
Die Elenden
von Victor Hugo
12.03.2026
- Abenteuer
- ·
- Klassiker
Victor Hugo verfasste mit „Die Elenden“ (Les Misérables) ein in jeglicher Hinsicht monumentales Werk. Meisterhaft verknüpfte er das Schicksal Einzelner mit gesellschaftlichen Entwicklungen und Problemen. Doch ist die Lektüre heute noch zeitgemäß?
Was prägt einen Menschen?
19 Jahre nachdem er für den Diebstahl eines Stücks Brot zur Galeerenhaft verurteilt wurde, kommt Jean Valjean frei. Seine Strafe endet damit nicht. Von der Gesellschaft ausgeschlossen, muss er um sein Überleben kämpfen und droht, vom rechten Pfad abzukommen. Erst eine Begegnung mit dem Bischof von Digne verändert ihn.
Unter falschem Namen wird er erfolgreicher Unternehmer und sogar Bürgermeister. Die Menschen lieben ihn ob seiner gütigen Haltung. Doch die Vergangenheit lässt sich nicht so leicht abschütteln. Als ein Mann unter seinem Namen zur lebenslangen Haft verurteilt werden soll, ist Jean hin- und hergerissen. Indes soll dies nur den Auftakt einer Reise darstellen, die uns in die tiefsten Abgründe der französischen Gesellschaft führt.
Revolutionär und Idol
Victor Hugo (1802–1885) mit wenigen Worten gerecht zu werden, ist unmöglich. Seine Bedeutung lässt sich im deutschsprachigen Raum allenfalls mit der von Goethe oder Schiller vergleichen. Auch wenn dieser Vergleich eine massive Untertreibung darstellt. Hugo war in vielfacher Hinsicht ein Revolutionär, der sich wenig um Konventionen scherte und die Gesellschaft auf mehreren Ebenen voranbrachte.
Mit Anfang zwanzig hatte er finanziell ausgesorgt und galt als einer der bedeutendsten Lyriker der Nation. Doch darauf ruhte er sich nicht aus. Sein Theaterstück „Hernani“ gilt als Überwinder des klassischen Theaters und führte bei seiner Aufführung zu Unruhen. Später kamen noch Romane wie „Der Glöckner von Notre Dame“, „Die Arbeiter des Meeres“ und „Die Elenden“ hinzu.
Als Politiker setzte sich der ursprüngliche Royalist bis ins hohe Alter gegen Fremdbestimmung und absolute Autoritäten ein. Unter anderem kämpfte er gegen die Todesstrafe, Sklaverei, wechselhafte Regierungen, Kinderarbeit, soziale Ungerechtigkeiten, Krieg, Unterdrückung der Frauen und für die Entstehung von Urheberrechten. 1851 wurde er von Napoleon III. ins Exil verbannt.
Auf der Insel Guernsey veröffentlichte er mit Die Elenden (1862) einen aufsehenerregenden Roman und machte auf die Bedingungen aufmerksam, unter denen die Arbeiterklasse leben musste. Nach seinem Tod (1885) wurde er im Pariser Pantheon beerdigt. Zwei Millionen Menschen sollen an diesem Tag den Trauerzug begleitet haben – Paris hatte zu dieser Zeit kaum mehr als eine Million Einwohner. Doch worum geht es in diesem Roman überhaupt?
Armut als strukturelles Problem
Zeitlich siedelt Hugo seine Geschichte zwischen Waterloo (1815) und dem Juni-Aufstand in Paris (1832) an. Ausgehend vom ehemaligen Galeerensträfling Jean Valjean verknüpft er das Schicksal Einzelner mit größeren Fragen und Problemen. In den Mittelpunkt seiner Betrachtungen stellt er das Leid und die Hilflosigkeit der einfachen Menschen. Er macht deutlich, dass ihre Lage nicht auf individuellen Fehlern beruht.
Schuld sind vielmehr strukturelle Missstände. Schonungslos und in bisweilen erschütternden Szenen zeigt er Hunger, Tod, Prostitution, Kinderarbeit, Kriminalität, Klassenunterschiede und rechtliche Fehler. Seine Botschaft ist klar, verständlich und nachvollziehbar. Kein Wunder, dass er als Held der einfachen Leute galt. Ganz beiläufig versteckt er zudem eine überaus unterhaltsame Abenteuergeschichte.
