Buch Frontalansicht Leiber Der traurige Henker

Fritz Leiber – Der traurige Henker

Der traurige Henker von Fritz Leiber ist der dritte Band der vierbändigen Gesamtausgabe um das Ganovenduo Fafhrd und dem grauen Mausling. Kann Fritz Leiber das Niveau der ersten beiden Bände halten?

Das Highlight der Gesamtausgabe

Nach einem kurzen Vorwort von Neil Gaiman steigen wir mit Die Schwerter von Lankhmar direkt in die wohl längste Geschichte der Gesamtausgabe ein. Mit rund 200 eng bedruckten Seiten handelt es sich um einen waschechten Roman – und was für einen! Fafhrd und der Graue Mausling kehren wieder einmal zurück nach Lankhmar, doch keiner ihrer zahlreichen Feinde hat sie vergessen. Wie gerufen kommt daher der Auftrag, eine Getreidelieferung auf hoher See zu bewachen. Der Auftrag ist politisch brisant, soll die Lieferung doch den Frieden zwischen Lankhmar und einer Nachbarstadt sichern. Was dann folgt, ist ein literarisches Abenteuer, das man so wohl selten gelesen hat und dass sich nicht vor klassischen Abenteuerromanen eines Stevenson zu verstecken braucht. Ob auf See, an Land oder in unterirdischen Reichen – Fritz Leiber wirft das Duo in zahlreiche exotische Szenarien und bietet die ganze Bandbreite an spannenden Kämpfen, amourösen Verstrickungen, interessanten Charakteren und einer ordentlichen Portion Humor und Selbstironie. Die Schwerter von Lankhmar ist ein Meisterwerk des Genres und wohl das Highlight des gesamten Zyklus.

In der darauffolgenden Titelgeschichte Der traurige Henker übernimmt der Tod, eine altbekannte Figur in der Welt von Newhon, die Hauptrolle. Er hat wie immer eine Quote zu erfüllen und seine Wahl fällt widerwillig auf unser Heldengespann. Doch wie man sich denken kann, haben die beiden nicht die Absicht, frühzeitig abzutreten. In Den Göttern Ausgeliefert ziehen sich Fafhrd und der Graue Mausling den Zorn dreier bekannter Götter auf sich und werden gezwungen, ihren früheren Liebschaften wieder zu begegnen. Da die Trennungen selten einvernehmlich verliefen, kann man sich den Ablauf bildhaft vorstellen…

Die abschließenden beiden Geschichten Die Frostmonstreme und Eislanden leiten das Ende der Abenteuer ein. Die beiden werden von zwei verführerischen Frauen angeheuert, die sagenumwobenen Eislanden zu beschützen. Kurzerhand stellen sich beide eine Crew zusammen und segeln Richtung Norden. Doch neben banalen Problemen wie der bloßen Existenz der Insel stellen sich ihnen alte Götter, ein übermächtiges Heer und zahlreiche bedrohliche Wesen entgegen. Daneben erwarten den Leser noch einige kurze Geschichten, die die Handlungslücken ausfüllen sollen, aber nicht weiter erwähnenswert sind.

Wer schon die ersten beiden Bände Der unheilige Gral und Die Herren von Quarmall gelesen hat weiß, was ihn hier erwartet. Fritz Leiber hat in einem Zeitraum von rund 50 Jahren einen Klassiker der phantastischen Literatur geschrieben, der in meinen Augen bei weitem nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient hätte.

Ein Heldenduo ohne Gleichen

Dreh- und Angelpunkt aller Geschichten sind die beiden Protagonisten, die sich noch heute positiv von den typischen Vertretern des Genres abheben. Weder haben wir es hier mit strahlenden Helden zu tun, die jede Situation mit Bravour meistern, noch handelt es um depressive Meuchelmörder, die von Hass und Zorn zerfressen sind. Fafhrd und der Graue Mausling sind zwei liebenswerte Diebe, die sich mal mehr und mal weniger gut durchs Leben schlagen. Gewinne und Verluste gehen Hand in Hand und der Grund dafür sind nicht etwa böse, übermächtige Kräfte. Noch viel öfter ist es ihre eigene Naivität oder schlichtweg Dummheit. Nicht selten werden sie von anderen übers Ohr gehauen und wenn sie es doch mal schaffen, zu einem bescheidenen Vermögen zu gelangen, dann fließt es meist in Alkohol oder Frauen.

