Auf einer Holzfläche liegt ein Buch mit dem Titel „Ein Psalm für die Wild Schweifenden“ von Becky Chambers.

Ein Psalm für die wild Schweifenden

von Becky Chambers


19.05.2024

  • Phantastik
  • ·
  • Science-Fiction

In Ein Psalm für die wild Schweifenden entwirft Becky Chambers eine hoffnungsvolle Zukunftsvision. Und stellt sich damit gegen Hass und Schwarzmalerei. Gelingt ihr Vorhaben?

Achtung: Diese Rezension könnte (ausnahmsweise) eine Art Triggerwarnung enthalten. Sollte dich der Begriff Triggerwarnung reizen, dann kannst du dein Lesevorhaben an dieser Stelle noch einmal überdenken.

Triggerwarnung: Diese Rezension enthält – im Einklang mit dem besprochenen Werk – stellenweise Neopronomen. Sollten drei oder vier Buchstaben in der Lage sein, dich und deinen Alltag nachhaltig negativ zu beeinflussen, dann gönne dir deinen Seelenfrieden und wende dich einer anderen Beschäftigung zu. Du vertrittst eine vollkommen legitime Meinung. Aber es gibt auch so schon genug Hass und Negativität auf dieser Welt. Aquila non captat muscas und so …

Was braucht jemand, der alles hat?

Vor vielen Jahrhunderten haben die Roboter auf dem kleinen Mond Panga ein Selbst-Bewusstsein entwickelt und sich daraufhin in die Wildnis zurückgezogen. Die Menschheit musste sich den Konsequenzen ihres rücksichtslosen Treibens stellen – mit Erfolg. Nach entbehrungsreichen Jahrzehnten gelang es ihr, eine Klimakrise zu überwinden und im Einklang mit der Natur zu leben. Und die Roboter gerieten allmählich in Vergessenheit.

Auch Geschwister Dex hielt Roboter lange Zeit für einen Mythos. Als Teemönch zieht sie mit ihrem Wohnwagen von Ort zu Ort, führt therapeutische Gespräche und serviert dabei seinen Gästen Tee. Bis eines Tages ein Roboter vor ihren Augen auftaucht und wissen möchte, wie er den Menschen helfen kann.

Feste Größe der Science-Fiction-Szene

Schon seit einiger Zeit schleiche ich um die Werke von Becky Chambers herum. Immer wieder erschienen ausgesprochen positive Rezensionen (etwa von Miss Booleana oder dem Wortmagieblog), die meine Neugier entfachten. Rebecca „Becky“ Marie Chambers scheint die Science-Fiction-Literatur in die Wiege gelegt worden zu sein.

Kein Wunder bei einer Astrobiologin und einem Luft- und Raumfahrttechniker als Eltern. Ihren Roman The Long Way to a Small, Angry Planet (2012) finanzierte sie noch via Kickstarter. Seitdem etablierte sie sich als feste Größe. Trotz „lediglich“ sechs kürzerer Romane und einiger Kurzgeschichten kann sie auf zwei Hugo- und einen Locus-Award zurückblicken. Doch was macht sie so erfolgreich?

Optimistische Zukunftsvision

Zuvorderst wohl, dass sich der Roman als Gegenentwurf zur pessimistischen Literatur begreift, ohne jemals in eine naive oder belanglose Richtung abzudriften. In einer Zeit, in der Pessimismus zum guten Ton gehört und ausschließlich Dystopien als realistische Zukunftsvisionen durchgehen, stellt diese Grundhaltung eine erfrischende Abwechslung dar. Dabei wäre es so einfach gewesen, dem Strom zu folgen.

Auch auf dem Mond Panga befand sich die Menschheit auf dem Pfad des Höher, Schneller, Weiter. Zerstörte rücksichtslos den Planeten (bzw. Mond) und zu allem Überfluss entwickelten ihre Roboter ein eigenes Bewusstsein. Es folgte eine chaotische Phase. Doch weder übernahm ein totalitärer Despot die Macht noch zerstörten Kriege den verbliebenen Lebensraum. Stattdessen riss man sich zusammen.

