
Der Toten Sonne
von Iwan Schmeljow
20.08.2025
- Klassiker
In Der Toten Sonne schildert Iwan Schmeljow die Auswirkungen der Terrorherrschaft der Bolschewiki nach der Machtübernahme auf der Krim.
Sonne und Tod
Wir befinden uns auf der Krim, kurz nach dem Ende des russischen Bürgerkrieges: Ganz Russland wird von einer Hungersnot heimgesucht, doch besonders hart trifft es die Halbinsel im Schwarzen Meer. Schauplatz unserer Erzählung ist ein malerisches kleines Dorf, direkt am Meer gelegen und von Bergen umschlossen.
Früher handelte es sich um einen Ort, in dem Menschen und Natur im Einklang miteinander lebten. Doch je länger der rote Terror andauert, desto stärker brechen die dunklen Seiten der menschlichen Natur hervor …
Im französischen Exil
Iwan Schmeljow galt nach der Veröffentlichung seines Erfolgsromans „Der Mensch aus dem Restaurant“ im Jahre 1911 als aufstrebender Stern am russischen Literaturhimmel. Er stand den Veränderungen durch den Kommunismus aufgeschlossen gegenüber und das Wohlwollen von Maxim Gorki schien ihm sicher. Doch die Brutalitäten während der Umstürze führten dazu, dass er sich von seinen einstigen Unterstützern nach und nach distanzierte.
Nach der Oktoberrevolution zog es ihn auf die Krim. Kurze Zeit später wurde sein einziger Sohn – Angehöriger der Weißen Armee – erschossen. Schmeljow floh daraufhin über Umwege nach Frankreich – Russland sollte er nie wieder betreten. 1923 veröffentlichte er mit „Der Toten Sonne“ sein erstes Buch im französischen Exil. In Deutschland wurde er vor allem von Thomas Mann gefördert. Doch auch hier geriet er nach und nach in Vergessenheit.
Doch was macht den Roman – abgesehen von den erschreckenden Parallelen zum Ukraine-Krieg – heute noch lesenswert?
Die Herrschaft der Bolschewiki
Zumindest auf der oberflächlichen Handlungsebene passiert nicht viel: Unser Autor schildert, wie sich der Sieg der Bolschewiki auf das Leben der – ohnehin schon von einer Hungersnot geplagten – Bewohner der Krim auswirkt. Nahrungsmittel, Bücher und Häuser werden beschlagnahmt, Menschen benutzt und ermordet. Angeblich zum Wohle des Volkes, in Wahrheit nur zum Wohle einiger weniger.
Was Schmeljow von der neuen herrschenden Klasse hält, wird schnell deutlich: Keiner von ihnen kommt gut weg. Immer handelt es sich um Menschen, die andere ausnutzen und nur das Schlechteste in ihnen hervorbringen. Sprachlich glänzen sie regelmäßig mit Fehltritten, etwa wenn in Feierlaune die „Innaterzionale“ gegrölt wird.
Das Schicksal der Krim
Durch die Erzählung leitet uns ein namenloser Ich-Erzähler, über den wir auch sonst nicht viel erfahren. Er hat wohl eine Frau – der wir nie begegnen – und hatte einen Sohn – der wohl Opfer der Hungersnot wurde. Die Identität unseres Erzählers ist ohnehin nicht wichtig. Schmeljow geht es nicht um das Schicksal Einzelner, ihm geht es um das Schicksal aller Menschen auf der Krim.
Im Laufe des Romans begegnet unser Erzähler einer Reihe von Figuren – oftmals Dorfbewohner – und schildert ihr Leben während der Hungersnot. Nachvollziehbarerweise geht diese nicht spurlos an ihnen vorbei. Jeder misstraut – zu Recht – dem anderen und versucht, noch den kleinsten Vorteil für sich auszunutzen. Das Schicksal der anderen ist im Zweifel zweitrangig. Es geht alleine darum, zu überleben, und weiter reicht der Gedankenhorizont unseres Figurenensembles nicht.
