Ein blaues Hardcover-Buch mit dem Titel „Aufzeichnungen aus einem toten Haus“ von Fjodor M. Dostojewski steht aufrecht auf einer Holzoberfläche.

Aufzeichnungen aus einem toten Haus

von Fjodor M. Dostojewski


14.05.2021

  • Klassiker

In seinem autobiographischen Roman Aufzeichnungen aus einem toten Haus verarbeitet der russische Schriftsteller Fjodor M. Dostojewski seine Jahre in Zwangshaft und gibt Einblicke in die isolierte Welt der Zwangsarbeit in Sibirien.

Zehn Jahre Katorga

Alexander Petrowitsch wird wegen Mordes an seiner Ehefrau zu zehn Jahren Katorga – Zwangsarbeit in Sibirien – verurteilt. In der Rückschau schildert er sein Leben im Gefängnis. Der Schwerpunkt liegt auf dem ersten Jahr, doch immer wieder springen wir zeitlich hin und her. Im Mittelpunkt stehen die Insassen, die mit diesem Werk einen Namen und eine Geschichte erhalten.

Entsetzliche Zustände und brüchiger Zusammenhalt

Der Leser wird mit in die Katorga gezogen und erhält Einblicke, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die Beschreibungen reichen von der  Gefängnisarbeit, über illegale Aktivitäten wie den Alkoholschmuggel bis hin zur Kleidung der Insassen. Dostojewski hat durchaus ein Auge für positive Aspekte: die Kameradschaft, verbindende Saufgelage, eine erfolgreiche Weihnachtsaufführung oder hilfsbereite Ärzte im Hospital.

Den Schwerpunkt bilden jedoch die negativen Seiten: mangelnde Hygiene, harte und willkürliche körperliche Strafen, Hass und Neid und innere Isolation. Er kritisiert die menschenunwürdigen Haftbedingungen, die auch lange nach der Haft noch eine traumatisierende Wirkung entfalten

Persönliche Erfahrungen

Unser Autor konnte auf persönliche Erfahrungen zurückgreifen, wurde er doch selbst zur Katorga verurteilt. Am 23. April 1849 wurde er als regelmäßiger Teilnehmer einer politischen Diskussionsrunde bei M. W. Petraschewski durch die Geheimpolizei des Zaren festgenommen. Am 22. Dezember desselben Jahres folgte die Verurteilung durch ein Kriegsgericht zum Tode durch Erschießen. Erst in letzter Sekunde – er befand sich bereits auf dem Vollstreckungsplatz – wurde er durch den Zaren begnadigt.

Stattdessen erlebte er vier Jahre Katorga in der Festung Omsk. Hautnah erlebte er menschenunwürdige Bedingungen. Adlige wie er genossen in der Haft – durch Geld oder Beziehungen – Privilegien und waren bei den Mitinsassen verhasst. Offiziell durfte er keine Bücher schreiben. Aber mithilfe eines wohlgesonnenen Arztes gelang es ihm, einige Notizen zu sammeln. Unter dem Titel „Sibirische Hefte“ legten sie die Grundlage für sein späteres Schaffen. Ohne diese einschneidenden Erfahrungen wären Dostojewskis spätere Werke gar nicht möglich gewesen.

Staatliche Zensur

Im September 1860 erschienen erste Kapitel in der „Russischen Welt“, ab 1861 dann in der von ihm und seinem Bruder herausgegebenen Zeitschrift „Die Zeit“. Im Rahmen der von Zar Alexander II. angestoßenen Reformen durfte das Buch tatsächlich erscheinen. Angesichts Dostojewskis Vorgeschichte und des brisanten Themas ein kleines Wunder.

Dennoch blieb das Buch nicht vor der russischen Zensurbehörde verschont. Politische Gefangene gab es offiziell nicht und so musste Dostojewski auf Umschreibungen und Andeutungen zurückgreifen. Auch die menschenunwürdigen Bedingungen werden abgeschwächt, indem auf angebliche spätere Reformen verwiesen wird.

Dostojewski bedient sich einer einfachen und schnörkellosen Sprache. Beschönigt wird hier nichts: Die harte Realität wird durch die einfache Sprache des Volkes deutlich. Schon Remarque wusste: Nichts ist einschneidender als die Realität. Ob nun im Umgang der Häftlinge untereinander oder bei der Schilderung der sadistischen Züge der Gefängniswärter.

Würdige Aufmachung

Die Ausgabe des Hanser Verlags entspricht höchsten Ansprüchen. Sie bietet neben einer Fadenheftung und Dünndruckpapier einen grünen Leineneinband inklusive Titelschild und zweier Lesebändchen. Der Anhang begeistert, hätte aber noch umfangreicher ausfallen dürfen.

Die zahlreichen Anmerkungen, sowie das Glossar mit Erklärungen zu russischen Begriffen helfen beim Textverständnis. Doch das gelungene Nachwort der Übersetzerin Barbara Conrad fällt leider zu kurz aus. Ihre Herangehensweise an die Übersetzung erläutert sie in wenigen Worten auf nachvollziehbare Art und Weise.

Pro/Contra

Pro
  • Dostojewski schildert schonungslos den brutalen Alltag in der Katorga
  • Seine schnörkellose Sprache intensiviert das ohnehin schon brutale Geschehen
Contra
  • Nichts für Zartbesaitete!

Fazit


Die Aufzeichnungen aus einem toten Haus sind ein bedeutendes Stück Literaturgeschichte und erzählen schonungslos vom Katorga-Leben. Zartbesaitete sollten das Buch meiden, alle anderen erhalten ungeschönte Einblicke in das Leben der Sibirien Häftlinge.

autor: Fjodor M. Dostojewski

Titel: Aufzeichnungen aus einem toten Haus

Seiten: 540

Erscheinungsdatum: 1860

Verlag: Hanser Verlag

ISBN: 9783446265738

Übersetzerin: Barbara Conrad

illustratoren: –

Reihe: Hanser Klassiker

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Eugen
23.06.2021 18:27

Vielen Dank für diesen Hinweis Klaus, die Begründung ist in der Tat erstaunlich, gleichzeitig auch sehr erschreckend. Natürlich gab es wie etwa beim Weihnachtsfest auch leichtere Tage für die Gefangenen, aber um Dostojewski eine zu sanfte Darstellung vorzuwerfen, bedarf es einiges an Kaltblütigkeit.

Im Übrigen möchte ich dir auch für deine Internetseite danken, ich habe seit gestern einige Zeit darauf verbracht und bin begeistert, wieviel Herzblut darin steckt! Da bekomme ich direkt Lust mehr von Dostojewski zu lesen und bei meinen weiteren Dostojewski Lektüren werde ich sicherlich darauf zurückgreifen!

Klaus
22.06.2021 11:08

Kleine Randbemerkung
Es bestand die konkrete Gefahr, dass das Buch von der Zensur verboten würde. Man sollte meinen, dass das nun nicht überraschend ist. Erstaunlich ist aber die angeführte Begründung der Zensur-Behörden: Es würde die Verhältniss in der Kartorga nicht angemessen wiederspiegeln Es würde zu sanft zeichnen. Die unzureichende Darstellung der Brutalität des Lagerlebens könne auf den Leser nicht abschreckend genug sein.