
Oblomow
von Iwan Gontscharow
12.03.2021
- Klassiker
Oblomow (1859) katapultierte Iwan Gontscharow mit einem Schlag in die Riege der ganz großen russischen Autoren. Bis heute prägt er in Russland und weit darüber hinaus das Bild des ewigen Prokrastinierens.
Ein hoffnungsloser Faulpelz
Der zweiunddreißigjährige Ilja Iljitsch Oblomow vergeudet seit über einem Jahrzehnt seine Zeit im fernen Sankt Petersburg. Sein Leben findet allenfalls zwischen Bett und Sofa statt und seine Gedanken kreisen vor allem um die nächste Mahlzeit. Die raren sozialen Kontakte erweisen sich fast ausnahmslos als Schmarotzer.
Und nutzen jede Gelegenheit, um dem gutgläubigen Oblomow einige Rubel abzuschwatzen. Doch dann lernt er die junge Olga Sergejewna kennen. Entgegen aller Erwartungen schafft sie es, ihn aus seiner Lethargie zu reißen. Doch schon bald holt ihn sein altes Ich ein und droht, alles zu zerstören.
Gesellschaft im Wandel
Der Roman ist untrennbar mit der Geschichte Russlands verbunden. Das Land befand sich vor einer Reihe von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen. 1861 begann etwa die Emanzipation der Bauern, die Leibeigenschaft wurde offiziell abgeschafft und erste Schritte hin zur Industrialisierung wurden eingeleitet. Der alte Adel verlor Macht und Geld und das aufstrebende Bürgertum begann, seine Fühler auszustrecken – das zentrale Thema Gontscharows.
Ilja Oblomow repräsentiert den alten Adel. Er ist lethargisch, faul, hat seinen Lebtag nicht einen Handschlag getan. Nicht einmal die Strümpfe kann er sich anziehen. Sein Studium schloss er nur halbherzig ab, nichts interessiert ihn wirklich. Verdeutlicht wird dies insbesondere in der berühmten Traumszene. Das Bürgertum repräsentiert der Deutschrusse Andrej Stolz, der sich seinen Erfolg erarbeiten musste. Der Konflikt gipfelt in ihrem Verhältnis zu Olga – mit einem eindeutigen Ende.
Erstaunlich modern
Auch auf handwerklicher Ebene kann Gontscharow überzeugen. Durch die Erzählung führt uns ein auktorialer Erzähler, der das Geschehen gerne mit ironischen Kommentaren begleitet, sich aber auch – falls nötig – zurückziehen kann. Die Dialoge sind voller Witz und Esprit. Der Autor hat ein hervorragendes Gespür für Rhythmus und Tempo – kaum zu glauben, dass es sich um einen Klassiker handelt.
Die Charaktere sind fast ausnahmslos liebenswert. Ob nun der tollpatschige Diener Sachar, der sich so manches brillante Wortgefecht mit seinem Herren liefert, seine Frau Anissja oder der pflichtbewusste Andrej Stolz. Sogar für Oblomow entwickelt man unerwarteterweise Sympathien. Hinter seiner oberflächlichen Fassade verbirgt sich wenigstens eine treue und gutmütige Seele, die man trotz aller Fehler liebgewinnt.
Hochwertige Ausstattung
Die Ausgabe aus dem Hanser Verlag entspricht den hohen Erwartungen: Uns erwarten Leineneinband, Fadenheftung, ein Titelschild mit Silberprägung und ein Lesezeichen. Der umfangreiche Anmerkungsapparat erleichtert das Verständnis und das Nachwort der Übersetzerin Vera Bischitzky hätte ruhig noch länger sein dürfen.
Werke von Iwan Gontscharow
Pro/Contra
Pro
- Dialoge voller Witz und Ironie
- Gontscharows Gespür für Rhythmus und Tempo
- Liebenswerte und sympathische Protagonisten
- Umfangreicher Anhang
Contra
- –
Fazit
Oblomow von Iwan Gontscharow gehört zu den ganz großen Werken der russischen Literatur. Er funktioniert auf verschiedenen Ebenen und spricht auch heute noch ein breites Publikum an.
autor: Iwan Gontscharow
Titel: Oblomow
Seiten: 838
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Hanser Verlag
ISBN: 9783446238749
Übersetzerin: Vera Bischitzky
illustrator: –