So nutzen die Menschen nur noch fünfzig Prozent des Planeten. Der Rest der Landmasse und weite Teile der Ozeane bleiben sich selbst überlassen. Die einzige Stadt und alle umliegenden Dörfer wurden vollkommen nachhaltig erbaut und werden mit Solarenergie versorgt. Ein Wirtschafts- und Währungssystem ist zwar in rudimentären Zügen vorhanden, stellt aber das Glück des Einzelnen über Profite.

Naturverbundene Roboter

Doch die Menschheit lebt auch in ihrer Welt nicht in ewiger Glückseligkeit. Tod und Gewalt sind dem Leben immanent, schreckliche Dinge geschehen und Menschen haben menschliche Probleme. Nicht umsonst arbeitet ihre Hauptfigur als Therapeutin. Faszinierend ist insbesondere ihre Interpretation von Robotern.

Diese entsprechen so gar nicht den bekannten Logikmaschinen. Nicht nur, dass ihre erste freie Entscheidung die vollständige Abkehr von der Menschheit darstellte. Auch hat ihr erwachtes Bewusstsein zu einer Einschränkung ihrer ursprünglichen Fähigkeiten geführt. Ein Bewusstsein soll so viele Ressourcen verbrauchen, dass es ihnen beispielsweise nicht möglich ist, gleichzeitig zu sprechen und zu rechnen.

Nicht zuletzt hat ihr Bewusstsein zu einer größeren Naturverbundenheit geführt. So haben sie sich für den Weg der Sterblichkeit entschieden und reparieren sich selbst nicht mehr unter allen Umständen. Um ihre Existenz dem Lauf der Natur anzupassen, werden ihre Ersatzteile stattdessen von den anderen Robotern ausgeschlachtet und zu neuen Robotern – mit neuem Bewusstsein – verbunden (Wildbau).

Gemeinsam auf Reisen

Die Handlung hingegen ist nicht sonderlich innovativ und erinnert an einen Roadmovie mit Selbstfindungselementen. Dex arbeitet als Gärtner in einem Kloster, spürt aber eine grundlegende Unzufriedenheit. Also beschließt ser, Teemönch zu werden. Zwei Jahre später ist Dex die beste Teemönchin in ganz Panga – doch die Unzufriedenheit bleibt. Ausgerechnet in dieser Phase taucht Helmling bei ihr auf.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten raufen sie sich zusammen und philosophieren über das Leben, das Individuum, die Grausamkeit und Schönheit der Natur, die Familie und vieles mehr. Die Gespräche wirken auch deswegen so realistisch, weil sie die behandelten Themen nur anreißen und nicht künstlich Tiefe vortäuschen wollen, wo keine ist.

Vermutlich handelt es sich um die realistischste Zukunftsvision, die ich in den vergangenen Jahren lesen durfte. Es gibt keine Bösewichte oder weltumspannenden Probleme. Stattdessen geht es um das Leben und die Probleme von einfachen Menschen, die ihr Glück in den einfachen Dingen des Lebens finden – sei es durch das Kochen einer leckeren Mahlzeit oder durch ein gutes Gespräch.

Lebendige Dialoge

Handwerklich macht Becky Chambers das Beste aus den selbst auferlegten Grenzen. Der Aufbau des Romans limitiert ihre Aufgaben auf Beschreibungen und Dialoge. Erstere sind kurz und zielführend. Die Dialoge zeichnen sich zum einen durch den passenden Einsatz von Humor aus. Dies liegt daran, dass wir mit Dex und Helmling eine typische Buddy-Konstellation vor uns haben.

Es kommt zu genau den Missverständnissen, die man sich auch vorstellt, ohne dass Chambers jemals ins Lächerliche oder Absurde verfällt. Gleichzeitig gelingt es ihr, die Dialoge sehr lebendig darzustellen. Für gewöhnlich tun Menschen Dinge, wenn sie sprechen, und dieses Gefühl vermittelt sie hervorragend: Es fühlt sich wirklich so an, als ob zwei Personen ein Gespräch führen.

