Buch Frontalansicht Cechov Wintergeschichten

Anton Cechov – Wintergeschichten

Diesen Sommer habe ich bereits Anton Cechovs Sommergeschichten besprochen, an dieser Stelle folgen der Jahreszeit entsprechend seine Wintergeschichten.

Die perfekte Sammlung für die kalte Jahreszeit

In diesem Band sind 25 Kurzgeschichten versammelt, die allesamt in der kalten Jahreshälfte spielen. Wie schon im Sommer-Pendant finden wir hier zahlreiche herausragende Geschichten, die verdeutlichen, warum Cechov als Meister der Kurzgeschichten gilt. Der Band beginnt mit der Geschichte Knaben, in der zwei junge Schüler von großen Abenteuern träumen und bereit sind, alles dafür aufzugeben. In Auf Dienstreise ist ein Untersuchungsrichter mitten in der russischen Provinz gefangen und erlebt die Widersprüchlichkeit seines eigenen Weltbildes und der grausamen Realität.

Das nächste Highlight stellt die Geschichte Ein Weiberreich dar, die mit 58 Seiten die mit Abstand längste Geschichte des Bandes ist. Die junge Anna Akimovna ist durch eine unverhoffte Erbschaft zur Fabrik-Besitzerin aufgestiegen und ist seitdem gefangen zwischen ihrer Sehnsucht nach einem einfachen Leben und den Pflichten und Privilegien als Millionärin. Vanjka ist eine sehr kurze und bitterböse Geschichte über menschlichen Abgründe. Die Geschichte Neujahrsfolter ist für mich persönlich das Highlight des Bandes und schildert das Leid eines Ehemannes, der von seiner Frau zu zahlreichen Neujahrsbesuchen gezwungen wird. Eine seiner bekanntesten Geschichten – Die Dame mit dem Hündchen – bildet den Abschluss dieses Bandes und schildert, wie die zwei Protagonisten nach einer anfänglichen Affäre die wahre Liebe entdecken.

Der unwahrscheinliche Durchbruch als Schriftsteller

Anton Cechov wurde 1860 in ärmliche Familie geboren, sein Vater war ehemaliger Leibeigener und versuchte vergeblich, seine Familie als Kaufmann über Wasser zu halten. Cechovs Liebe galt vor allem dem Theater und der Literatur, wohl sein einziger Ausweg aus einem ansonsten entbehrungsreichen Leben. Nachdem sein Vater mit seiner Familie vor seinen Gläubigern nach Moskau floh, musste er seinen Lebensunterhalt mit Nachhilfe Stunden bestreiten. Dennoch gelang es ihm, die Schule abzuschließen und in Moskau Medizin zu studieren. Dort veröffentlichte er – zunächst unter Pseudonym und mit durchwachsenem Erfolg – Theaterstücke und Kurzgeschichten, um sich und seine Familie zu ernähren. Schließlich bestand er sein Studium und wurde Arzt, übte diesen Beruf jedoch nur nebenbei aus. Ihm gelang nämlich der Durchbruch als Schriftsteller und veröffentlichte bis zu seinem Tod durch Tuberkulose Hunderte Kurzgeschichten und Theaterstücke, die ihm zu Wohlstand verhalfen.

Meisterwerke vom Besten seines Faches

Cechov ist ein kreativer Schriftsteller, der in dieser Sammlung sein Können anhand unterschiedlichster Formen der Kurzgeschichte beweist. Ob es nun skizzenhafte Notizen oder Novellen sind, Cechov gilt nicht ohne Grund als Meister seiner Zunft. Häufig verwendete Motive sind dabei die Liebe, Finanzen, Gesundheit oder gesellschaftliche Probleme. Seine Protagonisten stammen dabei aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus und sind mit Problemen konfrontiert, für die sie keine richtige Lösung finden können. Der Erzählton ist von Geschichte zu Geschichte unterschiedlich, manchmal handelt es sich um sehr witzige Geschichten, wenige Seiten später kann einem das Lachen dann schon im Halse stecken bleiben. Der Diogenes Verlag hat die Geschichten glücklicherweise so zusammen gestellt, dass sich ernste und humorvolle Geschichten abwechseln und keine Erzählart über längere Zeit dominiert.

Anton Cechov hat einen sehr locker-leichten und stellenweise sehr skizzenhaften Erzählstil, der sich alleine schon optisch durch den Gebrauch von Gedankenstrichen statt Anführungszeichen in Dialogen bemerkbar macht. Cechov fokussiert sich, im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen, in seinen Geschichten auf das Wesentliche, bei ihm benötigt man zum Textverständnis kein Glossar oder Wörterbuch. Dies ist wohl auch der Grund, warum sich seine Geschichten auch heute noch überraschend modern lesen und auch in den nächsten Jahrzehnten ihre Leser finden werden.

Geschichten aus zwei Jahrzehnten

Der Verlag hat in dieser Sammlung laut eigenen Angaben Geschichten aus seinem Früh- und Spätwerk übernommen, um sie gegenüber zu stellen, doch ich vermute – ohne sein Gesamtwerk zu kennen – dass es eher darum ging, genug Wintergeschichten zu finden. So sind in diesem Band Geschichten versammelt, die zwischen den Jahren 1882 und 1899 veröffentlicht wurden und die tatsächlich allesamt zum vorgegeben Thema passen und den russischen Winter in Provinz und Stadt mehr oder weniger stark in den Vordergrund rücken.

Ein stimmige Ausgabe zum angemessenen Preis

Die Ausgabe des Diogenes Verlages unterscheidet sich in keiner Weise von den anderen Leinen-Ausgaben dieses Verlages. Das Buch ist in dunkelblauen Leinen gebunden und besitzt ein geprägtes Titelschild. Den Schutzumschlag ziert ein thematisch passendes Gemälde von Eyvind Earle und kleine hellblaue Schneeflocken runden die stimmige Gestaltung ab. Eine Fadenheftung darf man bei dem Preis leider nicht voraussetzen, schade ist nur, dass auf ein Leseband verzichtet wurde. Auch fehlt hier ein Anhang, ein kleines Vor- oder Nachwort wäre angesichts der Bedeutung des Autors angemessen gewesen.

Hervorgehoben sei an dieser Stelle noch einmal die Arbeit des 2013 verstorbenen Übersetzers Peter Urban, dem wir die Übersetzungen zahlreicher russischer Autoren verdanken. Wie auch in meiner Rezension zu seinen Sommergeschichten verweise ich auch hier auf einen Artikel der Berliner Literaturkritik, der Einblicke in seine Arbeit ermöglicht.

Fazit

Die Wintergeschichten von Anton Cechov bieten gerade in den kalten Wintermonaten große Unterhaltung vom Meister der Kurzgeschichten. Ideal auch als Weihnachtsgeschenk!


Autor: Anton Cechov

Titel: Wintergeschichten

Seiten: 266

Erscheinungsdatum: 1882-1899

ISBN: 9783257070767

Verlag: Diogenes Verlag

Übersetzer: Peter Urban

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