Auf einem Holztisch liegt ein gebundenes Exemplar von „Mrs. Dalloway“ von Virginia Woolf, eingebunden in einen Umschlag mit Blumenmuster.

Mrs. Dalloway

von Virginia Woolf


01.07.2022

  • Klassiker

Mit Mrs. Dalloway veröffentlichte Virginia Woolf 1925 ihr wohl bekanntestes Prosa-Werk. Doch kann der Roman gut 100 Jahre nach seinem Erscheinen immer noch überzeugen?

Zwei große Erzählstränge bilden den Rahmen

Ein Junitag im Jahre 1932, London: Clarissa Dalloway befindet sich mitten in den Vorbereitungen für eine ihrer begehrten Dinnerpartys. Das Leben hat ihr materiellen Wohlstand und eine kleine Familie geschenkt. Doch ausgerechnet an diesem Tag kehrt Peter Welsh nach dreißig Jahren aus Indien zurück.

Damals entschied sie sich gegen den Freigeist Peter und für die Ehe mit dem Konservativen Richard Dalloway. Hat sie damals die richtige Wahl getroffen? Der Kriegsveteran Septimus Smith galt als hoffnungsvoller Aufsteiger in der britischen Gesellschaft. Auch im Ersten Weltkrieg tat er sich hervor. Doch eine posttraumatische Belastungsstörung zeichnete ihn.

Wer ist Virginia Woolf?

Virginia Woolf gilt heute als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen aller Zeiten. Sie war eine wichtige Vorkämpferin für die Rechte der Frauen. 1882 wurde sie als Tochter des Bergsteigers, Schriftstellers und Historikers Sir Leslie Stephen und des Models Julia Stephen geboren. Ihr Haus galt als Treffpunkt für Londons intellektuelle Elite. Unter anderem zählten Thomas Hardy und Henry James zu den wiederkehrenden Gästen. Das Glück der Familie war jedoch nicht von Dauer: Virginias Mutter starb, als sie dreizehn Jahre alt war, und stürzte ihren Vater in eine Depression, von der er sich nicht erholen sollte.

Nach dessen Tod im Jahre 1904 zogen Virginia und ihre Geschwister nach Bloomsbury und formten – nach dem Vorbild ihrer Eltern – die Bloomsbury Group. Sie setzte sich aus Historikern (Roger Fry), Ökonomen (John Maynard Keynes!) und Wissenschaftlern (Bertrand Russell) und Kreativen zusammen. Gäste der Gruppe waren unter anderem D. H. Lawrence und sogar Winston Churchill. Ihr Ziel war der Kampf gegen das englische Spießbürgertum, welches sie selbstlos mit sexueller Freizügigkeit und lockeren Affären bekämpften. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann Leonard Woolf kennen.

Die Fassade bröckelt

Der finanzielle Erfolg als Schriftstellerin sollte für Woolf nicht lange ausbleiben. Ihre innovativen Romane und aufsehenerregenden Essays (Ein Zimmer für sich allein) wurden innerhalb kürzester Zeit einem breiten Publikum bekannt. Doch hinter dieser erfolgreichen Fassade brodelte es.

Woolf äußerte sich nie unmittelbar zu diesem Thema. Doch wahrscheinlich wurde sie als Kind von ihren Halbgeschwistern und ihrem Vater sexuell missbraucht. Die Folge war eine bipolare Störung. Schon früh erlitt sie Nervenzusammenbrüche, die im Laufe ihres Lebens zunahmen und schließlich in ihrem Selbstmord im Jahre 1941 endeten.

Kein leichter Einstieg

Mrs. Dalloway ist keine Geschichte, die man genüsslich als Abendlektüre genießen sollte. Man benötigt eine längere unterbrechungsfreie Zeit, um in die Gedankenströme der Figuren einzutauchen. Die eigentliche Handlung erstreckt sich über einen einzigen Tag. Woolf bedient sich unzähliger Figuren, die nach außen hin recht banalen Aktivitäten nachgehen. Man trifft sich, redet, isst oder spaziert gemeinsam oder allein. Und doch hängen alle Figuren nur ihren eigenen Gedanken nach.

