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Im Westen nichts Neues

von Erich Maria Remarque


21.10.2022

  • Klassiker

Erich Maria Remarques 1929 erschienener Roman Im Westen nichts Neues zählt unbestritten zu den bekanntesten und wichtigsten Anti-Kriegsgeschichten aller Zeiten. Doch was ist die Ursache für die bis heute anhaltende Popularität des Romans?

Lange Zeit verdrängt…

Zu meiner eigenen Schande muss ich gestehen, dass Remarques Klassiker lange Jahre auf meiner Leseliste stand und immer wieder von vermeintlich interessanteren Romanen verdrängt wurde. Ich habe dies mir gegenüber damit begründet, dass die sehenswerten Verfilmungen genügen müssten – selten lag ich in Sachen Literatur wohl so falsch. Erst der Krieg in der Ukraine rückte Im Westen Nichts Neues wieder in meinen Fokus. Einen nicht unwesentlichen Beitrag dazu leistete auch die überaus lesenswerte Rezension des Kaffeehaussitzers, die ich jedem ans Herz legen möchte. Als ich kurz darauf beim Stöbern in einem Antiquariat auf dieselbe Ausgabe stieß, konnte ich die Lektüre nicht weiter hinausschieben und griff zu.

Die Schrecken des Krieges

Wir begegnen unserem Erzähler, den 20-jährigen Paul Bäumer, zum ersten Mal an der Front. Im Schützengraben erinnert er sich zurück an seine Schulzeit. Wir erfahren, dass er sich zusammen mit seinen Klassenkameraden, angestachelt durch die aufrührerischen Reden seines Lehrers, freiwillig und ursprünglich begeistert gemeldet hat.

Schon in der Grundausbildung muss er schmerzlich erfahren, dass die durch die Schule vermittelten Werte in der Welt des Krieges keine Rolle spielen und das Menschlichkeit im Gefecht keinen Platz hat. Nach und nach sterben seine Freunde und Paul muss erkennen, dass der Krieg nicht nur im Schützengraben seine Spuren hinterlässt. Immer tiefer versinkt er in einer dunklen Welt aus Angst und Gewalt.

Lektüre, die sprachlos macht

Ich muss sagen, dass mich die Lektüre von Im Westen nichts Neues sprachlos gemacht hat. Ich sitze nun einige Tage vor meinem Textprogramm und versuche Worte zu finden, um diesem Roman auch nur annähernd gerecht zu werden, doch es will mir einfach nicht gelingen. Normalerweise würde ich in solchen Fällen auf eine Rezension verzichten, doch angesichts des anhaltenden Krieges in der Ukraine halte ich es für wichtig, diesen Roman immer wieder in Erinnerung zu rufen und so unbedeutend ein Beitrag von mir auch sein mag – verzichten möchte ich darauf nicht. Seht es mir daher nach, wenn meine Formulierungen und Übergänge nicht stimmig wirken – ich habe mein Bestes gegeben.

Eine verlorene Generation

Erich Maria Remarque erzählt in seinem Roman anhand seines Ich-Erzählers Paul Brämer die Geschichte einer ganzen Generation von Jugendlichen, die durch den Krieg verloren gegangen sind, auch wenn sie die Gefechte überlebt haben mögen. In der Schule wurden sie manipuliert, in der Grundausbildung zum Gehorsam gedrillt und im Schützengraben desillusioniert. Sie müssen feststellen, dass ihr Leben eine Lüge ist: Statt ein kurzes Abenteuer zu erleben wurden sie für einen brutalen Krieg geformt, der den Interessen derjenigen dient, die eben nicht in den Krieg ziehen müssen.

Sie sind sich nicht einmal sicher, warum sie überhaupt kämpfen müssen. Das einzig sichere in ihrem Leben ist die Gewissheit, dass sie dem Schützengraben nicht entkommen können. Allerdings spielt das auch keine große Rolle mehr, innerlich sind sie schon längst gestorben und selbst wenn sie überleben sollten, gibt es für sie in der Heimat keine Verwendung mehr (Man denke nur an den durch Gertrude Stein geprägten Begriff der „Lost Generation“).

Wer selber einmal gedient hat, wird mit Erschrecken feststellen, wie wenig sich im Militär im Laufe der letzten Jahrzehnte geändert hat. Von den Schikanen der Grundausbildung bis zu den Gegebenheiten in der Truppe herrschen immer noch die gleichen (und damals schon veralteten) Strukturen und Denkmuster vor.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir Paul Brämers Heimaturlaub. Er selber ist die ganze Zeit über unfähig, über die Erlebnisse an der Front zu sprechen. Beim Durchstreifen seiner alten Heimatstadt begegnet er den Patrioten, die ihn zum Krieg gedrängt haben und die selber (natürlich) nicht kämpfen (müssen). Gönnerhaft gibt man ihm ein Bier aus und erklärt ihm sogar noch, dass er nur ein einfacher Soldat sei und die wahre Last diejenigen zutragen haben, die das große Ganze des Krieges überblicken können.

