
Der Bücherfreund
von Monika Helfer
21.05.2026
- Gegenwartsliteratur
In Der Bücherfreund erzählt die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer in komprimierter Form die Lebensgeschichte ihres Vaters. Kann das gut gehen?
Bücher, Bücher, Bücher
Monika Helfers Eltern lernen sich Ende des Zweiten Weltkrieges kennen: Der Vater verliert in Russland einen Unterschenkel, gewinnt dafür aber seine Krankenschwester als Frau. Nach dem Krieg wird er Leiter eines Invalidenheims in den Voralberger Alpen.
Durch eine unverhoffte Buchspende erhält das Heim eine riesige Bibliothek, die fortan den Mittelpunkt im Leben des Vaters bildet. Jahre später soll das Heim einem Hotel weichen und die Bibliothek aufgelöst und verkauft werden. Doch Monika Helfer und ihr Vater wissen sich zu helfen …
Österreichische Gegenwartsliteratur
Monika Helfer zählt zu den bekanntesten österreichischen Schriftstellerinnen der Gegenwart. Ihren großen Durchbruch feierte sie in den vergangenen Jahren mit biographisch-gefärbten Werken wie „Die Bagage“, „Löwenherz“ und „Vati“. Bei „Der Bücherfreund“ handelt es sich wohl um eine Kurzversion von „Vati“. Doch kann so etwas funktionieren?
Eine Kurzgeschichte ist kein kurzer Roman
Um euch nicht auf die Folter zu spannen: Das klappt nur bedingt. Das Problem ist, dass eine Kurzgeschichte eine besondere Kunstform mit eigenen Regeln darstellt. Sie ist viel mehr als nur die verkürzte Version eines Romans. Leider versucht unsere Autorin, ein ganzes Leben auf siebzig Seiten zu pressen – ein Unterfangen, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Erschwerend kommt hinzu, dass es sich ausgerechnet beim „Vati“ um einen äußerst unsympathischen Menschen gehandelt haben muss.
So sehr ich mich mit seiner Liebe zu Büchern identifizieren kann: Er vernachlässigt seine Kinder und seine todkranke Frau, behält eine mehrere Tausend Bücher umfassende Spende alleine für sich und interessiert sich nur für Bücher. Für die Autorin war es sicherlich interessant, die Beziehung zu ihrem Vater aufzuarbeiten. So aufregend war sein Leben aber – abgesehen von der Bein-Episode – aus Perspektive eines neutralen Lesers einfach nicht.
Liebe zum Lesen
Dennoch hat diese Erzählung auch gute Seiten. Im Mittelpunkt steht die Liebe zum Lesen und diese wird auf jeder Seite an uns Leser weitergegeben. Jedes Familienmitglied liest leidenschaftlich gerne. Wir erfahren von ihren jeweiligen Lesevorlieben und woran man ein gutes Buch erkennt: am Geruch, da Buchbinder bei guten Büchern guten Leim verwenden! Und wie man Bücher (nicht) verstecken sollte.
Trotz äußerst bedrückender Rahmenbedingungen wie Kriegsversehrtheit, dem Zweiten Weltkrieg, Tod, Verlust und Vernachlässigung handelt es sich um eine äußerst optimistische Erzählung mit einigen humorvollen Szenen. Ein Highlight stellen beispielsweise die verzweifelten Versuche von Vater und Tochter dar, die Bücher zu vergraben und dabei der neugierigen Dorfbevölkerung aus dem Weg zu gehen
Wunderschöner Stil
Erzählt wird die Geschichte aus der Rückschau von unserer Autorin selbst. Auch besitzt sie einen wunderschönen Stil, der eigentlich wie gemacht ist für Kurzgeschichten. Sie verwendet größtenteils einen kurzen Satzbau und eine klare und prägnante Sprache. Zudem verfügt sie über die seltene Fähigkeit, viel Inhalt sprachlich ansprechend in schönen Sätzen zu verdichten.
Was bleibt?
Der Bücherfreund von Monika Helfer ist eine solide Kurzgeschichte. Handwerklich besitzt Helfer aufgrund ihrer sprachlichen Verdichtungsfähigkeit und ihres kurzen Satzbaus ideale Grundlagen, um hervorragende Kurzgeschichten zu schreiben. Doch leider schafft sie es inhaltlich nicht, sich vom Korsett eines Romans zu lösen. Darum nur solide – nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Fast schon eine Mogelpackung
Die vorliegende Ausgabe stammt aus dem Hanser Verlag und versucht sich im Fahrwasser der erfolgreichen Illustrierten Lieblingsbücher von Kat Menschik zu bewegen. Menschiks Illustrationen sind – wie immer – ein Traum und rechtfertigen für sich den Kauf dieses Büchleins. Dieses Mal dominieren bläulich-gräuliche Farbtöne mit aus der Erzählung inspirierten Motiven.
Als Besonderheit finden sich weiße Flecken auf den Bildern, die die geneigte Leserin mit ihrer eigenen Fantasie ausfüllen muss. Leider bewegen wir uns ansonsten einige Stufen unter den Illustrierten Lieblingsbüchern. Es gibt kein Leseband, nur eine Klebebindung und nur einen einfarbigen Vorsatz bzw. Nachsatz. Es ist fast schon frech, dafür genauso viel Geld zu verlangen wie für die hochwertigen Bände aus dem Galiani Verlag.
Illustriert von Kat Menschik
Pro/Contra
Pro
- Hervorragende sprachliche Verdichtungen
- Liebe zur Literatur
- Hervorragende Illustrationen von Kat Menschik
Contra
- Zu viel Inhalt für zu wenig Seiten
Fazit
Der Bücherfreund von Monika Helfer ist eine solide Kurzgeschichte – handwerklich hervorragend, inhaltlich mit einigen Schwächen.
autorin: Monika Helfer
Titel: Der Bücherfreund
Seiten: 74
Erscheinungsdatum: 2025
Verlag: Hanser Verlag
ISBN: 9783446282735
Übersetzer: –
illustratorin: Kat Menschik











