Ein Exemplar des Buches "Böse Geister" von Fjodor Dostojewskij mit einem rot-schwarzen Einband liegt auf einer Holzfläche.

Böse Geister

von Fjodor M. Dostojewski


07.05.2026

  • Klassiker

In Böse Geister taucht Fjodor M. Dostojewski tief in das vorrevolutionäre Russland ein und beschreibt, wie verschiedene ideologische Strömungen um die Vorherrschaft ringen.

Geister und Dämonen

Ende des 19. Jahrhunderts ist das vorrevolutionäre Russland Spielball unterschiedlicher Strömungen, die um die geistige Vorherrschaft des Landes ringen. Nihilisten, Sozialisten, Anarchisten, Konservative und Liberale bekämpfen einander und beanspruchen eine Führungsrolle im in Wandlung begriffenen Russland. In dieser Zeit lässt sich eine radikale Gruppierung in einer Provinzstadt nahe Sankt Petersburg nieder.

Schon bald verfallen die Bewohner des beschaulichen Städtchens den charmanten Repräsentanten der Bewegung. Diese brauchen nicht lange, um die Stadt mit Unruhe und Chaos zu überziehen. Schrittweise zerstören sie von innen und außen bestehende Wertesysteme. Gelingt es ihnen, die Stadt nach ihren Vorstellungen umzugestalten, oder werden sie mit ihrem Vorhaben scheitern?

Der düsterste Elefant

Bei Böse Geister handelt es sich um den dritten der fünf Elefanten Dostojewskis. Ursprünglich erschien er zwischen 1871 und 1872 als Fortsetzungsgeschichte in der Russki Westnik, ein Jahr später folgte die Romanfassung. Zu den anderen großen Romanen zählen „Verbrechen und Strafe“, „Ein grüner Junge“, „Der Idiot“ und „Die Brüder Karamasow“. 

Je nach Übersetzung findet man den Roman auch unter den Titeln „Die Dämonen“, „Die Besessenen“ oder „Die Teufel“. Die Übersetzerin Swetlana Geier orientierte sich an einem Zitat aus dem Lukas-Evangelium, das eine prominente Rolle einnimmt. Unter vielen Lesern gilt Böse Geister als Dostojewskis düsterstes Werk. Doch warum ist das so?

Historische Hintergründe

Den Ausgangspunkt des Romans bildeten ursprünglich zwei eigenständige Romane, die unser Autor später zu einer Geschichte verband. Bei dem einen handelte es sich um eine religiöse Erzählung, die die Figur des Stawrogin in den Mittelpunkt stellte. Der zweite Roman wurde von der Geschichte des jungen Sergej Netschajew inspiriert.

Dieser hatte zuvor landesweit für Aufsehen gesorgt. Er leitete eine radikale Studentengruppe, die einen politischen Umsturz in Russland herbeiführen wollte. Noch während der Veröffentlichung des Romans wurde er wegen Mordes an einem Mitstudenten festgenommen.

Die großen und kleinen Fragen

Wie so oft bei Dostojewski handelt es sich auch bei Böse Geister um ein Konglomerat verschiedener Themen und Genres. Große und kleine Fragen des Lebens gehen fließend ineinander über. Es geht genauso um Politik, Religion und Moral wie um die Psyche und die alltäglichen Befindlichkeiten des einzelnen Menschen. Der Roman ist mindestens genauso Krimi wie Charakterstudie und Gesellschaftsanalyse.

Die Handlung beginnt zunächst gemächlich mit der Lebensgeschichte des Hauslehrers Stepan Werchowenskij und der wohlhabenden Witwe Warwara Stawrogina. Beide gelten in der beschaulichen Provinzstadt – allerdings auch nur dort – als geniale Köpfe und bilden den Mittelpunkt des geistigen Lebens. Die Geschichte nimmt an Fahrt auf, als ihre Kinder nach dem Studium in die Stadt zurückkehren. Warwaras Sohn Nikolaj Wsewolodowitsch Stawrogin soll das Erbe der Familie fortführen.

Doch neben seinem verworrenen Liebesleben überschattet ein düsteres Geheimnis sein Fortkommen. Stepans Sohn Pjotr Werchowenskij hingegen erweist sich als Revolutionär, der die politische Landschaft herumkrempeln möchte. Während er sich in die städtische Oberschicht einschleicht, hebt er im Untergrund eine geheime Terrorzelle aus, die die Stadt zunehmend mit Chaos überzieht. Das Geschehen mündet schließlich in einem ereignis- und wendungsreichen Finale.

Trostlos und Bedrückend

Anhand verschiedener Charaktere zeichnet unser Autor den seinerzeit stattfindenden Kampf geistiger Strömungen nach – und stellt alle radikalen Vertreter bloß. Gnadenlos zeigt er, wie wenig Substanz hinter hochtrabenden und aufpolierten Gedanken steckt. Und dass sich hinter vielen radikalen Ansätzen doch nur eine andere Art von Unrecht und Hochmut verbirgt. Hervorzuheben ist die beängstigend visionäre Kraft dieses Werks.

