
Sherlock Holmes: Die Memoiren
von Arthur Conan Doyle
02.12.2022
- Klassiker
Mit Sherlock Holmes: Die Memoiren sollten die Abenteuer des berühmten Detektiv-Duos ursprünglich ihren Abschluss finden. Konnte Arthur Conan Doyle der Reihe mit diesem Band zu einem würdigen (vorläufigen) Abschluss verhelfen?
Weitere Abenteuer in Kurzform
Die erste Geschichte Silver Blaze führt uns nach Dartmoor, wo ein verschwundenes Rennpferd und ein toter Trainer für Aufsehen sorgen. In Das gelbe Gesicht beunruhigt Grant Munro, dass sich seine Frau zunehmend zu ihren neuen Nachbarn hingezogen fühlt. Er bittet Holmes und Watson um Hilfe. Eine (wirklich) sonderbare Anstellung findet der junge Hall Pycroft. Statt eines erhofften Karrieresprungs erwarten ihn belanglose Tätigkeiten. Als er bemerkt, dass sein Vorgesetzter unter verschiedenen Identitäten agiert, schaltet er Holmes ein.
Die „Gloria Scott“ behandelt Sherlock Holmes’ ersten Fall. Als junger Student besucht er einen Jugendfreund. Kurz darauf stirbt dessen Vater und es ist an Holmes, das Geheimnis aufzuklären. In Das Musgrave-Ritual wird unser Detektiv von Watson zum Aufräumen gedrängt. Da kommt ihm ein unscheinbarer Brief gelegen, um sich vor der Hausarbeit drücken zu können. In Die Junker von Reigate zieht es unser Duo zu Erholungszwecken aufs Land. Indes lassen sie mehrere Einbrüche und ein Mord einfach nicht zur Ruhe kommen. Der gekrümmte Mann deckt die dunkle Vergangenheit eines Soldaten auf.
In Der Dauerpatient ermöglicht ein Wohltäter dem Arzt Percy Trewelyan die Eröffnung einer eigenen Praxis. Doch der Besuch zweier russischer Fürsten lässt seinen Gönner immer paranoider werden. Der griechische Dolmetscher Mr. Melas gilt als verlässlicher Dolmetscher. Als er auf ein Verbrechen aufmerksam wird, schaltet er unser Detektiv-Duo ein. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. In Der Marinevertrag muss Holmes für das britische Außenministerium brisante Papiere wiederfinden, die den Lauf der Geschichte ändern könnten. Das letzte Problem lässt Holmes auf Professor Moriarty treffen.
Warum sollten die Holmes-Abenteuer enden?
Ursprünglich sollten Die Memoiren (The Memoirs of Sherlock Holmes) den Abschluss der Sherlock-Holmes-Geschichten darstellen. Spätestens mit Die Abenteuer erlangten die Detektivgeschichten eine enorme Popularität. Arthur Conan Doyle war regelrecht „gezwungen“, für mehr und mehr Nachschub zu sorgen.
Was andere Schriftsteller begeistert hätte, sorgte bei Doyle für Frust, wollte er doch nicht auf diese Werke reduziert werden. Und so beschloss er, Holmes’ Leben zu beenden und sich anderen Projekten zu widmen. Dass es letztlich nicht dabei geblieben ist, dürfte hinlänglich bekannt sein. Doch das ist eine andere Geschichte.
Der Kampf um Abwechslung
Die erhöhte Aufmerksamkeit dürfte wohl nur ein kleiner Nebenaspekt bei seiner Entscheidung gewesen sein. Doyle hatte merklich Schwierigkeiten, neue und spannende Fälle für sein Duo zu erfinden. So unterhaltsam seine Geschichten auch sind, im Grunde verlaufen sie doch nach ähnlichen Mustern.
Dem musste Abhilfe geschaffen werden und Doyle begegnete dem Problem auf unterschiedlichen Wegen. Eine Stellschraube stellt die Erzählperspektive dar. Grundsätzlich ist es dem Ich-Erzähler Dr. Watson vorbehalten, uns über die neuesten Abenteuer des Meisterdetektivs zu unterrichten. In diesem Band werden jedoch zwei Geschichten von Sherlock Holmes höchstpersönlich erzählt – darunter auch die Geschichte seines ersten Falles.
Die Erzählperspektive war nicht das Problem
Das Problem: Die Geschichten leben davon, dass uns Lesern aus der begrenzten Perspektive von Watson Informationen vorenthalten werden. Dadurch können wir miträtseln, lassen uns in die Irre leiten und warten bis zum Schluss gebannt auf die Auflösung. Bei Holmes als Erzähler fehlt diese Verzögerung und das macht das Miträtseln ein Stück weit weniger attraktiv.
