
Ein grüner Junge
von Fjodor M. Dostojewski
07.10.2026
- Klassiker
Ein grüner Junge steht oft im Schatten der anderen großen Romane des russischen Schriftstellers Fjodor M. Dostojewski. Doch woran liegt das?
Was für ein Mensch will ich sein?
Unsere Geschichte handelt von Arkadij Dolgorukij, der als unehelicher Sohn eines finanziell schwankend aufgestellten Aristokraten in einem Internat für Adlige in Moskau aufwächst. Nach seiner Schulzeit zieht es ihn zu seiner Familie nach Sankt Petersburg. Nur durch Zufall gelangt er dort an Dokumente, die ihm Einfluss über wichtige Personen der Petersburger Gesellschaft verschaffen könnten. Ein möglicher Katalysator für seine großen Ambitionen. Wie wird Arkadij mit der so gewonnenen Macht umgehen?
Der vergessene Elefant
Der 1875 erschienene Roman Ein grüner Junge gehört zu den fünf großen Elefanten, die mit Dostojewski in Verbindung gebracht werden. Zu den anderen Romanen zählen „Verbrechen und Strafe“, „Böse Geister“, „Der Idiot“ und natürlich auch „Die Brüder Karamasow“. Alles Titel, die auch Nicht-Dostojewski-Leser kennen dürften. „Ein grüner Junge“ wird hingegen deutlich weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Doch woran liegt das?
Ein typischer Dostojewski
Auf den ersten Blick haben wir es mit einem typischen Dostojewski-Roman zu tun, in dem insbesondere die menschliche Psyche auf verschiedenen Ebenen ergründet wird. Durch die Erzählung leitet uns ein unsicherer Ich-Erzähler (Arkadij). Dieser reflektiert wenige Monate nach den geschilderten Ereignissen rückblickend über das Geschehene.
Dostojewski zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er sich vollkommen auf seine Figuren einlässt und Stil und Handlung miteinander verknüpft. So gelingt es ihm beispielsweise in Verbrechen und Strafe, den zunehmenden Wahn Raskolnikows auch stilistisch darzustellen. Definitiv ein Highlight meines Leselebens.
Und nichts anderes geschieht auch hier. Doch ausgerechnet diese Stärke erweist sich gleichzeitig als größte Schwäche des Romans. Die Verknüpfung von Stil und Handlung allein ist zwar eine handwerklich anspruchsvolle Leistung. Für sich genommen reicht sie aber nicht, um einen Roman zu tragen. Wir benötigen zusätzlich eine interessante Figur, auf deren Gedankenwelt wir uns wirklich einlassen wollen.
Langweiliger Erzähler
Bei unserem Erzähler handelt es sich um einen sehr jungen Mann – der Titel deutet es bereits an. Dieser sucht orientierungslos nach seinem Platz auf der Welt – so weit, so gewöhnlich. Unserem Autor gelingt es meisterhaft, die für dieses Alter typische Impulsivität, Unerfahrenheit und Naivität stilistisch abzubilden.
Wir haben es mit einem unsicheren Erzähler zu tun, der immer wieder Andeutungen macht und wild hin und her springt, plötzlich Erklärungen einstreut und nicht mit ellenlangen Dialogen und Monologen geizt. Sogar für Dostojewskis Verhältnisse handelt es sich um ausschweifende Schilderungen. Und von den impulsiven und aufbrausenden Entscheidungen möchte ich gar nicht erst anfangen.
Das ist handwerklich brillant, besser kann man die Verfassung in diesem Alter kaum darstellen. Nur ist das gleichzeitig auch erstaunlich belanglos. Unsere Hauptfigur hat normale Probleme und zeichnet sich auch sonst durch nichts aus. Letztlich handelt es sich um einen typischen Vertreter seiner Altersklasse. Handwerklich wirklich ganz große Klasse, reicht aber nicht, um über 800 Seiten zu tragen.
Zeit der Umbrüche
Kein anderes Bild bietet die Handlung. Zu Beginn hilft es, sich die Lage in Russland zu vergegenwärtigen. Unter der Regentschaft von Zar Alexander II. kommt es zu einer Reihe gesellschaftlicher Umbrüche, unter anderem wird die Leibeigenschaft abgeschafft. Doch die Reformen stoßen auf wenig Gegenliebe: Der einen Seite gehen die Veränderungen zu weit, die andere möchte noch mehr.