Das Problem: Gerne unterbricht unser Autor spannende Szenen – ein früher Einsatz von Cliffhangern – und äußert sich ganz ausführlich zu Themen wie Waterloo, dem Leben in Klöstern und der Pariser Kanalisation. Diese Einschübe verdeutlichen zwar den historischen Kontext und tragen so zur Atmosphäre bei, sind aber mit ein paar Hundert (!) Seiten deutlich zu lang. Gegen Victor Hugo wirkt Dostojewski wie Hemingway.
Moderner Roman
Dass das nicht sonderlich ins Gewicht fällt, liegt daran, dass unser Schriftsteller eine große Bandbreite an Fähigkeiten aufweist. Er kann bildhaft und lyrisch schreiben, wechselt gleichwohl problemlos in einen nüchternen und sachlichen Tonfall. Unterhaltsame Dialoge und Monologe schüttelt er locker aus dem Handgelenk. Philosophische Abhandlungen gelingen ihm genauso wie die Schilderung der Pariser Gossensprache.
Auch das Tempo hat er unter Kontrolle, wenn er denn will. Tendenziell neigt er zu langen Satzkonstruktionen, weiß aber, wann Zeit für einen Punkt ist. Der Erzählwinkel kann sich stark verändern. Manchmal sind wir sehr nah bei den Figuren. Dann wiederum spricht uns der Autor direkt an und schildert ausführlich seine Ansichten zum Geschehen. Insgesamt handelt es sich dennoch um einen erstaunlich modernen Roman.
Überzeichnete Figuren
Sämtliche Figuren sind leicht überzeichnet. Die Guten sind ein wenig besser als normal, die Bösen ein wenig böser, Liebe ist kitschig. Hugo nutzt die große Bühne. Nicht um Schwächen zu kaschieren, sondern um den Finger in die Wunde zu legen. Ob Jean Valjean, Gavroche, Javert, die Thenardiers, die kindliche Cosette, Fantine oder viele mehr. Er hat eine Reihe von Figuren geschaffen, die uns noch lange im Gedächtnis bleiben und lässt uns hautnah an ihren tragischen Schicksalen teilhaben.
Was bleibt?
Die Elenden von Victor Hugo ist ein überwältigendes und monumentales Werk. Handwerklich beherrscht Hugo alle Register, inhaltlich prangert er gesellschaftliche Missstände und Unrecht an. Und ganz nebenbei verbirgt er noch einen lupenreinen Abenteuerroman. Gewöhnen muss man sich lediglich an die interessanten, aber etwas zu ausführlichen Einschübe. Doch das kann man schon mal in Kauf nehmen. Kein Wunder, dass Frankreich Hugo zu Füßen lag. Ein Meisterwerk.
Vollständige Übersetzung
Es ist gar nicht mal so leicht, eine schöne deutschsprachige Ausgabe zu finden. Ich habe mich für die dreibändige Ausgabe aus dem Verlag Volk und Welt entschieden. Die drei Bände sorgen dafür, dass man während der Lektüre in Sachen Komfort keine Abstriche machen muss. Einziger Nachteil: Der (unglücklicherweise alphabetisch sortierte) Anhang befindet sich im dritten Band.
Trotz Klebebindung dürfen wir uns über einen Leineneinband mitsamt Titelschild und schwarzem Kopfschnitt freuen. Die Motive auf dem Vorsatz bzw. Nachsatz stimmen auf die Lektüre ein. Die Übersetzung von Paul Wiegler und Wolfgang Günther ist Verlagsangaben zufolge vollständig, was im deutschsprachigen Raum keine Selbstverständlichkeit ist.
Pro/Contra
Pro
- Geschickte Verknüpfung von Realität und Fiktion
- Auf mehreren Ebenen unterhaltsam
- Zeitlose Themen
- Sprachlich Brillant
Contra
- Sehr viele Abschweifungen, zu lang für heutige Verhältnisse
Fazit
Die Elenden von Victor Hugo ist ein monumentales Meisterwerk. Wer sich auf die erzählerische Breite einlassen kann, wird mit sprachlicher Brillanz, einer spannenden Geschichte und einer wichtigen Botschaft belohnt.
autor: Victor Hugo
Titel: Die Elenden
Seiten: 1584
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Volk und Welt
ISBN: 9783353001030
Übersetzer: Paul Wiegler, Wolfgang Günther
illustrator: –












[…] Die Elenden Auch bei Eugen kann man einen Teil der Biografie (in diesem Fall Victo Hugos) in der Rezension nachlesen. Leute, ihr macht echt eure Hausaufgaben. […]