Einblicke in Holmes’ Vergangenheit
Dafür werden wir durch einen ganz anderen Aspekt entschädigt. In keinem anderen Band erfahren wir so viel über Holmes und sein Umfeld. Nicht nur, dass wir Einblicke in seine ersten Schritte als Detektiv erhalten. Auch sein persönliches Umfeld erweitert sich durch seinen Bruder Mycroft. Dieser erhält zwar nur kurze Auftritte, doch seine schrullige Art bereichert auch so das Holmes-Universum.
Watson rückt in den Hintergrund
Leider zieht sich Watson in diesen Geschichten erstaunlich weit zurück. Natürlich steht Holmes immer im Vordergrund und Watson begnügt sich mit seiner Stellung als Chronist. Doch auf irgendeine Weise trug er immer zur Lösung eines Falles bei. Hier begnügt er sich mit seiner Rolle als bewundernder Zuschauer. Das ist schade, da das Zusammenspiel der beiden einen großen Reiz der Handlung ausmacht und die kleinen Sticheleien untereinander für den einen oder anderen Lacher sorgen.
Alte Sprache – kein Problem
Sprachlich handelt es sich um typische Geschichten aus dem 19. Jahrhundert. Allerdings verwendet Holmes keine ungewohnten Satzkonstruktionen oder Begriffe, sodass auch heutige Leser keine langwierigen Schwierigkeiten haben sollten. Und sollte tatsächlich mal ein heute nicht mehr gebräuchlicher Begriff auftauchen, dann bietet der Anhang Aufklärung.
Gemächliches Erzähltempo
Die Geschichten haben ein erstaunlich gemächliches Tempo und die Aufklärung gestaltet sich oft relativ unspektakulär. Natürlich gibt es vereinzelt temporeiche Passagen. Aber nur selten geht es darum, in letzter Sekunde einen Mord zu verhindern. Das mag zunächst ungewohnt wirken und entspricht sicherlich nicht den heutigen Erwartungen. Allerdings stellt die Lektüre dadurch eine wohltuend entschleunigte Erfahrung dar.
Abwechslungsreiche Geschichten
Inhaltlich finden wir auch hier ein breites Spektrum vor: Mal geht es um einen Mord, dann um eine Verschwörung und ein anderes Mal um Streitigkeiten zwischen einem Ehepaar. Diese Vielfalt ist auch nötig, um angesichts ähnlicher Erzählabläufe Langeweile zu vermeiden. Die letzte Geschichte stellt auch tatsächlich einen soliden Abschluss dar. Als störend erweist sich nur die plötzliche Integration von Professor Moriarty.
Was bleibt?
Man merkt, dass Doyle versucht hat, Abwechslung in das Holmes-Universum zu bringen. Das ist ihm in einigen Aspekten auch gelungen, man denke nur an die Figur Mycroft. Auch die Rückblenden stellen an sich eine gute Idee dar. Leider leidet darunter das Zusammenspiel von Holmes und Watson – in meinen Augen ein integraler Bestandteil der Erfolgsformel. So handelt es sich letztlich immer noch um verdammt gute Geschichten, die nicht ganz das Niveau des Vorgängerbandes erreichen.
Liebevolle Schmuckausgabe
Auch diese Ausgabe aus dem Coppenrath Verlag begeistert durch viele kleine Details. Neben dem klassischen Buchrücken finden wir wieder einmal zahlreiche Illustrationen, die liebevoll in die Geschichten integriert wurden. Zudem dürfen wir uns über eine Fadenheftung und ein Leseband freuen.
Der Einband ist schön, erscheint allerdings nicht sonderlich alltagstauglich. Doch angesichts des fairen Preises kann man leicht darüber hinwegsehen. Leider wurde nicht angegeben, welche Übersetzung der Überarbeitung durch Claudia Pastors zugrunde gelegt wurde. Das zeugt von mangelnder Wertschätzung und passt so gar nicht zum ansonsten tadellosen Eindruck dieser Werkausgabe.
Werke von Arthur Conan Doyle
Bibliographie
Pro/Contra
Pro
- Sherlock Holmes begeistert bis heute
- Spannend bis zum Schluss
- Entschleunigtes Erzähltempo
- Wunderschöne Geschenkausgabe
Contra
- Das Zusammenspiel von Watson und Holmes ist etwas schwächer als in den Vorgängergeschichten
Fazit
Die Memoiren des Sherlock Holmes stellt eine unterhaltsame Sammlung von Kurzgeschichten dar, die nur einen Tick schwächer ist als der Vorgängerband und durch eine liebevolle Buchgestaltung begeistern kann.
autor: Arthur Conan Doyle
Titel: Sherlock Holmes: Die Memoiren
Seiten: 336
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Coppenrath Verlag
ISBN: 9783649641593
Übersetzerin: Claudia Pastors
illustratorin: Stefanie Bartsch
Reihe: Sherlock Holmes (3)