Gleichzeitig gerät die russische Gesellschaftsordnung durch das Vordringen westlicher Wertvorstellungen ins Wanken. Die dabei entstehenden Konflikte werden durch unterschiedlichste Handlungsstränge und Figuren abgebildet. Wirkliche Auswirkungen auf die Haupthandlung haben sie jedoch nicht.
Zwei große Handlungsstränge
Im Mittelpunkt der Handlung stehen zwei Aspekte: Zum einen ein Vater-Sohn-Konflikt, zum anderen die Geschehnisse um die kompromittierenden Briefe. Der Vater-Sohn-Konflikt ist eng mit dem Reifeprozess und der Identitätsfindung von Arkadij verbunden. Seine Herkunft war zeit seines Lebens ein bestimmender Faktor in seinem Leben. Er verklärt von Kindesbeinen an seinen leiblichen Vater.
In Petersburg muss er ernüchternd feststellen, dass sein Bild womöglich nicht der Realität entspricht. Die Handlung um die Dokumente ist kaum der Rede wert, weder die Auflösung noch der Weg dorthin können wirklich begeistern. In einem hilflosen Versuch, Spannung zu generieren, macht unser Erzähler immer wieder Andeutungen. Doch die Auflösungen sind oftmals einfach nur enttäuschend.
Zu viel Lärm um nichts
Viel lieber verliert sich unser Autor in Nebenschauplätzen, die oftmals kurz aufblitzen und sich dann im Nirgendwo verlieren. So verfolgt unser Erzähler beispielsweise zunächst das Ziel, reich wie ein Rothschild zu werden, und lebt einige Zeit als Frugalist. Später verliert er sich in der Petersburger Spielhölle und kurze Zeit später wird dieser Aspekt gar nicht mehr weiter gesponnen. Daneben dürfen wir uns auf Duelle, Erbstreitigkeiten, Intrigen und komplizierte Familienverflechtungen freuen.
Das bunte Figurenensemble kann sich zwar durchaus sehen lassen, leidet aber ein wenig unter der dominierenden Ich-Perspektive. Auch hier gilt: Es handelt sich um wirklich gute Arbeit, aber es fehlt das Überraschende, das Überragende. Alles plätschert auf einem – hohen – Niveau vor sich hin. Weder die Konflikte noch die Auflösung können wirkliche Begeisterung hervorrufen.
Was bleibt?
Ein grüner Junge von Fjodor M. Dostojewski kann nicht mit den anderen Elefanten mithalten. Handwerklich handelt es sich um einen meisterhaft strukturierten Roman. Bedauerlicherweise können Hauptfigur und Handlung nicht mithalten, alles wirkt belanglos und fast schon langweilig. Einsteiger sollten einen anderen Roman wählen.
Wunderschön und bibliophil
Die Ausgabe aus dem Ammann Verlag erfüllt alle Ansprüche, die man als bibliophile Leserin an ein Buch stellen kann. Der Einband besticht durch dunkelblaue Leinen, ein goldgeprägtes Titelschild und ein goldenes Kapitalband. Im Inneren dürfen wir uns über eine Fadenheftung und hochwertige Materialien freuen.
Lediglich auf ein Leseband müssen wir verzichten. Der Anhang fällt recht kurz aus und enthält neben einigen Anmerkungen und Übersetzungen fremdsprachiger Textstellen ein kurzes Namensverzeichnis. Bedauerlicherweise gibt es auch hier kein Nachwort oder Vorwort. Die Übersetzung stammt von der legendären Swetlana Geier.
Werke von Fjodor M. Dostojewski
Pro/Contra
Pro
- Komplexe Darstellung der menschlichen Psyche
- Stilistisch meisterhaft erzählt und aufgebaut
Contra
- Inhaltlich erstaunlich belanglos
- Zu viele Seiten für zu wenig Inhalt
Fazit
Ein grüner Junge von Fjodor M. Dostojewski ist ein handwerklich brillanter, inhaltlich aber erstaunlich belangloser Roman. Definitiv nichts für Einsteiger.
autor: Fjodor M. Dostojewski
Titel: Ein grüner Junge
Seiten: 829
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Ammann Verlag
ISBN: 9783250104337
Übersetzerin: Swetlana Geier
illustratoren: –












