Jonathan Swift - Gullivers Reisen

Jonathan Swift – Gullivers Reisen

Gullivers Reisen von Jonathan Swift gehört zu den bekanntesten Werken der Weltliteratur und ebenso zu den Klassikern, die die meisten Verstümmelungen und Kürzungen über sich ergehen lassen mussten. Auch ich las als kleiner Junge lediglich die zensierten Fassungen und war gespannt, wie sich die ungekürzte Fassung liest.

Die phantastische Abenteuerreise eines Arztes

Die in der Tradition des Reiseberichts verfasste Handlung ist in vier Teile gegliedert, jeder Teil stellt dabei eine Reise Gullivers dar. Im ersten Teil der Geschichte verschlägt es ihn nach Liliput, einer kleinen Inselgruppe, die von winzigen Menschen bewohnt wird. Schnell gerät er dabei zwischen zwei verfeindete Nationen, die ihn für ihre Zwecke nutzen wollen. Der zweite Teil führt ihn nach Brobdingnag, einer Insel voller Riesen, auf der selbst Insekten eine Gefahr für ihn darstellen. Auf seiner dritten Reise verschlägt es ihn in ein kleines Inselreich, das von verkopften Wissenschaftlern dominiert wird und besucht unter anderem die fliegende Insel Laputa und die Akademie von Lagado. Auf der Insel Glubbdubdrib begegnet er einem Magier, der Geister hervorrufen kann und begegnet so verschiedenen historischen Persönlichkeiten, unter anderem Alexander dem Großen und Caesar. Seiner letzten Reise bringt ihn auf eine Insel, auf der die pferdeartigen und moralisch überlegenen Houyhnhnms die beherrschende Rasse sind und unterentwickelte Menschen (Yahoos) als Haustiere halten.

Ein Autor ohne Furcht

Jonathan Swift führte ein Leben im Zeichen des Widerstandes. Sein Vater verstarb bereits vor seiner Geburt und so wurde er von seinen Verwandten aufgezogen. Auf Wunsch eines Onkels absolvierte er ein Theologiestudium, das er nur mit viel Wohlwollen bestand. Er wurde zwar Priester, legte in diesem Beruf aber keine große Karriere hin. Das lag zum einen daran, dass er sich politisch auf die falsche Seite stellte und zum anderen an seinen satirischen Werken, in denen er unverblümt Missstände anprangerte. Diese Schriften verfasste er zwar zum größten Teil anonym, doch seine Identität war ein offenes Geheimnis. Sein Einfluss in der Bevölkerung war dadurch sogar so groß, dass sich keine Obrigkeit traute, ihn wegen seinen Schriften zu belangen.

Gullivers Reisen in der Tradition der Reiseberichte

Das 1726 erstmalig erschienene Gullivers Reisen reiht sich somit nahtlos in sein Schaffen als Autor ein. Man kann dieses Buch irgendwo zwischen phantastischer Reiseliteratur und Satire einordnen: Zu dieser Zeit erlebten (fiktive) Reiseberichte einen Boom. Der belesene Swift war sich dessen durchaus bewusst und kopierte einige typische Eigenschaften dieser Gattung, dessen prominentester Vertreter wohl das 1719 erschienene Robinson Crusoe von Daniel Defoe sein dürfte, und verdeckte damit zumindest oberflächlich seine Gesellschaftskritik.

So erleben wir die Geschichte zwar aus der Perspektive Gullivers, aber vor und nach der Handlung sind fiktive Briefe und Erläuterungen des vermeintlichen Herausgebers und Autors beigefügt, die den Anschein von Realität hervorrufen sollten. Wie bei Defoe finden sich vermeintlich präzise Zeit-, Positions- und Maßangaben, die dem Leser Authentizität vorgaukeln sollen. Als Autor benutzt Swift dabei gerne ausufernde Sätze und nicht enden wollende Aufzählungen, die die Aufmerksamkeit des Lesers fordern und auch nötig machen. Das muss man mögen, ansonsten droht schnell Langeweile oder Überforderung. Die Übersetzerin Christa Schuenke entschloss sich dazu, bei ihrer Übersetzung aus dem Jahre 2006 einen veralteten Wortschatz zu gebrauchen, der im heutigen Deutschen so nicht mehr vorkommt. Obwohl ich das Original nicht kenne scheint mir das eine gute Wahl zu sein – eine moderne Wortwahl passt nicht zu dieser Art von Geschichte, allenfalls zu den verkürzten Kinderfassungen.

Eine bitterböse Satire

Die ersten beiden Reisen ermöglichen es dem Autor die englische Gesellschaft aus unterschiedlichen Perspektiven zu kritisieren, auf Liliput etwa im Miniaturformat, um die großen Zusammenhänge zu beleuchten und auf Brobdingnag mit der Lupe, um mit deutlichen Worten Missstände anzuprangern. Auf seiner dritten Reise begegnet Swift vor allem verkopften Geisteswissenschaftlern, die völlig den Bezug zur Realität verloren haben. Auf Laputa begegnet er Mathematikern, die komplizierte Berechnungen anstellen, aber unfähig sind, daraus einen praktischen Nutzen für ihr Leben zu ziehen.

