Auf einer Holzfläche liegt ein Buch mit dem Titel „Hunger“ von Knut Hamsun. Der Einband ist grau mit schwarzem Text.

Hunger

von Knut Hamsun


01.04.2023

  • Klassiker

Mit Hunger erschien in diesem Jahr eines der bekanntesten Werke des gleichermaßen umstrittenen wie verehrten Schriftstellers Knut Hamsun. Doch kann man Hamsun heute überhaupt noch (guten Gewissens) Lesen?

Hungernd in Kristiana

Knut Hamsun versetzt uns mit seinem Roman nach Kristiana, dem heutigen Oslo. Dort wartet unser namenloser Protagonist schon seit Langem auf seinen Durchbruch als Schriftsteller. Bislang beschränken sich seine Erfolge auf wenige drittklassige Kolumnen in viertklassigen Zeitschriften. Sein Einkommen reicht nicht einmal im Ansatz aus, um ein ordentliches Leben zu führen. Daher ist er die meiste Zeit gezwungen, hungernd und ohne festen Wohnsitz durch die Straßen der Stadt zu schleichen und unter den unmöglichsten Bedingungen an seinen Texten zu feilen.

Doch je stärker er seinen Zustand zu verbergen versucht, desto mehr verfällt er der Verzweiflung und dem Wahnsinn. Kann er sich aus diesem Zustand herauskämpfen oder wird er Opfer seines eigenen Hungerwahns?

Autodidakt Hamsun

Dass ein Autor wie Knut Hamsun im Jahre 2023 neu übersetzt wird, ist keine unumstrittene Entscheidung. Der Autodidakt Hamsun wuchs nach seiner Geburt (1859) in einem kleinen norwegischen Dorf auf, das noch deutlich von feudalen Strukturen geprägt war. Seine fundierten Bibel- und Schreibkenntnisse erwarb er in jungen Jahren, als ihn seine Eltern aus einer finanziellen Not heraus an seinen Onkel, einen konservativen Fundamentalisten, verkauften.

Seine ersten Jahre als Erwachsener verbrachte er weitestgehend auf Wanderschaft, einige Jahre sogar als Auswanderer in Amerika. Glücklich wurde er dort jedoch nicht. Bereits 1888 kehrte er nach Norwegen zurück. Auf einer Überfahrt nach Kopenhagen machte er eine Nacht in Kristiana Halt und schrieb – inspiriert von seinen eigenen Hunger-Erfahrungen – den Beginn des Romans.

Umstrittener Schriftsteller

Hunger (Sult) erschien 1890 und erfreute sich innerhalb kürzester Zeit großer Beliebtheit. Berühmte Kollegen wie Astrid Lindgren oder Thomas Mann, gerieten geradezu ins Schwärmen, wenn es um diesen Roman ging. Und nicht von ungefähr ließen sich Kafka, Hemingway oder Woolf in ihrem Schreiben nachhaltig von ihm beeinflussen. 1920 erhielt er schließlich für Segen der Erde den Literaturnobelpreis.

Also alles gut? Leider erwies sich Hamsun als großer Bewunderer des Nationalsozialismus. Er ließ sich immer wieder für die Propaganda der Nationalsozialisten einspannen, absolvierte medienwirksame Auftritte mit Hitler und Goebbels und verteidigte ihr Vorgehen. Seine beschämenden Aussagen lassen sich mit geringem Aufwand im Netz recherchieren.

Auch Hunger blieb von seinen Anbiederungsversuchen nicht verschont und so redigierte er sein Werk mehrere Male. Er nahm sich dabei vor allem (aus damaliger Sicht) anstößiger Szenen an und entfernte kirchenkritische und (ansatzweise) erotische Szenen. Die vorliegende Neuübersetzung von Ulrich Sonnenberg folgt der Urfassung aus dem Jahre 1890. Also die Fassung, bei der Hamsun noch bei Sinnen war. Unabhängig davon, um welche Fassung es geht: Es handelt sich um keinen politischen Roman. Es bedarf schon einer blühenden Fantasie, um eine politische Botschaft zu erblicken.

Der schleichende Niedergang eines Mannes

Doch was genau erwartet uns in Hunger? Knut Hamsun lässt seinen namenlosen Ich-Erzähler durch das winterliche Kristiana irren. Und präsentiert uns rein äußerlich eine handlungsarme und sprachlich beinahe rohe Erzählung über den schleichenden Niedergang eines verzweifelten Mannes. Schon bald verliert er seine Wohnung und ist gezwungen, im Wald zu übernachten.

Um seine knappe Börse aufzubessern, versucht er, seinen knappen Besitz beim Pfandleiher zu versetzen: Neben seiner Weste und seiner Matratze muss er am Ende sogar die Knöpfe seines Mantels zu Geld machen. In dem verzweifelten Versuch, seine Würde zu bewahren, sabotiert er sich immer wieder selbst. Anstatt sich seinen Zustand einzugestehen, dichtet er sich eine überlegene Stellung an.

So ist es ihm natürlich nicht möglich, um Geld zu betteln. Und wenn er doch auf diese Weise an Geld gelangt, versucht er, es so schnell wie möglich loszuwerden. Erhält er Geld auf eine angemessene Art und Weise, dann quartiert er sich umgehend in Zimmer ein, die er langfristig nicht halten kann. Und gönnt sich Speisen, die angesichts seines Zustandes den gleichen Weg hinaus wie hineinnehmen.