Gerade bei Letzteren haben die beiden Protagonisten eine immerwährende Pechsträhne. Beide haben zwar zahlreiche Liebschaften, doch nie gelingt es ihnen, eine dauerhafte Verbindung einzugehen. Oft werden sie sogar von den zahlreichen starken und viel klügeren Frauenfiguren ausgenutzt und/oder hinters Licht geführt. Dennoch haben sich beide eine ordentliche Portion Humor und Selbstironie bewahrt – wohl das einzige Mittel, um mit einem solchen Leben wirklich fertig werden zu können.

Fritz Leibers Kreativität kennt keine Grenzen

Neben unseren beiden Protagonisten begeistern auch die zahlreichen interessanten Nebenfiguren, sei es die Rattenkönigin Hisvet, ein englischsprachiger Drache oder sogar die herumstreunenden Wandergötter Odin und Loki. Man merkt, wie viel Freude es Leiber bereitet, seine Welt lebendig werden zu lassen und immer wieder Verbindungen zur „richtigen“ Welt herzustellen. Leiber setzt seiner Kreativität keine Grenzen und scheut sich nicht davor, einen Drachen auftauchen zu lassen, der Ungeheuer für seinen Zoo sucht oder Odin und Loki als unbedeutende Streuner verunglimpfen zu lassen. Sogar Homer, „zweifellos ein unbedeutender Schreiberling“, bleibt nicht verschont.

Die Geschichten selbst sind wie immer hervorragend geschrieben. Fritz Leiber genoss als Sohn bekannter Shakespeare-Darsteller eine klassische Erziehung und dies macht sich auch in seinen Geschichten bemerkbar. Die Kampfszenen sind brillant inszeniert, die Dialoge auf dem Punkt und der Humor stets präsent, ohne jemals aufgesetzt zu wirken. Auch begeistert die Vielfalt seiner Geschichten. Während etwa Die Schwerter von Lankhmar eine klassische Abenteuergeschichte darstellen, handelt es sich etwa bei Den Göttern Ausgeliefert um eine der humorvollsten (und gewaltfreisten) Geschichten, die ich lesen durfte – vorausgesetzt man kennt die Vorgeschichte der beiden Helden.

Der traurige Henker ist insgesamt ein würdiger dritter Band des Gesamtzyklus und kann das hohe Niveau der ersten beiden Bände halten. Natürlich überstrahlen Die Schwerter von Lankhmar alle anderen Geschichten, doch auch unter diesen findet sich das eine oder andere Kleinod.

Paperback der Edition Phantasia

Bei meiner Ausgabe handelt es sich um die Paperback-Ausgabe der legendären Edition Phantasia. Der Preis liegt ein Stück weit über dem für normale Taschenbuchausgaben, dafür fühlt es sich insgesamt ein Stück weit hochwertiger an. Ansonsten bekommt man genau das, was man bei einem Paperback erwarten kann. Das schöne Titelbild stammt von Lars Nestler und die Übersetzung wie immer von Joachim Körber. Im Anhang muss man sich mit einer kleinen Übersicht aller Geschichten mitsamt den deutschen Erstveröffentlichungen begnügen.

Fazit

Der traurige Henker hält das hohe Niveau seiner Vorgänger. Wer von diesen angetan war, sollte alsbald zum dritten Band greifen. Zum Einstieg eignet sich das Buch allerdings nicht, dazu sollte man mit dem Unheiligen Gral beginnen.


Autor: Fritz Leiber

Titel: Der traurige Henker

Seiten: 395

Erscheinungsdatum: 1997

ISBN: 9783937897189

Verlag: Edition Phantasia

Übersetzer: Joachim Körber

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