Lew Tolstoi - Auferstehung

Lew Tolstoi – Auferstehung

Mehr als 20 Jahre nach Anna Karenina erschien 1899/1900 Lew Tolstois dritter und letzter großer Roman und sorgte für internationales Aufsehen. Dennoch steht Auferstehung noch bis zum heutigen Tag zu Unrecht im Schatten von Tolstois anderen großen Romanen.

Der Vergangenheit kann niemand entkommen …

Als der Fürst Dmitri Iwanowitsch Nechljudow als Geschworener an einer Gerichtsverhandlung teilnimmt, erkennt er auf der Anklagebank die junge Prostituierte Katjuscha Maslowa, die früher im Haushalt seiner Tante tätig war und die trotz offensichtlicher Unschuld zur Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt wird. Er stellt fest, dass er Schuld ist an der Abwärtsspirale im Leben der jungen Frau, da er sie vor Jahren schwängerte und alleine ihrem Schicksal überließ. Diese Erkenntnis trifft ihn und sorgt für sein moralisches Erwachen. Nechljudow beschließt, seine Fehler wieder gut zu machen und in seinem Kampf um die Freiheit der jungen Frau erschließen sich ihm die Willkür und die Ungerechtigkeiten des russischen Justizsystems.

Der Ursprung des Romans

Den Ursprung von Auferstehung liegt in einer Erzählung des russischen Juristen Anatoli Fjodorowitsch Koni, der Lew Tolstoi 1887 eine ähnliche Geschichte aus seiner Zeit als Petersburger Staatsanwalt erzählte. Tolstoi war begeistert von dem Potential dieser Geschichte und bat Koni eine Erzählung zu veröffentlichen, was dieser aus Zeitgründen jedoch ablehnte und Tolstoi diesen Stoff überließ. Dieser begann 1889 mit ersten Fassungen dieses Stoffes, doch sein Prosa Werk unterlag zu dieser Zeit einer Schaffenskrise, immer wieder legte er den Stoff beiseite und widmete sich seinen politischen und sozialethischen Werken, er zweifelte sogar, ob er je wieder einen Roman veröffentlichen könnte.

Erst die Vertreibung der Duchoborzen, einer christlichen Sekte mit der sich Tolstoi sehr verbunden fühlte, sollte dies ändern. Um Geld für diese Gruppierung zu beschaffen, wollte er Auferstehung in vielen europäischen Ländern zeitgleich veröffentlichen. Dies trieb ihn in seiner Arbeit an und der Roman wurde schließlich ein großer Erfolg, wenige Jahre später gab es bereits erste Verfilmungen. Alleine in Deutschland erschienen in den ersten zwei Jahren zwölf Übersetzungen. Sein Werk unterlag dabei großer Zensur, gerade die zahlreichen Militär- und Kirchenkritischen Stellen wurden weitestgehend gestrichen, insbesondere der berühmte Gottesdienst in den Kapiteln 39 und 40 sorgte für großes Aufsehen. Auch deswegen wurde Tolstoi 1901 sogar durch die Kirche exkommuniziert.

Tolstoi hat die russische Gesellschaft im Blick

Auferstehung ist ein Roman der ein breites Panorama der russischen Gesellschaft um 1890 herum entwirft und sowohl auf Mikro als auch auf Makroebene zu begeistern weiß. Die rein erzählerische Handlung dreht sich dabei um die Beziehung des Fürsten Dmitru Nechljudow und der Prostituierten Katjuscha Maslowa. Der Fürst sieht Katjuscha das erste Mal nach etlichen Jahren vor Gericht wieder und muss feststellen, dass er am Elend ihres Lebens entscheidend Schuld hat, und versucht dies wieder auszugleichen. Eine Heirat lehnt Sie ab und dennoch versucht er, seine gesellschaftlichen Privilegien und Kontakte zu nutzen, um sie vor der Katorga, der Zwangsarbeit in Sibirien, zu bewahren. Die Liebesbeziehung der Beiden nimmt dabei überraschend wenig Raum ein und ist wenig überzeugend.

Zu Beginn ist sie noch der Auslöser für Nechljudows Wandlung doch mit fortschreitender Handlung dienen Katjuscha und ihre unterschiedlichen Stationen vom Gericht bis nach Sibirien nur als Vehikel, um Nechljudow die ganze Bandbreite der russischen Bevölkerung besuchen lassen zu können. Tolstoi nutzt dies um Repräsentanten jeglicher Bevölkerungsschichten in seiner ihm eigenen Art zu charakterisieren. Dabei gibt es auf allen Seiten gute und schlechte Menschen, durch Tolstoi erfährt der Leser die Antriebe und Gedanken dieser Menschen, jede Handlung, jede Weltanschauung wird in einem sarkastischen und dennoch ernsthaften Ton erklärt.

