
Auferstehung
von Lew Tolstoi
28.05.2021
- Klassiker
Auferstehung stellt den letzten großen Roman von Lew Tolstoi dar und sorgte bei seinem Erscheinen für Aufsehen. Kann er im Vergleich zu seinen anderen großen Werken mithalten?
Schatten der Vergangenheit
Fürst Dmitri Iwanowitsch Nechljudow ist Geschworener, als die Prostituierte Katjuscha Maslowa – trotz offensichtlicher Unschuld – zur Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt wird. Er erkennt in ihr die frühere Haushaltshilfe seiner Tante. Und muss feststellen, dass er für ihre Abwärtsspirale verantwortlich ist: Vor Jahren schwängerte er sie und überließ sie ihrem Schicksal. Diese Erkenntnis sorgt für sein moralisches Erwachen. Er möchte seine Fehler wiedergutmachen und nimmt den Kampf gegen das russische Justizsystem auf.
Wahre Begebenheiten
1887 berichtete der russische Jurist Anatoli Fjodorowitsch Koni unserem Autor von einer ähnlichen Begebenheit aus seiner Zeit als Staatsanwalt. Tolstoi sah das Potential und begann mit ersten Fassungen, doch eine Schaffenskrise verhinderte die Fertigstellung. Lieber widmete er sich politischen und ethischen Werken. Erst die Vertreibung der Duchoborzen, einer mit Tolstoi verbundenen christlichen Sekte, sollte dies ändern.
Um Geld zu beschaffen, wollte er Auferstehung in vielen Ländern zeitgleich (1899/1900) veröffentlichen. Die Veröffentlichung war ein voller Erfolg, allein in Deutschland erschienen in den ersten zwei Jahren zwölf Übersetzungen. Sein Werk unterlag einer umfangreichen Zensur. Gerade die militär- und kirchenkritischen Stellen wurden gestrichen (Kapitel 30 und 40). 1901 wurde Tolstoi dafür exkommuniziert.
Russische Gesellschaft im Mittelpunkt
Tolstoi zeichnet ein breites Panorama der russischen Gesellschaft um 1890 herum. Die Handlung konzentriert sich zunächst auf die Beziehung des Fürsten Dmitru Nechljudow und der Prostituierten Katjuscha Maslowa. Doch die Versuche des Fürsten, Vergebung zu erlangen, geraten zunehmend in den Hintergrund. Am Ende ist die Beziehung nur noch ein Vehikel, um die ganze Bandbreite der russischen Bevölkerung darzustellen.
Die Wandlung des privilegierten Fürsten hin zu einem verantwortungsbewussten Mann ist zugegebenermaßen kein kleiner Schritt. Den Tolstoi aber überzeugend und nachvollziehbar darstellt. Nur auf den letzten Seiten nehmen die religiösen Perspektiven überhand. Doch dies wird durch die differenzierten Schilderungen und den passenden Erzählton (ernsthaft, leicht sarkastisch, niemals dogmatisch) mehr als ausgeglichen.
Schonungslose Anklage
In Tolstois Welt kann die Veränderung nur durch das Individuum geschehen. Staatliche und kirchliche Institutionen sind zu starr und zu korrupt, um Veränderungen zu bewirken. Sie dienen mehr dem System als den Menschen. In den Gerichten ist die soziale Stellung wichtiger als Tatsachen. Menschen werden ihr Leben lang unterdrückt und ausgebeutet. Und wenn sie dann dagegen aufbegehren, werden sie von ihren Unterdrückern als Verbrecher abgestempelt und verurteilt. Schonungslos legt Tolstoi den Finger in die Wunde und zwingt uns, über Schuld und Moral nachzudenken.
Angemessenes Gewand
Die Ausgabe aus dem Hanser Verlag kann wieder einmal begeistern. Das Buch ist in dunkelblauen Leinen gebunden und verfügt über ein Titelschild samt Goldprägung. Neben einer Fadenhaftung erwarten uns zudem zwei farblich abgestimmte Lesebänder und Dünndruckpapier. Im Anhang erwarten uns ein Anmerkungsapparat und ein gelungenes Nachwort der Übersetzerin Barbara Conrad.
Pro/Contra
Pro
- Zwingt den Leser, über Schuld und Moral nachzudenken
- Tolstois Stil ist über jede Zweifel erhaben
- Steht zu Unrecht im Schatten seiner bekannten Werke!
Contra
- –
Fazit
Auferstehung von Lew Tolstoi steht gleichauf mit seinen anderen Werken. Ein großer Roman über Schuld und Moral.
autor: Lew Tolstoi
Titel: Auferstehung
Seiten: 717
Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Hanser Verlag
ISBN: 9783446252851
Übersetzerin: Barbara Conrad
illustratoren: –
Reihe: Hanser Klassiker