Dass Woolf auf jegliche Art von optischer Trennung – sei es durch Abschnitte oder Kapitel – verzichtet, macht es für die geneigte Leserin nicht einfacher. Das einzige ordnende Element des Romans bilden die Glockenschläge des Big Ben. Zudem wechselt sie gerne die Perspektive zwischen allwissenden und personalen Erzählern und inneren Monologen. Nicht zuletzt bedient sie sich einer sehr poetischen Sprache, die zusätzliche Aufmerksamkeit fordert.

Präzise Schilderungen

Virginia Woolf ist keine Psychologin. Man muss nicht mit jedem ihrer Gedanken übereinstimmen. Sicherlich lag sie das eine oder andere Mal daneben. Das ist aber auch nicht entscheidend. Beeindruckend an diesem Werk ist die Art und Weise, mit der sie ihre Figuren charakterisiert. Und wie sie es schafft, die vielen unterschiedlichen Erzählstränge miteinander zu verbinden.

Mit einer unglaublichen Präzision und viel Feingefühl blickt sie hinter die Fassaden ihrer Figuren und schildert (aus einer leicht negativen Perspektive) nicht weniger als die ganze Vielfalt des menschlichen Daseins. Die einzelnen Erzählstränge gehen nahtlos ineinander über, sodass man sich in einem unaufhaltsamen Strom von Gedanken befindet.

Was bleibt?

Mrs. Dalloway von Virginia Woolf ist kein einfacher Roman und eignet sich ganz sicher nicht als Abendlektüre. Dazu sind die Figuren und Gedankengänge zu sehr ineinander verwoben und bieten nahezu keine Gelegenheit zum Durchatmen. Wer dem Roman allerdings einige Stunden am Stück widmen kann und will, der wird mit einer anspruchsvollen und ergiebigen Lektüre belohnt, die bis heute nichts von ihrer Faszination verloren hat.

Wunderschöner Klassiker

Die von mir besprochene Ausgabe erschien in der Bibliothek der Weltliteratur und passt thematisch hervorragend ins vom Manesse Verlag ausgerufene KlassikerInnen-Jahr. Neben den farblich bis ins kleinste Detail aufeinander abgestimmten Komponenten und dem zeitgemäßen Design können insbesondere die Materialien überzeugen. 

Weder auf eine Fadenheftung, noch auf ein Leseband, noch auf bedruckten Vor- und Nachsatz müssen wir verzichten. Übersetzt wurde der Roman von Melanie Walz. Der Anmerkungsapparat erklärt Zusammenhänge und Anspielungen, die heutigen Lesern sonst verschlossen bleiben würden. Abgerundet wird das Ganze mit einem gelungenen Nachwort von Vea Kaiser.

Pro/Contra

Pro
  • Präzise Schilderungen von Gedanken und Gefühlen
  • Woolfs blickt hinter die Fassaden, die uns im Alltag umgeben
  • Der Roman entwickelt mit der Zeit eine Sogwirkung, der man sich nur schwer entziehen kann
Contra
  • Fordert Zeit und Konzentration, ohne beide Komponenten verliert man schnell den Überblick

Fazit


Wer bereit ist, Mrs. Dalloway die nötige Aufmerksamkeit zu schenken, wird mit einer sprachlich ausgefeilten und thematisch faszinierenden Lektüre belohnt. Wer dies nicht tun kann oder will, dem wird unweigerlich viel verschlossen bleiben.

autorin: Virginia Woolf

Titel: Mrs. Dalloway

Seiten: 393

Erscheinungsdatum: 1925

Verlag: Manesse Verlag

ISBN: 9783717525561

Übersetzerin: Vea Kaiser

illustratoren: –

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Kommentare
Neuste
Älteste
Inline Feedbacks
Sehe dir alle Kommentare an