Auf der Universität von Lagado (Eine Parodie auf die Royal Society) begegnet er zahlreichen innovativen Wissenschaftlern, deren Arbeitsgebiete von hoffnungsvollen Projekten wie etwa zur Gewinnung von Sonnenlicht aus Gurken bis hin zur Abschaffung der gesprochenen Sprache reichen. Im weiteren Verlauf kritisiert er noch das Streben nach dem ewigen Leben und begegnet mit Hilfe einen Magier verschiedenen historischen Persönlichkeiten, die ihn mehr als nur ernüchtert zurücklassen. Seine Schilderungen sind dabei gespickt von Angriffen gegen zahlreiche Wissenschaftler der damaligen Zeit, die im Geiste der aufkommenden Zeit der Aufklärung die Welt des 19.Jahrhundert auf den Kopf stellten.

Seine vierte und weitestgehend unbekannte Reise führt ihn auf eine Insel, in der die pferdeartigen Houyhnhnms herrschen und menschenähnliche Yahoos als Last- und Nutztiere nutzen. Diese Reise soll ihn prägen, da sich die Houyhnhnms als moralisch überlegen herausstellen und ein friedsames Leben führen, in dem Begriffe wie Böse oder Lüge gar nicht existieren. Aufgrund seiner Intelligenz ist er zwar geduldet, wird aber gezwungen, die Insel zu verlassen und zu seiner Familie zurückzukehren. Daran zerbricht er innerlich, zu verhasst sind ihm die Yahoos, wie er die Menschen von da an nennt. Sie werden von kaum mehr als ihren Instinkten beherrscht und betrügen und belügen sich gegenseitig am laufenden Band. Hat er zuvor vornehmlich die Verhältnisse in England kritisiert, so wechselt hier der Schwerpunkt seiner Kritik auf die ganze Menschheit.

Mehr als nur eine Kindergeschichte

Ich war gespannt, wie sich die ungekürzte Fassung dieses Klassikers liest, kannte ich wie so viele vorher nur die ersten beiden Reisen in den gekürzten Jugendfassungen. Auch war die Lektüre von Robinson Crusoe, die ich aus ähnlichen Gründen begann, trotz einiger positive Aspekte doch eher ernüchternd und hinterließ bei mir eher gemischte Gefühle. Gullivers Reisen entpuppt sich allerdings als bitterböse Satire, als spannender Reisebericht und schlussendlich als zeitloser Klassiker. In seinen Schilderungen finden sich zahlreiche zeitgenössische Anspielungen, die den meisten Lesern sich nicht ohne Weiteres erschließen dürften. Glücklicherweise hat der Manesse Verlag dem Buch umfangreiche Anmerkungen beigefügt, die auch den heutigen Leser vieles verständlicher machen, ohne den Lesefluss zu beeinträchtigen.

Eine hochwertige Ausgabe mit großflächigen Illustrationen

Die Ausgabe des Manesse Verlages ist ein wahrer Ziegelstein. Der Verlag wählte ein sehr großes Format, um den 16 – oft beidseitigen – Illustrationen des österreichischen Künstlers Anton Christian genügend Raum zu geben. Illustrationen sind immer Geschmackssache, hier gefällt mir der verschwommene Stil, der der Fantasie des Lesers noch viel Raum gibt – gebraucht hätte ich sie allerdings nicht. Ich bin im Allgemeinen kein großer Freund großformatiger Ausgaben, das Lesen einer kleineren Ausgabe bereitet mir mehr Freude. Dennoch ist das Buch handwerklich gut gemacht, es befindet sich in einem stabilen Schuber, ist in roten Leinen gebunden, besitzt ein geprägtes Titelschild, ein Leseband, Fadenheftung und hochwertiges Papier, das den Leser wahrscheinlich überdauern wird.

Neben den bereits erwähnten Brief findet sich im Anhang noch ein erhellendes Nachwort von Dieter Mehl. Außerdem erhält die Übersetzerin Christa Schuenke noch einige Seiten, um ihr Vorgehen bei dieser Übersetzung zu begründen und zu erläutern – eine Sache, die sie auf nachvollziehbare Art und Weise macht und vor allem ihre altertümliche Wortwahl begründet.

Fazit

Gullivers Reisen ist ein Buch , das ich in der gekürzten Fassung bereits mehrfach gelesen habe, dessen volle Bedeutung mir sich jedoch erst durch die Übersetzung von Christa Schuenke erschloss. Gullivers Reisen sind keine klassische Abenteuergeschichte, sondern eine Satire auf die englische Gesellschaft und im weiteren Verlauf auf die Menschheit im Allgemeinen. Ein zeitloser Klassiker, der viel Lesevergnügen bietet!


Autor: Jonathan Swift

Titel: Gullivers Reisen

Seiten: 320

Erscheinungsdatum: 1726

ISBN: 9783717590170

Verlag: Manesse Verlag

Übersetzerin: Christa Schuenke

Illustrator: Anton Christian

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