Neopronomen

Kommen wir abschließend zu dem Thema, das wohl für die meisten Aufreger gesorgt hat. Chambers nutzt für ihre non-binäre Hauptfigur Dex sogenannte Neopronomen. Man kann das gut oder schlecht finden – meiner Meinung nach haben beide Seiten gute Argumente. Und eine richtige Ansicht scheint es hier ohnehin nicht zu geben.

Aber ganz nüchtern betrachtet: Ich schätze, genauso, wie wir einmal beschlossen haben, dass Sklaverei falsch ist, gleichgeschlechtliche Beziehungen okay und Frauen so etwas wie Menschen sind (in Deutschland keine fünfzig Jahre her!), genauso werden wir irgendwann Menschen so ansprechen, wie sie es möchten.

Niemand muss in Vorleistung gehen und seine Sprache vollumfänglich vorausschauend anpassen – wie auch? Aber wenn wir mal tatsächlich eine non-binäre Person vor uns haben, dann ist das keine große Sache, andere Pronomen zu verwenden. Und was den Lesefluss angeht: Nach zehn Seiten hat man sich daran gewöhnt.

Was bleibt?

Ein Psalm für die wild Schweifenden von Becky Chambers stellt für mich bereits jetzt einen der Höhepunkte des Jahres dar. Natürlich ist nicht alles perfekt. Die Welt ist nicht bis ins letzte Detail durchdacht. Und wir verfallen nicht gleich in tiefe Trauer, bloß weil Dex ihre Berufung noch nicht gefunden hat. Das ist aber auch gar nicht Ziel dieses Buches. Wer das kritisiert, der kritisiert auch bei Actionfilmen die fehlende Handlung.

Auch wenn dieser Vergleich oft bemüht wurde, möchte ich ihn noch einmal wiederholen: Das Buch ist wie eine Umarmung, die man in schweren Zeiten nötig hat. Ein literarischer Mittelfinger gegen Schwarzmalerei und Hass – immer optimistisch, niemals naiv. Für mich genau das richtige Buch zur richtigen Zeit. Ein Buch, das sich auf der Liste meiner Lieblingsbücher dauerhaft im oberen Bereich platzieren wird.

Liebevolles kleines Hardcover

Rein äußerlich handelt es sich um ein liebevoll produziertes kleines Hardcover-Bändchen aus dem Carcosa Verlag. Neben dem stabilen Einband (samt auffolierter Details) erwarten uns eine Fadenheftung und ein Leseband. Im Inneren wurde der begrenzte Platz bestmöglich ausgenutzt.

Neben dem wundervollen Titelbild von Benswerk dürfen wir uns über viele kleine Details freuen, seien es illustrierte Symbole oder abgestimmte Komponenten. Eben solche Sachen, die das Herz eines bibliophilen Lesers höherschlagen lassen. Insgesamt handelt es sich um ein liebevoll produziertes Buch. Die Übersetzung stammt von Karin Will.

Pro/Contra

Pro
  • Versprüht Optimismus und Lebensfreude auf jeder Seite
  • Liebenswertes Duo
  • Unterhaltsame und lebendige Dialoge
  • Positive Zukunftsvision
Contra
  • Kein innovativer Plot

Fazit


Ein Psalm für die wild Schweifenden von Becky Chambers erscheint wie ein Lichtstrahl in dunklen Zeiten und bildet ein erfreuliches Gegengewicht zum allgegenwärtigen Pessimismus. Das richtige Buch zur richtigen Zeit!

autorin: Becky Chambers

Titel: Ein Psalm für die wild Schweifenden

Seiten: 188

Erscheinungsdatum: 2024 (2021)

Verlag: Carcosa Verlag

ISBN: 9783910914100

Übersetzerin: Karin Will

illustratoren: –

Reihe: Dex & Helmling (1)

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10 Kommentare
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Miss Booleana
15.06.2024 11:25

Oh wie schön 🙂 Da mir der erste Band so gut gefallen hat, freue ich mich sehr, dass er dir scheinbar auch so zusagt. Vielen Dank auch für die Verlinkung. Außerdem habe ich dank dir nun die Gelegenheit mal rauszukriegen, welche Pronomen dann tatsächlich in der deutschen Ausgabe verwendet wurden. Top!