Verstörende Bilder

Gleichermaßen beeindruckt wie verstört hat mich, wie Remarque die Fronterlebnisse seiner Protagonisten schildert. Sachlich und fast ohne weitschweifige Ausschmückungen, geradezu journalistisch führt uns der Autor durch die Erzählung und beschreibt aus der abgestumpften Perspektive eines desillusionierten Soldaten das, was wohl nicht anders dargestellt werden kann. Ob es nun die Kämpfe in Schützengräben, unzählige Leichen, Angst, Hunger, immer effektivere und grausamere Tötungsmaschinen, Verstümmelungen oder den Tod selbst betrifft – gerade diese fast schon beiläufig und nüchtern notierten Schilderungen beschreiben wohl am besten, wie sehr seine Figuren zu ihrem eigenen Schutz abstumpfen mussten und lassen sie noch viel drastischer wirken, als es Ausschmückungen je könnten.

Erschreckender als die direkten Schilderungen ist nur noch die Art und Weise, wie die Jugendlichen mit diesen Situationen umgehen (müssen). Der Tod von Kameraden ist nichts Außergewöhnliches mehr, beinahe schon selbstverständlich und zumindest unumgänglich. Ihre Gedanken kreisen weniger um die Toten als darum, was mit den Stiefeln der sterbenden Kameraden geschehen soll oder wie man an die Essensrationen der gefallenen Frontkämpfer gelangen soll.

Ich glaube, dass es gerade diese Erzählweise ist, die zum Erfolg dieses Romans beigetragen hat. Ähnlich wie bei seinem Zeitgenossen Hemingway müssen wir uns auch hier den Roman erst erschließen, auch hier steckt noch ein Text hinter dem Text, der weitaus tiefere Abgründe bereithält, als die ohnehin schon erschütternde Oberfläche.

Unterschiedliche Sichtweisen

Darüber hinaus möchte ich noch auf einen anderen Roman hinweisen, den ich vor einigen Monaten gelesen habe. Wilhelm Lehners Propagandawerk Der Freiheit entgegen verarbeitet genauso wie Im Westen Nichts Neues die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges in literarischer Form. In meiner diesbezüglichen Rezension habe ich bereits genug über die abartige Instrumentalisierung des ersten Weltkrieges durch die Nationalsozialisten geschrieben, die ein Jahr nach Remarques Klassiker erschienen ist. Besonders hervorheben möchte ich allerdings, wie deutlich hier wird, wie unterschiedlich der Krieg von denjenigen wahrgenommen wird, die selber gekämpft haben und von denjenigen, die gar nicht erst in Gefahr geraten, eingezogen zu werden.

Basierend auf wahren Begebenheiten

Erich Maria Remarque war selber im Jahre 1917 einen Monat an der Front, bis ihn eine schwere Verletzung bis zum Ende des Krieges ans Lazarett fesselte. Remarque nutzte die Zeit und sammelte Erfahrungsberichte anderer Soldaten, die die Grundlage für seinen Roman bildeten. Erst über ein Jahrzehnt später sollte er sich, zu diesem Zeitpunkt war er Redakteur, an eine Romanfassung wagen, die seinen späteren Ruhm begründen sollte. Anstelle weiterer Ausführungen zu Remarque möchte ich nur noch ein Zitat aus einem Interview mit Friedrich Luft bringen, dass sich auch auf Youtube finden lässt: „Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hingehen müssen.“

Was bleibt?

Das war nun mein Versuch, meine Eindrücke nach der Lektüre in Worte zu fassen und auch wenn meine Darstellung nicht in allen Aspekten gelungen sein mag, kann ich die Bedeutung dieses Romans nicht genug betonen. Im Westen nichts Neues ist wichtiger und aktueller denn je – so schonungslose und eindringliche Schilderungen der Schrecken des Krieges lassen sich wohl kein zweites Mal finden. Wenn es so etwas wie Pflichtlektüre gibt, dann gehört dieses Werk dazu.

Gut erhaltene Ausgabe

Obwohl meine Ausgabe aus dem Jahre 1929 stammt, hat sie den Lauf der Zeit gut überstanden. Hier zeigt sich auch der Wert einer Fadenheftung, auch wenn das Papier langsam vergilbt, so halten die Seiten immer noch einwandfrei und auch das Papier oder der Leineneinband zeigen keine Anzeichen für einen baldigen Verfall. Meine Ausgabe hat natürlich kein Zusatzmaterial, ich denke aber nicht, dass es in diesem Fall nötig ist – der Roman spricht für sich.

Pro/Contra

Pro
  • Realistische Schilderungen der Schrecken des Krieges
  • Eindrucksvolle Prosa
  • Wenn man einen Roman über den Krieg lesen sollte, dann wohl diesen
Contra

Fazit


Im Westen nichts Neues ist ein eindrucksvoller und bewegender Roman, der bis heute nichts von seiner Aktualität und Relevanz verloren hat. Pflichtlektüre!

autor: Erich Maria Remarque

Titel: Im Westen nichts Neues

Seiten: 288

Erscheinungsdatum: 1929

Verlag: Propyläen Verlag

ISBN:

übersetzer:

illustrator:

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