Auf einer Holzfläche liegt ein Buch mit dem Titel „Das Schicksal der Salome“ von Gaito Gasdanow. Auf dem Cover ist ein altes Foto eines Mannes zu sehen, der neben einem Auto steht.

Das Schicksal der Salome

von Gaito Gasdanow


11.10.2024

  • Klassiker

Gaito Gasdanow gehört zur scheinbar endlosen Riege russischer Exilautoren, denen erst fern der Heimat der literarische Durchbruch gelang. Mit Das Schicksal der Salome liegen nun zehn seiner besten Kurzgeschichten gesammelt vor.

Nachrichten aus dem Exil

In Das Schicksal der Salome begegnen wir einer faszinierenden und widersprüchlichen Frau. Die Narbe führt uns zur jungen Natascha, die ein Lotterleben führt und ein düsteres Geheimnis bewahrt. Das Wassergefängnis handelt von einem alten Hotel mit einer Ansammlung illusterer Bewohner. Der Treuebruch öffnet einer Frau die Augen.

Das Verschwinden von Ricardi, einem der bekanntesten Musiker seiner Zeit, wirft Fragen auf. Das Bistro führt uns in ein Restaurant, das Arbeitern als Lebensmittelpunkt dient und Schauplatz eines tragischen Ereignisses wird. Die Briefe Iwanows führen uns deutlich vor Augen, dass hinter Menschen weit mehr steckt, als man anfangs zu vermuten wagt.

Der Gefangene spielt mitten im russischen Bürgerkrieg und schildert einen mysteriösen Zwischenfall. Der Tod der Herrn Bernhard schildert Alltägliches und nicht Alltägliches im Zusammenhang mit dem Tod eines Menschen. Die abschließende Geschichte Olga führt uns abermals zu einer Frau, die verschiedenen Männern den Kopf verdreht.

Ein bewegtes Leben

Gaito Gasdanow (1902–1971) hatte ein Leben, das man vom Schreibtisch aus fasziniert rekapituliert. Gleichzeitig ist man froh, nicht Teil davon gewesen zu sein. Im russischen Bürgerkrieg trat er der Weißen Armee bei und flüchtete nach ihrer Niederlage ins Exil. Über Umwege gelangte er nach Paris. Dort hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, bis er Taxifahrer wurde. Daneben besuchte er Vorlesungen an der Sorbonne.

Nach dem Zweiten Weltkrieg – er schloss sich der Résistance an – erschlossen sich ihm allmählich journalistische Felder. In seinen letzten Jahren pendelte er zwischen Paris und München, bevor er an Lungenkrebs verstarb. Er sollte neun Romane und mehr als 50 Kurzgeschichten verfassen, von denen zehn (1930–1963) hier versammelt vorliegen.

Außenseiter und Verlorene

Dass die Biographie eines Menschen Einfluss auf sein Schaffen hat, ist zunächst nicht weiter verwunderlich. Das genaue Ausmaß bei Gasdanows überrascht dann doch. Er verbrachte beinahe sein gesamtes Leben fern seiner Heimat und musste unter anderem seine Familie zurücklassen. Und das Gefühl als Außenseiter und Fremder ohne Auffangnetz und Kompass zieht sich durch seine Geschichten.

Seine Figuren sind wie er Grenzgänger, leben oft weit entfernt von ihrem Geburtsort. Sie sprechen andere Sprachen als ihre Muttersprache und wissen selbst nicht genau, was sie wollen. Äußerlich scheint es immer eine unüberwindbare Distanz zwischen ihnen und ihrem Umfeld zu geben. Innerlich befinden sie sich auf der Flucht oder auf der Suche – die Grenzen sind fließend – und irren plan- und ziellos umher.

Zwischen Komödie und Tragödie

Thematisch bewegt er sich haarscharf an der Grenze zwischen Komödie und Tragödie. Seine Figuren wirken so, als ob sie sich der Absurdität des Lebens bewusst wären, und begleiten das Geschehen mit einem leicht spöttischen Unterton. Gleichzeitig hat sie die Realität fest in ihrem Griff gefangen und lässt sie nicht mehr los.

In seinen Geschichten steht oft – aber nicht nur – das Schicksal eindrucksvoller Frauen im Mittelpunkt. Daneben erwartet uns ein bunter Strauß, der von Bürgerkriegsepisoden über Schelmengeschichten, klassischen Kurzgeschichten mit Schlusspointen bis hin zu beinahe surreal anmutenden Traumsequenzen reicht.

Melodische Satzstrukturen

Handwerklich kann Gasdanow durch sein Gefühl für Sprache, Tempo und Rhythmus überzeugen. Sein Markenzeichen sind lange Satzkonstruktionen, die er für die Gedanken seiner Figuren oder dynamische Handlungselemente nutzt. Mindestens genauso wichtig ist sein Gespür dafür, wann kurze und wann lange Sätze angemessen sind.

Wie kein Zweiter versteht er es, das Tempo zu drosseln oder zu beschleunigen und so seinen Geschichten einen melodischen Charakter zu verleihen. Glücklicherweise verkommen Gasdanows ellenlange Sätze nicht zum reinen Selbstzweck. Der Autor weiß genau, wie er einen Text strukturieren muss, und verliert niemals den Faden.

Was bleibt?

Das Schicksal der Salome von Gaito Gasdanow hat mich angenehm überrascht. Handwerklich kann er durch ein untrügliches Gefühl für Sprachmelodien und eine klare Gedankenführung überzeugen. Inhaltlich schildert er eindringlich die Zerrissenheit und das Verlorensein entwurzelter Menschen. Eine lohnende Lektüre, der sicherlich noch weitere Bände folgen werden!

Erstaunlich hochwertig

Gasdanows Werke erlebten vor einigen Jahren eine kleine Renaissance. Das Interesse scheint indes abgeflacht zu sein. In diese Bresche ist Jürgen Barck gesprungen, der in Eigenregie Gasdanows Werke übersetzt und als BoD veröffentlicht. Bereits der Schutzumschlag kann durch eine minimalistisch strukturierte Gestaltung überzeugen und könnte genauso bei Hanser oder Mare erscheinen.

Der Einband selbst weist eine strukturierte Oberfläche und eine Faksimile-Signatur auf. Weiterhin dürfen wir uns über ein Leseband freuen. Im lesenswerten Vorwort stimmt uns Tobias Zeising auf die Geschichten ein. Daneben erwartet uns ein kurzer Anhang mit bibliographischen Details und Anmerkungen. Insgesamt erhält man ein Buch, das mit großen Verlagsproduktionen mithalten kann.

Bibliographie

Mehr Weniger

Pro/Contra

Pro
  • Interessante Satzkonstruktionen
  • Melodisches Sprachgefühl
  • Ergreifende Schicksale
Contra
  • Gerade die langen Sätze erfordern Konzentration und Aufmerksamkeit

Fazit


Das Schicksal der Salome von Gaito Gasdanow überzeugt durch ergreifende Schicksale und eine unverkennbare Sprachmelodie. Lesenswert!

autor: Gaito Gasdanow

Titel: Das Schicksal der Salome

Seiten: 260

Erscheinungsdatum: 2024

Verlag: BoD

ISBN: 9783758367373

Übersetzer: Jürgen Barck

illustratoren: –

Das Buch wurde mir als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt

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