Mir hat ähnliches gefallen wie dir. Dass auch in der Zukunftsvision gewisse Probleme einfach „da“ sind, obwohl die Klima- und Umweltkrise gelöst zu sein scheint. Aber eben auch, dass das Buch so Hoffnung macht, dass man bestimmte Dinge vereinen kann, die doch in unserer Gesellschaft so für Diskurs sorgen. Beispielsweise dass verschiedene Religionen nebeneinander existieren können. Oder die Selbstverständlichkeit von gegenseitiger Rücksichtnahme – nicht nur was die Pronomen betrifft.

Ich habe mit dem Gedanken gespielt mir das Buch zu kaufen, weil ich so neugierig auf die Pronomen war und um Chambers Veröffentlichung im deutschen Markt zu fördern und zu unterstützen. Anders als dir hat mir aber das Cover nicht gefallen. Ich war zu verliebt in die englische Cover-Illustration, die ich ja schon habe…

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das richtig erfasst habe, aber ich glaube du hast über Dex direkt im Absatz unter der Ueberschrift glaube ich zwei Mal mit weiblichen Pronomen geschrieben? Sehe ich das richtig?

Bei der Pronomen-Diskussion bin ich ganz klar auf der Seite „Pronomen fördern“ und nichtbinäre Personen unterstützen. Wo hat uns verbieten schon jemals geholfen? Aber ich bin auch auf deiner Seite, dass wir eine gute Diskussionskultur brauchen, damit wir mal dahin kommen über sinnvolle „Normen“ zu sprechen. Auch bin mit vielen Lösungsversuchen in der Debatte über genderneutrale Sprache nicht so wahnsinnig zufrieden. Bevor man aber nicht normal miteinander diskutieren kann, kommt man ja leider nicht da hin.

Aleshanee
Aleshanee
28.05.2024 06:35

Schönen guten Morgen!

Du hast eine wirklich ausführliche und informative Rezension dazu geschrieben! Ich kenne von der Autorin bisher nur die Wayfarer Reihe, die mir sehr gut gefallen hat. Auch hier nimmt sie spezielle Pronomen, an die ich mich erst gewöhnen musste – aber wie du schon schreibst, man gewöhnt sich schnell dran.
Es waren die ersten Bücher, die ich gelesen habe, die solche speziellen Pronomen hernimmt und obwohl ich dem gegenüber eher nicht so gut eingestellt bin, fand ich die Idee super. Den entgegen den ganzen Diskussionen flossen sie hier super ein, ohne auf die Nerven zu gehen.
Bisher hab ich zu diesem Buch tatsächlich eher negative Rezensionen gesehen und ich war mir nicht sicher, ob ich dazu greifen soll. Aber so wie du alles beschreibst hast du mich jetzt definitiv sehr neugierig gemacht 🙂

Liebste Grüße, Aleshanee

Aleshanee
Aleshanee
30.05.2024 15:35
Antwort an  Eugen

Das war nicht negativ gemeint mit der Ausführlichkeit 😉
Zu manchen Büchern fällt einem wenig ein, bei anderen muss man weiter ausholen, ich finde das gar nicht schlimm. Je nachdem wie viel einem einfällt oder wie sehr es einen bewegt hat…

Die Neopronomen sind bei der Wayfarer Reihe sehr sparsam in Gebrauch, da fällt es weniger auf bzw. fügt sich einfach sehr gut in die Geschichten. Vielleicht ist es deshalb auch wenig erwähnt worden.

Aleshanee
Aleshanee
21.06.2024 07:09
Antwort an  Eugen

Guten Morgen! Ich hab deine tolle Rezension auch gerne heute in meiner Stöberrunde verlinkt!
Hm, ich kann hier nichts einfügen mit der „Link Option“ und auch in den Kommentar direkt kann ich nichts einfügen, was ich kopiert habe…

Liebe Grüße und ein schönes Wochenende!

Aleshanee
Aleshanee
23.06.2024 07:08
Antwort an  Eugen

Hm, bei mir geht es nicht. Wenn ich auf kopieren klicke und dann hier im Feld für den Link auf einfügen gehen möchte, ist es grau hinterlegt – ich kann also nichts kopiertes einfügen…