Buch Frontalansicht Tolkien Der Hobbit

J.R.R. Tolkien – Der Hobbit

J.R.R. Tolkiens Der Hobbit gilt als Kinderbuchklassiker und gehört unbestritten zum Kanon der phantastischen Literatur. Doch ist ein Kinderbuch aus dem Jahre 1937 noch zeitgemäß, kann es die heutige Leserschaft noch erreichen?

Hin und zurück

Der Hobbit Bilbo Beutlin lebt ein ruhiges und beschauliches Leben, bis eines Tages der Zauberer Gandalf und dreizehn Zwerge seine Ruhe stören. Nach einigem Hin und Her wird er von dieser Gemeinschaft – ohne entsprechende Vorkenntnisse – als Meisterdieb engagiert. Sein Auftrag ist es, den Schatz des Drachen Smaugs zu stehlen, der selbst vor Jahren die Zwerge bestahl. Doch schon die Reise erweist sich als schwerer als gedacht und so müssen sie auf ihrem Weg zahlreiche Abenteuer bestehen.

Eine kindgerechte Abenteuergeschichte

Als J.R.R. Tolkien begann den Hobbit zu schreiben, las er seinen Kindern immer wieder die Geschichte vor und dies spiegelt sich auch im Buch wieder. Beim Lesen konnte ich mir gut vorstellen, wie Tolkien diese Geschichte seinen Kindern Wort für Wort vorliest und ich werde dies sicherlich auch eines Tages tun. Wir folgen einem auktorialen Erzähler, der die Abenteuer Bilbo Beutlins und seiner Reisegefährten erzählt, dabei hin und wieder im Text vorgreift und längere Zeiträume zusammenrafft. Tolkiens Stil ist in diesem Buch sehr kindgerecht, er verzichtet auf weitschweifige Landschaftsbeschreibungen und fokussiert sich auf die Handlung. Wie schon beim Herrn der Ringe strotzt das Buch vor einfachen und humorvollen Gedichten und Gesängen. Dies kommt in einem erzählerischen Werk nicht mehr allzu häufig vor, fügt sich aber gut in das Gesamtwerk ein.

Die Charaktere sind liebevoll gestaltet und wachsen dem Leser ans Herz, bleiben aber insgesamt recht eindimensional. Eine ausgefeilte Charakterzeichnung darf man von einem Kinderbuch allerdings auch nicht erwarten, die Rollen in diesem Buch sind klar verteilt. Die Charaktere stürzen sich in einem hohen Tempo von einem Abenteuer ins nächste und lösen die Konflikte weniger mit Gewalt als vielmehr mit Witz und Verstand. Gewalt ist durchaus ein Thema in diesem Buch, wird aber nie explizit beschrieben und steht nie im Vordergrund.

Der einzige Charakter, der eine Entwicklung vollzieht, ist Bilbo Beutlin, der sich mit einer schnellen Auffassungsgabe und einer ordentlichen Portion Glück von einem ängstlichen Hobbit zu einem echten Abenteuer mausert. Dabei vergisst er aber nie seine Werte und vermittelt diese auch – ohne das es aufgedrückt wirkt – dem (kindlichen) Leser.

Der Hobbit ist nicht Der Herr der Ringe

Mit dem Herrn der Ringe darf man dieses Buch nicht vergleichen. Zum Zeitpunkt des Erscheinens lag der Herr der Ringe noch in weiter Ferne und viele Details wurden von Tolkien erst nachträglich eingefügt, um die Handlung anzugleichen. Dem Hobbit fehlt die erzählerische Breite und die detailliert ausgearbeitete Welt des großen Epos und ist ein eigenständiges Werk, das keine weitere Lektüre erfordert, aber natürlich neugierig macht auf mehr.

Der Hobbit ist letzten Endes durch und durch Kinderbuch, mit all den Merkmalen dieser Erzählform. Ich kann mir vorstellen, dass ich als Kind mit weniger Leseerfahrung noch viel größeres Vergnügen bei der Lektüre hätte, aber auch so bietet das Buch mit der entsprechenden Herangehensweise viele vergnügliche Stunden.

