Fjodor M. Dostojewski - Aufzeichnungen aus einem toten Haus

Fjodor M. Dostojewski – Aufzeichnungen aus einem toten Haus

In seinem autobiographische Roman Aufzeichnungen aus einem toten Haus verarbeitet der berühmte russische Schriftstellers Fjodor Dostojewski seine Jahre in Zwangshaft und gab erstmalig Einblicke in die isolierte Welt der Zwangsarbeit in Sibirien.

Das Leben im russischen Gefangenenlager

Die Hauptfigur ist der fiktive Adelige Alexander Petrowitsch, der wegen Mordes an seiner Ehefrau zu zehn Jahren Katorga, der Zwangsarbeit in einem sibirischen Gefängnis, verurteilt wird. In der Rückschau schildert er sein Leben in dem Gefängnis, eine richtige Handlung gibt es dabei nicht. Zwar hält sich das Buch grob an die zehn Jahre Katorga des Alexander Petrowitsch und legt den Schwerpunkt auf das erste Jahr, doch Dostojewski springt immer wieder zwischen den Jahren, deutet Ereignisse an oder greift auf die Vergangenheit zurück. Der eigentliche Fokus liegt auf den Insassen selbst, die er mit einem Auge für Details beschreibt und charakterisiert. Er gibt diesen Vergessenen einen Namen und eine Geschichte, hält ihr Leben in den Aufzeichnungen fest.

Entsetzliche Zustände und brüchiger Zusammenhalt

Der Leser wird mit in die Katorga gezogen und erhält Einblicke, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Beschreibungen reichen von der vielfältigen Gefängnisarbeit, über illegale Aktivitäten wie dem – von der Obrigkeit tolerierten – Alkoholschmuggel bis hin zu der Einrichtung der Schlafstätte oder der Kleidung der Insassen. Es finden sich auch einige positive Seiten, wie einige Momente der Kameradschaft, Saufgelage, eine erfolgreiche Weihnachtsaufführung oder die Hilfsbereitschaft der Ärzte im Hospital. Den Schwerpunkt bilden allerdings die negativen Seiten, die von mangelnder Hygiene, den harten und willkürlichen körperlichen Strafen, dem Hass und Neid untereinander bis hin zur inneren Isolation reichen. Immer wieder kritisiert er die Haftbedingungen, die menschenunwürdiger nicht sein könnten und zu Traumata führen, die auch lange nach der Haft anhalten.

Dostojewskis Erfahrungen in der Katorga

Dostojewski greift in seinen Geschichten auf seine persönlichen Erfahrungen zurück, schließlich wurde er selbst zur Kartoga verurteilt. Am 23.April 1849 wurde er als regelmäßiger Teilnehmer einer politischen Diskussionsrunde bei M.W.Petraschewski durch die Geheimpolizei des Zaren festgenommen. Am 22. Dezember desselben Jahres wurde er vom Kriegsgericht zum Tode durch Erschießen verurteilt und erst in allerletzter Sekunde, als er sich bereits auf dem Vollstreckungsplatz befand, durch den Zaren selbst begnadigt und zu vier Jahren Kartoga in der Festung Omsk verurteilt. Dort erlebte er selbst die Menschenunwürdigen Bedingungen und den Hass auf Adlige wie ihn, die auch in Haft gewisse Privilegien hatten, sei es durch Geld oder durch Beziehungen. Offiziell durfte er dort keine Bücher schreiben, aber mithilfe eines ihm wohlgesonnenen Arztes gelang es ihm einige Notizen zu sammeln, die unter dem Titel „Sibirische Hefte“ die Grundlage für sein späteres Schaffen legten. Man kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass ohne diese einschneidenden Erfahrungen Dostojewskis spätere Werke gar nicht möglich gewesen wären.

Zensur durch den Staat

Im September 1860 erschienen erste Kapitel des Buches in der „Russischen Welt“, ab 1861 dann in der von ihm und seinem Bruder herausgegebenen Zeitschrift „Die Zeit“. Im Rahmen der von Zar Alexander II angestoßenen Reformen durfte das Buch tatsächlich erscheinen, was angesichts von Dostojewskis Vorgeschichte und dem brisanten Thema an ein kleines Wunder grenzt. Dennoch blieb das Buch nicht vor der russischen Zensurbehörde verschont. Politische Gefangene gab es offiziell nicht und so musste Dostojewski auf Umschreibungen und Andeutungen zurückgreifen. Auch die menschenunwürdigen, unhygienischen und erniedrigenden Bedingungen, unter denen die Häftlinge leben mussten, werden immer wieder abgeschwächt, indem auf im Nachhinein angeblich stattgefundenen Reformen verwiesen wird.

Beschrieben wird alles in einer einfachen, schnörkellosen Sprache, Dostojewski beschönigt nichts, er stellt die harte Realität in der einfachen Sprache des Volkes dar. Dieser einfache Stil macht seine Texte noch ein Stück härter, ob nun im Umgang der Häftlinge untereinander oder in der Schilderung geradezu sadistischer Züge der Gefängniswärter.

Eine würdige Aufmachung

Die Ausgabe des Hanser Verlages entspricht mal wieder den höchsten Ansprüchen und bietet neben einer Fadenheftung und Dünndruckpapier auch einen grünen Leineneinband inklusive Titelschild und zweier Lesebändchen. Der Anhang an sich ist ausgezeichnet, hätte aber ruhig noch umfangreicher ausfallen dürfen. Zwar helfen die zahlreichen Anmerkungen, sowie das Glossar mit Erklärungen zu zahlreichen russischen Begriffen beim Textverständnis, doch das gelungene Nachwort der Übersetzerin Barbara Conrad fällt etwas kurz aus, gerne hätte ich hier mehr zum Werk und Leben von Fjodor Dostojewski erfahren. Ihre Herangehensweise an die Übersetzung erläutert Sie in wenigen Worten auf nachvollziehbare Art und Weise.

Fazit

Die Aufzeichnungen aus einem toten Haus sind ein bedeutendes Stück Literaturgeschichte und erzählen schonungslos vom Katorga Leben. Zartbesaitete sollten das Buch lieber meiden, alle anderen erhalten jedoch ungeschönte Einblicke in das Leben der Sibirienhäftlinge.


Autor: Fjodor M. Dostojewski

Titel: Aufzeichnungen aus einem toten Haus

Seiten: 540

Erscheinungsdatum: 1860

ISBN: 9783446265738

Verlag: Hanser Verlag

Übersetzerin: Barbara Conrad

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Klaus
22/06/2021 11:08

Kleine Randbemerkung
Es bestand die konkrete Gefahr, dass das Buch von der Zensur verboten würde. Man sollte meinen, dass das nun nicht überraschend ist. Erstaunlich ist aber die angeführte Begründung der Zensur-Behörden: Es würde die Verhältniss in der Kartorga nicht angemessen wiederspiegeln Es würde zu sanft zeichnen. Die unzureichende Darstellung der Brutalität des Lagerlebens könne auf den Leser nicht abschreckend genug sein.