Arkadi und Boris Strugatzki - Gesammelte Werke

Die Strugatzki Brüder im Golkonda Verlag

Heute erwartet euch der dritte Beitrag in meiner Reihe Schöne Bücher und dieses Mal geht es um die gesammelten Werke der Brüder Strugatzki, die im Golkonda Verlag in einer limitierten Leinen- und (vergriffenen) Lederausgabe veröffentlicht wurden.

Leben und Werk

Über 50 Millionen verkaufte Exemplare – alleine in Russland

Die Brüder Arkadi (1925-1991) und Boris (1933-2012) Strugatzki zählen zu den erfolgreichsten russisch-sowjetischen Schriftstellern überhaupt, ihre Werke wurden in über dreißig Sprachen übersetzt und alleine in Russland beträgt die Gesamtauflage über 50 Millionen Exemplare. Aber auch in der westlichen Welt erlangten sie nicht zuletzt durch den Film Stalker von Andrej Tarkowsky – die Verfilmung ihres Romans Picknick am Wegesrand – eine enorme Popularität.

Doch wie kam es dazu, dass ausgerechnet zwei Science Fiction Autoren heute zu den wichtigsten und meistgelesenen Literaten eines Landes zählen, das eine Vielzahl an literarischen Genies hervorgebracht hat?

Eine Jugend zwischen Stalin und Wells

Absehbar war diese Entwicklung jedenfalls lange Zeit nicht. Ihre Eltern waren glühende Anhänger der Sowjetunion: Die Mutter war prämierte Lehrerin, der Vater sogar General im russischen Bürgerkrieg. Später fiel er wohl politischen Machtspielen zum Opfer und entging nur durch Zufall Stalins Zorn. Danach arbeitete er als Chefredakteur einer Zeitung, eine Stellung, die wenig Geld einbrachte, den beiden Brüdern aber zu vielen Büchern verhalf. So kamen sie schon in jungen Jahren mit den Romane von Verne, London, Wells und unzähligen anderen Autoren in Kontakt und konnten sich ihr Leben lang nicht mehr von ihnen lösen.

Arkadi arbeitete später als Japanisch-Dolmetscher für die sowjetische Armee, während Boris die Leningrader Blockade überlebte und Physik studierte. In den Sechzigerjahren begannen sie dann gemeinsam Bücher zu schreiben. Ihre ersten Werke waren noch geprägt von der Euphorie nach den ersten Erfolgen der Kosmonauten, doch schon nach wenigen Jahren mehrten sie die kritischen Töne in ihren Werken und insbesondere der gewaltige Bürokratieapparat der Sowjetunion rückte in ihren Fokus.

Kritische Texte trotz stets bemühter Zensurbehörden

Natürlich unterlagen sie wie alle Schriftsteller der Sowjetunion einer strengen Zensur, nicht jedes Buch wurde zugelassen und an den übrigen mussten die beiden Brüder unzählige Änderungen vornehmen. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Autoren wurden ihre Werke in der Sowjetunion nicht verboten. Die Strugatzkis profitierten davon, dass sich die phantastische Literatur in Russland aus dem Sagen- und Märchenschatz speiste und praktisch keine gesellschaftliche Relevanz hatte. Wie Erik Simon in einem Interview mit dem Deutschlandfunk darlegt, verstanden die zuständigen Behörden das Science Fiction Genre einfach nicht und so entgingen ihnen viele Anspielungen und Metaphern. Damit erklärt sich auch die Popularität der beiden Brüder. In einer Zeit, in der sich auch die Literatur der Parteidoktrin unterwerfen musste, war die Science Fiction das einzige Genre, das innerhalb gewisser Grenzen frei war und Eingeweihten Raum für kritische Äußerungen bot.

Das Werk der Strugatzkis in wenigen Sätzen zusammen zu fassen, würde den beiden Brüdern nicht gerecht werden, darum verweise ich an dieser Stelle auf meine eigenen Rezensionen zu Picknick am Wegesrand und Es ist schwer, ein Gott zu sein und insbesondere auch auf den Blog Life in the 22nd Century, der sich intensiv mit den Werken der Strugatzkis auseinandersetzt. Damit möchte ich auch meine kurzen Anmerkungen zum Leben und Werk der beiden Brüder beenden, es soll hier schließlich hauptsächlich um schöne Bücher gehen.

Gesammelte Werke im Golkonda Verlag

2010 begannen der Heyne Verlag und der Golkonda Verlag, eine Gesamtausgabe unter der Federführung von Erik Simon und Sascha Mamczak zu veröffentlichen. Im Heyne Verlag erschienen die Taschenbücher und die E-Book Ausgaben, während der Golkonda Verlag die hochwertigen Leinen- und Lederausgaben für Liebhaber veröffentlichte. Beide Sammlungen sind nicht vollständig, enthalten aber einen großen Teil aller Romane. Bei Heyne blieb es bei einer sechsbändigen Ausgabe, während Golkonda noch einen Supplementband mit den Werken von Boris Strugatzki und drei ergänzende Paperbacks nachlegte.

Wie ihr euch sicher denken könnt, habe ich mich für die Leinenausgabe entschieden. Es gibt nicht viele Verlage, die phantastische Bücher in hochwertiger Ausstattung verlegen und dieses Anliegen verdient in meinen Augen Unterstützung. Mit 69-79 Euro für die normalen Bände (222 Exemplare) und 98 Euro für den Supplementband (111 Exemplare) sind die Bücher wieder mal sehr teuer, das relativiert sich aber ganz schnell, wenn man die hohe Materialqualität, die Anzahl der enthaltenen Bücher und die Wiederlesbarkeit der Geschichten bedenkt.