Mit den – auf historischen Tatsachen beruhenden – Terrorzellen sah er wichtige politische Entwicklungen des 20. Jahrhunderts voraus. Er beschrieb damit, noch bevor Gestalten wie Hitler und Stalin in Erscheinung traten, wie moderne Despoten agieren und argumentieren würden. Seine Beobachtungen sind stellenweise bis heute gültig. Naturgemäß kommt es dabei zu einer Reihe von düsteren und bedrückenden Szenen.

Dostojewski ist bekannt dafür, die dunklen Seiten der menschlichen Natur gnadenlos darzustellen. Doch hier geht er bis zum Äußersten. Der Roman ist durchzogen von trostlosen Szenen. Mord und Körperverletzungen gehören noch zu den harmlosen Delikten. Menschen werden in den Selbstmord getrieben, Säuglinge sterben und Kinderschänder treiben ihr Unwesen. Und Gerechtigkeit gibt es längst nicht in jedem Fall. 

Abstoßend-faszinierendes Figurenensemble

Im Mittelpunkt steht ein durchweg faszinierend-abstoßendes Figurenensemble, das wir nicht so schnell vergessen werden. Egal wie abstoßend Figuren wie Nikolaj Stawrogin, Pjotr Stepanowitsch, Stepan Trofimowitsch, Schatow oder Kirillow (und unzählige andere ungenannte) auch sein mögen: Dostojewski verleiht ihnen (neben bedrückenden Geschichten) einzigartige Stimmen, die in den unzähligen Monologen und Dialogen hervorscheinen.

Handwerkliches Meisterwerk

Handwerklich handelt es sich um ein Meisterwerk. Man kann Dostojewski aufgrund seiner immer wieder ausufernden Handlung zu Recht kritisieren. Das ändert aber nichts daran, dass er stilistisch zur Weltspitze gehört. Eine oft unterschätzte Qualität von Dostojewski ist, dass er sich den Anforderungen des jeweiligen Romans anpassen kann. Er kann nicht nur verdammt gut schreiben.

Er weiß auch, wann er welches Stilmittel einsetzen muss, wann er das Tempo erhöhen und reduzieren muss und wann die Handlung die Geschichte tragen kann. Natürlich kann man die Tonleiter immer bis zum Äußersten ausreizen. Es ist aber mindestens genauso beeindruckend, nur das zu zeigen, was gerade nötig ist. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive des unzuverlässigen Ich-Erzählers Anton Lawrentjewitsch.

Dieser war als Randfigur an vielen Ereignissen selbst beteiligt, einiges wird ihm von anderen berichtet. Und manchmal wechselt die Perspektive, ohne dass dies wirklich deutlich wird. Zeitlich siedelt Anton seinen Bericht wenige Tage nach den Ereignissen des Romans an. Der Staub hat sich noch nicht gelegt, vieles ist reine Spekulation. Nie wissen wir alles, oft handelt es sich nur um Versatzstücke des eigentlichen Geschehens.

Was bleibt?

Böse Geister von Fjodor M. Dostojewski ist ein beklemmendes und düsteres Meisterwerk. Letztlich bekommen wir all das, was wir vom russischen Meisterschriftsteller erwarten dürfen: sprachliche Weltklasse, fesselnde Monologe und Dialoge, ein breites Spektrum an Themen. Dazu eine spannende „Haupthandlung“ und ein lebendiges Figurenensemble. Die Stimmung ist selbst für Dostojewski dunkel und trostlos. Zartbesaitete Leser sollten die Lektüre meiden, alle anderen erwartet ein Meisterwerk.

Bibliophile Meisterleistung

Meine Ausgabe aus dem Ammann Verlag erfüllt alle Ansprüche, die man als Leser an ein Buch stellen kann. Wir dürfen uns über einen dunkelblauen Leineneinband, ein goldgeprägtes Titelschild und ein goldenes Kapital- und Leseband freuen. Im Inneren erwarten uns eine Fadenheftung und insgesamt hochwertige Materialien.

Als hilfreich erweisen sich der kleine Anmerkungsapparat, ein kurzes Personenverzeichnis und die Übersetzungen der französischen Textstellen. Leider fehlt jede Form der editorischen Begleitung – ein Vor- oder Nachwort hätte die Lektüre abgerundet. Die Übersetzung stammt von der legendären Swetlana Geier.

Pro/Contra

Pro
  • Sprachlich fesselnd
  • Lebendige Dialoge und Monologe
  • Spannende Handlung
  • Vielfältige Themen
Contra
  • Stellenweise weitschweifige Erzählweise
  • Bedrückende und trostlose Szenen

Fazit


Böse Geister von Fjodor M. Dostojewski ist ein düsteres Meisterwerk.

autor: Fjodor M. Dostojewski

Titel: Böse Geister

Seiten: 968

Erscheinungsdatum: 1873

Verlag: Ammann Verlag

ISBN: 9783250102618

Übersetzerin: Swetlana Geier

illustrator: –

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Kommentare
Neuste
Älteste
Inline Feedbacks
Sehe dir alle Kommentare an