Eine zeitgemäße Übersetzung

Wolfgang Krege wurde für seine Übersetzung des Herrn der Ringe in der Fangemeinschaft stark kritisiert und so war ich gespannt, wie sich seine Übersetzung des Hobbits liest. Diese ist tatsächlich erstaunlich modern, allerdings nahm der Verlag 2012 einige Änderungen vor und entschärfte somit weite Teile der Kritik. So wurde etwa aus Taschenlampe kleine Lampe und einige Charaktere wurden wieder umbenannt. Zwar gibt es auch hier einige etwas zu modern übersetzte Begriffe, aber insgesamt liest sich der Roman zeitgemäßer und einfacher als die sehr altmodische Übersetzung des Herrn der Ringe von Margaret Carroux und passt somit deutlich besser zum Publikum eines Kinderbuches.

Eine prachtvolle Ausgabe

Ich hatte das Glück sehr günstig eine in grünem Leder gebundene Ausgabe mitsamt Schuber aus dem Jahre 2012 zu ersteigern. Neben dem Leder, das mit goldenen und roten Prägungen verziert ist, gibt es hier selbstverständlich eine Fadenheftung, zwei Lesebändchen und mehrere schön gestaltete Karten. Des Weiteren wurden es in diesem Band noch sechzehn Originalillustrationen der Erstausgabe aus dem Jahre 1937 beigelegt, die nicht unbedingt herausragend sind, aber dennoch eine schöne Zugabe darstellen. Dem Buch vorangestellt ist ein Vorwort von Tolkiens Sohn Christopher Tolkien, in dem er auf die Entstehungs- und Veröffentlichungsgeschichte des Hobbits eingeht.

Diese Ausgabe ist leider nicht mehr im regulären Buchhandel erhältlich und wer die Gelegenheit bekommen sollte, diese für einen fairen Preis zu erstehen, sollte unbedingt zugreifen. Glücklicherweise sind jedoch auch zahlreiche andere schöne Ausgaben des Hobbits lieferbar.

Fazit

Der Hobbit ist durch und durch ein Kinderbuch und darf und sollte nur als solches gelesen werden. In diesem Genre glänzt dieses Buch und bietet gute Unterhaltung für jüngere Leser und diejenigen, die diese Perspektive einnehmen können.


Autor: John R.R. Tolkien

Titel: Der Hobbit

Seiten: 400

Erscheinungsdatum: 1880

ISBN: 9783608938400

Verlag: Klett-Cotta

Übersetzer: Wolfgang Krege

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Flo
Flo
04/12/2021 22:55

Sehr schöne Version. Ich muss gestehen, dass ich auf diese Ausgabe neidisch bin. Sollte ich ebenfalls mal eine Gelegenheit haben, die Luxusausgabe zu einem vernünftigen Preis zu bekommen, dann werde ich wohl zuschlagen.

Zumindest íst bei mir ganz neu ein Beitrag zur besten Hörbuch-Version zu The Hobbit online. Ich kann von dieser Version nur Schwärmen!

Eugen
Eugen
05/12/2021 22:49
Antwort an  Flo

Wenn sich die Gelegenheit bieten sollte, dann solltest du unbedingt zuschlagen! Die momentan aufgerufenen Preise sind allerdings viel zu hoch, ich habe nur einen Bruchteil dessen bezahlen müssen.

Was ich bisher vom Hörbuch gehört habe, hört sich großartig an – danke für den Hinweis auf deinem Blog! 
Während der Feiertage werde ich mir auf jeden Fall das komplette Hörbuch gönnen 😀

Flo
Flo
10/12/2021 23:40
Antwort an  Eugen

An der Stelle sei gesagt, dass es vom Herr der Ringe ein ganz ähnliches Projekt gibt. Nicht ganz so gut, aber schließlich war das ja auch noch ein paar Jahre früher. Hier musst du nach Phil Dragash googlen 😉

Eugen
Eugen
16/12/2021 22:37
Antwort an  Flo

Es ist schon erstaunlich, wozu einzelne in der Lage sind – ich würde mir von so manchem professionellen Hörbuch eine solche Qualität wünschen!

Nochmals Danke! 😀