
Middlemarch
von George Eliot
02.07.2026
- Klassiker
Middlemarch von George Eliot zählt zu den bedeutendsten Romanen der britischen Literatur. Doch wird das Werk den Vorschusslorbeeren wirklich gerecht?
Das Leben in der Provinz
Anfang des 19. Jahrhunderts kreuzen sich in der fiktiven englischen Provinzstadt Middlemarch unterschiedlichste Lebenswege. Die junge Dorothea Brooks heiratet den vergreisten Geistlichen Edward Casaubon, doch bereits nach kurzer Zeit erweist sich das vermeintliche Genie als intellektueller Geisterfahrer.
Der ambitionierte Arzt Tertius Lydgate hingegen möchte den medizinischen Fortschritt in die Provinz bringen, gleichzeitig aber auch die materiell anspruchsvolle Rosamund Vincy glücklich machen. Ihr Bruder Fred Vincy führt ein Lotterleben, sehnt sich indes nach der bodenständigen Mary Garth. Und die Künstlernatur Will Ladislaw irrt ziellos durchs Leben.
Der beste britische Klassiker aller Zeiten?
Mary Ann Evans (1819) nutzte ihre umfassende Bildung, um weitgehend unbeschrittene Pfade zu betreten. Schon in jungen Jahren verdingte sie sich als Herausgeberin, Übersetzerin und Journalistin in anspruchsvollen Themengebieten. Mit 37 Jahren folgten – dem Zeitgeist geschuldet – unter dem Pseudonym George Eliot erste Erzählungen.
Zwischen 1871 und 1872 veröffentlichte sie Middlemarch als Fortsetzungsroman in acht Teilen, die sich – wie so oft – als große kommerzielle Erfolge entpuppten. Zwar war das Werk unter ihren Zeitgenossen durchaus umstritten. Doch heute gilt Middlemarch als einer der besten Romane aller Zeiten. Haben Leser und Kritiker wirklich recht?
Um es kurz zu machen: Ja. Nach nur wenigen Seiten merkt man, dass es sich um keine gewöhnliche Lektüre handelt. Dass es sich um ein großes Buch handelt. Middlemarch ist kein Jahreshighlight, es ist ein Lebenshighlight. Zweifellos muss man diesen Roman in einem Atemzug nennen mit den besten Werken von Balzac, Tolstoi und Hugo.
Scheitern und Umbrüche
Worum geht’s? Unsere Handlung spielt zwischen 1829 und 1832 in der fiktiven englischen Provinzstadt Middlemarch und Umgebung. Im Mittelpunkt stehen – je nach Sichtweise – drei bis vier mehr oder weniger stark verwobene Haupthandlungsstränge. Daneben erwarten uns unzählige nicht minder interessante Nebenstränge. Anders als man es vielleicht vermuten könnte, handelt es sich um keinen Liebes- oder Eheroman.
Diese Aspekte spielen zwar eine wichtige Rolle, doch darin erschöpft sich die Erzählung nicht. Sie dienen vielmehr gleichzeitig als Vehikel für andere ebenso zeitlose Themen. Middlemarch ist in erster Linie ein Roman über das Scheitern und den Umgang mit Niederlagen und Verlusten. Unsere Figuren haben hohe Ideale und scheitern trotzdem oder gerade deswegen an der Realität. Es ist ein wahres Vergnügen, sie auf den Höhen und Tiefen des Lebens zu begleiten – egal, wie es letztlich ausgeht.
Daneben entwirft unsere Autorin ein farbenprächtiges Panorama der britischen Gesellschaft um 1830. Das Land befand sich im Umbruch: Industrialisierung, Emanzipation, die bürgerliche Mittelschicht, medizinischer Fortschritt und vieles mehr veränderten das Leben nachhaltig und sorgten für Konflikte und Reibungen. Eliot versetzte ihre Zeitgenossen insbesondere mit ihrem ungewöhnlich breiten und fundierten Wissen in Erstaunen.
Realistische Figuren
Wer Protagonisten erwartet, die sich dem Leser anbiedern und plumpe Botschaften servieren, der wird enttäuscht werden. Es handelt sich um keine wandelnden Litfaßsäulen. Uns erwartet ein durchweg fein ausgearbeitetes, vielschichtiges und vielstimmiges Figurenensemble, bei dem uns niemand kaltlässt. Selten bekommen wir Entwicklungen, die wir uns wünschen, aber oft solche, die so auch im wirklichen Leben stattfinden könnten.
Feinsinnige Betrachtungen
Auch in handwerklicher Hinsicht gehört Eliot zu den Großen ihrer Zunft. Durch die Erzählung führt uns eine allwissende Erzählerin, die sich aktiv einmischt und Erklärungsansätze beisteuert. Wie Eliot die Figuren, ihre Handlungen und ihre eigentlichen Beweggründe präzise seziert und auseinandernimmt, ist einfach nur beeindruckend. Und dank des leicht ironischen Untertons und spitzzüngiger Kommentare kommt niemals Langeweile auf.
Die Satzkonstruktionen sind das Produkt ihrer Zeit. So ist der eine oder andere Satz etwas länger als heute üblich, doch allzu kompliziert wird es nie. Nur in wissenschaftlich geprägten Abschnitten nehmen die Schachtelsätze Überhand. Dafür dürfen wir uns über lebendige Dialoge und schöne Beschreibungen freuen. Zudem machen die kurzen Kapitel das Buch trotz des Umfangs leicht verdaulich.
Natürlich mag die eine oder andere Szene ein wenig zu lang geraten sein. Gerade die im weitesten Sinne wissenschaftlichen Abschweifungen sind oft länger als notwendig – wenn auch nicht so lang wie bei Hugo oder Dostojewski. Aber solche Längen sind nun mal der Preis für so ein breites und farbenprächtiges Bild.
Was bleibt?
Middlemarch von George Eliot zählt völlig zu Recht zu den großen Werken der Literatur. Meisterhaft verwebt unsere Autorin spannende Handlungsstränge, realistische Figuren und Entwicklungen und politische, soziale und wissenschaftliche Themenfelder zu einem farbenprächtigen Panorama einer im Umbruch begriffenen Gesellschaft. Da fällt die eine oder andere Länge kaum ins Gewicht. Literatur von Weltrang.
Angemessene Ausgabe
Die aus dem Rowohlt Verlag stammende Ausgabe kann sich sehen lassen. Freuen dürfen wir uns über einen silbergrauen Leineneinband mitsamt Prägungen, ein Leseband und einen bedruckten Vorsatz beziehungsweise Nachsatz. Bedauerlicherweise müssen wir mit einer Klebebindung vorliebnehmen. Im Inneren erwarten uns zudem ein gelungenes Nachwort der Übersetzerin Melanie Walz und ein hilfreicher Anmerkungsapparat.
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Pro/Contra
Pro
- Gemächliches Erzähltempo
- Breites Panorama der britischen Gesellschaft
- Feine und detaillierte Beobachtungen
- Realistische Figuren und Entwicklungen
Contra
- Gemächliches Erzähltempo
- Stellenweise langatmig
Fazit
Middlemarch von George Eliot ist ganz große Literatur. Ein Meisterwerk.
autorin: George Eliot
Titel: Middlemarch
Seiten: 1264
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Rowohlt Verlag
ISBN: 9783498045371
Übersetzerin: Melanie Walz
illustrator: –












