – verzweifeln am Widerspruch zwischen den Idealen des Kommunismus und der bitteren Wirklichkeit.

Ein Fragment in der Tradition seiner Romane

Die glückliche Moskwa ist ein verschlüsseltes Romanfragment, das ohne Hintergrundwissen zum Autor und seiner Zeit nicht verstanden werden kann. Andrej Platonow war ursprünglich Ingenieur und hatte sich dem Kommunismus verschrieben, er beteiligte sich sogar aktiv unter anderem als Bewässerungsingenieur. Er wurde allerdings früh desillusioniert da er erkannte, dass Zwangskollektierung und bürokratische Hürden das sozialistische Prinzip ad absurdum führten. Viele seiner Werke, allen voran Die Baugrube und Tschewengur, kritisierten die Entwicklung in der Sowjetunion und schließlich war es Stalin selbst, der „Abschaum“ am Rande eines seiner Werke schrieb. Dies führte dazu, dass er nicht mehr gedruckt wurde und sein Sohn wenige Jahre später in ein Arbeiterlager gesteckt wurde, in dem er an Tuberkulose erkrankte und früh verstarb.

Nichtsdestotrotz versuchte Platonow noch viele Jahre seine Werke zu veröffentlichen und dazu verschlüsselte er seine Werke noch stärker, dies allerdings ohne Erfolg. Sein vollständiges Werk – darunter auch dieses Fragment – kam erst im Zuge der Perestroika ans Licht und in die Regale der Welt. Der zweite Teil dieses Werkes ging allerdings 1941 auf einer Zugfahrt verloren, ob durch Zufall oder nicht ist bis heute nicht bekannt.

Gefangen im Widerspruch von Anspruch und Wirklichkeit

Vor diesem Hintergrund muss man nun das Werk betrachten. Alle Figuren dieses Romans gehören den neuen Menschen an, denjenigen, die die Sowjetunion zu Erfolg führen sollen. Die glückliche Moskwa durchläuft auf tragisch absurde Weise verschiedenste Situationen, wird dank ihres betörenden Äußeren zunächst Fallschirmspringerin und damit Teil der neuen Elite, beteiligt sich anschließend am ikonischen Bau der Moskauer Metro und verliert schließlich ein Bein, was ihren Erfolg bei den Männern aber keineswegs schmälert. Dauerhaftes Glück scheint sie dabei aber nur im Kommunismus zu finden, den während sie von Prestigeobjekt zu Prestigeobjekt wandelt und sich voll dem Geist des Kommunismus verschreibt, bleibt ihr privates Glück verwehrt. Sie macht zahlreiche Männerbekanntschaften, doch zu keinem von ihnen baut sie eine dauerhafte Bindung auf. Nicht umsonst sagt sie im Laufe des Romans, dass die Liebe zum Einzelnen im Kommunismus nicht möglich sei.

Und auch die anderen Protagonisten finden ihr Glück nicht in dieser neuen Welt. Der Arzt Sambikin, sucht beinahe schon verzweifelt in den Eingeweiden von toten Menschen nach der Essenz des Lebens, führt aber selber keine Existenz, die seine Unsterblichkeit rechtfertigen würde. Auch der Intellektuelle Sartorius ist eigentlich zu Höherem berufen, verliert aber den Anschluss zu seiner Schicht, nachdem er sich dazu herablässt, so einfache Dinge wie eine Waage zu verbessern. Sein Glück findet er erst unter dem Joch einer Witwe, die ihn regelmäßig schlägt.

Dem gegenüber stellt Platonow eine Reihe von desillusionierten Charakteren, wie dem ehemaligen Soldaten Komjagin, der eine Existenz ohne Bedeutung führt und sein Glück nur in kurzen Frauenbekanntschaften und dem Drangsalieren anderer Menschen findet. Immer wieder verdeutlicht der Autor den klaffenden Abgrund, den Anspruch und Wirklichkeit in Stalins Kommunismus trennen. Seine getriebenen Protagonisten begegnen auf ihren nächtlichen Streifzügen durch die Straßen Moskaus immer wieder hungernden Frauen und Kindern, das Elend der Bevölkerung ist greifbar, der Tod ist allgegenwärtig.

Kann Gewalt die Grundlage für eine Gesellschaft bilden?

Unvergessen bleibt der Ball der neuen jungen Generation, die in feinsten Stoffen gehüllt, erlesene Speisen schmausen darf, während die Bauern hungern müssen. Bezeichnenderweise beginnt der Roman mit einem Schuss in der Oktoberrevolution, die Geburtsstunde der Revolution beruht auf Gewalt und Tod. Von dem Moment an soll Moskwa nie wieder ihr Glück finden. Platonow stellt hier die Frage, ob eine Bewegung, die auf Gewalt und Unterdrückung setzt, wirklich eine sozialistische sein kann. Seine Charaktere und ihre Situationen sind aufgrund des politischen Drucks stark ins Absurde gezogen verdeutlichen, dass so eine Gesellschaftsform nicht überlebensfähig sind. Alle Charaktere bekommen dies zu spüren, das Unglück ist greifbar, doch kein einziger schafft es die richtigen Schlüsse zu ziehen, niemand will oder kann der Wahrheit ins Auge blicken, zu sehr sind Sie im stalinistischen Gedankengut verwurzelt. Die ganze Symbolik, die sich von der Handlung bis hin zum Text zieht, erschwert den Lesefluss, und die Tatsache, dass es sich hierbei nur um ein Fragment handelt, erschwert die Lektüre zusätzlich, macht Sie aber nicht minder lohnenswert.

Gelungene Aufmachung

Die Ausstattung dieses Romans ist hervorragend. Gebunden ist der Roman in Leinen, das Titelbild ist direkt auf dem Stoff abgedruckt, ein Lesebändchen ist vorhanden und das Papier ist dicker als gewöhnlich. Insgesamt fühlt sich das gesamte Buch sehr hochwertig an. Der Anhang des Romans ist umfangreich und reicht von alternativen Romananfängen, über umfangreiche Textanmerkungen hin zu einem informativen Nachwort von Lola Debüser, die die Hintergründe zu Roman und Autor beleuchtet. In Anbetracht der Relevanz dieses Autors wären womöglich sogar noch umfangreichere Hintergrundinformationen zum Roman wünschenswert.

Fazit

Die glückliche Moskwa ist ein sehr forderndes und wichtiges Romanfragment, das man mit voller Aufmerksamkeit lesen sollte. Platonow ist empfehlenswert für jeden, der Interesse an der russischen Literatur während des Stalin-Regimes hat, allerdings sollte man mit dem etwas zugänglicheren Roman Die Baugrube beginnen.


Autor: Andrej Platonow

Titel: Die glückliche Moskwa

Seiten: 221

Erscheinungsdatum: 1940er / 1990er

ISBN: 9783518428962

Verlag: Suhrkamp Verlag

Übersetzer: Lola Debüser, Renate Reschke

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