Auch dieses Geldes wird er bald überdrüssig und schwingt sich zum Wohltäter auf, der seine Reichtümer den Notleidenden verschenkt. Nur um selbst wieder in dem tragischen Kreislauf aus Hunger und Geldnot zu landen. Seinen Lebensunterhalt versucht er als Autor drittklassiger Texte zu verdienen. Körperliche Arbeit kommt aufgrund seiner schmalen Statur ohnehin nicht infrage.

Komödie oder Tragödie?

Die Geschichte bewegt sich auf dem schmalen Grat zwischen Komödie und Tragödie und bedient oftmals beide Ebenen gleichzeitig. Auch wenn ich nicht mit Astrid Lindgren gehen mag, die den Roman vornehmlich als Komödie begriff – vielen Szenen kann man eine gewisse Komik nicht absprechen. So etwa, wenn unser Protagonist unbeteiligte Passanten mit an den Haaren herbeigezogenen Geschichten behelligt.

Oder wenn er versucht, einen Bleistiftstummel mit einer fadenscheinigen Erklärung aus einer zuvor versetzten Weste wieder zu ergattern. Indes gibt es auch Szenen, die uns den Magen verdrehen. Beispielsweise wenn unser Protagonist nach tagelangem Hungern einen Knochen erbettelt, an dem noch Fleischreste hängen und den Inhalt einfach nicht im Magen behalten kann.

Doch woher kommt dann die Faszination für diesen Roman?

Bis zum Schluss lässt Knut Hamsun wichtige Punkte offen. Ist unser Protagonist einfach nur hungrig oder tatsächlich wahnsinnig (geworden)? Sind die Begegnungen mit den anderen Figuren real oder nur Teil seiner manischen Zustände? Diese Offenheit lässt genug Raum, um unterschiedlichste Meinungen vertreten zu können. Ein idealer Schauplatz für Kritiker, Professoren und (Hobby-)Psychologen. 

Vorläufer des modernen Romans?

Kennzeichnend für diesen Roman ist die Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms. Hamsun vermischt Gedanken, Beobachtungen und Monologe in scheinbar ungeordneter Reihenfolge zu einem großen Ganzen. Diese inneren Bewusstseinsinhalte stehen in keinem Verhältnis zu den tatsächlichen zeitlichen Abläufen. Wenige Sekunden der Handlung können also ganze Seiten des Romans einnehmen und den Leser in eine verworrene Gedankenwelt abtauchen lassen.

Gerade diese Verworrenheit, diese unablässigen Wechsel von manischen und klaren Gedanken und Handlungen lassen die Schilderungen des Hungerzustandes so realistisch erscheinen. Mit dem Gebrauch dieser Technik sollte sich Hamsun als Pionier erweisen. Eine ganze Reihe berühmter Autoren berief sich später auf ihn als Vorbild und Inspiration. Etwa Kafka, Joyce oder Woolf, um nur einige Beispiele zu nennen.

Was bleibt?

Hunger von Knut Hamsun ist ein Roman, der den Leser sofort in den Bann zieht und auch nach der Lektüre noch nachhaltig beschäftigt. Selten wurde das Hungern in literarischer Form so abstoßend und faszinierend zugleich dargestellt. Komik und Tragik gehen Hand in Hand und lassen den Leser ra(s)tlos zurück, unzählige Szenen brennen sich ein. Ein Klassiker, der auf keinem Bücherregal fehlen darf!

Schöner Einzelband

Der Roman erschien im Manesse Verlag und hätte eigentlich zum typischen Beuteschema der Manesse Bibliothek der Weltliteratur gepasst. Allerdings ist es nicht ungewöhnlich, dass der Verlag einigen Büchern eine Sonderausstattung zukommen lässt. So auch in diesem Fall.

Ein Highlight stellt der minimalistisch gestaltete Schutzumschlag dar, der mit haptisch hervorgehobenen, körnigen Gestaltungselementen begeistern kann. Im Inneren erwartet uns ein farblich abgestimmter Pappeinband. Auf eine Fadenheftung oder Extras in Form eines Lesebandes oder Illustrationen müssen wir leider verzichten. Angesichts des fairen Preises ist dies zwar nachvollziehbar. Aber gerade ein Leseband wäre angesichts der zahlreichen Anmerkungen hilfreich gewesen.

Die Neuübersetzung von Ulrich Sonnenberg orientiert sich an der Urfassung aus dem Jahre 1890. Viele Worte möchte ich diesbezüglich nicht verlieren, gibt es doch auf dem empfehlenswerten Literaturmagazin TraLaLit einen umfassenden Überblick. Der Anhang kann wie gewohnt überzeugen. Neben einem gelungenen Nachwort von Felicitas Hoppe finden wir noch einige hilfreiche Anmerkungen und Hinweise zur Übersetzungsgeschichte des Romans.

Pro/Contra

Pro
  • Eindringliche Sprache
  • Einprägsame Bilder
Contra
  • Kritische Hintergrundgeschichte des Autors

Fazit


Knut Hamsuns Hunger gelingt der schwierige Balanceakt zwischen Komödie und Tragödie und besticht durch rohe Sprachgewalt und die handwerklichen Fähigkeiten des Autors. Lesenswert!

autor: Knut Hamsun

Titel: Hunger

Seiten: 249

Erscheinungsdatum: 2023 (1890)

Verlag: Manesse Verlag

ISBN: 9783717525603

Übersetzer: Ulrich Sonnenberg

illustratoren: –

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt

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