
Die Insel der Tausend Leuchttürme
von Walter Moers
22.10.2026
- Fantasy
- ·
- Phantastik
In Die Insel der Tausend Leuchttürme schickt Walter Moers seinen Kult-Lindwurm Hildegunst von Mythenmetz zur Kur auf eine Insel. Wird der Aufenthalt die gewünschte Erholung bringen?
Ein Lindwurm auf Kur
Den gefeierten Starautor und Hypochonder Hildegunst von Mythenmetz plagt ein neues Leid: Nach seinen Abenteuern in Buchheim wird er von einer Buchstauballergie heimgesucht. Für jemanden, der nichts lieber tut, als Antiquariate zu durchwühlen, ein untragbarer Zustand.
Kurzerhand geht es zu einer mehrmonatigen Kur auf die Nordmeerinsel Eydernorn. Bereits die Schiffsreise übersteht er nur mit Mühe und Not. Und auf der Insel häufen sich nach und nach mysteriöse Ereignisse. Bald wird klar, dass unserem Lindwurm kein gewöhnlicher Kuraufenthalt bevorsteht.
Das zehnte Zamonien-Abenteuer
Der öffentlichkeitsscheue Autor und Zeichner Walter Moers versammelte mit seinen Zamonien-Romanen innerhalb kürzester Zeit eine begeisterte Anhängerschaft um sich. Beginnend mit dem Blaubären (1999) folgte ein Erfolgsroman auf den nächsten. Erst „Das Labyrinth der träumenden Bücher“ (2011) unterbrach diesen Höhenflug kurzzeitig.
Es folgten einige Jahre, in denen sich Moers auf kürzere Werke und Comics konzentrierte. Die Insel der Tausend Leuchttürme erschien 2023 und beendete die Durststrecke ohne längeren Roman. Augenzwinkernd verarbeitet er hier seine traumatischen Kindheitserinnerungen an eine dreimonatige Asthma-Kur auf Norderney.
Zamonien trifft Norddeutschland
In bester Reiseromantradition begleiten wir Hildegunst bei seinem Kuraufenthalt auf der Insel der Tausend (eigentlich hundertelf) Leuchttürme. In aller Ausführlichkeit berichtet er uns von Behandlungen, langen Spaziergängen, Restaurants, Sehenswürdigkeiten und der sogar für zamonische Verhältnisse bizarren Flora und Fauna – mitsamt allerlei Seitenhieben auf Inselleben, Massentourismus und Umweltprobleme.
Moers verbindet Elemente einer klassischen Nordseeinsel, Stereotype über den Norden und Zamonien zu einer Welt, die man nicht so schnell vergisst. Neben Küstengnomen und lebendigen Tätowierungen erwarten uns unter anderem das Kraakenfieken (eine Parodie des Golfsports), Strandlöper und Graatenkerle. Daneben lernen wir die herzhaft verschlossenen Bewohner (insbesondere die Leuchtturmwärter) und ihre Eigenheiten kennen und lieben.
Behäbiger Einstieg
Es ist einfach herrlich, unablässig neue Seiten der Insel kennenzulernen – Nordsee und Zamonien, das passt erstaunlich gut zusammen. Da stört es auch nicht, dass in den ersten vierhundert Seiten nichts Aufregendes passiert: Immer neue Einfälle lassen Langeweile gar nicht erst aufkommen. Zugegebenermaßen muss man sich dazu indes an Wortwitzen, Sprachspielen und einem entschleunigten Plot erfreuen können.
Ansonsten könnten die Mythenmetzschen Abschweifungen über das Kraakenfieken, die häufigen Leuchtturmbesuche oder der Museumsaufenthalt für Ernüchterung sorgen. Danach nimmt das Geschehen aber so richtig an Fahrt auf. Uns erwartet ein fulminanter und unterhaltsamer Schlussspurt. Dass am Ende selbst die vermeintlich unwichtigen Abschnitte eine Bedeutung haben, sollte eine Moers-Leserin ohnehin nicht überraschen.
Wortwitz und Briefroman
Auch in handwerklicher Hinsicht handelt es sich um einen typischen Moers. Uns erwartet ein kreativer Umgang mit Sprache, witzige Dialoge, Anagramme, Wortneuschöpfungen, intertextuelle Anspielungen (insbesondere zur Schauerliteratur) und eine kraftvolle Prosa. Der allgegenwärtige Humor lebt vor allem von ungewöhnlichen Gedanken und Blickwinkeln zu eigentlich banalen Alltagssituationen.
Gleichzeitig ist unser Autor dafür bekannt, sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen. Regelmäßig probiert er Neues aus und verlässt sich nicht auf bewährte Formeln. So wie hier. Neben den zahlreichen Anleihen an die Schauerliteratur begeistert vor allem der Erzählansatz. Es handelt sich um die gelungene Umsetzung eines Briefromans mit allen denkbaren Stärken und Schwächen dieser Erzählform.
Was bleibt?
Die Insel der Tausend Leuchttürme ist ein weiterer gelungener Zamonien-Roman von Walter Moers. Die unterhaltsame Geschichte wird von liebevollen Figuren, viel Witz und Ironie und einem Feuerwerk an kreativen Ideen flankiert. Handwerklich erwartet uns der gewohnt spielerische Umgang mit der Sprache und ihren Möglichkeiten.
Das Erzähltempo ist zunächst sehr behäbig und nimmt erst gegen Ende an Fahrt auf – doch das dürfte lediglich ungeduldige Leser stören. Der Roman kann dabei durchaus für sich stehen. Dennoch macht er deutlich mehr Spaß, wenn man zumindest „Die Stadt der träumenden Bücher“ gelesen hat und damit die Hauptfigur besser kennt.
Atmosphärische Bleistiftzeichnungen
Äußerlich handelt es sich um ein handelsübliches Zamonien-Hardcover aus dem Penguin Verlag. Das große Format bietet Platz für die wundervollen Illustrationen unseres Autors. Für Abwechslung sorgen so bislang von ihm noch nicht gesehene Bleistiftzeichnungen. Der blaue Farbschnitt auf der Kopfseite ist nett, aber nicht unbedingt nötig.
Ansonsten dürfen wir uns über Karten im Vorsatz beziehungsweise Nachsatz, einen strukturierten Schutzumschlag und ein Leseband freuen. Leider müssen wir mit einer Klebebindung vorliebnehmen. Die Lektüre rundet ein kurzes Nachwort ab, im Anhang finden wir zudem interessante Lebensformen der Insel Eydernorn.
Werke von Walter Moers
Pro/Contra
Pro
- Stimmungsvolle Inselwelt
- Erfrischender Briefroman
- Starkes Finale
- Liebe zur Sprache
Contra
- Erbarmungslose Abschweifungen
- Tempo zieht erst spät an
Fazit
Die Insel der Tausend Leuchttürme von Walter Moers ist ein weiterer gelungener Zamonien-Roman. Pflichtlektüre für Zamonien-Fans, aber kein idealer Einstiegspunkt.
autor: Walter Moers
Titel: Die Insel der Tausend Leuchttürme
Seiten: 656
Erscheinungsdatum: 2023
Verlag: Penguin Verlag
ISBN: 9783328600060
Übersetzer: –
illustrator: Walter Moers
Reihe: Zamonien (10)