Schuld und Buße

Ein Schwerpunkt der Handlung bildet dabei die Auferstehung Nechljudows. Dieser führte zunächst ein ausschweifendes, dann ein zunehmend langweiligeres und bedeutungsloses Leben. Zwar versuchte er durch den Militärdienst eine Wandlung herbeizuführen, doch dies misslingt mangels innerer Überzeugung. Erst die Erkenntnis seiner eigenen Fehler und ihrer Auswirkungen auf andere Menschen sorgt für sein inneres Erwachen, seine Auferstehung. Er bereut seine Fehler, gibt den Großteil seines Besitzes auf und erlebt dadurch ein Freiheitsgefühl, das er trotz seines privilegierten Lebens nie hatte. Der Unterschied zwischen dem oberflächlichen und nicht mehr ganz jungen Fürsten und dem verantwortungsbewussten Mann zum Ende des Romans hin ist gewaltig, aber nachvollziehbar dargestellt, nur auf den letzten Seiten arbeitet Tolstoi zu viel von seinen eigenen religiösen Überzeugungen ein, die den Gesamteindruck aber nicht allzu sehr schmälern.

Tolstois schonungslose Anklage

Bezeichnend für den Roman ist, dass solche Wandlungen nur aus dem Inneren erfolgen können, staatliche und kirchliche Institutionen sind zu starr und zu korrupt, um den Menschen dienen zu können. Gerade die Kirche wird oft zum Gegenstand von Tolstois Kritik, aber auch das russische Justiz- und Strafvollzugssystem wird aufs Schärfste verurteilt. In den Gerichten herrscht viel Korruption und Selbstbeweihräucherung, die soziale Stellung ist in Prozessen wichtiger als die Sache selbst und die Gefangennahme politisch unliebsamer Bürger geschieht oft willkürlich. Mit einer Härte die Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem toten Haus ähnelt zeigt Tolstoi die Leiden der oft unschuldig Verurteilten auf.

Die Missstände reichen von Behördenwillkür, psychischen Druck über Vergewaltigungen bis hin zu Selbstmorden, ohne dass die restliche russische Bevölkerung dies wahrnimmt. Schonungslos legt Tolstoi den Finger in die Wunde und zwingt den Leser über Schuld und Moral nachzudenken: Die meisten Menschen wurden jahrelang ausgebeutet, um den Menschen, die nun über sie urteilen und sie verurteilen, Wohlstand zu bringen. Oft waren die Verurteilten sogar dazu gezwungen, Verbrechen zu begehen, ihre Armut und ihr Überlebenswille zwingen sie dazu. Kann man diese Menschen dann als Verbrecher bezeichnen, darf man Sie verurteilen, und wenn ja, auf welcher Grundlage?

Ein Klassiker im angemessenen Gewand

Wie schon so oft kann die Ausstattung der Hanser Klassiker Reihe nur begeistern. Das Buch ist in dunkelblauen Leinen gebunden, fadengeheftet und neben einem Titelschild mit Goldprägung finden sich noch zwei farblich abgestimmte Lesebändchen und Dünndruckpapier. Insgesamt hält man ein sehr hochwertiges Buch in den Händen, dass den Preis mehr als nur rechtfertigt. Das Buch enthält außerdem noch einen umfangreichen Anhang, der neben zahlreichen Anmerkungen zum Text auch ein ausführliches Nachwort der mehrfach prämierten Übersetzerin Barbara Conrad enthält. Dieses umfasst die Vorgeschichte, den Entstehungsprozess und die Auswirkungen des Romans und stellt nicht zuletzt aufgrund des Umfangs eine wahre Bereicherung für den Leser dar. Da ich kaum Russischkenntnisse habe, kann ich kein Urteil über ihre Übersetzung fällen, ihre mehrfach prämierten Arbeiten sprechen jedoch für Sich.

Fazit

Auferstehung hat nicht die erzählerische Breite eines Krieg und Frieden oder die literarische Wucht einer Anna Karenina, aber immer noch Tolstois genaue und schonungslose Beobachtungsgabe, die präzise Figurenzeichnung und den fast schon sarkastischen Unterton. Auferstehung steht irgendwo zwischen Krieg und Frieden und Anna Karenina und bleibt dennoch ein eigenständiges Werk. Für Freunde russischer Literatur eine lohnenswerte Erfahrung!


Autor: Lew Tolstoi

Titel: Auferstehung

Seiten: 717

Erscheinungsdatum: 1899

ISBN: 9783446252851

Verlag: Hanser Verlag

Übersetzerin: Barbara Conrad

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