Die Bücher sind in langlebigen roten Leinen gebunden und mit schwarzen Prägungen auf dem Einband versehen. Für mich persönlich ist die Gestaltung auf dem Einband einen Tick zu modern. Ich bevorzuge ein klassisches Design mit Titelschild und Goldprägung, dass es mir ermöglicht, den Schutzumschlag wegzuwerfen. In diesem Fall wäre es aber doch Schade um den Schutzumschlag, deshalb kann ich mit der Gestaltung leben. Der Einband selbst ist sehr stabil, das Format ein wenig größer als bei ein großer Mare Klassiker, dafür aber deutlich dicker und schwerer. Zur Papierqualität habe ich leider keine genaueren Informationen, mit der Dicke und Stabilität bin ich allerdings sehr zufrieden. Dankenswerterweise hat der Verlag allen Bänden zwei farblich passende Lesebänder (rot und schwarz) spendiert, die das Blättern in den Anmerkungen erleichtern. Selbstverständlich ist der Buchblock fadengeheftet und auch das schwarze Kapitelband passt zur gewählten Farbpalette.

Erstmals ungekürzt

Im Rahmen der Werkausgabe wurde die Übersetzungen von Erik Simon neu durchgesehen und von allen Kürzungen und Zensuren der alten Ausgaben befreit. Viele Leser haben so erstmals die Gelegenheit, die wichtigsten Werke der Strugatzkis ungekürzt zu entdecken. Die Werkausgabe ist auch mit dem Supplementband nicht vollständig, für weitere Supplementbände gab es wohl zu wenig Interesse. Dafür enthält die Golkonda Ausgabe die wichtigsten Werke in deutscher Sprache und darüber hinaus bietet der Verlag drei weitere Werke, die nicht in der Werksausgabe erschienen sind, als schöne Paperbacks an. Ich verwende wirklich die Begriffe schön und Paperback in einem Satz, weil der Golkonda Verlag dieses seltene Kunststück wirklich geschafft hat…

Gestaltet von BenSwerk

Schutzumschlag und die innere Gestaltung übernahm der talentierte BenSwerk, dessen Arbeiten ich schon seit Langem bewundere. Oft neigen seine Werke zu einer leichten Verspieltheit, im Falle dieser Gesamtausgabe hat er sich zumindest ein Stück weit zurückgehalten und hat den Spagat zwischen Klassik und Moderne geschafft. Das Innere des Buches wurde mit viel Liebe zum Detail gestaltet, großen Wert wurde auf eine lesbare und gleichzeitig schöne Typographie und eine graphische Gestaltung des Textblocks gelegt.

Umfangreiche Anhänge

Im Anhang finden wir in jedem Band umfangreiche Anmerkungen und Nachworte, etwa von Boris Strugatzki, Erik Simon, Karlheinz Steinmüller oder Dmitry Glukhovsky. Diese geben interessierten Leser weitere Einblicke in die Romane, ihre Entstehungsgeschichte und beleuchten auch die vielen Kämpfe mit den russischen Zensurbehörden.

Wo kann ich die Bücher kaufen?

Die Taschenbücher lassen sich wie gewohnt entweder beim Lieblingsbuchhändler oder großen Internetversandhändlern bestellen, die Liebhaber Ausgaben des Golkonda Verlages hingegen können nur beim Verlag selbst bestellt werden.

Titelübersicht

  • Vorwort von Dmitry Glukhovsky
  • Die bewohnte Insel
  • Ein Käfer im Ameisenhaufen
  • Die Wellen ersticken den Wind
  • Nachwort von Boris Strugatzki
  • Kommentar & Nachwort von Erik Simon
  • Vorwort von Dmitry Glukhovsky
  • Picknick am Wegesrand
  • Das Experiment
  • Eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang
  • Nachwort von Karlheinz Steinmüller
  • Nachwort von Boris Strugatzki
  • Kommentar von Erik Simon
  • Die Schnecke am Hang
  • Die zweite Invasion der Marsmenschen
  • Die Last des Bösen
  • Aus dem Leben des Nikita Woronzow
  • Ein Teufel unter den Menschen
  • Kommentar von Boris Strugatzki
  • Anmerkungen von Erik Simon
  • Die gierigen Dinge des Jahrhunderts
  • Die Erprobung des SKYBEG
  • Das vergessene Experiment
  • Spezielle Voraussetzungen
  • Mittag, 22. Jahrhundert
  • Der ferne Regenbogen
  • Kommentar von Boris Strugatzki
  • Anmerkungen von Erik Simon
  • Der Montag fängt am Samstag an
  • Das Märchen von der Troika
  • Fünf Löffel Elixier
  • Das lahme Schicksal
  • Nachwort von Boris Strugatzki
  • Kommentar & Nachwort von Erik Simon
  • Die frühen Erzählungen
  • Die Suche nach der Vorherbestimmung
  • Die Ohnmächtigen
  • Kommentar von Boris Strugatzki
  • Nachwort & Anmerkungen von Erik Simon

Fazit

Werkausgaben haben ihren Preis, bieten dafür aber auch einiges. Bibliophile können bedenkenlos zu den Liebhaberausgaben aus dem Golkonda Verlag greifen. Wer sich hingegen nur für den Inhalt interessiert, der macht mit den identischen Heyne Ausgaben nichts falsch.

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