Ein gebundenes Buch mit dem Titel „Gullivers Reisen“ mit rotem Rücken und rotem Einband, auf dem auf einer Holzoberfläche eine aus dem Wasser auftauchende Person abgebildet ist.

Gullivers Reisen

von Jonathan Swift


20.08.2021

  • Fantasy
  • ·
  • Klassiker

Gullivers Reisen von Jonathan Swift gehört zu den meistgelesenen und meistgekürzten Klassikern der Welt. Wie schlägt sich die ungekürzte Fassung?

Phantastische Abenteuerreise

Wir begleiten unseren Helden auf vier Reisen: Im ersten Teil verschlägt es ihn nach Liliput, einer kleinen Inselgruppe, die von winzigen Menschen bewohnt wird. Schnell gerät er zwischen zwei verfeindete Nationen. Der zweite Teil führt ihn nach Brobdingnag, einer Insel voller Riesen. Auf seiner dritten Reise stößt er auf ein kleines Inselreich, das von Wissenschaftlern dominiert wird. 

Unter anderem besucht er die fliegende Insel Laputa und die Akademie von Lagado. Auf Glubbdubdrib begegnet er einem Magier, der Geister hervorrufen kann. Und so trifft er verschiedene historische Persönlichkeiten. Seine letzte Reise bringt ihn auf eine Insel, auf der die pferdeartigen und moralisch überlegenen Houyhnhnms unterentwickelte Menschen (Yahoos) als Haustiere halten.

Ein Autor ohne Furcht

Jonathan Swift führte ein Leben im Zeichen des Widerstandes. Sein aufgezwungenes Theologiestudium bestand er nur mit viel Wohlwollen und legte keine große Karriere hin. Politisch stellte er sich zu oft auf die falsche Seite. Und nebenbei verfasste er mehr oder weniger anonym satirische Werke, in denen er unverblümt Missstände anprangerte. Immerhin war sein Einfluss auf die Bevölkerung so groß, dass sich niemand traute, ihn wegen seiner Texte zu belangen.

Traditioneller Reisebericht

Das 1726 erstmalig erschienene Gullivers Reisen reiht sich nahtlos in sein Schaffen ein. Man kann dieses Buch irgendwo zwischen phantastischer Reiseliteratur und Satire einordnen: Zu dieser Zeit erlebten (fiktive) Reiseberichte einen Boom. Der belesene Swift war sich dessen bewusst und nutzte die Popularität dieser Gattung, um seine Kritik zumindest oberflächlich zu verdecken.

Swift erzählt die Handlung zwar aus der Perspektive Gullivers. Doch daneben finden wir fiktive Briefe und Erläuterungen des vermeintlichen Herausgebers. Wie bei Defoe sollen präzise Zeit-, Positions- und Maßangaben Authentizität vorgaukeln. Unser Autor nutzt zudem gerne ausufernde Sätze und Aufzählungen. Das muss man mögen, ansonsten droht Langeweile oder Überforderung.

Bitterböse Satire

Die ersten Reisen ermöglichen es dem Autor, die Gesellschaft aus mehreren Perspektiven zu kritisieren. Auf Liliput im Miniaturformat, auf Brobdingnag mit der Lupe. Auf seiner dritten Reise begegnet Swift verkopften Wissenschaftlern, die den Bezug zur Realität verloren haben. In Lagado (eine Parodie auf die Royal Society) versucht etwa ein Wissenschaftler, Sonnenlicht aus Gurken zu gewinnen.

Seine Schilderungen sind gespickt mit Angriffen gegen rückständige Zeitgenossen. Der Besuch bei den pferdeartigen Houyhnhnms soll ihn nachhaltig prägen. Sie entpuppen sich als moralisch überlegene Rasse und kennen Begriffe wie böse oder Lüge nicht. Bei der Rückkehr in die Welt der Menschen zerbricht er. Hat Swift zuvor die Verhältnisse in England kritisiert, so wechselt hier der Schwerpunkt auf die ganze Menschheit.

Hochwertige Ausgabe

Die Ausgabe des Manesse Verlags ist ein wahrer Ziegelstein. Der Verlag wählte ein großes Format, um den 16 – oft beidseitigen – Illustrationen des Künstlers Anton Christian Raum zu geben. Daneben begeistern ein stabiler Schuber, ein roter Leineneinband und ein geprägtes Titelschild. Zudem dürfen wir uns über ein Leseband, eine Fadenheftung und hochwertiges Papier freuen.

Im Anhang finden wir einen umfangreichen Anmerkungsapparat, der die vielen zeitgenössischen Anspielungen erst verständlich macht. Das Nachwort von Dieter Mehl ist sehr erhellend. Die Übersetzung stammt von Christa Schuenke, die zudem ihre nicht ganz aktuelle Wortwahl begründen darf.

Pro/Contra

Pro
  • Erst in der ungekürzten Fassung offenbart sich die volle Bedeutung dieses Romans
  • Bitterböse Satire
Contra
  • Ausufernde Satzkonstruktionen fordern die Aufmerksamkeit des Lesers

Fazit


Gullivers Reisen von Jonathan Swift begeistert als bitterböse Satire und unterhaltsamer Reisebericht. Unbedingt ungekürzt lesen.

autor: Jonathan Swift

Titel: Gullivers Reisen

Seiten: 320

Erscheinungsdatum: 1726

Verlag: Manesse Verlag

ISBN: 9783717590170

Übersetzerin: Christa Schuenke

illustrator: Anton Christian

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
0 Kommentare
Neuste
Älteste
Inline Feedbacks
Sehe dir alle Kommentare an