Bedrückende Szenen
Dabei kommt es zu einer Reihe von beklemmenden Szenen. Die Menschen greifen zu allen Mitteln, die man sich denken kann: Diebstahl, Raub, Vergewaltigungen, Mord und vieles mehr. Am schlimmsten treffen den Leser aber die Schilderungen des Hungers: Eine Leiche ist eine Sache. Aber wenn geschildert wird, wie ein kleines Mädchen verzweifelt nach Körnern sucht, die Hühner übersehen haben könnten. Das schlägt härter ein als jeder Splatter-Roman.
Diese beklemmende Atmosphäre bildet einen harten Kontrast zur urtümlichen Schönheit unseres Schauplatzes. Immer wieder scheint durch, was für ein schöner Ort das Dorf früher einmal gewesen sein muss. Direkt am Meer gelegen und von Bergen umschlossen. Ein zentrales Element von Schmeljows wunderschönen Naturschilderungen stellt die titelgebende Sonne dar: je nach Szene mal Lebensspenderin und mal Todesbotin.
Farbenprächtige Schilderungen
Sprachlich handelt es sich um ein Werk auf dem allerhöchsten Niveau. Im Gegensatz zu Schriftstellern wie Remarque wählt unser Autor für seine Kriegsschilderungen keinen sachlich-journalistischen Erzählton. Im Gegenteil, seine Prosa zeichnet sich durch ihre Weitläufigkeit aus.
Ausführliche und bildhafte Naturbeschreibungen gehen nahtlos in ebenso ausführliche Monologe einzelner Figuren über. Dadurch soll die Perspektive eines Hungernden vermittelt werden: Zeitliche und räumliche Grenzen werden aufgehoben. Die geschilderten Ereignisse könnten Stunden, Tage oder gar Wochen andauern – wirklich deutlich wird es an keiner Stelle.
Auf jedes Detail einzugehen würde den Umfang dieser Besprechung sprengen – beinahe jedes Wort hat einen bestimmten Zweck. Interessierten Leserinnen sei daher das gelungene Nachwort der Übersetzerin Christiane Pöhlmann ans Herz gelegt.
Was bleibt?
Der Toten Sonne von Iwan Schmeljow stellt eine bedrückende und erschütternde Erfahrung dar. Mit einer ungewöhnlich farbenprächtigen Prosa schildert Schmeljow die Schrecken des Krieges in allen Facetten. Der Ukraine-Krieg gibt seinen Schilderungen eine erschreckende Aktualität. Lesenswert.
Wunderschöne Ausgabe
Meine Ausgabe stammt aus der Anderen Bibliothek und genügt damit höchsten bibliophilen Ansprüchen. Hier stimmt von Anfang bis Ende einfach alles. Ob es nun um hochwertige Materialien, ein Leseband, Fadenheftung oder die innere Gestaltung geht – das Buch hat alles und noch mehr.
Besonders gefallen hat mir die dunkelblaue Schriftfarbe, die das gesamte Werk prägt. Illustrationen finden sich nicht, wären aber angesichts des Inhaltes auch unpassend. Zum Schutzumschlag kann man stehen, wie man will – meine Haltung dazu habe ich mehrfach deutlich gemacht.
Im Anhang finden wir einen kurzen Anmerkungsapparat und ein überaus lesenswertes Nachwort der Übersetzerin Christiane Pöhlmann.
Pro/Contra
Pro
- Wundervolle Naturbeschreibungen
- Erschütternde Schilderungen menschlicher Abgründe
- Erschreckend aktuell
Contra
- Nichts für zartbesaitete Gemüter
Fazit
Der Toten Sonne von Iwan Schmeljow stellt eine ebenso erschütternde wie bedrückende Leseerfahrung dar. Lohnenswert, aber nichts für zartbesaitete Gemüter.
autor: Iwan Schmeljow
Titel: Der Toten Sonne
Seiten: 320
Erscheinungsdatum: 1923
Verlag: Die Andere Biblitohek
ISBN: 9783847704591
Übersetzerin: Christiane Pöhlmann
illustratoren: –











Das ist interessant. Vielen Dank, dass Du Schmeljow vorgestellt hast!
Ein toller Autor!