Ian McEwan - Maschinen wie ich

Ian McEwan – Maschinen wie Ich

Der bekannte britische Schriftsteller Ian McEwan wagt sich mit Maschinen wie Ich zum ersten Mal an einen Science-Fiction Roman und beschäftigt sich mit den Auswirkungen und Problemen, die fühlende Roboter in unserem Leben hervorrufen würden.

Eine alternative Vergangenheit

Anders als man zunächst vermuten könnte, spielt die Handlung nicht in der fernen Zukunft, sondern in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Um eine so frühe Entwicklung der Technologie glaubhaft darstellen zu können, nimmt McEwan viele Veränderungen in der Geschichte des 19. Jahrhunderts vor. Die Basis bildet dabei Alan Turing, ein früher Pionier der Computerbranche. Turing wurde eigentlich 1954 zu einer Hormontherapie aufgrund seiner Homosexualität gezwungen, die ihn in Depressionen und schließlich in den Suizid führte. In Maschinen wie Ich verweigert er die Therapie, wird Vorreiter der Homosexuellen Bewegung und führt die technologische Entwicklung der Menschheit mit großen Schritten voran. So gehören selbstfahrende Autos und Handys längst zum Alltag und 1982 gelangt eine erste Serie menschenähnlicher Roboter auf den Markt.

Ein Roboter stürzt Charlies Leben ins Chaos

Einen dieser Roboter kauft der ziellose Charlie Freund, der sich von beruflichen Misserfolg zu Misserfolg hangelt. Eine unerwartete Erbschaft ermöglicht ihm dennoch den Kauf und gemeinsam mit seiner neuen Freundin Miranda aktiviert er den Roboter, der sich fortan Adam nennt. Schon bald muss er allerdings feststellen, dass Adam einem Menschen ähnlicher ist als gedacht und sein (Privat) leben ins Chaos stürzt.

Unklare Grenze zwischen Menschen und Robotern

Im Mittelpunkt der Handlung steht die Frage, wie Maschinen und Maschinendenken unsere Vorstellung von Moral und Gesetz beeinflussen und dafür setzt der Autor seine Charaktere allen erdenklichen Situationen aus, sei es nun in Bezug auf Sexualität, Liebe oder Gewalt.

Zu Beginn entpuppt er sich als Übermoralist, der sich streng an seine Prinzipien – oder zumindest die, die ihm eingeprägt wurden – hält, doch im Verlaufe der Handlung ergeben sich Zweifel. Insbesondere nachdem sich Adam in Miranda verliebt, stellt sich die Frage, ob oder wie menschlich Adam ist. Handelt es sich bei einer Maschine, die Gefühle entwickeln kann wirklich noch um eine Maschine oder nicht viel eher um ein Lebewesen? Und wenn ja, kann man dann diesem Lebewesen dann moralische Deutungshoheit zugestehen? Schließlich führt gerade unsere Emotion behaftete Denkweise zu entsprechenden Problemen und Lösungen, Lösungen die nicht unbedingt gesetzlich rechtens sind, moralisch aber manchmal durchaus vertretbar scheinen. McEwan beantwortet dieses Gedankenspiel nicht endgültig, das in dieser Hinsicht offene Ende lädt den Leser selber dazu ein, sich Gedanken über künstliche Intelligenz, Gesetz und Moral zu machen.

Bemühter Weltenaufbau, starker Schreibstil

Oft schneidet er wichtige Themen allerdings nur an und so wirken unter diesen Umständen auch die anderen politischen Veränderungen, die McEwan einbaut, recht überflüssig. So verliert England in seiner Version den Falklandkrieg, im Zuge der darauffolgenden Unruhen muss Thatcher abdanken und hinterlässt ein England, dass stark an 2018 erinnert. Im Rahmen eines ordentlichen Weltenaufbaus ist diese Herangehensweise gerade in diesem Genre nicht unüblich, doch leider sind viele dieser Veränderungen für die Handlung nicht relevant und nehmen dementsprechend zu viel Platz ein.

Trotz aller möglichen Theorien, Exkurse und Fakten in all diese Bereiche liest sich der Roman sehr angenehm und sehr schnell. McEwan reiht Nebensatz an Nebensatz und dennoch verliert der Leser niemals den Faden. Die zahlreichen Nebensätze kürzen sogar viele Ausführungen ab und sorgen dafür, dass man schnell wieder zur Handlung geführt wird. Erzählt wird die Geschichte ausschließlich von Charlie Freund aus der Ich Perspektive, andere Charaktere kommen nur im Dialog oder Monolog in Anwesenheit von Charlie zu Wort.

Schwache Hauptfigur

Charlie Freund stellt dabei als Hauptcharakter einen der größten Schwachpunkte des Romans dar. Er wird als etwas trotteliger Mittdreißiger beschrieben, der es nie wirklich zu etwas gebracht hat und sein Geld als Day-Trader an der Börse verdient. Der Autor hätte hier zumindest etwas Recherche betreiben können, seine Verdienste und seine finanzielle Situation wirken nicht glaubwürdig. Unsympathisch wirkt er vor allem durch seine Passivität, die keinerlei psychische oder physische Gründe hat. So gut wie alle Entscheidungen die er trifft erweisen sich als falsch und alle anderen werden von anderen Menschen (oder Robotern) für ihn getroffen. Auch die anderen Charaktere, wie etwa Mark und Miranda bleiben blass und konstruiert, ihre einzige Existenzberechtigung ergibt sich aus den moralischen Fragen, die McEwan aufwirft.

Ein typischer Diogenes Band

Für den Preis ist die äußere Gestaltung dieses Buches in Ordnung, es handelt sich um ein typisches Diogenes Hardcover. Der Umschlag ist mit einem feinen dunkelblauen Leinenstoff bezogen, es gibt sogar ein Titelschild mit Goldprägung, doch wirklich hochwertig fühlt sich das Buch nicht an. Dazu ist der Umschlag einen wenig zu dünn, dazu fehlt ein Leseband und auch jegliche Form von Zusatzmaterial, ob nun vom Autor, Übersetzer oder gar Wissenschaftler, der die im Buch beschriebenen Technologien besser einordnen könnte.

Fazit

Maschinen wie Ich hinterlässt bei mir gemischte Gefühle. Handwerklich schreibt McEwan sehr unterhaltsam und thematisch deckt er die meisten Aspekte der Roboterethik ab, allerdings verliert er immer wieder den Faden. Es ist sicherlich ein guter und interessanter Roman, doch der fehlende Fokus und/oder die begrenzte Seitenanzahl verhindern leider einen großartigen Roman.


Autor: Ian McEwan

Titel: Maschinen wie Ich

Seiten: 416

Erscheinungsdatum: 2019

ISBN: 9783257070682

Verlag: Diogenes Verlag

Übersetzer: Bernhard Robben

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